lemostueck 20160502 2014569717 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Inhalt:
"Stück für Stück"
LEMO
Capriola/Blankomusik
20. Mai 2016

1. Der Himmel über Wien
2. Eine Antwort
3. Ich seh nur dich
4. Panik
5. Offene Zeilen
6. Rückwärts gegen die Einbahn
7. So wie du bist
8. Tomaten auf den Papst
9. Vielleicht der Sommer
10. Hör dir selber zu
11. So leicht





LEMO ... was auf den ersten Blick (bzw. beim ersten Hören) wie eine Figur aus der Sesamstraße klingt, ist tatsächlich aber ein aus Österreich stammender Musiker, der mit seinem Debüt-Album "Stück für Stück" (VÖ: 20. Mai 2016) nicht nur in der Alpenrepublik, sondern gleich auch in Deutschland versuchen will, die Leute zu erreichen und bekannt zu werden. Das ist auf der einen Seite sehr mutig, auf der anderen aber nur allzu logisch. Zum einen kann der Künstler bereits mit der Verleihung des Amadeus-Awards in der Kategorie "Songwriter des Jahres 2015" aufwarten, und das, obwohl er zu dem Zeitpunkt der Preisverleihung erst zwei Singles veröffentlicht hatte, und zum anderen klingt seine Musik so reif, zeitlos und tief, dass sie sich mit den Songs der ganz Großen absolut messen lassen kann. Klingt nach Übertreibung? Mag sein, aber die Beweise für die Aussage finden sich auf der eben erwähnten Platte ...

Wenn ein Wiener in einem Song von seiner Heimatstadt als "Scheißstadt" spricht, wird man hellhörig. Schließlich weiß man ja, wie stolz die Wiener auf ihre Stadt sind, und dass sie auf sie nichts kommen lassen. LEMO bezeichnet Wien aber in seinem Stück "Der Himmel über Wien" genau so. Allerdings hätte er auch jede andere Stadt, jedes andere Dorf oder jeden anderen Ort auf dieser Welt als Kulisse für seine Liebeskummer-Weise wählen können. Wien wirkt für ihn nämlich nur aus einem Grund wie eine Scheißstadt, denn seine Beziehung ist in die Brüche gegangen. Der blaue Himmel über der Stadt, das Treiben der Menschen, die so tun "als wenn nichts gewesen wäre", und all das andere Positive, das Wien zu bieten hat, treiben ihn mit seinem Herzschmerz raus aus der Stadt. Das Leben geht weiter, auch wenn man selbst für einen Moment still steht und das so gar nicht verstehen kann. So relativiert sich die Beleidigung Wiens dann auch gleich wieder und man nimmt es ihm nicht übel. Verpackt hat LEMO das Ganze in einer treibenden und zeitlosen Rocknummer, die nicht nur ins Bein, sondern ob der Geschichte in dem Lied auch direkt ans Herz geht. Mit dazu gibt es einen Refrain und eine Melodie, die umgehend ins Ohr gehen.
Ebenfalls auf dem Album befinden sich die beiden vorher schon veröffentlichten Singles, die insgesamt aber eine ganz andere Stimmung verbreiten. Zumindest der Song "Vielleicht der Sommer", den LEMO im Jahre 2014 als erste Single veröffentlichte. Hier herrscht eine lockere, entspannte und "sommerliche" Stimmung. Es ist der Soundtrack für die warme Jahreszeit. Ein Lied, das man am Strand vom Meer oder am Ufer irgendeines anderen Gewässers, an dem man gerade ganz entspannt den Tag genießt, aus dem Radio (oder dem Smartphone) hören möchte. Mitwipp- und Mitsing-Garantie inklusive, und die Stimmung wird beim Hören garantiert nicht nur vom Sommer erzeugt.
Single Nummer zwei war das Stück "So leicht", das im vergangenen Jahr erschien und das auf der Langrille nun den Schlusspunkt setzt. Gut so, denn hier regiert eine schwere Niedergeschlagenheit, die ganz so leicht dann doch nicht zu verdauen ist. Mit den Worten "Zeig mir, dass es sich noch lohnt | so alten Träumen nachzurennen | Zeig mir ein Licht in der Dunkelheit | Und zeig mir nur den ersten Schritt" bittet das Lied-Ich hier förmlich um einen Anstoß zum Wiederaufstehen, zum Weitermachen, für einen Neuanfang. "Es wär' leicht ... so leicht ... einfach aufzugeben", heißt es da im Refrain, und gibt so auch nur die naheliegende Option als Lösung an. Ein ruhiges und getragenes Arrangement bildet das Gewand für den Songinhalt, und der schon greifbare Schwermut wird musikalisch ganz hervorragend durch den Einsatz einer Posaune unterstrichen. Diese Nummer muss man anschließend erst mal sacken lassen, darum ist ihr Platz am Ende der Platte auch gut gewählt.
Im Stück "Ich seh nur Dich" geht es um das Getrenntsein vom geliebten Partner. Ob nun für eine bestimmte Zeit oder nach einer endgültigen Trennung ... LEMO beschreibt hier das Gefühl des Trennungsschmerzes so, dass man den Partner an jeder Ecke und an jedem Ort sieht, auch wenn er gar nicht da ist. Das Stück beginnt leise und türmt sich zum Ende hin auf, wird laut und unterstreicht das Gefühl so nochmals. Liebeskummer kann so schön sein, wenn es in die Form eines Liedes wie dieses hier gegossen wird.
Aber es geht auf "Stück für Stück" nicht nur um Liebeskummer, Schmerz und Trostlosigkeit. Auch gesellschaftskritisch hat LENO Botschaften zu verteilen. Mit "Panik" beschreibt der Künstler - wie ich finde - ganz großartig, was bei uns alles nicht stimmt und dass wir sehenden Auges ins Unglück rennen. Er singt über die Bequemlichkeit der Menschen, die wissen, dass einiges in die komplett falsche Richtung geht und dass uns das auf Dauer nicht gut tun wird und darüber, dass wir aber trotzdem wie gelähmt sind und nichts daran ändern ("Wir haben Köpfe um zu Denken | Um Dinge selbst zu lenken | Doch wir lassen 's lieber bleiben | Ja, es könnt' sich ja was ändern | Und dann fühlt sich alles fremd an | Darum lassen wir uns lieber treiben"). Ummantelt mit einem tollen Arrangement wirkt die Nummer nicht als Drohung oder wie ein erhobener Zeigefinger, bei der sich der Musiker selbst ausklammert, sondern wie eine kritische Bestandsaufnahme und ein Spiegel, der uns allen vorgehalten wird.
Ein weiteres Highlight auf der CD ist das Lied "So wie du bist". Es ist mit eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich in Form eines Liedes bisher gehört habe. Eigentlich kennt man Songs dieser Art eher so, dass all die Vorzüge der Dame des Herzens aufgezählt und gesanglich zelebriert werden. Bei LEMOs Song ist das anders, denn er zählt auf, was die Geliebte alles nicht tut und ist, und wie leicht sie es ihm damit macht, sie so zu lieben wie er es tut. Eine ganz andere Herangehensweise. Das macht allein schon Laune, wird durch die dazu ausgewählte Musik und die Umsetzung durch drei Musiker noch extrem verdichtet.
In dieses Genre lässt sich auch das Lied "Tomaten auf den Papst" einreihen. Um zu sagen, dass man sich auf Ewig mit der Partnerin binden will, ist es noch zu früh. Aber dass man sie sehr mag, kann man ja auch anders zeigen. Und so würde LEMO sogar "Tomaten auf den Papst" werfen oder Granaten wie Bruno Mars einfangen, wenn sie es denn von ihm verlangen würde. Das zumindest behauptet er in dieser munter-akustisch arrangierten Nummer.

Jeden einzelnen Song dieses Albums, die übrigens allesamt - sowohl von der Komposition als vom Text her - aus LENOs Feder stammen, möchte ich gar nicht ausführlich vorstellen. Der Leser soll beim Hören des Albums auch noch etwas zum Entdecken haben, und davon gibt 's noch genug. Was aber noch erwähnt werden sollte ist, dass in jedem einzelnen Lied diese markante und raue Stimme des LEMO steckt. Sie hat nicht nur Wiedererkennungswert, sie ist obendrein das wichtigste Instrument auf der Platte. LEMO setzt sie nach Belieben und je nach inhaltlichem Anlass ein, so dass sie nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern Bestandteil der Stimmung ist. Apropos Stimmung: Es ist wirklich beeindruckend, wie der Künstler mit Worten und der deutschen Sprache umgeht. Ebenso, wie er Gefühle erzeugen und Situationen beschreiben kann. Plattheiten oder Zusammenstellungen aus dem Reim-Baukasten sucht man hier Gott sei Dank vergeblich. Man findet vielmehr wunderbare Textzeilen mit viel Tiefe und Geist bei denen man sich ärgert, dass sie einem selbst so nicht eingefallen sind. LEMO findet sowohl kraft- als auch gefühlvolle Worte, um Momente einzufangen, die man selbst vielleicht so gar nicht wahrnehmen würde. Bei den Arrangements werden geschickt Instrumente platziert, die mal unterstreichend, ein anderes Mal den Radius erweiternd wirken. Mit Gitarren wird nicht gespart, so dass der Begriff "Pop" hier eigentlich nur bedingt zutrifft. Pop sind Glasperlenspiel und Christina Stürmer. LEMO ist rockige Musik für Erwachsene. Es ist dem Wahl-Wiener zu wünschen, dass sich diese Platte hier in Deutschland weit verbreiten wird. Nicht nur ihm, dem sympathischen 30-jährigen Künstler aus dem Nachbarland, ist das zu wünschen, sondern insbesondere auch seinen Songtexten, die er wie kaum ein anderer zu schreiben und obendrein auch noch in toller Musik zu verpacken in der Lage ist. Eine absolute Kaufempfehlung meinerseits, der mit "Stück für Stück" ein weiteres Lieblingsalbum für sich entdeckt hat.
(Christian Reder)






Videoclips:

"Himmel über Wien"


"So leicht"


"Vielleicht der Sommer"



   
   
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