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Engerling: "So oder so" (aus Melodie & Rythmus 3/1989, Autor: Ulf Drechsel, Foto: Volker Hedemann)
Der Konflikt, den Bodag offenbar durchlebte, findet seinen Niederschlag auf sehr differenzierte Weise in allen neun Songs der LP. Besonders deutlich artikuliert wird er für mich im letzten Stück, das sinnfällig "Das letzte Lied" heißt: "...jetzt könnt ich einfach sagen / Da ist ja noch der Blues / Der Rock'n Roll / Ich könnte jetzt behaupten / Beim Rock'n Roll / Fühl ich mich toll / Ich wollte nie geliftet / Und geschminkt / Auf die Bühne geh'n / Ich weiß / Ihr wollt mich auf der Bühne / Heulen seh'n / Und wenn der Vorhang fällt / Lasst ihr mich steh'n / Lasst mich einfach steh'n..." Bodag kämpft an gegen das Gefühl, für die Leute vor der Bühne oder vorm Radio lediglich ein "Rock'n Roll-Verkäufer", eine austauschbare "Dienstleistungseinrichtung" zu sein. Bodag ist eben Bodag und daher auch nicht austauschbar wie etliche andere dieses Fachs. Bodag-Texte sind nicht als Dutzendware zu Papier zu bringen. Diese Texte müssen erlebt und durchlebt werden, ehe sie eine verbal fixierte Gestalt annehmen. Und selbst diese hat nicht den Charakter des Endgültigen, denn die Songtexte beginnen im Kopf der Hörer ein neues, wiederum ganz eigenes Leben. Das ist möglich (und notwendig), weil Bodag immer kleine, nachvollziehbare Stories erzählt, diese aber meist von derartig spannender Doppelbödigkeit und Skurrilität sind, dass man sie so pur, wie sie dastehen, gar nicht nehmen kann (auch aus dieser Sicht ist es erfreulich, dass alle Texte auf dem Innencover abgedruckt sind).
Die Musik. Sie ist stets bodenständig und ungekünstelt. "So oder so" ist seit langem wieder eine Produktion (Aufnahmen: Rundfunk der DDR, Produzenten: Luise Mirsch / Michael Schubert), die ohne jegliche Computertechnik ausgekommen ist. Bei Engerling ist Rock'n Roll angesagt, der immer von der Band-Identität lebt, ohne dass man versucht, die großen Vorbilder Rolling Stones und Doors zu verleugnen. Die Songs sind sehr "durchsichtig" arrangiert, auf Überflüssiges wird konsequent verzichtet. Ich mag, wie das E-Piano klingt und wie Bodag seine Orgel auch mal à la Jimmy Smith spielt. Der Gitarrist Heiner Witte spielt eine Gitarre, die sich nie in den Vordergrund drängt, die immer genau dann als Chorusinstrument eingesetzt wird, wenn es die dramaturgische Wirksamkeit erforderlich macht. Vornehme Zurückhaltung üben die Rhytmiker Manne Pokrandt (Bass) und Friedemann Schulz (Drums), indem sie sich darauf beschränken, ohne kapriziöse Soloetüden ein solides Fundament zu legen. Einige Gäste komplettieren die Besetzungsliste dieser Engerling-LP: René Decker (as), Waldi Weiz (g), Christian Höhle (tp, flh), Bernd Swoboda (tb), Joachim Schmauch (ts). Die letzteren drei Herren geben für den Song "Pfeif drauf" den Bläsersatz ab, ansonsten ist Decker als Solist zu hören. Als "Soundfarbe" ist das Flügelhorn im als Walzer angelegten Titelsong besonders wirkungsvoll. Engerling legt mit dieser LP kein Jahrhundertwerk vor. Die Band um "Boddi" Bodag macht das, was sie will und was sie kann. Sie macht es für sich und all jene, die ihren Spaß daran haben. Sie macht es solide und überzeugend. So oder so. Derartiges erlebt man selten genug...! Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |