Knorkator: "Sieg der Vernunft" (Album)

lp20 20221118 1469222922VÖ: 07.10.2022; Label: Tubareckorz /Rough Trade; Katalognummer: KNORKATOR22R; Musiker: Gero "Stumpen" Ivers (Gesang), Alf Ator alias Alexander Thomas (Keyboard, Gesang), Buzz Dee alias Sebastian Baur (Gitarre), Rajko Gohlke (Bass), Philipp Schwab (Schlagzeug); Bemerkung: CD im aufklappbaren Hardcover/Digipak inklusive Booklet mit zahlreichen Fotos und Zeichnungen. Auch als 180 Gramm Schallplatte (Vinyl LP), teilweise von der Band komplett signiert, erschienen;

Titel:
" Die Welt wird nie wieder so, wie sie vorher war", "Sieg der Vernunft", "Der Hofstaat", "Ihr habt gewonnen", "One Way Or Another", "Milliardäre", "Tut uns leid", "Es lebe der Tod", "Menschenfleisch", "Knurrkater", "Augen zu"


Rezension:


So, Freunde … Eure QUEEN-, AC/DC- und Andrea Berg- CDs könnt ihr jetzt der Wertstofftonne zuführen, denn die braucht ihr nicht mehr. Durch das Erscheinen des inzwischen elften Studio-Albums von KNORKATOR, "Sieg der Vernunft", sind die komplett uninteressant geworden und im Vergleich zu dem, was die Berliner da ausgeschnitten, gefaltet und zusammengeklebt haben, eh kacke. Womit wir schon mitten im Thema stecken:

Stoffwechselendprodukte scheinen auf das kreative Zentrum der KNORKATORen einen großen Reiz auszuüben. Schon auf dem Erstlingswerk "The Schlechtst Of" aus dem Jahre 1997 spielte die braune, übel müffelnde Masse in dem Song "Mich verfolgt meine eigene Scheiße" eine große Rolle. Nun, 25 Jahre später, wird sie im Opener "Die Welt wird nie wieder so, wie sie vorher war" sogar als neues Zahlungsmittel eingeführt. Das Lied eröffnet das insgesamt 11 Stücke umfassende Werk und erzählt die Geschichte eines auf die Erde zurasenden Meteoriten, der eben aus Kacke und nicht aus Stein besteht, und aus dem man nach anfänglicher Panik versucht, Geld zu machen. Na, das fängt ja gut an …

Bei all dem zum auf die Schenkel klopfen verleitenden Jokus, den uns die Herren da in eine Menge Hottentottenmusik verpackt haben, steckt auf diesem Album aber auch soviel politische und gesellschaftskritische Ernsthaftigkeit drin, wie noch nie zuvor bei KNORKATOR. So geht es z.B. in "Tut mir leid" um die Nahrungsmittel- und Rohstoffknappheit. Dabei wird es so richtig finster in Sachen Humor, denn man "entschuldigt" sich als Senioren bei der Jugend dafür, dass man alles ausgebeutet und zerstört, und für die nachfolgenden Generationen nichts mehr übrig gelassen hat. "Nach uns die Sintflut" quasi als Leitmotiv, mit den schönen Textzeilen, "Tut uns leid, liebe Kinder | Wir ha'm alles aufgefressen | Für euch ist nix mehr da | Euch ha'm wir ganz vergessen | Hier noch ein Kanten Brot | Ein paar Tage reicht er | Schlagt doch ein paar von euch tot | Dann teilt sich's leichter". Über den Opener haben wir ja schon gesprochen, auch da steckt hinter all dem Blödsinn eine Botschaft. Aber auch Titel wie "Sieg der Vernunft" oder "Der Hofstaat" bringen gut getarnte Seriosität und ernstgemeinte Anliegen mit. In Letzterem nimmt sich das Ensemble das zur Festung ausgebaute Europa ebenso vor, wie die Dekadenz der Reichen den sozial schwächeren Menschen gegenüber. "Ihr habt gewonnen" beschäftigt sich gar mit der Vereinsamung in unserer digitalen Welt und das Stück "Milliardäre" hinterlegt den Wunsch, diese mögen möglichst schnell zu Millionären absteigen, damit für den Rest der Menschen auch was übrig bleibt. Eine gerechtere Verteilung ist hier also der Vater des Gedankens. Dann sei hier noch das Instrumental-Stück "Menschenfleisch" erwähnt, in dem als einziger Nummer auf der Scheibe - zumindest auf den ersten Blick - keine Richtung vorgegeben wird, wohin die Reise inhaltlich zu gehen hat. Vielmehr überlässt man es dem Kopfkino der Hörerschaft, es mit Bildern zu füllen, wobei die in die ruhige Piano-Melodie eingestreuten E-Gitarren-Parts und Soundschnipsel (wohl aus Horrorfilmen) der Phantasie wenig Spielraum lassen, wie dieser Film am Ende auszusehen hat. Ein Romantic-Movie wird es sicher nicht werden.

Zu all dem Zeug für`s Hirn gibt es natürlich auch was für die Ohren. Musikalisch und sound-technisch hauen uns Alf Ator, Buzz Dee, Stumpen und Kollegen ordentlich was auf die Omme. Ist das hier tatsächlich ein KNORKATOR- oder ein RAMMSTEIN-Album, das man sich aufgelegt hat? Keyboardisiert da etwa Flake dieses Kunststoff-Intro vor das ein oder andere Radau-Stück? Kloppen uns vielleicht sogar Richard Kruspe und Paul Landers hier diese brettharten Gitarren-Klänge vor den Latz? Nö … Das sind tatsächlich Alf und Buzz Dee, und spätestens wenn man das unverkennbar lieblich zarte Stimmchen von Stumpen hört, weiß man: Das ist die meiste Band der Welt, die da zu hören ist. Auf jeden Fall kann man sagen, dass die Herren aus der Hauptstadt mit dieser ihre bisher wohl härteste Platte abgeliefert haben, denn es rappelt ordentlich. Und - wie bereits ausführlich beschrieben - war es auch von den Inhalten nie so gebündelt nachdenklich wie auf "Sieg der Vernunft". Zwar wird das was zu sagen ist immer noch lustig verpackt, aber die durch Pandemie, Kriege und andere Krisen an jeder Ecke vorzufindende dampfende Kacke (um mal wieder zum Ausgangspunkt dieser Rezension zurück zu kommen) hat auch bei einer Spaßkapelle wie KNORKATOR ihre Spuren hinterlassen. Das steht der Band aber gut …

Unbedingt erwähnt werden muss noch die Aufmachung, denn die ist alles andere als kacke. Die CD steckt in einem kleinen aufklappbaren Hardcover mit einem mehrere Seiten starken Büchlein, das neben vielen Bandfotos auch tolle Zeichnungen enthält. Alles sehr hochwertig und toll gestaltet, das in der Vinyl-Ausgabe noch besser zur Geltung kommt. Kriegste aber nur, wenn Du einen Tonträger kaufst und nicht streamst. Denn Streamen ist auch … Ihr wisst schon … kacke!
(Christian Reder)





Seh- und Hör-Bar:












   
   
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