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aus Melodie & Rhythmus 12/1987. Autor: Wolfgang Lange | Fotos:
u.a. Ute Mahler | Foto Nr. 4: © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz





Victor Klemperer, Philologe, Verfasser eines der wirklich wichtigen Bücher unserer Zeit - "LTI" - sagte: "Le style c'est l'homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein - im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen." Dieser Satz ist auch ein Schlüssel zu Werner Karma, der seit Jahren die wichtigsten Texte für Rockmusik in der DDR schreibt. Wer die wichtigsten schreibt, ist nicht immer auch der Schöpfer der schönsten - oder ...? Zeilen wie diese, "So 'ne kleine Frau / und so 'ne große Lust / Und hat schon Kinder dreie / Und immer noch kein' Frust / Und hat schon so gelitten / Und immer noch so 'n Mut / Und hat so schlaffe Titten / Und hat so 'n heißes Blut", gehören nach Meinung der Puristen gewiss auf die Strafbank, die sich die literaturästhetische Regelordnung erbaut hat.1987b 20140619 1529869066 Aber was macht das schon, fest steht, dass Werner Karma mit seinem Lied "So 'ne kleine Frau", aus dem die zitierten Zeilen stammen, Tausende angesprochen hat. Und dies, ohne sich der Transportmittel anbiedernden Sentiments zu bedienen. Ganz im Gegenteil. Die Worte kommen verkargt, sachlich, nackt daher, der Tatbestand ist halt nicht anders als derart, das Metaphorische ist auf Bildhärte zugespitzt ("Und all die langen Nächte / Wo 's Eis der Augen taut"), die Zeilen sind sozial konkret. Mit dieser Sprache entwirft man für gewöhnlich keine Helden-Epen, und doch ist ein Hohe-Lied von faszinierender Berührungskraft entstanden, ein Lied über eine einfache junge Frau, die einiges im Leben durchgemacht hat - und doch schreien Körper und Gefühl immer wieder eine "fahle Sehnsucht", die "Gier nach Glück" hinaus. Niemals wird diese Frau zu hoffen aufhören, obschon sich die Enttäuschungen mit Männern, die sie nahmen und nicht ihr fühlendes Wesen verstehen wollten, aneinanderreihten. In der unversiegbaren Hoffnung dieser "kleinen Frau" - unschwer zu erkennen, dass diese Wortkopplung weniger auf Biologisches denn auf Soziales zielt - wird ihre große menschliche Kontur offenbar. Ich halte diesen Text für einen der besten von Werner Karma, den er für Tamara Danz und SILLY schrieb. Fast ausschließlich arbeitet er für sie und PENSION VOLKMANN.

So Ausführliches zu diesem Lied, weil es eine der deutlichsten Markierungen eines künstlerischen Grundmotivs Karmas enthält - er schreibt aus sozialem Bewusstsein und Verantwortungsgefühl heraus. Von daher ist die unerschütterliche Wahrhaftigkeit seiner Lieder erklärbar, ihre Anziehungskraft. Nun scheint mir aber ein Fall von allzu großer Bescheidenheit vorzuliegen, wenn Werner Karma sich selbst als einen "Gebrauchsschreiber" bezeichnet, wohl Abgrenzungen gegenüber literarischer Vereinnahmung wünscht, sich vielleicht auch nicht - zu Recht - auf der endlosen Bahn esoterischer Jung-Lyrik sieht, die sich darin genügt, in einem eng gezogenen Wirkungskreis zu blühen und zu welken. Nun, für mich ist Karma dennoch ein ganz und gar dichterisch empfindender Autor von Rockmusik-Texten, weil er die genaue Beobachtung von Leben und Menschen, von Sozialem und Gesellschaftlichem, vom Verhältnis des Individuums zu diesem nicht als neutrale Abbildung betreibt, sondern nach Sinnbildern, metaphorischer Verdichtung, lakonischen Sentenzen drängt. Das mischt sich mit anderem, mit dem Willen zur sozial unverstellten Sprache, gar zum sogenannten Gossen-Jargon.

Den Glauben, dass eine Zeile wie "hab 'ne Laune wie Sau" gleichsam durch Musik nivelliert oder getarnt werden könnte, darf man sich nicht von einem Mann bestätigen lassen, der weiß, dass er für Tamara Danz und SILLY schreibt.1987e 20140619 1638935694 
Musik und Text treiben sich hier immer zur gegenseitigen Optimalwirkung an. Karma spielt ganz bewusst mit solchen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten - sie schaffen in seiner Handhabung soziales Klima und bringen Zeitgefühl und Zeitempfinden mit ein. Letzteres aber nicht nur so, sondern auch anderes gesagt (in "Berliner Frühling"): "Zwei Touristen aus Detroit / knall'n mich ab mit Polaroid" ... Man versteht sogleich den kommentierenden Untertext, die aggressive Gespanntheit einer politischen Welt-Situation, die sich hier mitteilt.

Auf einen anderen, mir auffällig scheinenden Strang und Impuls in Karmas Schaffen sei hingewiesen. Er mag für manchen hochgegriffen sein, dennoch: Eine geistige Verwandtschaft zu Heinrich Heine ist wohl nicht nur in der bissigen Spottlust solcher Zeilen wie "pulst das Wellfleisch satter Erwartung" (in "Ballhaus-Ballett") aufzuspüren; es ist eine Haltung der dünnhäutigen Empfindsamkeit, ein Über-Wach-Sein, eine Entladung der Emotionen in grimmiger Kompromisslosigkeit, eine schmerzliche Sehnsucht zuweilen ("Die Ferne ist, wo ich nicht bin / Ich geh und geh und komm nicht hin"), die Karma auf eine Linie hinführen, welche geradewegs auf Heine zurückläuft.

Manches könnte man noch anmerken, zu Entdeckenswertem in Karmas Schaffen. So seine Begabung, brillant mit dem Sein und Schein zu spielen. Beispiel: Es scheint halt eben nur so, als sei "Die wilde Mathilde" allein die Geschichte einer starken erotischen Naturbegabung, die "dreißig Männer alt" ist (was gut und knapp gesagt ist), in Wirklichkeit manifestiert sich in dem absoluten Anspruch dieser Frau wohl ein höheres Lebensprinzip des Aufs-Ganze-Gehens, der Nicht-Halbherzigkeit, eines Lebens mit allen Sinnen. Die nahezu barocke Sinneslust dieser Mathilde erhebt sich nachgerade über den lächerlichen Kleinmut mancher Lebensweise.
Für mich sind die wichtigsten Texte von Werner Karma auch schöne Poesie!

Berlin, Prenzlauer Berg. Wir sitzen uns gegenüber in seiner total umgekrempelten wüsten Wohnung (Rekonstruktion), in der die behaglichen Ecken aber schon gesichert sind. Man muss seine Fragen schnell zur Hand haben, Karma redet nicht lange. Umschweife sind seine Sache nicht, umso mehr der geradlinige, kluge Zugriff, durchsetzt mit Lakonie, verschmitztem Humor, Gelassenheit, einem Quäntchen Unergründlichkeit. Das mag daran liegen: Wir kennen uns kaum.1987d 20140619 1657662857 
Er spielt mir einen Song mit Peter Gabriel und Kate Bush vor, meint: Ein schönes Lied! - Was ist für Sie ein schönes Lied? - Wenn das, was einen zuerst erreicht, Melodisches, Sound, Stimme, Klangeffekte, mich einzufangen vermag. Der Text interessiert mich erst einmal wenig. -
Ich schreibe mir Sätze auf, zur Biographie, zu Haltungen und Ansichten. Sie ergeben ein Bild ...

Anfänge
Als Karls Enkel sich ins Theater verstieg, wollte ich zu keiner anderen elitären Gruppe mehr, ich wollte die Massenwirkung, die auch Karls Enkel im Rahmen der Lied- und Singebewegung erreicht hatten, weiter ausbauen. Der Einstieg als Rockmusiktexter war relativ leicht, weil es wenige gab.

Rockmusik
Während der Zeit bei Karls Enkel hatte ich keine gute Meinung von unserer Rockmusik. Sie war mir zu indifferent, zu laut, zu affektiert. Ich akzeptierte wenige wie Danz, Biebl, Biege, Krahl ... Da war Sensibilität und künstlerisches Ethos zu spüren. Heute stört mich: Viele Rockmusiker sind nur Handwerker, Gewerbetreibende in Sachen Musik. Ihre Musik ähnelt den Auslagen von Kunstgewerbeläden.
Unsere gegenwärtige Rockmusik hat zwar hin und wieder gutes Rohmaterial aufzuweisen, beherrscht dann aber selten die zweite Stufe der Feinschnitzerei, der Differenzierung und Ausformung, erst die macht international hoffähig. Wir haben zu wenig Komponisten, die intelligente und emotionale Lieder schreiben können.

Rockmusiker und Text
Rockmusiker stellen sich kritisch zum Wort, zum ganzen Text, aber fast ausschließlich intuitiv. Sie vermögen nicht, ihre Einsprüche argumentativ zu artikulieren. Ihr Textverständnis resultiert nicht aus einem Verständnis von Sprache. Und intuitiv richtig urteilen leider nur wenige. Die meisten spielen Schlagerlotto.

1987f 20140619 1622822123Rock für den Frieden
Fans feiern ihre Gruppen unabhängig von Thematik. Friedenslieder sollten also für die Bands kein Anlass sein, plötzlich mit einem anderen ästhetischen Konzept aufzuwarten. Das Problem ist außerdem: Es existiert zu viel Plakatives und nicht genügend Wichtiges. Ich bin für Friedenslieder, die die Leute im Saal festhalten, nicht für solche, die sie hinaustreiben.

Treue zu SILLY und VOLKMANN
Ich wäre nur verführbar durch Komponisten wie Ed Swillms und durch wirkliche Interpreten. Und ich habe eine kleine Schwäche für Leute, die neu anfangen.

Disziplin und Arbeit
Anfangs habe ich, für den Broterwerb, konsequent täglich von 8 bis 17 Uhr geschrieben. Ich benötige inzwischen sehr lange gedankliche Vorbereitungszeit - natürlich halte ich das auch für Arbeit - für eine mitunter nur sehr kurze direkte Arbeit am Text. Im Gegensatz zu früher, als es einfach existentiell notwendig war, viel zu schreiben, muss ich heute fast alle Zeit in die Qualität investieren. Weniger Schreiben ist auch die Folge meines gewachsenen selbstkritischen Verständnisses. Ich lasse heute vieles nicht mehr gelten, was ich mir in der Naivität des Anfangs noch durchgehen ließ.

1987c 20140619 1433370084Themen
Sehr selten gibt man mir Thematisches vor, es würde mich auch auf die Dauer ermüden, das meiste muss aus mir selbst und meinen Erfahrungen mit der Welt kommen. Augenblicklich interessieren mich brennend Umweltschutz, Demokratieverständnis, Konsumideologie, die großen und die kleinen Leute - die Führenden und die Geführten - das reduzierte Wir unseres Lebens, die Tendenz eines Unter-dem-Staat-Hinweglebens, eines Lebens neben den gesellschaftlichen Prozessen, das Desinteresse des Unten für den Staat, die Beobachtung, dass Heimat vielen Menschen bei uns wenig bedeutet, ihr Abkoppeln von vielen Jahren ihres Lebens hier. Ich bin nicht zu kaufen, materiell nicht. Geistig? Man weiß, wenn es geschieht, selbst nicht mehr, verdrängt es wohl. Der Dumme weiß nicht, dass er dumm ist, und lebt gut damit. Die meisten Auftraggeber haben begriffen, dass Leute wie Tamara und ich nicht käuflich sind.

"wenn Du bei Hofe aufmarschierst
salutiern die Wachen
man räumt Dir ein Ventil zu sein
man lässt dich Lachen machen"
(aus "Dein Cabaret ist tot")



Übernahme des Textes und Teile der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"

   
   
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