Franz Karafka: "Katarakt" (Album)

franzkarafka2020 20201030 1761895592VÖ: 30.10.2020; Label: RODmusic; Katalognummer: ohne; Musiker: Toni Drobner (Gesang, Gitarre, Mandoline), Steffen Zickenrott (Tasten, Gitarre, Gesang), Jens Wackerhagen (Schlagzeug, Percussion, Gesang), Anthony Nebe (Bass); Gäste: Peter Kohl (Gitarre), Katja Wiegand (Gesang), Georg Kallenbach (Bläser), Melissa Hart (Cello), Artur Hubert (Violine), Rainer Oleak (Piano), Olaf Schulze (Sprecher); Musik & Texte: Toni Drobner, Steffen Zickenrott; Bemerkung: CD im aufklappbaren Digipak, leider ohne Booklet und somit ohne Abdruck der Songtexte;

Titel:
Anders • Wir sind die Helden • Mein Land • Der graue Star • Aluhut • Mein Sohn • Vom Westen nach Osten • König Konjunktiv • Während sich die Erde dreht • Männer sind Männer • Das große Fressen • Unterm Strich • Arsch im Wind


Rezension:
Zwei Jahre alt - zwei Alben schwer. Das ist die Gruppe FRANZ KARAFKA aus dem Thüringischen Nordhausen. Sänger und Gitarrist Toni Drobner und Keyboarder, Gitarrist und Sänger Steffen Zickenrott kennen sich schon Ewigkeiten und suchten sich nach einigem Herumexperimentieren mit Musik und Texten im Jahre 2018 ein paar Mitstreiter für eine gemeinsame Kapelle. Diese fanden sie in Schlagzeuger Jens Wackerhagen und Bassist Anthony Nebe. Über den Bandnamen muss man gar nicht lange nachdenken und auch nicht nach Tiefsinnigem schürfen. Es ist schlicht eine Wortspielerei, denn das Wort Karafka kommt aus dem Polnischen und heißt übersetzt "Karaffe". Es klingt auf den ersten Blick nach dem österreichischen Schriftsteller, weshalb die Nordhäuser kurzerhand dessen Vornamen vor das polnische Wort setzten und damit relativ schnell ihre Firmierung gefunden hatten. Ein knappes Jahr später erschien mit "Der graue Planet" dann auch das Erstlingswerk, das wir hier auch schon vorgestellt haben (Rezension siehe HIER). Lange haben sie auf einen Nachfolger nicht warten lassen, denn nun liegt es hier vor mir … das zweite Album "Katarakt".

Wer mit dem Albumtitel im ersten Moment vielleicht nichts anzufangen weiß, dürfte ein gewisses Alter, in dem man damit zu tun hat, noch nicht erreicht haben. Oder er macht beruflich etwas anders, als im Vorzimmer eines Augenarztes zu arbeiten, denn das Wort ist die Fachbezeichnung für den "grauen Star". Und damit lassen sich ja allerlei Spielereien machen … z.B. sind die Herren Musiker ja auch schon "graue Stars" und auch inhaltlich wird dort ein Bogen gespannt, denn man macht hier Lieder mit Inhalten für die Kundschaft Ü30 aufsteigend. Und damit ist FRANZ KARAFKA schon mal anders unterwegs, als viele unserer Nachwuchs-Bands.
"Anders" heißt auch der erste Song auf der neuen Scheibe. Mit straffem Beat und locker sitzender Stromgitarre stürmt das Ensemble musikalisch gleich mal mit der Tür ins Haus. Kaum angefangen, "slappt" auch noch ein Bass und ein Bläser würzt das Ganze zusätzlich mit seinem Können. "Das kann ja heiter werden", denke ich so bei mir. Kurz nach dem instrumentalen Entrée wird gesanglich schon fleißig ein Gegensatz nach dem anderen in die Runde geworfen, um festzustellen, dass wir alle "anders", aber doch irgendwie gleich sind.
So darf es gerne weitergehen und da lässt sich das Quartett auch gar nicht lange bitten. "Wir sind die Helden" knüpft musikalisch da an, wo kurz zuvor mit dem Schlussakkord bei "Anders" der Faden fallen gelassen wurde. Wieder erfreuen munter aufspielende E-Gitarren und Bläser das Ohr des Hörers und ruck zuck fühlt man sich mit dem deutschrockigen Ausfluss der "Karaffen" bestens unterhalten. Es geht inhaltlich um das Große und Ganze, das mit einem feinen Gitarrensolo im Finale noch dick unterstrichen wird.
Ein paar Takte runter geschraubt und mit einer feinen Fretless-Bass-Linie gezogen, wartet "Mein Land" auf seine Entdecker. Entdecker deshalb, weil sich hier gleich mehrere Leute angesprochen fühlen können. Jeder darf für sich interpretieren, um welches Land es denn hier geht. Einmal darf sich der derzeitige Bundesbürger, der sein Land dufte findet, angesprochen fühlen, aber auch der einstige DDR-Bürger, dessen Heimatland nicht mehr zu finden ist, kann hier nochmal einen Blick zurück werfen. Es geht um Heimatliebe, ob sie noch vorhanden oder schon erloschen ist, und ob sie natürlich gewachsen oder durch eine Propaganda erzeugt wurde. Rein hören und "entdecken". Ins Gedächtnis brennt sich hier nicht nur der Text, sondern auch die wunderbare Klavier-Melodie, die sich wie ein schwarz-rot-goldener Faden durch das Lied zieht.
Diesem Song folgt "Der graue Star", ein Lied, in dem die Nostalgie in den Vordergrund gerückt wird. Es geht um die 60er Jahre, als die Rockmusik das Laufen lernte und Musik noch handgemacht war. Der Wunsch, ein Stück dieser Zeit auch heute wieder in der Musik und den Medien wiederfinden zu können, hat die Band musikalisch in eine Hymne verpackt, die eigentlich vieles von dem mitbringt, was man sich hier von anderen wünscht. Man geht als gutes Bespiel also voran. Der Refrain dürfte gerade bei Konzerten ein Garant für einen Publikums-Chor sein. Er zieht die Leute einfach mit ...
Freunde verschärfter Gitarren-Soli kommen beim Song "Aluhut" erneut auf ihre Kosten. Der Name des Stücks verrät schon den Inhalt, denn die "Aluhüte" sind ja derzeit auch in aller Munde. Jedoch geht die Band dieses Thema etwas anders an, was einmal mehr für Euch "Entdecker" spannend sein dürfte. Musikalisch geht man hier zwar wieder erfreulich rockig ans Werk, bedient sich aber ein paar 80er-Zutaten: "ZZ Top meets NDW" fiel mir da spontan ein, als ich es hörte.
Komplett aus dem Rahmen fällt "Mein Sohn". Das Stück ist ziemlich emotional, weshalb sich auf einem Keyboard-Teppich auch nur ein Klavier und nach hinten raus Streicher bewegen dürfen. Es gibt Momente in einer Vater-Sohn-Beziehung, in denen plötzlich Fragen im Raum stehen, vor deren Antworten man sich als Vater gern drücken würde, weil sie entweder verlogen oder knüppelhart ausfallen würden. Davon erzählt dieses Lied.
Auf den ersten Ton könnte man meinen, dass es sich bei "Vom Westen nach Osten" um ein zu Klängen gewordenes Road-Movie handelt, aber da sollte man dann doch nochmal genauer auf den Text achten. Zu einer flotten Pop-Nummer, in der wieder mal die 80er wild winkend grüßen, erfahren wir letztlich, dass "für alle Vollidioten" nicht nur Deutschland, sondern am Ende auch die ganze Welt viel zu klein ist. Ein herrlicher Titel, der ganz wunderbar ins Radioprogramm passen würde, weil er seine Hörer mitnimmt und weil er dem Tag dank "Ohrwurmgarantie" eine gesunde Struktur geben kann.
Nun habe ich hier die erste Hälfte des Albums vorgestellt und könnte einfach so weitermachen. Die Band macht es mir da aber auch sehr leicht … Aber ich möchte nicht zu viel verraten, denn diese CD sollt Ihr Euch selbst anhören und ihr schon beim ersten Kontakt all Eure Sympathie zukommen lassen.

Sympathie deshalb, weil "Katarakt" ein handgemachtes und ehrliches Album ist. Die Corona-Zeit hat zumindest mir eins gelehrt: Es ist nicht gut, wenn Menschen zu viel freie Zeit und Langeweile haben. Gerade die, die glauben, sie seien kreativ und in Sachen Musik für die Gemeinschaft unverzichtbar. Ich habe im letzten halben Jahr so viel Schrott hören müssen, der aus eben dieser Langeweile entstand, dass ich bei meiner Krankenkasse bereits eine Delfin-Therapie in Florida beantragt habe. Ein Album wie "Katarakt" wirkt da wie Balsam auf wunde Ohren und Seelen. Hier musizieren vier Herren, die ganz offenbar nicht nur was zu sagen haben, sondern die auch ganz genau wissen, wie man seine Inhalte so ansprechend verpacken kann, dass viele Ohren sie auch hören wollen. Es knallt ordentlich, es fließt einfach so dahin und es macht Spaß, sich die vielen kleinen in den Liedern verbauten Feinheiten - seien es die im Text oder im Arrangement - heraus zu hören. Das Album ist - über die Anlage gehört - toll produziert, hat warme Tiefen und glasklare Höhen und weht einem frischen Wind um die Nase. Gute Laune für graue Herbsttage in Form einer kleinen Silberscheibe. Einziger Makel: Es fehlt das Booklet mit dem Abdruck der Texte. Aber wer gute Ohren hat, versteht Toni Drobner auch ohne Beipackzettel.

Kleine Anmerkung zum Schluss: Man kann feststellen, dass die Band im direkten Vergleich mit ihrem Erstling soundtechnisch und instrumental einen großen Sprung nach vorn gemacht hat. Nur weiter so!
(Christian Reder)





Seh- und Hörbar:
















   
   
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