Omega: "Testamentum" (Album)

lp84 20201209 1456016420VÖ: 04.12.2020; Label: GrundRecords (HU); Katalognummer: GR174; Musiker: János Kóbor (Gesang), Laszlo Benko (Keyboards, Orgel), György Molnár (Gitarre), Tamás Szekeres (Gitarre), Katy Zee (Bass), Ferenc Debreczeni (Schlagzeug) + weitere Musiker und Sänger; Bemerkung: Ausschließlich auf CD und vorerst nur in Ungarn erschienen. CD im aufklappbaren Digipak inkl. Booklet mit Abdruck der Songtexte;

Titel:
A Sötétség Kapuja (Nyitány) • A Föld Árnyékos Oldalán • A Lángoló Huszadik Század • Varázslatos, Fehér Ko • Mennyben Az Angyal • Huszadik Századi Városlakó • Jöjj, Szabadító! • Álom XXI. Század • A Holló • A Démon (Lilith) • Ideje A Pontot Kitenni • Hangyanép (Szörnyu Porszemek) • Gloria Et Honor Deo • A Látogató • Légy Hu Magadhoz! • Álomszínház • Halotti Beszéd • Utolsó Ítélet


Rezension:
Im Dezember 2007 hatten wir bei Deutsche Mugge zum ersten Mal Mecky Kóbor von OMEGA für ein Interview zu Gast. Schon damals – vor 13 Jahren – stellten wir ihm die Frage, die ihm zuvor schon oft gestellt wurde, nämlich die, wann das nächste Studioalbum erscheinen würde. Die Abstände zwischen den Platten wurden bei OMEGA in den Jahren davor immer länger und man wollte halt wissen, ob der Nachfolger zum damals aktuellen Studioalbum „Egi jel“, das im Jahr davor in Ungarn bei Universal erschienen war, schon in Sicht war. Trotz Meckys Ankündigung, es käme im darauf folgenden Jahr, ließ es aber noch lange auf sich warten. Zwischen Live-Alben, Kopplungen und Produktionen im Crossover-Gewand mit Orchester und neu vertonten Klassikern, die die Band in der vergangenen Dekade immer wieder raus brachte, folgten noch weitere Ankündigungen seitens ihres Sängers, denen allen keine Taten folgten. Warum das so war und woran es gelegen hat, dass die Wartezeit immer länger wurde, ist hier nicht bekannt. Letztlich dauerte sie ganze 14 Jahre und nun ist „Testamentum“ am vergangenen Freitag in Ungarn endlich erschienen. Eine CD mit neuen Liedern und einem neuen Sound. Veröffentlicht unter neuen Voraussetzungen und in einer seltsamen Zeit mit für die Band schweren Einschlägen und traurigen Momenten.

Als hätten die Musiker geahnt, dass 2020 am Ende große Verluste für sie bringen würde, erwarten den Hörer gleich zu Beginn des Albums, das schon lange vor den traurigen Nachrichten über das Ableben von László Benkő und Tamás Mihály im vergangenen Monat fertig produziert war, mit „A Sötétség Kapuja“ (zu Deutsch „Das Tor zur Dunkelheit“) bombastische und gleichzeitig ziemlich gedrückte Töne. Es schwingt eine gewisse Traurigkeit in der Musik mit. Und doch vereint dieses instrumentale Intro bereits die Stärken von OMEGA der letzten Jahre in einem Song: Rockmusik, die diese Bezeichnung auch wirklich verdient hat, in Verbindung mit orchestraler Imposanz. Was sich hier an Klängen zu einer Gewitterwand auftürmt ist nur der Vorbote für das, was in den nächsten fast 70 Minuten Spielzeit auf einen hernieder prasseln wird. OMEGA in Höchstform.

Es ist in vielerlei Hinsicht eine Achterbahnfahrt der Gefühle und der Klänge. Der eben erwähnten gedrückten Stimmung folgt kurz darauf aber auch eine lockere Verspieltheit. Und weitere Gegensätze vereinen sich auf „Testamentum“. Laut und leise, kraftvoll und sanft, mitreißend und fesselnd, opulent und an manchen Stellen auch einfach mal schlicht. Egal, was wir zu hören bekommen, es ist vor allen Dingen handgemacht, ehrlich und OMEGA!
„A Föld Árnyékos Oldalán“ (Auf der Schattenseite der Erde), das dem eröffnenden Instrumentalstück folgt, setzt fort, was einem gerade noch per Appetitanreger versprochen wurde. Streicher, E-Gitarren, Orgel-Klänge, Chöre und ein gut aufgelegter Frontmann stellen dem Hörer ein pompöses Meisterwerk in die Stube, das wieder diese perfekte Mischung aus Rock und Klassik mitbringt. Auf diese, aber auch auf andere Stärken ihres handwerklichen Könnens und des eigenen Ideenreichtums bauen die Ungarn auch in den folgenden 16 Liedern, egal ob sie in Überlänge von sechs Minuten („Varázslatos, Fehér Kő“, „Huszadik Századi Városlakó“, „A Démon (Lilith)“) oder in kurzen Zwischenspielen („A Látogató“, „Halotti Beszéd“) gereicht werden. Und jeder der hier mitwirkenden Musikanten und Sänger steuert seinen Teil zum Gelingen bei.

Im Stück „A Lángoló Huszadik Század“ (Das flammende 20. Jahrhundert) tut dies u.a. auch ein Chor, dessen klassisch gesungener Part wie ein Federstrich auf nackter Haut wirkt und entsprechend sein Spiel mit den Gefühlen des Hörers spielt. Die Damen und Herren kommen im Verlauf des Albums noch öfter zum Einsatz und hinterlassen auch dort diese Gefühle und tiefen Eindrücke. Ebenso viel Freude bringt hier – wie auch in allen anderen Songs - die Gitarre, von der man aus dem Booklet leider nicht erfährt, ob sie gerade vom alten Saitenhexer György Molnár oder vom ein paar Jahre jüngeren aber technisch etwas besser aufgestellten Tamás Szekeres eingespielt wurde. Wenn es um die verspielten Soli geht, liegt der Verdacht aber mehr als nahe, dass diese von Szekeres stammen.

Zu Beginn des Songs „Varázslatos, Fehér Kő“ (Magischer weißer Stein) wird man dann erstmals richtig wehmütig, als die Töne aus László Benkős Orgel erklingen. Es ist einer der letzten Arbeiten vor seinem Tod und es steigt eine Mischung aus Traurigkeit und Dankbarkeit in einem hoch. Momente, von denen noch einige mehr folgen werden. Auch dieses Stück entwickelt sich im Verlauf zu einer inzwischen fast schon Omega-tyischen Bombast-Nummer, und genau dieser Sound ist es, der sich durch das komplette Album zieht. Auf hohem internationalen Niveau musiziert sich das ungarische Ensemble durch sein Programm. So erahnt man bei „Mennyben Az Angyal“ („Himmel der Engel“) eine Inspiration durch die Gruppe Evanenscence, wobei es allerdings nur bei einer Ahnung bleibt. Zwei Riffs und einen Trommelschlag weiter erkennt man dann doch die Handschrift der Ungarn wieder. Im Song „Huszadik Századi Városlakó“ (Stadtbewohner des 20. Jahrhunderts) liefern sich Keyboard und Gitarre ein Duell, das einen sprachlos zurücklässt, während man mit der ruhigen Ballade „Jöjj, Szabadító!“ (Komm Retter) seitens der Band musikalisch in eine kurze Verschnaufpause geschickt wird.

Aber OMEGA zeigt auch seine Wandelbarkeit, in dem die Musiker mit „Álom XXI. Század“ (Traum des 21. Jahrhunderts) eine radiotaugliche Mischung aus Pop und Rock abliefern und sich somit auch für Einsätze im täglichen Rundfunk-Programm bewerben. Es ist nur eine von vielen Momentaufnahmen, denn schon in „Der Rabe“ („A Holló“) wird wieder ein anderer Ton angeschlagen. Dieser Titel ist geprägt von der E-Gitarre, die sich auf einem vom Orchester ausgebreiteten Klassik-Teppich entfalten kann. Ein weiteres, schwer geiles Solo auf den sechs Saiten inklusive. So einem Solo begegnet man übrigens auch im zur Musik gewordenen Ameisenhaufen („Hangyanép“). Man kann davon kaum genug bekommen und wird an jeder Ecke damit bedient. Wunderbar!

Vielfalt in Sachen Musik überall, wo das Ohr auch hinhorcht. „A Látogató“ ist ein sphärisch klingendes Intermezzo, das die Band vor ihren Aufruf, sich selbst treu zu bleiben („Légy Hű Magadhoz!“) gesetzt hat. Eine Kirchenorgel und ein Männerchor der sich nach kurzer Zeit zum gemischten Chor erweitert, bilden die Einleitung zu einer weiteren Klangkaskade, in der László Benkő die Kirchenorgel fließend vom Keyboard ablösen lässt. Nach hinten raus wird es zum tragenden Instrument. Entlassen wird man nun von drei Stücken, die nahtlos ineinander übergehen. Den Anfang macht „Álomszínház“ (Dream Theater), in dem ein weiteres Mal der gemischte Chor mit sakralem Gesang zum Einsatz kommt, der von harten Klängen der E-Gitarre und einem treibenden Schlagzeug unterstützt wird. Daraus entwickelt sich die Grabrede („Halotti Beszéd“), die finster arrangiert und von Mecky mit verzerrter Stimme vorgetragen wird. Ein waschechter Vertreter aus dem Bereich Prog-Rock, der mit dem „Jüngsten Gericht“ („Utolsó Ítélet“) endet. Es besteht nur noch aus dem Geläut von Kirchenglocken und damit schließen die Ungarn letztlich auch ihr „Testamentum“.

Die Fans mussten lange auf dieses Werk warten, ihre Geduld hat sich aber gelohnt. „Testamentum“ ist ein echtes Brett, abwechslungsreich, rockig, verspielt und voller Kraft. Wie schon erwähnt darf dieses Album die Bezeichnung „Rockmusik“ auch tatsächlich tragen. Die Musiker zeigen sich in Höchstform und auch was den Ideenreichtum in Sachen Arrangements angeht, operiert die Kapelle auf ganz hohem Niveau. Dem einen oder anderen Hörer mag auf dem Album vielleicht ein Ohrwurm fehlen, aber bei genauem Hinhören ist das komplette Album ein solcher, denn die CD will und MUSS in einem Stück gehört werden. Irgendwas dort herauszulösen dürfte schwer fallen, und manch ein Lied funktioniert auch nur in Verbindung mit dem davor oder danach. Was die Songinhalte betrifft, so kann man als Hörer, der die ungarische Sprache nicht beherrscht, nur anhand der Musik und der Songtitel erahnen, um was es genau geht. Aber vielleicht bekommen wir ja bald schon Aufklärung. Die Band will ihr neues Album laut eigener Aussage auch in englischer und deutscher Sprache veröffentlichen. Dem Release von „Testamentum“ in Ungarn soll im nächsten Jahr also auch eine in Deutschland und anderen Ländern mit den dafür eigens in anderen Sprachen eingesungenen Versionen folgen. Hoffentlich bleibt dies nicht wieder nur eine Ankündigung, deren Umsetzung weitere Jahre in Anspruch nehmen wird. Bis dahin hören wir aber gern das Album in der Herren eigenen Landessprache ...
(Christian Reder)





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