hrkeiner1 20140124 1495104980 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Einer für alle"
Heinz Rudolf Kunze
Rakete Medien
24.01.2014

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Rezension:
1988 war – zumindest aus der (natürlich rein subjektiven) Sicht des Verfassers dieser Zeilen – ein musikalisch und kulturell eher uninteressantes, mag durchaus sagen: langweiliges, ereignisloses Jahr: In den deutschen Verkaufshitparaden machten sich bumsende House-Rhythmen, US-amerikanischer Plastik-Soul oder schlichter Nervpop der Sorte Stock/Aitken/Waterman immer breiter; grandiose Meisterwerke und Pop-Perlen mit Charme, künstlerischem Wert und Ewigkeitsgarantie a la Morrissey („Suedehead“), „Aztec Camera“ („Somewhere in my Heart“) oder „Hothouse Flowers“ („Don’t go“) blieben, zumindest hierzulande, kommerziell absolut im Hintergrund. Mein internationales 1988er-Lieblingsalbum „Eureka“ von „The Bible“ fand überhaupt keinen Eingang in die bundesdeutschen Charts. Alteingesessene Pop- und Rockheroen der Vorjahre legten oft nur Unausgegorenes („Heavy Nova“, Robert Palmer) oder verstörend Dancefloor-lastiges („Duran Duran“, „Big Thing“) vor. Ansonten galt aller Orten der zweite (relativ) relevante Singleerfolg von bereits erwähntem Ex-„Smiths“-Proklamator aus Manchester: „Every Day is like Sunday / Every Day is silent and grey“. Nachdem also bereits das Jahrbuch des “Musikexpress” für 1987 geschrieben hatte, ebenjene zwölf Monate seien – dem Sinne nach – das erste Jahr im Popgeschehen gewesen, in dem überhaupt nichts relevantes passiert sei, hatte ich in meiner schon damals “live” empfundenen Empfindung für das darauffolgende Jahr vermutlich gar nicht so unrecht. Auch im einheimischen Musikleben tat sich 1988 wenig: Peter Maffay eröffnete im Februar den Neuerscheinungs-Reigen mit dem unnötig ausgedehnten Doppel-Album „Lange Schatten“, das kaum so viel wirklich herausstechende, bleibende Beiträge enthielt, dass man diese hätte auch auf einer einzigen Scheibe abhandeln können, „BAP“ konnten sich nicht entscheiden, ob sie mittels „Da Capo“ als „Kölsche Bon Jovi“ („Saison der Container“, „Stadt em Niemandsland“) oder weichgespülte Radiopopper vum Rhing („Fortsetzung folgt“, „Dat däät joot“) in die Annalen eingehen wollten, Achim Reichel bot auf „Fledermaus“ belanglosen Schlagerrock („Für immer und immer wieder“), Grönemeyers 88er-Stellungnahme „Ö“ beinhaltete zwar einige wahrhaft schmackhafte deutsche Rock- und Pop-Perlen, die aber nicht selten konstruiert („Fragwürdig“) oder schlicht überproduziert wirkten („Vollmond“). Und wieso der ansonsten nicht gerade Lindenberg-geneigte „Musikexpress“ Udos – naja, bestenfalls durchwachsenes - 88er-Opus „Casa Nova“ für Januar 1989 zur „LP des Monats“ kürte, ist mir noch mehr als ein Vierteljahrhundert später schleierhaft…

…und am 25. August 1988 erschien nun auch eine neue LP eines der gefragtesten und meist diskutierten teutonischen Rockmusiker, nicht nur jener Tage, sondern letztlich bis heute: „Einer für alle“ nannte sich das siebte Studiowerk von Heinz Rudolf Kunze, dem begnadeten Wortakrobaten und Querdenker aus (damals noch) Osnabrück. Es war die dritte Zusammenarbeit mit dessen erst drei Jahre zuvor hinzu gestoßenen Gitarristen, musikalischen Leiter und Produzenten Heiner Lürig.
1985/86 waren in kommerzieller Hinsicht die bis dato einträglichsten 24 Monate des einstigen „Niedermachers“ gewesen. Nachdem sich dieser im Frühjahr 1985 von seinem Entdecker, Mentor und bisherigen Gitarristen Mick Franke getrennt und diesen durch den versierten Hannoveraner Lürig (Ex-„Bernward Büker Bande“) ersetzt hatte, gelang HRK – wie ihn seine Beinhart-Fans gerne in Kurzform nennen – der gewagte Versuch, hochintelligente, nachdenkliche, wie politisch brisante Lyrik mit feschem, eingängigem, zumeist britisch geprägtem Rock- und Popambiente zu verbinden. Diese neuen Töne verschreckten zwar vorerst keine Puristen und textbezogene Musikhörer, besaßen aber gleichsam so viel Hit-Appeal, dass viele von Kunzes Liedern der mittleren 80er jederzeit ihren Platz im bundesdeutschen MOR-Radio zu finden vermochten. Über die noch heute gefeierten und größtenteils weiterhin brennend aktuellen LPs „Dein ist mein ganzes Herz“ (Herbst 1985) und „Wunderkinder“ (Herbst 1986) muss man kein weiteres Wort verlieren. Kunze war „in“. Plötzlich fanden sich nicht nur Akademiker, Studenten und Gymnasiasten auf seinen Konzerten ein, sondern zudem klassische Popfans mit Geschmackssicherheit, wie junge Musikfreunde im Teenageralter, die seinerzeit zu HRK nicht weniger abtanzten, als z.B. zu "Take on me" von A-Ha oder womöglich zu Sandras „Maria Magdalena“ (deren süßlichen Popschmus HRK im März 1986 in einem „ME/Sounds“-Interview als „verwerfliche Musik“ bezeichnete, „die man mit einem Sticker vom Gesundheitsministerium versehen sollte, weil sie Menschen schlecht und dumm macht“!). Nach der Veröffentlichung von „Dein ist mein ganzes Herz“ (LP und gleichnamige erste Single stürmten anstandslos die hiesigen Top 10) und „Wunderkinder“, waren Heinz Rudolf Kunze und seine Begleittruppe „Verstärkung“ (fast) pausenlos ‚live’ unterwegs; ich habe ihn und die Seinen zwischen Frühjahr 1986 und Sommer 1987 alleine sechs mal auf der Bühne gesehen, fünfmal in Hamburg, einmal beim großen „DRUM“-Open Air im Juni 1986 in Schloss Neuhaus bei Paderborn, mit Wolf Maahn, „BAP“, den „Rodgau Monotones“, Purple Schulz und der öden „Schroeder’s-Roadshow“-Abspaltung „Die Firma“. So legten Heinz und „Verstärkung“ danach erst mal ein Jahr Pause ein. Abgesehen von dem genialischen Country-Rock-Ohrwurm „Finden Sie Mabel“ als dritter Auskoppelung aus „Wunderkinder“ im Frühsommer 1987, gab es in jenem Jahr ausschließlich im Herbst die prallgefüllte Doppel-LP „Deutsche singen bei der Arbeit“ zu hören, die eine erste Werkschau über die zweijährige Kooperation Kunze/Lürig im Live-Gewand präsentierte: Neuere Titel aus „Herz“ und „Wunderkinder“ wechselten sich ab, mit von Lürig aufgedonnerten Konzertversionen alter Klassiker, von „Nachts um halb Drei“ über „Auf der Durchreise“, bis „Sicherheitsdienst“ oder „Lola“. Auch dieser Konzertmitschnitt ist dieser Tage in Limitierter Edition als CD-Neuauflage mit zig Bonustracks veröffentlicht worden, weshalb ich ihn ganz bald an dieser Stelle ausführlich vorstellen und würdigen werde!
 
Nun aber ist zunächst der Heinz Rudolf Kunze des Jahres 1988 an der Reihe, der bis heute den Ruch des viel zitierten „zweischneidigen Schwertes“ nie so recht loszuwerden vermochte und in den Gesichtern nicht weniger Anhänger – sowohl der Uralt-Fans, die seit den Anfangstagen mit Mick Franke dabei waren, als auch sogar mancher der mit „Herz“ hinzugewonnenen, jüngeren Kunze-Anbeter – zunächst eine Menge verwirrt dreinblickender Fragezeichen provozierte, den Rezensenten übrigens keinesfalls ausgeschlossen. Doch immer der Reihe nach: Im Frühsommer 1988 strahlte das ZDF eine recht betroffene, vom vorherigen „Formel Eins“-Conferencier Ingolf Lück moderierte Benefizshow unter dem Titel „Liebe ist Zärtlichkeit – Ein Abend gegen AIDS“ aus, deren Erkennungsmelodie vom damaligen SPD- und heutigen LINKE-Kulturpolitiker Dr. Diether Dehm (in Zusammenarbeit mit Klaus-Lage-Keyboarder Göran Walger und eben HRK) geschrieben und – oh Schreck! – von Heinz Rudolf Kunze zeitgleich als erste neue Studiosingle seit „Mabel“ vorgelegt wurde. Da staunte der Fachmann und Laie wunderte sich: „Liebe ist Zärtlichkeit“ war ein süßlich-schnulziger, dröge vor sich hin plätschernder Softpopschlager zwischen Tränendrüsenlamento und Hänschen-Klein, der mit dem einst so bissigen, munteren und zuletzt ja auch so rockigen HRK rein nichts mehr gemein hatte – und somit kommerziell zurecht vollkommen unterging. Gerüchten zufolge, sei seinerzeit das nümperne Liedchen Deutschpopper Nino de Angelo vorgeschlagen worden, aber selbst diesem schien es zu seicht gewesen zu sein. Ich erinnere mich, Ende der 90er Jahre rief Heinz’ Stargitarrero Heiner Lürig offen dazu auf, ihm die letzten verbliebenen Exemplare der Vinylsingle zwecks sofortiger Vernichtung zuzusenden (was der Rezensent natürlich NICHT tat und sich folglich heutzutage damit rühmen kann, dieses schnöde Machwerk als Original-45er in seinem Archiv stehen zu haben ;-)) „Liebe ist Zärtlichkeit“ blieb wie Blei in den Regalen liegen, wurde zwar ein paar Mal im Radio gespielt und dort nicht selten im Schlager- bzw. MOR-Programm geparkt, ließ aber nicht nur bei mir, sondern auch bei manch anderen HRK-Begeisterten in meinem Umfeld, Schlimmstes hinsichtlich Heinz’ für Spätsommer 1988 angekündigten, neuen Studiowerks befürchten!
 
Naja, ganz so schaurig, kam es dann doch nicht. Als ich mir am Nachmittag des 25. August 1988, im längst verblichenen Schallplattenladen „GOVI“ in Hamburg-Eimsbüttel, „Einer für alle“ als eine meiner ersten CDs (! – bis Frühjahr 1988 gab’s nur Vinyl bei mir zu Hause!) überhaupt zulegte, hoffte ich natürlich inständig, darauf ein paar prägnante Kunze-Klassiker für die Ewigkeit zu finden. Denn die im Hochsommer veröffentlichte, wenn auch löblich unkommerziell ausgefallene Vorab-Single „Fetter Pappa“ hatte nicht nur durch einen frechen, aufmüpfig-pubertären Text voller (gar nicht soooo) liebevoller Gemeinheiten erste Aufmerksamkeit erregt und zumindest mich umgehend überzeugt, sondern betört zugleich durch einen knackig peppigen, wenn auch verhaltenen Rock’n’Blues-Riff mit fulminant zickiger Hookline, hohem Widererkennungswert und gekonnt hierfür eingesetzten, herrlich quietschenden Steel- und Slide-Gitarren. So hielt ich es zunächst für ausgeschlossen, dass HRK auf „Einer für alle“ womöglich im selben NDR-2-am-Vormittag-tauglichen Weichspüler-Sound fortführe, wie es bei „Liebe ist Zärtlichkeit“ bedauerlicherweise der viele schockierende Fall war. Um es vorweg zu sagen: Nach dem ersten Anhören der CD war ich seinerzeit relativ enttäuscht. Dies gestehe ich ein. Aus meiner damaligen – 17jährigen – Sicht fehlten mir v.a. lyrisch unter die Haut gehende und zugleich kraftvoll drauflos rockende Ohrwürmer a la „Finden Sie Mabel“ oder „Fallensteller“ ebenso, wie sarkastische, zeitnahe Polit-Statements der Sorte „Vertriebener“ oder „Wunderkinder“. So wirkte „Einer für alle“ auf mich tatsächlich schon frühzeitig als „weder Fisch, noch Fleisch“, wie ich es in jenen Tagen entsprechend verbreitete, und auch heutzutage noch im Grunde genommen zumindest als „zweischneidiges Schwert“ - auch, wenn ich meine, mich im Laufe der seitdem vergangenen knapp 26 Jahre zunehmend in die insgesamt zehn Lieder hinein empfunden zu haben, um diese und ihre Intention besser zu verstehen, und in der Lage zu sein, den (zu vielen) Spreu, vom (oft allzu sehr verdeckten) Weizen auf dieser LP/CD gerecht zu trennen. „Einer für alle“ war, wie geschildert, Heinz’ drittes Opus in Zusammenarbeit mit Heiner Lürig, was man aus allen Poren und Tiefen zweifellos und eindeutig spürbar vernehmen konnte. Bei manchen Beiträgen schien es beinahe so, als sei das Uransinnen der Produktion eher ein Motto a la „Heiner Lürigs bisher unversuchte Klangspielereien feat. ein bisschen Kunze am Mikro“ gewesen, denn die strikte Schaffung unverbrüchlicher Originale des HRK. Diese hypertroph wirkende, hoch technisierte Überproduktion merkte man z.B. bei der dritten und letzten Singleauskoppelung „Reise um die Welt“ überdeutlich: Dies war überkandidelter, unnötig wuchtiger, nervös zuckender Hochglanz-Techno-Pop, nahe der „Pet Shop Boys“, verbunden mit dünnem Kunze-Gesang, der gegen das hochgestochene, von Sequenzern aller Art beherrschte Klanggebräu kaum anzusingen vermochte, was zwar eine charts-orientierte Allerweltsmischung aufbot, aber, wie abzusehen war, letztlich in den offiziellen Hitlisten, neben Kylie Minogue, David Hasselhoff oder „Koreana“, keinerlei Chance eingeräumt bekam. „Reise um die Welt“ war weder klassischer Deutschrock, wie von Kunze gewohnt (und wohl auch von den meisten erwartet und v.a. erhofft), noch typischer, authentischer britischer Elektro-Synthi-Sound, der seitens Produzent/Gitarrist Lürig zwar sicher angestrebt war, aber niemals so recht seine hochgesteckte Ziellinie fand. Es war bestenfalls ein allzu sehr aufgedonnertes Computerpopnümmerchen mit einwenig Rockattitüde, schlimmstenfalls schlicht als völlig unausgegoren zu bezeichnen. Das knappe, pop-rockige und zugleich titelgebende Intro „Einer für alle“, kaum drei Minuten lang, fällt ebenso in die Kategorie „weder Fisch, noch Fleisch“. Der Eröffner ist knapp, durchaus rockig, rhythmisch und gleichsam poppig, aber eben niemandem wehtuend gehalten, und sollte wohl als zukunftsträchtiger Erkennungshymnus des popgewordenen Spät-80er-Kunze dienen, löste aber bei nicht wenigen Alt-Fans vielmehr ein nicht enden wollendes Kopfschütteln aus. Ihr Idol wollte nun wohl im wahrsten Sinne der Worte „Einer für alle“ sein, ein angebeteter „Popstar“, der sichtlich dabei war, manche seiner wertvollen künstlerischen Ideale sinnlos aus dem Fenster zu werfen. Auf bereits erwähnte, nervenaufreibend aufgebrezelte „Reise um die Welt“, folgt jedoch ein erster, nicht zu unterschätzender Höhepunkt auf dieser umstrittenen LP: „Wehr Dich“ ist ein kecker, fetziger, gitarrenlastiger Rock’n’Roll-Verschnitt, irgendwo angesiedelt zwischen Eddie Cochran, ein wenig THE CLASH und britischer New-Wave-Leichtigkeit der frühen 80er. Aufmunternde, augenzwinkernde Reime über alltägliche Beziehungsschwierigkeiten, von Ferne lyrisch eine Art deutsches „It’aint me, Babe“, voller witziger, pieksender Wortspiele („Der Himmel war mir immer unbequem, und was ich an Dir liebe, ist nicht Dein Problem“), paarten sich mit einer mitreißenden, luftig-leichten, wehenden Melodie (und, nicht zu vergessen, schier himmlischen Chorpassagen!!), die – was selten genug auf „Einer für alle“ zu finden ist – hinsichtlich Arrangement gänzlich auf dem Boden bleibt, niemals überfrachtet ertönt, sondern hinsichtlich ihrer kompositorischen Simplizität eine wohltuende Ausnahme zwischen all den übervollen Klangkaskaden auf der hier vorgestellten Scheibe bildet. Zwar niemals als realer Singlehit hervorgetreten, aber bis heute nicht nur mein persönliches Lieblingslied auf „Einer vor alle“, sondern auch der dauerhafte Kunze-Favorit meiner heute 78-jährigen Mutter, und zudem ein ebenso langlebiger Fanliebling, der bis heute auf fast jedem HRK-Konzert zum Einsatz kommen muss und ein ums andere Mal frenetisch gefeiert wird, ist das hoch philosophische und doch von jedem nachvollziehbare, weil bestimmt schon so oder ähnlich, vielleicht nicht nur einmal erlebte Gitarrenrock-/Folkpop-Gemisch „Meine eigenen Wege“. Ein phantastischer, geradezu einmaliger Ohrwurm voller textlicher Tiefe; ein jede Form von Resignation und Selbstmitleid bekämpfendes, stimmungsvoll ruheloses Bekenntnis, immer wieder mal im Laufe eines Lebens einen Neuanfang, mag er noch so radikal sein, vollziehen, und eben seine „eigenen Wege“, und nur diese, unvorhersehbaren Schritte, gehen zu müssen: „Eigene Wege / sind schwer zu beschreiben / sie entstehen ja erst beim Gehen“! Die „eigenen Wege“ führen schnurstracks zum trotzigen, aufbauschenden (NICHT aufgebauschten) „Springsteen-meets-Street-Fighting-Man“-Riff-Rock-Feuerwerk „Jetzt erst Recht“, das von einem satten, rockigen, treibenden Groove, verbunden mit lauten E-Gitarrenwällen und schwerem, scheppernden Schlagzeug-Beat, ebenso leibt und lebt, wie von seinem hymnischen, aufbauenden, geradezu aufwiegelnden Refrain voller Revolutionsappeal: „Egal, was Ihr versprecht / Ihr bleibt immer dumm und schlecht / Aber nie wird's Euch gelingen / daß Ihr Traum und Wahrheit brecht: Jetzt erst recht!“ - Ein krosser, voranpreschender Stadionrocker per Excellance – wären da nicht die scheinbar Tausenden übereinander gemischten Synthesizerspuren gewesen… Im erneut übermäßig mit technischen Spielereien ausgestatteten, ansonsten gar nicht mal soooo üblen Radio-Rockdrama „Die Offene See“ verstellt die vollmundige Produktion die per se ansprechende, eingängige Rock/Pop-Kreation aus der Feder von HRK ad Personam; mannigfaltige Synthesizer (die von Ferne an „It’s a Sin“ und ähnliche Clubhämmer eben von den „Pet Shop Boys“ gemahnen) lassen die nötigen, wuchtigen Power-Gitarren unnötiger Weise in den Hintergrund geraten. Dies heißt leider: Auch „Die Offene See“ ist mal wieder, trotz überaus gelungener Ansätze, „weder Fisch“ (gehobener, ehrgeiziger Rock), „noch Fleisch“ (zeitnaher, leicht verdaulicher Poprock/Softrock fürs Dudelprogramm), geschweige denn „Tofu“ (womöglich Nightlife-tauglicher Disco-Dance-Pop mit lyrischem Anspruch)! Es folgt die schnelle, harte, rabiat laute Heavy-Punk-Explosion „Amok“, die HRK als radikal verletzlichen und zutiefst verletzten Brachial-Anarchisten voller verzweifeltem Hass auf alles und jeden zeigt, und v.a. in lyrischer Hinsicht zu den besten Stellungnahmen auf „Einer für alle“ zählt: „Amok – Mädels sind wie Schaschlik / Amok – ich spieß Euch alle auf / Amok – keiner stirbt so gern alleine / Amok – jetzt drück ich drauf!“
Nach bereits erwähnter erster Single „Fetter Pappa“, verläuft sich „Einer für alle“ in die Unendlichkeiten der offenkundigen Bedeutungslosigkeit: „Bring mich zur Welt zurück“ ist ein saft- und kraftloses Pop-Rock-Schlager-Nümmerchen im angezogenen Tempo, das so mau und müde klingt, als hätten Purple Schulz oder die Münchener Freiheit drei Tage und Nächte lang nicht geschlafen, vollgepfropft mit süßlich aufbereiteten Klischeevorstellung über die erste Vaterwerdung eines zuvor so fragenden, rast- und ruhelosen Mannes. Das zuckrige Melodiechen tropft ins eine Ohr schläfrig hinein, und rinnt zum anderen wieder heraus, ohne irgendetwas Bleibendes hinterlassen zu haben. Mit sechseinhalb Minuten „Schutt und Asche“ endet die 1988er-Aufwartung des HRK. Ein semiklassisches, geradezu aufgedunsenes Streicherintro führt in eine möchtegern-spannende, episch ausschweifende Klangkaskade, verhaltend rockig, aber ohne genau identifizierbare Melodie; ziellos und dahinschwappend vor sich hin wabernd, wie – leider – ein nicht unbedeutender Teil der hier vorgestellten HRK-CD „Einer für alle“. 
 
Selbst, wenn der Künstler 1999 ebenjene Monumental-Klangkaskade „Schutt und Asche“ als einen seiner „drei ewigen Lieblingstitel“, als Teil seiner „Heiligen Trilogie“, bezeichnet hat, überwiegen auf „Einer für alle“ Durchschnittlichkeit und Austauschbarkeit. So habe ich, wenn ich mich Recht erinnere, nach der im Spätherbst 1988 stattgefundenen Tournee zu dieser LP, die Heinz und Verstärkung am 18. Dezember 1988 auch in die Hamburger Sporthalle Alsterdorf geführt hatte, wo leider die weiterhin wichtigen und richtigen Texte oft in einem üblen Soundbrei untergingen, kaum noch Titel aus „Einer für alle“ bei Kunze-Auftritten gehört. Abgesehen von „Jetzt erst Recht“ (zuletzt ‚live’ vernommen im Sommer 2000 beim Münchener „Tollwood“) und natürlich dem immer wieder gern gespielten und stets lautstark eingeforderten „Meine eigene Wege“, sind die meisten Lieder von Kunzes 88er-Statement, häufig nicht ganz zu Unrecht, spätestens nach der 1991er-Tournee „Ein Abend mit Brille“ längst dem Vergessen anheim gefallen. Heutzutage wirkt „Einer für alle“ über weite Strecken orientierungslos, eilig zusammengeschustert. Heinz und seine Musiker schienen nicht gewusst zu haben, ob sie weiterhin in Richtung „echte Popstars“ arbeiten wollten, oder sich wiederum anspruchsvollem, textbezogenen Deutschrock, jenseits von Formatradio, Samstagabendshows, Hitparaden, Teenieblättern und Hausfrauenmagazinen, widmen sollten. Die Kritiker reagierten reserviert, der „Musikexpress“ vergab gerade mal drei von sechs möglichen Punkten (gleichbedeutend mit: nicht übel), „Stereoplay“ bewertete die LP als „befriedigend“; in den einheimischen Albumhitparaden wurde zwar Rang 13 erreicht, aber nach acht Wochen war die LP/CD schon wieder aus den „Top 75“ verschwunden. Heinz selbst gab 1999 über „Einer für alle“ zu Protokoll, er und seine musikalischen Begleiter hätten „auf diesem Album nur Fehler gemacht“. Doch aus dem Abstand heraus betrachtet, stellte er vor 15 Jahren fest, möge er gerade diese Platte immer mehr. Somit ist es nicht verwunderlich, dass „Einer für alle“ nun ausgewählt, und als Limitierte Sonderedition in Form einer Doppel-CD via RAKETE Medien neu aufgelegt wurde, nachdem Heinz’ einstige Company WEA/Warner Bros. schon 2009 die vier kommerziell einträglichsten HRK-Klassiker „Dein ist mein ganzes Herz“, „Wunderkinder“, „Brille“ (1991) und „Kunze: Macht Musik“ (1994), um unveröffentlichtes Material angereichert, liebevoll aufbereitet hatte.
 
So befindet sich auf CD 1 von vorliegender Neuauflage das so eben beschriebene, zehnteilige Programm des Originalrepertoires von „Einer für alle“, von dem, wie geschildert, „Meine eigenen Wege“ längst historischen Status erzielt hat, und „Jetzt erst Recht“, „Wehr Dich“ und „Fetter Pappa“ zumindest aus der Zeit heraus als ordentliche Wertarbeit bezeichnet werden können. Zusätzlich fand die inkriminierte Peinlichkeit „Liebe ist Zärtlichkeit“ der Vollständigkeit halber erstmals den Weg auf eine CD. Wir vernehmen zudem die fünfeinhalbminütige Maxiversion der „eigenen Wege“ – nun folkorientiert, mit Akkordeon und Dobro angereichert, zu einem durchaus ausufernden, aber keinesfalls überfrachteten oder gar hypertroph anmutenden Monumentalchanson ausgewalzt –, sowie den ebenfalls trefflich verlängerten Maxi-Mix des skurrilen „Fetten Pappas“, inkl. eines völlig pop-untypischen Querflöten-Solos und zig Heiner Lürig’scher Klangexperimente, die ein gewohntes Single-Konzept gesprengt hätten. Den krönenden Abschluss des ersten Tonträgers der Neuedition von „Einer für alle“, bildet zunächst eine erst im September 2000 im westfälischen Siegen entstandene, äußerst erdige, nun ganz und gar nicht mehr technisch verkleisterte, vielmehr im E-Gitarrenkontext konstruktiv drastisch aufgedonnerte Heavy-Blues/-Rock-Liveaufnahme von „Jetzt erst recht“, die alles das aus dem per se großartigen Lied herausholt, was in der Studioversion 1988 unverdientermaßen hinter Türmen aus Synthis und Sequenzern fortgesperrt blieb. Schlussendlich ist ein augenzwinkernd mit soften SM-Insignien spielender Videoclip zu „Reise um die Welt“ – Heinz per Seil und/oder Handschellen verbunden mit einer Frau, die aussieht, wie eine jugendliche Sabine Leutheusser-Schnarrenberger – als Bonustrack in Augenschein zu nehmen.
 
Die zweite CD der hier analysierten Limitierten Sonderauflage von „Einer für alle“ beinhaltet den am 14. Februar 1989 in der Ost-Berliner „Werner-Seelenbinder-Halle“ aufgezeichneten, ersten solistischen Live-Auftritt Heinz Rudolf Kunzes und seiner „Verstärkung“ in der längst vom Untergang gezeichneten DDR. Bereits ein Jahr zuvor, hatte ihm Musikproduzent und ‚Kultur-Mittelsmann’ Dr. Diether Dehm erste Konzertoptionen in Ostdeutschland vermittelt. Das dortige Livedebüt des HRK fand am 19. Juni 1988 im Rahmen der musikalischen „Friedenswoche der Jugend“ ‚open air’ auf der Radrennbahn in Berlin-Weißensee statt, im darauffolgenden Frühjahr trat Heinz erneut in Ost-Berlin auf. Ein Teil des damals aufgeführten Programms wurde bereits Anfang 2011 via der vierteiligen, historischen CD/DVD-Sammlung „In alter Frische“ erstmals überhaupt veröffentlicht, weitere 14 Titel dieses über zweistündigen Konzerts sind nun für die Bonusscheibe von „Einer für alle“ in der 2014er-Edition klanglich überarbeitet und als perfekt tönendes Livealbum aufbereitet worden. Zu hören sind – ohne jegliche Überschneidung zur Bonus-CD von „In alter Frische“ – ausgewählte „Einer für alle“-Beiträge („Meine eigenen Wege“, „Fetter Pappa“, „Amok“), neben persönlichen Geheimtipps des auch von seinen Freunden jenseits der Zonengrenze begeistert aufgenommenen Künstlers („Regen in Berlin“), stilistisch abseitigeren, konstruktiv aufgebrezelten Albumhämmern („Der Schlaf der Vernunft“, „Ich glaub, es geht los“, „Brennende Hände“) oder hinreißenden Frühwerken („Für nichts und wieder nichts“, im folklastigen Akustikarrangement). Dazu gibt’s zwei legendäre Sixties-Coverversionen („A Salty Dog“ von “Procul Harum“, 1969, und „Keep on Running“ von der Spencer Davies Group, 1965) zu genießen, sowie – in der stasidurchzogenen DDR fraglos ein provokatives Wagnis – die bitterböse, geradezu zynische Geheimdienstparodie “Sicherheitsdienst”, die als ultimativer Höhe- und Schlusspunkt der livehaftigen Bonus-CD, nur noch gefolgt vom ultimativen Megahit „Dein ist mein ganzes Herz“, in einer ausschließlich von den Stimmen der „Verstärkung“ getragenen A-cappella-Version ertönt, die zuvor nur auf der (seinerzeit ebenfalls streng limitierten) WEA-Doppel-CD „Non Stop“ zum Weihnachtsgeschäft 1999 erhältlich war.
 
Fazit: “Einer für alle”, dieses fleisch- bzw. klanggewordene „zweischneidige Schwert“, erschien nun kürzlich also in einer soundtechnisch auf den neuesten Stand gebrachten Reanimierung als limitierte Doppel-CD, und präsentiert, allen handwerklichen Fehlern zum Trotz, eine fraglos spannungsgeladene und diskussionswürdige Zeitreise in die – wie eingangs beschrieben – populärmusikalisch nicht sehr aufregenden ausgehenden 80er Jahre. Heinz Rudolf Kunze stand damals auf dem Sprung in Richtung ‚echter Popstar’. Vorliegende Produktion sollte den Weg zu einem solchen Status ebnen, beinhaltete aber leider – bzw. aus heutiger Sicht: gottseidank – zu viele selbst verursachte Schlaglöcher. Nach einem weiteren, noch unausgegoreneren Rock-Pop-Schlager-Versuch 1989 namens „Gute Unterhaltung“, bekam HRK im Frühjahr 1991, dem Himmels sei es gedankt, beginnend mit dem grandiosen Deutschrock-Meilenstein „Brille“, doch noch die Kurve – und schuf nach Anbruch der 90er Jahre wiederum mit beiden Beinen im Rock-Leben stehende Kunstwerke für die Ewigkeit.
„Einer für alle“ mag eine Vielzahl Fehler und Mankos repräsentieren – im Abstand von über einem Vierteljahrhundert erscheinen diese allerdings als immer liebenswerter und natürlich verzeihbar, so dass die musikgeschichtliche Aufarbeitung dieser Phase im vielfältigen kreativen Schaffen des Heinz Rudolf Kunze mit ironischem Abstand, aber dennoch viel, viel Wohlwollen fortgesetzt werden sollte. „Einer für alle“ in der Neuversion bietet dazu allererste und allerbeste Gelegenheit!
(Holger Stürenburg)
 
 
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