Ruhrpott-Wessi hilft Ost-Musik

(von Jens Fritzsche,
Sächsische Zeitung, 20.02.2007)

 


 

In den 80er-Jahren spielte Christian Reder als DJ DDR-Rock im Westen. Neben der Internetseite für Karat betreibt er jetzt auch ein Ost-Rock-Forum.
Er sei schon weit vor der Wende ein Fan ostdeutscher Rock-Legenden wie Karat oder Silly gewesen, sagt Christian Reder. Ein Bekenntnis, das hierzulande eigentlich keine Zeitungszeile wert wäre, würde Christian Reder nicht ausgerechnet aus Castrop-Rauxel stammen, jenem Ort mit dem für sächsische Ohren so ungewöhnlich klingenden Namen mitten im Ruhrgebiet. Tief im Westen sozusagen, wie der aus dem „Ruhrpott“ stammende Rock-Sänger Herbert Grönemeyer dereinst über Castrop-Rauxels Nachbarstadt Bochum sang.

Griechen wollten City hören
Christian Reder war in den 80er-Jahren in und um Castrop-Rauxel als das unterwegs, was man damals in der DDR einen Schallplatten-Unterhalter nannte – und was im Westen längst DJ hieß. Und immer freitags, erinnert sich Christian Reder, kam eine Fußballmannschaft in die Castroper Disco-Kneipe. Eine Mannschaft, in der auch einige Griechen spielten. Irgendwann, Mitte der 80er müsse das gewesen sein, sagt Reder, genau zu der Zeit, als die Ostberliner „Combo“ City mit ihrem Mega-Hit „Am Fenster“ auch die Radio-Hitparaden in Griechenland stürmte. „Und so fragten mich die Griechen dann immer, ob ich nicht mal City auflegen könnte“, erzählt Christian Reder. Er konnte. Er tat es. Und hatte Erfolg. „Was mit ,Am Fenster‘ geht, dachte ich mir, das muss doch auch mit Karat und anderen Ost-Bands gehen“, fand Christian Reder. Und behielt recht. Schnell hatte es sich herumgesprochen, dass da in einer Castroper Disco ein Mann exotische Ost-Musik spielt.
Doch was begeisterte Christian Reder aus dem tiefen Westen ausgerechnet an der Musik aus dem fernen Osten, wo ihm in Castrop-Rauxel musikalisch quasi die ganze Welt offenstand? „Es war und ist einfach eine wunderbare Musik“, schwärmt er. „Und vor allem taten die Ostmusiker etwas, was hier im Westen erst so richtig durch die Neue Deutsche Welle salonfähig wurde: Sie sangen deutsch!“

Eine Art lebendiges Museum
Dann kam die Wende im Herbst 1989. Und es kam auch das Internet. Was blieb, war Christian Reders Liebe zum Ost-Rock. Und als seine damalige Lieblingsband Karat im Jahr 2000 ihr 25.Bühnenjubiläum feierte, „da gefiel mir irgendwie die für das Jubiläum eingerichtete Internet-Seite nicht“, erzählt der Castroper. Also „bastelte“ er sich kurzerhand eine eigene: www.jede-stunde.de – benannt nach einem der größten Hits der Band um Sänger Herbert Dreilich. „Und irgendwie war es irgendwann die einzige Karat-Seite, die übrig geblieben war.“ Und die Seite mauserte sich zum Treffpunkt für die Karat-Musiker und deren Fans, auch wenn sie erst später zur offiziellen Seite der Band wurde. Mittlerweile betreut Christian Reder gemeinsam mit einer „ostrockverrückten“ Familie namens Knechtel aus dem sächsischen Burgstädt zusätzlich auch das Internet-Angebot der Karat-„Nachfolge“-Band um Sänger Claudius Dreilich, dem Sohn des 2004 verstorbenen Herbert Dreilich. Karat darf sich bekanntermaßen seit einem Jahr wegen eines Namensstreits nicht mehr Karat nennen. „Die alte Karat-Homepage ist nun eine Art Museum“, sagt Reder. „Aber ein sehr lebendiges.“ Immer wieder gibt es dort „Neuigkeiten“ aus der Vergangenheit einer der wohl prägendsten DDR-Bands zu lesen.

Ab März neues Projekt
Mittlerweile trägt Christian Reder aber bereits ein neues Internet-Baby im „Bauch“, wie er sagt. Ab März wird er die Seite www.ostrockforum.com betreiben. Eine Seite, die vor einigen Jahren Michael Rösch aus Halle an der Saale als Forum für alle Fans ostdeutscher Musik ins Leben gerufen hatte. Eine Seite, die schnell zum virtuellen Treffpunkt aller Ostrock-Freunde diesseits und jenseits der Elbe geworden war. Im vorigen Dezember starb Michael Rösch. Schnell war klar, dass Christian Reder gemeinsam mit Röschs bestem Freund Fred Heiduk das Internet-Erbe des Hallensers antreten wird. „Neu gestaltet, mit vielen interessanten Rubriken, zum Beispiel monatlichen Gesprächen mit Ostrockern, Liedermachern, Schlagersängern oder Jazzern“, verrät der Castroper schon mal.

 


   
   
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