Lissy Fey: "Da wo ich herkomm" (Album)

fey2022 20220126 1059844254VÖ: 28.01.2022; Label: Eigenvertrieb; Katalognummer: ohne; Musiker: Lissy Fey (Gesang, u.a); Bemerkung: CD im aufklappbaren Pappcover inkl. Booklet mit Abdruck der Songtexte;

Titel:
Da wo ich herkomm • Du fühlst Dich gut an • Pastinaken • Grenzen • Weich wie Butter • Immer noch • Hülle & Hauch • Geld • Outro • Komm heim • Turm


Rezension:
Was bringt eine junge Frau dazu, die kuschelige und vertraute Wärme des heimatlichen Nests auf dem Land zu verlassen, in die Welt und schließlich in eine große Menschensiedlung wie Köln zu ziehen? Die beschauliche Ruhe gegen Großstadtgewühl tauschend fällt es wohl leichter, die Freiheit zu finden, offene Fragen beantwortet zu bekommen und schlicht den richtigen Weg durch's Leben zu ergründen. So hat es jedenfalls LISSY FEY gemacht und die in der Ferne gefundene Klarheit in Lieder verwandelt. Einige davon präsentiert sie ab Freitag (28.01.2022) auf ihrem Debüt-Album "Da wo ich herkomm", das sie in Eigenregie auf ihrem Label veröffentlichen wird.

Leise Töne und eine zerbrechlich klingende Stimme sind die ersten Auffälligkeiten, die einem beim Start ins Programm begegnen und die Zeilen, "Bin ich hier ehrlich bei mir oder muss ich gehen, um zu verstehen, wo ich herkomm?", bilden im Opener "Da wo ich herkomm" die eingangs bereits erwähnte Suche einer jungen Frau nach Antworten, Klarheiten und dem Sinn in Form eines wunderschönen Liedes ab. Die Suche nach einer möglichen Inspiration der Künstlerin oder der Stelle, wo sie abgeschaut haben mag, endet schnell, denn dieses Lied sucht Parallelen zu Liedern anderer Musiker vergeblich. Es ist etwas Eigenständiges, zwar nicht die Neuerfindung des Rades, aber das Herzeigen der eigenen Handschrift. Poesie, gepaart mit einem entschleunigten und sich erst im Verlauf aufrichtenden Arrangement lassen ein neues und unerforschtes Land entdecken. Das bleibt kein Einzelfall.
Wesentlich flotter geht es in dem folgenden "Du fühlst Dich gut an" zur Sache. Wer der Auflösung der Band WIR SIND HELDEN noch immer nachtrauert, wird hier einen Glücksmoment erleben, denn die vom flotten Schlagzeug und sich ins Langzeitgedächtnis grabenden Klavierfigur getriebenen Pop-Nummer erinnert nicht nur stark an Holofernes & Co., sondern segelt entspannt im kreativen Wind dieser Combo. "Ich spür Dich auch | wenn wir uns nicht berühr'n", ist eine der Ley'schen Beschreibungen einer von Freiheit durchtränkten Beziehung, in der man nicht einfach nur den Partner für sich sondern die Gemeinsamkeit, also das Zusammensein, haben will. Nicht nur musikalisch sondern auch vom Text her frisch und knackig auf die Beine gestellt.
Was gerade noch fröhlich und lebensbejahend klang, verfinstert sich im Stück "Grenzen". Der Text besteht nur aus den Zeilen, "Da sind Finger unter'm Kleid | Da sind Tränen, da ist Leid | Da ist Ekel, da ist Schweiß | Da ist ein Mann der nicht weiß| Wo die Grenzen sind", der Rahmen im dieses hässliche Bild wird nur mit schweren Klaviertönen erzeugt. Die leidvolle Stimme, mit der hier der Missbrauch dargestellt wird, scheint am Ende zu erlöschen … sie bricht einfach und verstummt. Hier wird man Zeuge, wie eine Seele stirbt. Aus zwei Minuten - so lange läuft das Stück - wird eine gefühlte Ewigkeit, das Lied selbst zu einem nacherlebbaren Albtraum. Das ist unbequem, das schmerzt, das passt nicht in die heile Welt vieler Menschen, die gerne mal die Augen schließen ... Das ist das für mich gefühlt beste Lied zu einem schweren Thema, das leider immer wieder eine traurige Aktualität hat, denn Lügde ist nicht nur im Kreis Lippe zu finden … Manchmal muss ein Lied weh tun, damit es zu etwas Großem werden kann.
Eine komplett andere Richtung schlägt das Lied "Immer noch" ein und zeigt wieder die sonnigen Stellen des Lebens. In einer locker und entspannt dahin groovenden Pop-Ballade singt Lissy Fey über die enge Verbundenheit zweier Menschen, die auch über Jahre und über größere Entfernungen bestehen bleibt ("… und nach all den Jahren rufst Du immer noch … immer noch an"). Es geht um Freundschaft, die einen auch die größten Veränderungen im Leben aushalten lässt und selbst auch aushält, und die einem in Momenten, wo sie am nötigsten gebraucht wird, Vertrautheit gibt. Wer kann sowas besser in Worte kleiden als jemand wie Lissy Fey, die auf der schon beschriebenen Suche weit herum gekommen ist?
Hat uns die Künstlerin bis hierher schon so einiges geboten, legt sie mit "Hülle & Hauch" noch eins obendrauf. Es begegnet einem mitten auf dem Album plötzlich ein Jazz-Schleicher mit Flügelhorn, dezenten Piano-Tönen und einem vom Besen gestreichelten Schlagzeug. Dieses Arrangement bildet die Basis sowohl für die einmal mehr unter die Haut gehende Gesangsstimme als auch für eine weitere zu Musik gewordene Beobachtung der Künstlerin. "Deine Stimme ist klar | Deine Sprache spreche ich auch | Doch wo Du mal warst | Seh ich nur noch Hülle und Hauch", beschreibt die Beziehung zu einem Menschen, die sich irgendwann völlig verändert zu haben scheint. Nichts ist mehr wie es war und so "fühlt es sich wohl an, wenn man's nicht mehr halten kann". Faszinierend, wie hier Gefühle mit Worten gemalt werden. Großartig!
Das Album hat noch ein paar mehr Songs und Überraschungen um Gepäck, die der nun hoffentlich neugierig gewordene Leser selbst entdecken soll.

Was eine junge Frau dazu bringt, die Heimat zu verlassen, haben wir nun schon herausgefunden. Was sie aber zum Ersinnen solch großartiger Texte und zum Finden der dafür richtigen Kulissen in Form von Melodien bringt, würde der Schreiber dieser Zeilen gerne mal näher erforschen. Oft hat man Musik, die einen begeistert, bei der die Inhalte einen dagegen weniger packen. Ein anderes Mal sind die Botschaften und die gewählten Worte umwerfend, die Musik will aber nicht passen. Bei Lissy Fey passt alles zusammen. Ihr Album bringt seinem Hörer alles mit, was er für eine durchweg spannende Entdeckungsreise braucht. Graue, bisweilen tief finstere Motive stehen neben in hellem Leuchten strahlenden Farben, Glücksmomente ("Du fühlst Dich gut an") neben Tragödien ("Grenzen") und die dazugehörige Verpackung sorgt zusätzlich für die Ausschüttung verschiedenster die Gefühlswelt beeinflussender Hormone. "Da wo ich herkomm" ist eins dieser oft als Musik für Erwachsene bezeichneten Werke, bei dem ich noch einen Schritt weiter gehen möchte: Man ist damit wieder bei den "Dichtern und Denkern" und erfreulich weit weg von vertonten Groschenromanen, mit denen wir im täglichen Radioprogramm bekleckert werden . Der einzige Kunststoff, der hier zu finden ist, steckt im Material der CD. Der Rest ist echt, warm und natürlich gewachsen..
(Christian Reder)





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