Eisbrecher: "Schicksalsmelodien" (Album)

eisbrecher2020 20201207 1013123249VÖ: 30.10.2020; Label: RCA/SONY; Katalognummer: 19439813042; Musiker: Alexander Wesselsky (Gesang), Noel Pix (Leadgitarre, Keyboard), Jürgen Plangger (Gitarre), Rupert Keplinger (Bass, Gitarre), Achim Färber (Schlageug), Christoph Hessler, Henning Verlage, Julian Breucker, Maximilian Schauer (zus. Keyboard, Programming); Mix: Henning Verlage; Produzent: Noel Pix; Bemerkung: CD im aufklappbaren Digipak, inkl. Poster-Beilage als Booklet;

Titel:
Skandal im Sperrbezirk • Anna lassmichrein lassmichraus • Disco in Moskau • Out of the Dark • Stoßgebet • All We Are • Goldener Reiter • Freiflug • Bitte, bitte • Eins, Zwei, Polizei • Flieger grüß mir die Sonne • Menschenfresser • Das steht dir gut • Schwarzes Blut • Schicksal


Rezension:
Dass man mit einem Album, auf dem sich Coverversionen von Songs anderer Bands befinden, durchaus eine ganze Menge Spaß haben kann, hat mir vor knapp 23 Jahren die Gruppe ATROCITY gezeigt. Ihr Album "Werk 80" enthält wunderbare Neuinterpretationen von 80er-Pop-Songs, die sie in den Bereich Goth-Rock und Metal übertragen haben. Das bringt einem als Hörer eine Menge gute Laune, denn hier bekommen Klassiker eine völlig neue Note. Anders als bei Stadtfest-Kapellen, die Dir von ABBA bis Zappa alles in einem Guss runter rattern, bekommen die Hörer bei solchen Konzept-Alben eine neue Sichtweise auf die Stücke. Sie bilden die Ideen der Musiker ab, wie man die eine oder andere Vorlage mit neuen Einflüssen und eigenen Vorstellungen neu aufsetzen kann und lassen mit den Jahren verblasste Lieben zu teils ausgelutschten Nummern wieder neu aufflammen. Nach sieben Alben mit eigenen Songs kommt nun auch die 2003 von Alexander "Alexx" Wesselsky (Gesang) und Noel Pix (Gitarre) gegründete Gruppe EISBRECHER mit einem solchen Coveralbum um die Ecke. Es trägt den Titel "Schicksalsmelodien" und mal hören, ob sie wie einst ATROCITY den Rezensenten damit auch vom Stuhl schubsen können.

Um eins vorweg zu nehmen: Nicht jeder der 15 Titel auf "Schicksalsmelodien" ist eine Coverversion. Mit den Songs "Freiflug" und "Schicksal" haben die Herren Wesselsky und Pix auch zwei eigene Titel unter die 13 Fremdkompositionen geschmuggelt, von denen ich an dieser Stelle gern eine Hand voll vorstellen möchte.
Los geht es auf dem Album mit einem Titel aus der NDW-Zeit, den uns eine Truppe Münchener Musiker einst skandalös ins Ohr hauchte: "Skandal im Sperrbezirk", im Original von der SPIDER MURPHY GANG. Geblieben sind die Keyboard-Sounds und der Text, der Rest ist neu, anders und hammergeil. Das EISBRECHER-Ensemble hat mächtig an der Stellschraube gedreht und dem Pop-Nümmerchen literweise Brandbeschleuniger ins Arrangement gekippt. Brettharte Gitarren und ein hämmerndes Schlagzeug stehen hier im Vordergrund und Alexx verleiht dem Lied mit seinem Gesang noch die nötige Portion Finsternis. Ein gelungener Opener, der sofort nach gleichwertiger, im Idealfall einer sich steigernden Fortsetzung verlangt.
Man bleibt erstmal im Bereich der Neuen Deutschen Welle und schaut bei TRIO vorbei. Deren "Anna Lassmichrein Lassmichraus" wurde auserkoren, um im EISBRECHER-Klang neu zu erstrahlen. Im Industrial-Sound angelegt klingt die Neufassung zwar immer noch nach dem, was man 1982 auf Single kaufen konnte, weist aber im Gegensatz dazu die gleichen kraftvollen Gitarren und Drums auf, die schon der Sperrbezirk-Bearbeitung vorher gut zu Gesicht standen. Der TRIO-Gitarrist Krawinkel - der liebe Gott hab ihn selig - hätte wohl seine helle Freude an dieser Version.
Weitere NDW-Titel, die in Neu-Fassungen auf dem Album im Verlauf noch zu finden sind, ist zum Einen der "Goldene Reiter" von Joachim Witt, der für eine Umwandlung in den Industrial-Sound ja wie gemacht zu sein scheint. Herr Witt selbst hat es ja live und auf einer Werkschau schon perfekt umgesetzt. Zum Anderen noch der Extrabreit-Klassiker "Flieger, grüß mir die Sonne". Sowohl den "Reiter" als auch den "Flieger" eint nun, dass sie im neuer EISBRECHER-Gewand daher kommen, aber lediglich das Flieger-Lied bringt hier für den Hörer etwas Neues und Spannendes mit. Den "Reiter" hat sein Schöpfer schon in Perfektion neu produziert, so dass es noch eine Coverversion nicht wirklich gebraucht hätte.
Abseits der Neuen Deutschen Welle haben sich die Musikanten auch in der deutschen Elektro-Abteilung umgeschaut und sind fündig geworden. Die Gruppe RHEINGOLD bekam mit der Bearbeitung ihres "Das steht Dir gut" von Wesselsky & Co ein Denkmal gesetzt. Auch hier blieb - wie beim "Skandal im Sperrbezirk" - der Synthie-Sound erhalten und wurde mit brachialer Rockmusik verbunden. Einmal mehr sorgt Alexx Wesselsky mit seinem Gesang dafür, dass ein Klassiker aus den 80ern einen völlig neuen Geschmack erhält. Großartig!
Den Bereich Punk-Rock decken die Lieder "Bitte Bitte" von DIE ÄRZTE und "Disco in Moskau" von DIE TOTEN HOSEN ab. Speziell die ÄRZTE-Nummer knallt ordentlich. Deren Fans mögen es mir verzeihen, aber diese neue Version hat weit mehr Reiz als das 32 Jahre alte Original. Der Sound ist fetter, die Art der Interpretation knackiger. Es macht insgesamt mehr Spaß!
Gleiches gilt für "All We Are" von WARLOCK bzw. DORO PESCH. Wirkt das Original heute vielleicht etwas antiquiert, blasen die EISBRECHER-Musiker der knapp 35 Jahre alten Nummer den Staub von der Oberfläche. Zum Vorschein kommt ein gewaltiges Brett, das das Herz eines jeden Rock-Fans höher schlagen lässt. Ein verschärftes Gitarren-Solo und die von Alexx gewählte Art und Weise des Vortrags sind hier lobenswert zu erwähnen. Dass der Rest einem gewaltig am Ohrläppchen zuppelt, muss an dieser Stelle wohl nicht extra noch erwähnt werden.
Besonders viel Spaß macht auch "Out Of The Dark", einst von FALCO geschrieben und nach dessen Tod als Single veröffentlicht. Hier ist es gelungen, einer sowieso schon düsteren Nummer einen noch finsteren Anstrich zu verleihen. Es stellen sich einem die Härchen am ganzen Körper auf, wenn Wesselsky den Refrain zelebriert. Den gleichen Effekt hat auch Noel Pix' Gitarren-Solo, das nach hinten raus in die Nummer eingeschraubt wurde. Was für ein Klopper, vor dem sich Falco selbst sicher tief verbeugen würde, könnte er diesem Ereignis noch beiwohnen Was haben wir noch? Ach ja … die zwei eigenen Stücke. Das etwas zurückhaltende "Freiflug" will so gar nicht zum Rest der hier ausgestellten Kunstwerke passen. Nicht nur, dass es sich musikalisch in ruhigeren Fahrwassern aufhält, empfindet man die Art des Vortrags durch Alexx hier auch anders und auf einer anderen Ebene befindlich, wie bei den anderen Titeln. Dies ist aber nicht schlecht, zeigt nur auch die Wandelbarkeit des Frontmanns sehr deutlich. So richtig heraus sticht allerdings "Schicksal", das so überhaupt nichts mit allem bis dahin auf der CD Gehörtem zu tun hat. Eine entspannt dahin perlende Klavier-Melodie vermischt mit Elektronik-Sound. Schlicht, ohne Alexx' Accentus, nur ein aus der Ferne herüber klingender Chor-Gesang … So einfach kann es sein, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Das Album "Schicksalsmelodien" hat hier sogar noch einen besseren Eindruck hinterlassen, als das oben erwähnte Cover-Album der Gruppe ATROCITY. Alexander Wesselsky, Noel Pix und die anderen Musikanten haben sogar Songs in ihr Genre übertragen, bei denen man sich vorher einen Transfer in den Industrial-Bereich gar nicht vorstellen konnte. Es ist ebenfalls unüberhörbar, dass die Band bei ihren Neuinterpretationen mit viel Respekt an die Vorlagen heran gegangen ist. Hier wurde nicht auf Biegen und Brechen irgendwas gecovert oder seitens des Sängers versucht, irgendeinen der Kollegen stimmlich zu toppen, sondern hinter jedem Stück stand die Idee, ihm etwas Eigenes mit auf den Weg zu geben. So trägt nun auch wirklich jedes Lied auf der CD ein Stück EISBRECHER in sich. Manch eines klingt in der Bearbeitung sogar spannender als das Original, und selbst ein Stück wie "Goldener Reiter", von dem es nun wirklich schon reichlich Mixe und Remakes gibt, langweilt nicht, sondern man hört ihm aufmerksam zu. Nun könnte man der Band auch den Vorwurf machen, wirklich alles und jedem den eigenen Stil überstülpen zu wollen, aber das wäre zu kurz gedacht. EISBRECHER haben sich über die 17 Jahre ihrer Existenz eine eigene und unverkennbare Handschrift zugelegt, an deren Feinschliff sie immer noch arbeiten. Und auf dem Weg dahin haben sie nun ihnen wichtigen Liedern anderer Künstler und Bands diesen Sound verliehen und damit auch bewiesen, dass man aus teils abgelutschten Lollis noch reichlich Geschmack rausholen kann.
(Christian Reder)





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