aus Melodie & Rythmus 8/1986 und 10/1986.
Autor: Michael Meyer, Fotos: Ute Mahler




... noch 'n bisschen Rock'n Roll (Teil 1):
Zur Band-Geschichte: CITY besteht seit 1972 / Gegründet von Fritz Puppel und Klaus Selmke / Toni Krahl stand zu dieser Zeit am Gesangsmikro der College-Formation / Manne Hennig drückte die Tasten bei Babylon / '74 Einstieg von Gogow und Bogdanow / Erste eigene Stücke entstanden / '74 wollte Toni Schluss machen mit dem Rock'n Roll... / Zuschlag von CITY / Toni: "Ist ja wahr, ich bin erst 26. Für anderes ist später immer noch Zeit. Jetzt mach ich noch 'n bisschen Rock'n Roll" / '75 City noch ohne Keyboards / '76 "Am Fenster" / '80 erster großer Bandkrach / Kompromiss: Gisbert Piatkowski und Rüdiger Barton kommen hinzu / '82 zweiter großer Bandkrach / City als Drei-Mann-Rest auf der Suche nach einem Keyboarder mit Bassfunktion / Einstieg von Manne / Regelung: Alle sind mitverantwortlich für das Ganze, eventuell Einigung auf den kleinsten Nenner / Mit "Unter der Haut" entsteht das neue CITY-Selbstbewusstsein / Die LP verkauft sich über 100.000 Mal / Erscheint auch bei Tedlec (BRD) / Aktuelles Album: "Feuer im Eis".

11. Juni. Freilichtbühne Klemmberg in W., 18:30 Uhr. Als ich auf den Platz einbiege, ist der Soundcheck schon gelaufen. Das Wetter: kalt und nass. Die Gesichter der Musikanten und der Road-Crew auch. Das Regenwasser fließt nicht ab von der Bühne. Keine Überdachung, keine Abdeckplanen. Eine Dreier-Mugge ist angesagt: City, Pankow und Kerschowski. Das Rockpaket. Diskussion hinter der Bühne. Einstimmige Entscheidung: Abbauen! Zu gefährlich. Die Kriechströme. Ein Techniker: "Wir haben doch keine Unterwasser-Scheinwerfer." Toni: "Oft gehen die Veranstalter zu blauäugig an die Organisation derartiger Feste. Denken, wenn die schon mal da sind, dann spielen die auch. Nur 'ne Bühne und 'n Stromkabel, das reicht nicht. Sensibilität mit Fußballplatzatmosphäre?" Der Himmel ist grau und schwer. Wir steigen in die Autos. Keiner ist zufrieden. Zitat: "Wie 'n Rennpferd, das schon warmgelaufen ist und dann nicht starten kann." Bis zum Hotel Schweigen. In der Halle dann die Fragen: Warum gab es keine Plane über der Bühne? Wie verantwortlich sind die Verantwortlichen? Ist wohl nicht ihr Geld. Toni: "Das will mir nich in 'n Kopp!" Klaus: "Geh'n wir was essen!"

12. Juni. Hotel "Stadt Halle". Gegen 13:00 Uhr. Zimmerfrau G.: "Die Muschkanten pennen immer bis Zwölfe-Zweie!" Im Restaurant treffe ich Klaus. Er sagt: "Was soll's, wir kennen mittlerweile jede Straße, jeden Saal, jede Stadt in diesem Land. Da bist'e froh, wenn du noch 'ne Stunde abschlafen kannst.. Du suchst Toni? Sitzt auf der Schüssel. Das dauert." Klaus und Toni hocken immer zusammen. Zufall oder Freundschaft? Klaus: "Hat sich so eingeschliffen. Wer in einem Auto fährt, schläft auch in einem Zimmer. Außerdem sind wir die einzigen Raucher in der Truppe. Und dann: Was soll'n wir sinnlos quatschen? Wir kenn' uns so lange, wenn der eine den Mund aufmacht, wissen alle anderen, was kommt. Einer kann für alle das Essen bestellen. Ohne Absprache." Was würdest Du bestellen? "Für Manne deftige Kost, Ochsenschwanz und Sauerbraten, Fritz liebt das Exotische, und Toni bekommt Eierkuchen mit Schokoladeneis."

15:30 Uhr. Ich steige zu Toni ins Auto. Toni: "Das Schlimme ist doch, dass alles so aufregend gar nicht ist. Was willst 'n da schreiben?" - "Eben das", sage ich. Klaus greift nach den Erdnüssen. Klaus ist süchtig auf geröstete Erdnüsse. Toni legt den Gang ein. Ziel: Freilichtbühne an der Moritzburg in Z. Gespräch über Neubaugebiete. Über Z. liegt Nebel, Schornsteinnebel. "Auf unsrer nächsten LP sind echte Ballermänner", sagt Toni, "wenn Du willst, spiel ich Dir im Hotel mal die Demos vor." Ich nicke, frage: "Sind Texte von Dir drauf?" Klaus: "Toni ist ein bequemes Schwein." Toni übergeht das Thema: "Wir überlassen nichts dem Zufall, schon gar nicht anderen Leuten. Kreativität darf nicht am Instrument anfangen und aufhören. Schubladen-Musiker, das geht heute nicht mehr." Klaus: "Zum Beispiel das Schlagzeug. Die Dinger sind mittlerweile so technisiert, dass du 'n Spezial-Computer-Kurs belegen musst. Heutzutage kannst'e nich' mehr verträumt ankommen und einfach trommeln wollen."

Zwei Bratwurstbuden sehe ich, auch einige Leute. Es sind nicht viele, hundert etwa. Der Himmel ist immer noch düster. Wo ist die Garderobe? Ein Arm wird ausgestreckt. Ein Schuppen am Rande des Platzes. Über der Tür ist eine Rot-Kreuz-Flagge angenagelt. Die Tee-Maschine ist schon in Aktion. Schubi (Org.-Ltr. von Pankow, Mona Lise ...) auch. City ist eine Tee-Band. Literweise wird Tee geschluckt, auch von den Technikern. Seit fünf Stunden sind sie schon hier. Klaus: "Weißt Du, dass Manne jeden Morgen auf nüchternen Magen Bienenhonig, gelöst in warmem Wasser, löffelt? Hat das irgendwo gelesen, will tausend Jahre alt werden." Die Programmfolge steht fest: Kerschowski, Pankow, City. Schubi hat seinen "Imbiss-Tisch" bereitet. Er berichtet von einer Joghurt-Maschine. Dabei bestreicht er Brötchenhälften. 120 Stück an diesem Nachmittag. Schubi: "Meistens kriegen die Leute im Hotel kein Frühstück mehr, kommen dann hier an, 's gibt auch nichts Ordentliches zu essen. Bei der Gitarreros-Tour haben wir damit angefangen. Kam gut. Das kannst'e immer machen, haben die Kollegen gesagt. 'n bisschen Service." Schubi hat alles im Angebot: Wurst, Käse, Schinken, Bier, Selters, Juice, Wein, Zwiebeln, Gurken ... Brotschneidemaschine und Tischdecke und Teller und Tassen. Und ... Draußen spielt Pankow an.

Ich frage: Würdest Du auch mal was ganz anderes singen? Brecht zum Beispiel, oder Villon? Toni: "Jiddische Lieder vielleicht, ja das könnte kommen." Klaus zieht seine Schuhe und Strümpfe aus. Klaus spielt immer barfuß, kommt schon barfuß aus der Garderobe. Bei jedem Wetter, auch heute. Geht durch Pfützen und Schlamm - auf Zehenspitzen. Trommelt sein Schlagzeug an. Manne drückt ein paar Tasten. Fritz schlägt die Gitarre an. Toni ruft drei Zahlen ins Mikro. Sie nicken sich zu. Gehen von der Bühne - Test beendet. Auf die Technik-Crew ist Verlass. Toni hält die Daumen in Richtung Mixer. Mittlerweile ziehen Jugendliche ihre Kreise um die Bühne. 5.000 sollen es werden, sagt KGD-Vertreter Sascha, er schaut zweifelnd in die Runde. "Ich habe viele Texte geschrieben", sagt Toni plötzlich zu mir, "aber ich bin selten genau auf den Punkt gekommen. Den wir jetzt haben, der kann es besser." Ich staune Toni nach. Er geht zum Schuppen, sich ein Glas Tee abfüllen. Ich folge. Die Musiker fassen ihre Brötchen ab, trinken Bier oder Selters und warten. Ich geh' raus.

19:15 Uhr, ca. 800 Leute sind gekommen, schätze ich. Kerschowski fängt an. Alle warten. Hinüberhören zur Bühne. Lauschen auf die Worte des Sprechers, der vor seinem Auftritt Hustenpillen lutscht. Warten, warten, bis man dran ist. Ich frage: "Warum sind so wenig Leute da?" Einer vom Jugendklub antwortet: "Weißt Du, was es für'n Trödel gibt, wenn Du hier 'n Plakat in die Kaufhalle hängen willst?" Klaus hat seine Schuhe wieder angezogen. Toni nippt an seinem Teeglas. Fritz spielt tonlos auf seiner Gitarre. Manne kaut zähen Schinken. Und Schubi putzt seine Schneidbrettchen ...



Krank sein geht nicht (Teil 2)
12. Juni, Freilichtbühne an der Moritzburg in Z. Kerschowski spielt an. 20:04 Uhr. Dann Pankow. 20:45 Uhr. Fritz schiebt enges Leder über seine roten Strumpfhosen. Manne kippt Becher-Bitter in sein Teeglas. 21:13 Uhr. Die Crew baut das Pankow-Schlagzeug ab. Musik vom Band. Diskosound. Vor der Bühne sammelt ein Mädchen leere Flaschen in einen Faltbeutel. Klaus schreitet barfuss durch den Schlamm. Die Pankow-Backline ist abgebaut. Das Thermometer am Schuppen zeigt 11° C. Fritz zupft an der Gitarre. Toni wechselt die Lederjacke.

Hast du Kinder? frage ich Toni. Toni: "Eine Susanne, ist mittlerweile 17, spielt in 'ner Band, hat auch Fans, so um die 20. Ich sage zu ihr: Lass dich 3 Stunden lang auspfeifen von 500 und finde die Kraft zum Weitermachen ..."
Konzert. 23:10 Uhr Zugabe. "Honky Tonk Woman". Kerschowski und Pankow sind längst abgefahren. Der letzte Ton klingt ab. Auf dem Platz werden die Lichter ausgeschaltet. "Sind wir Fledermäuse?", fragt einer der Techniker. Sie müssen abbauen. In totaler Finsternis. Zwei bis drei Stunden lang. Im Hotel: Sitzen im Foyer. Alle haben Hunger, zumindest Appetit. Küchenschluss. Aufbruch.

13. Juni. 15:59 Uhr. Zimmer 662. In meinen Kopfhörern klingen die Demos der neuen CITY-LP. Die Scheibe soll im Herbst erscheinen. Klaus schluckt Analgin. Sein durchschwitztes Laken hängt am Fenster. Toni nimmt ein Taschenbuch aus dem Koffer ("Über positives Denken") und verschwindet im Bad. "Wie ein Graben durch die Brust", tönt es aus meinen Ohren. Neben Klaus' Bett stapeln sich Zeitungen. In jeder freien Minute blättert oder liest Klaus in Fachzeitschriften. Jetzt liegt er flach, atmet tief, mit geschlossenen Augen. "Krank sein geht nicht", sagt er. "Und wenn doch?" frage ich. Er klopft auf das Radio Holz: "Toi, toi, toi!" - "Was hältst du von positivem denken?", frage ich weiter. Klaus: "Ich denke immer postiv. Ich bin Optimist. Naja, für zehn Sekunden werde ich auch mal zum Choleriker, aber selten." - "Stimmt", schaltet sich Manne ein, "Klaus geht Sachen an, da hätten wir schon längst die Hände gehoben." Ich frage: "Und Toni?" - "Der ist ausgeglichen, allerdings habe ich ihn auch schon mal mit 'nem Wagenheber in der Faust ums Auto rennen sehen!

17:18 Uhr. Abfahrt. Zum BAZ in H. Bauarbeiterzentrum. Im Volksmund "Dreckscher Löffel" genannt. Gleiche Reihenfolge: Kerschowski, Pankow, City. Der KGD-Direktor taucht auf. Sofort geht es um Geld. Vom Jugendradio sind auch Leute da. Eine Direktleitung ist gezogen. Pankow-Ehle soll ins Radio-Mikro sprechen. Er sitzt angespannt in der Garderobe und wartet auf das Signal. Toni schwatzt mit Kerschowski. Als Toni sich Tee holt frage ich ihn: "Du bist 'n Einzelgänger, stimmt's?" Toni stutzt, dann: "Ich bin ein Stück City, aber auf alle Fälle ein Kollektivmensch. Privat und allein bin ich manchmal sogar in einer Phase der Hilflosigkeit, aber das willst du doch nicht etwa schreiben? Mit den meisten Leuten komme ich problemlos aus, was nicht bedeutet, dass diese Leute mit mir problemlos auskommen ..."

Schubi hantiert wieder hinter seinen Küchentresen, schneidet Gurken in Scheiben. Der Radio-Mann spricht über eine Radio-Rock-Tour, die für '87 geplant ist. Alle sind still. Der Saal füllt sich. "Wir haben 200 Plakate geklebt", sagt einer. Der Saal ist ausgeräumt. Stehplätze. Durch eine Luke wird Bier verkauft. In Pappbechern. Fritz: "Jeder Saal ist anders. Der Junge am Mixer hört, 'aha, heute sind die Becken kritisch, müssen genauestens ausgesteuert werden'. Am nächsten Tag, in einem anderen Saal, können es die Gitarren sein." Ich frage: "Was bedeuten dir die Gitarren?" - "Gitarren sind für mich Anfang und Ende. Und seltsamerweise hatte ich an Gitarren nie gedacht. Irgendwann kam einmal eine Tante und schenkte mir so'n Ding. Jedenfalls hat mich das völlig umgekrempelt. Ist aber gut so. Überhaupt sollte man ab und zu alle seine Gewohnheiten überprüfen, ob sie auch tatsächlich Lebensbedürfnisse sind oder nur Trägheiten."
Wir kommen ins Philosophieren. Toni lehnt an der Tür und spielt mit einem Haar seiner Augenbraue. Das Haar ist mindestens acht Zentimeter lang (siehe erstes Foto am Ende dieses Textes - das war damals das Titelfoto des Heftes 8/1986). 21:28 Uhr. Manne sitzt draußen. Neben dem Ü-Wagen. Ein Fernseher steht da. Fußball, 2:0. Manne liebt das Satte, Runde, Üppige. Manne ist verantwortlich für die Teemaschine. Als ich mit Manne sprechen wollte, schritt etwas Sattes, Rundes, Üppiges vorüber. Ich traf Manne erst wieder zum Auftritt. Gegen 23:00 Uhr. 24:00 Uhr: Die Road-Crew stellt die Leiter auf die Bühne. Das Licht wird abgebaut ...

Epilog: Professionelle Arbeit. All-Tag, All-Nacht. Wiederholungen - und doch jedesmal anders. Totaler Einsatz. Danach: Die Ruhe nach dem Rock 'n Roll. Erschöpfung. Beine hochlegen, ausstrecken. Schweigen. Abschlaffen. Für Minuten. Dann erhebt sich alles. Aufbruch. City. Keine Sensationen. Arbeit. Stabilität. Sicherheit. Können. Wirkung.


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Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"