hrkdeutsche1 20140124 1668501554 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Deutsche singen bei der Arbeit"
Heinz Rudolf Kunze
Rakete Medien
24.01.2014

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Rezension:
Am Freitag, dem 1. März 1985, irgendwann mitten in der Nacht auf den darauf folgenden Samstag, endete der erste Abschnitt der bis dato knapp fünfjährigen musikalischen Laufbahn des (damals noch) sehr menschenscheuen, zugleich aber überaus talentierten‚ wortgewandten und hoch gebildeten‚ ‚zornigen, jungen Mannes’ Heinz Rudolf Kunze. Der für den ARD-„Rockpalast“ aufgezeichnete, über zweistündige Auftritt des kaum 30-jährigen, auf den ersten Blick so schüchtern und bieder wirkenden Pianobarden, der an jenem späten Freitagabend zu Beginn der Hamburger Frühjahrsferien in der „Markthalle“ in ebenjener Elbmetropole stattfand, beschloss dessen Zusammenarbeit mit seinem Entdecker, Mentor und stetem musikalischen Begleiter Mick Franke. Mit diesem hatte er zuvor vier LPs aufgenommen, die allesamt in den Feuilletons mit höchstem Lob überschüttet worden waren, von vergeistigen Gymnasiasten und Studenten ebenso hoch verehrt wurden, wie von weltschmerzenden Elfenbein-Intellektuellen, aber letztlich viel zu oft viel zu versponnen, gar womöglich zu kalt, zu widerspenstig, zu wenig klangvoll und kaum groovig arrangiert worden waren, so dass der erwartete kommerzielle Durchbruch, trotz begeisterter Kritiken für die wahrhaft phantastischen, aber eben nicht leichtverdaulichen Liedbeiträge auf den zwischen 1981 und 1984 entstandenen LPs, kaum mehr möglich schien. Franke hatte Kunzes punktgenaue, so provokante, wie verletzliche Verbalinjurien oft zu spröde, ganz und gar nicht auf Massentauglichkeit bedacht, inszeniert, so dass im Frühjahr 1985 eine Kehrtwende vonstatten gehen musste, da ansonsten womöglich die Unterstützung von Heinz’ damaliger Plattenfirma WEA mehr als nur auf der Kippe stand. So lud er zu diesem legendären „Markthallen“-Gig den Hannoveraner Gitarristen, Komponisten und Arrangeur Heiner Lürig ein, der zuvor bei der NDW-Combo BERNWARD BÜKER BANDE die Saiten geschlagen hatte, nun, inkognito in der „Markthalle“, unweit des Hamburger Hauptbahnhofes gelegen, anwesend war und das Konzert seines künftigen optionalen Arbeitgebers fachmännisch begutachtete. Obwohl Mick Franke garantiert geahnt haben musste, dass dieser phänomenale Auftritt sein letzter mit HRK und der Rest-„Verstärkung“ (damals bestehend aus Peter Miklis am Schlagzeug, Thomas Bauer am Keyboard und Joschi Kappl am Bass) sein würde, gab er an diesem Abende noch einmal alles (deutlich nachhör- und –sehbar auf der Anfang 2011 veröffentlichen CD/DVD-Box „In alter Frische“, im Rahmen derer, neben weiteren Klasse HRK-Live-Aufwartungen der Jahre 1985 bis 1994, auch der konzertäre Höhe- und Schlusspunkt der Ära Kunze/Franke in der Hamburger „Markthalle“, in voller Länge bedacht wurde!).

 
Bald darauf trafen sich Kunze und sein neuer Mann Heiner Lürig erstmals zu einer Arbeitssitzung und zeugten bereits bei der ersten Zusammenkunft vier Wochen später am Küchentisch im Hause Lürig zwei spätere Kunze-Klassiker, darunter der britisch geprägte, schräge Rock/Wave-Hammer „Fallensteller“, der bald darauf auf der ersten LP des taufrischen Deutschrock-Teams Kunze/Lürig, „Dein ist mein ganzes Herz“, zu Ehren kam und noch heute als erstes reales Highlight dieser kreativen Kooperation gilt. Nur wenige Monate nach beschriebenem „Rockpalast“-Konzert in der „Markthalle“, stellte HRK am 23. Juli 1985 seinen neuen Gitarristen Heiner Lürig (sowie einige zuvor unveröffentlichte Lieder, die erstmals im Herbst desselben Jahres auf „Dein ist mein ganzes Herz“ der Öffentlichkeit zugänglich wurden) dem von jeher sehr treuen, stets aber auch überaus kritischen Hamburger Publikum vor. Der Verfasser dieser Zeilen, damals 14 Jahre alt, war an jenem Abend in der Altonaer „FABRIK“ zugegen und konnte somit schon sehr früh bestätigen, dass der versierte, schlaksige Heiner Lürig aus dem zuvor oft scheuen, gar depressiv anmutenden Klavierchansonnier HRK recht schnell einen (wenn auch mit Augenzwinkern und von deutlich ironischer Distanz geprägten) ‚lustvollen Rock’n’Roller’ geschaffen hatte. Nicht nur die brandneuen Titel, die ich am 23. Juli 1985 erstmals zu Gehör bekam, waren durchzogen von echtem, erdigen Rockfeeling und praktikabel ausgestattet mit kommerztauglichem Popappeal. Auch nicht wenige Klassiker aus den ersten vier Alben, die einst noch mit Mick Franke entstanden waren, bekamen eine unüberhörbare Frischzellenkur, eine notwendige Portion an Quicklebendigkeit und klanglicher Aggressivität, durch den perfektionistisch wirkenden Hannoveraner Lürig verabreicht, der sich zum einen anstandslos ins bestehende Bandkonzept  der „Verstärkung“ eingefügt hatte und zudem im Laufe der Zeit so etwas wie eine Art „Mastermind“, ein „musikalischer Direktor“, der HRK stets „verstärkenden“ Truppe werden sollte. Zwar gab es an jenem Dienstagabend in der „FABRIK“ noch vereinzelte „Wir wollen Mick Franke wiederhaben!“-Rufe von puristischen Altfans zu hören, aber letztlich merkte jeder Anwesende einwandfrei, es läge förmlich in der Luft, dass HRK mit seiner erneuerten Combo bald zu den ganz großen Namen im seinerzeit prächtig blühenden, deutschsprachigen Rockspektrum zählen würde.
 
Der Rest ist Historie: Die am 25. Oktober 1985 veröffentlichte LP „Dein ist mein ganzes Herz“ schrieb wahrlich Musikgeschichte. Sie beinhaltete eine phantastische Mischung aus rockigen, poppigen, zunehmend durchaus radiokompatiblen Edelkompositionen, oft aus der Feder von Heiner Lürig, und gewohnt bissigen, nicht selten sogar die Grenzen zum Zynischen streifenden, aber kaum noch episch ausufernden, vielmehr sehr prägnanten, detailliert und zielorientiert ausformulierten lyrischen Ergüssen, wie immer in ihrer ganzen Pracht ersonnen von Meister HRK ad Personam. Diese handelten sowohl von zeitnahen politisch/gesellschaftlichen Themenkreisen, als auch – erstmals überhaupt in der Karriere Kunzes – von Liebe und anderen zwischenmenschlichen Gegebenheiten. Die gleichnamige Single stürmte im Frühjahr 1986 bis auf Rang 8 der offiziellen deutschen „Top 75“ der „Media Control“, wurde zwar von vielen Käufern, insbesondere den jüngeren, ansonsten eher pophörigen Singlefetischisten, inhaltlich konsequent missverstanden – erwuchs aber trotzdem (oder gerade deshalb?) zu einem der bis heute gefragtesten muttersprachlichen Rocksongs der 80er und gilt noch anno 2014 als wahrer Meilenstein teutonischer Popkultur. Die LP stand dem in nichts nach, erreichte ebenfalls den achten Rang der Hitlisten – und die für Januar/Februar 1986 angesetzte, große Deutschlandtournee von Heinz Rudolf Kunze & Verstärkung brach alle Rekorde. Erstmals reichten kleinere Clubs a la „Markthalle“ oder „FABRIK“ nicht mehr aus; größere Hallen mussten angemietet werden und waren nicht selten bis auf den letzten Platz ausverkauft.
 
Kaum war diese monatelange Konzertreise, der im Sommer 1986 aufgrund der starken Nachfrage noch zig Open Air-Termine drangehangen werden mussten, beendet, schon erschien fast auf den Tag genau nach „Dein ist mein ganzes Herz“  am 23. Oktober 1986 ein weiteres, schier brillantes Studiomeisterwerk von HRK. Auch „Wunderkinder“ bot perfekten Pop/Rock mit genialischen Texten; die bis heute unvergessenen und immer wieder bei Livekonzerten eingeforderten Gassenhauer daraus hießen „Mit Leib und Seele“ oder „Finden Sie Mabel“, die von Januar 1987 bis in den Sommer hinein dauernde Tournee glich erneut einem Triumphzug. Da HRK zwischenzeitlich einen „Zweitjob“ als Übersetzer und Bearbeiter internationaler Musicals gefunden und in diesem Zusammenhange den Auftrag bekommen hatte, das ursprünglich auf französisch verfasste Singspiel „Les Miserables“ ins Deutsche zu übertragen, gab es von ihm 1987 keine neue Studio-LP. Stattdessen entschied man sich, immer noch fassungslos staunend über den enormen, letztlich unerwarteten Erfolg der Tourneen zu „Dein ist mein ganzes Herz“ bzw. „Wunderkinder“, bei denen rund 100.000 Zuschauer in über 80 Konzerten erreicht wurden, ein neues Livealbum von Heinz Rudolf Kunze und seiner „Verstärkung“ zusammenzustellen, das die besten Mitschnitte ebenjener beiden Konzertreisen für den Fan komprimiert auf zwei LPs/CDs präsentierte.
 
Das Ergebnis heißt „Deutsche singen bei der Arbeit“, erschien am 1. Oktober 1987 seinerzeit bei WEA, und stellte die zweite Live-Scheibe in der Karriere des Heinz Rudolf Kunze dar. Der erste Konzertmitschnitt war bereits Anfang 1984 veröffentlicht worden, ebenfalls auf zwei LPs, bestand ausschließlich aus den Kooperationen von HRK und Mick Franke und nannte sich „Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde“. Diese sehr text- bzw. wortlastige Doppel-LP/CD voller sarkastischer Beschreibungen des Status Quo im Jahr Eins nach der „geistig-moralischen Wende“ des Herbstes 1982, im Spannungsfeld von Raketenstationierung, konservativer Rückbesinnung, marktwirtschaftlicher Erneuerung und unaufhaltsamer technischer Modernisierung, ist kürzlich ebenfalls bei RAKETE Medien, um zig Bonustracks erweitert, neu aufgelegt worden, weshalb ich sie an dieser Stelle in Bälde ebenfalls würdigen werde. 
Die 1987er-Erstauflage von „Deutsche singen bei der Arbeit“ enthielt 20 Liveaufnahmen neuerer, wie älterer HRK-Titel, sowie eine Coverversion von Creedence Clearwater Revival’s Rockklassiker „Hey tonight“. Die wie immer süffisanten, exakt den wunden Punkt treffenden Sprechtexte, mit denen HRK schon von jeher seine Konzerte zu einem ganz besonderen Genuss werden ließ, fehlten jedoch – sie waren ausschließlich auf den LP-Inletts bzw. im CD-Beiheft (in Miniaturschrift!) abgedruckt.
Dies ist nun bei der brandneuen, „Bootleg Edition“ genannten Zweitauflage des Live-Doppelalbums gänzlich anders: Heiner Lürig gab im Zuge der Kompilation der Neuauflage zu Protokoll, ihm sei es bei der Zusammenstellung der verschiedenen Mitschnitte der „Wunderkinder“-Tournee „um eine genaue Rekonstruierung eines dieser Konzerte gegangen, um die besondere Ausstrahlung dieser Tournee wiederholbar und erlebbar zu machen“. Zudem wurden fünf Titel herausgesucht, die ausschließlich auf der „Dein ist mein ganzes Herz“-Tour gespielt wurden, keinen Eingang mehr ins Liveprogramm von „Wunderkinder“ schafften und 1987 den ansonsten im Rahmen von „Wunderkinder“ aufgezeichneten Liedern untergemischt worden waren. 
 
So kann jeder – ob er damals dabei war oder nicht – nachvollziehen, mit welch ungestümer Kraft HRK und seine „Verstärker“ im Anschluss an die Veröffentlichung von „Wunderkinder“ Abend für Abend weit über zwei Stunden lang ihre Fans konzertär in Begeisterung versetzten. Und jetzt beim ersten Hören von CD-01 hier analysierter Neuauflage von „Deutsche singen bei der Arbeit“ fühle ich mich sogleich zurückversetzt zum 11. Februar 1987, als HRK und die Seinen zum ersten Male mit diesem Repertoire im Hamburger Club „KNOPF’s“ (heute: „DOCK’s“ bzw. „D. Club“) gastierten - wobei in diesem Zusammenhange angemerkt werden muss, dass Heinz an jenem Abend, kurz vor Beginn des Zugabenteils, einen Schwächeanfall erlitt, so dass er diesen Hamburger Auftritt bereits nach dem Titel „Dein ist mein ganzes Herz“ abbrechen musste und die hanseatischen HRK-Fans erst am 23.05.1987 in den Genuss eines vollständigen „Wunderkinder“-Konzerts kommen sollten!
 
Das auf der aktuellen Sonderedition von „Deutsche singen bei der Arbeit“ in detaillierter Ablauffolge gehaltene, in der Hansehalle zu Lübeck mitgeschnittene Standard-Konzert der 1987er-Tournee begann, nach einem knappen Intro, im Rahmen dessen Heinz bereits frühzeitig seine Begleitmusiker, vulgo: Die „Verstärkung“, vorstellte, die seinerzeit bestand aus Heiner Lürig (git), Joschi Kappl (b), und Peter Miklis (dr), ergänzt durch Martin Huch (git) und Christian Vogelberg (key), mit einer rasanten, einwenig aufgedonnerten Auslegung desjenigen so historischen, wie kongenialen Pop-Rock-Hymnus, der der (damals) aktuellen LP mitsamt dazugehöriger Tour ihren Namen verpasste: „Wunderkinder“, eine bitterböse, vierminütige, chronologisch gehaltene Aufspießung der deutschen Nachkriegsgeschichte voller sarkastischer Gedankenspiele, beginnend in Heinz’ Geburtsjahr 1956, hineinführend bis in die mittleren 80er Jahre, nach Kohl-„Wende“, NATO-Nachrüstung und Tschernobyl. Dieser kraftvoll erklingenden Geschichtsstunde folgte der nicht weniger bombastische, überdrehte Phil-Collins-trifft-Elton-John-Verschnitt „Dies ist Klaus“, bei dessen ersten Zeilen die gesamte Lübecker Hansehalle nicht nur zu beben, sondern – deutlich nachzuhören – auch lautstark mitzusingen schien! Der eindeutige, aber trotzdem immer wieder offenbar absichtlich missverstandene Ausruf „Ich bin auch ein Vertriebener“, Heinz’ – wie er 1985 sagte – eigene „Antwort auf „Born in the U.S.A“, ist durchaus ein widerspenstiges Bekenntnis zur Heimat in der Heimatlosigkeit, wurde aber allzu häufig von linksprogressiven, wie nationalkonservativen Kreisen gleichermaßen missinterpretiert und ungefragt in ihrem Sinne ausgelegt. So sah sich der selbsternannte „Vertriebene“ nach der Intonation seines entsprechenden Liedes dazu genötigt, in gewohnt ironisch-sarkastischer Manier eine „Bemerkung in eigener Sache“ abzugeben, sich vom seinerzeigen Geschäftsführer des Bundes der Vertriebenen (BdV) „Adolf (dafür kann er nichts) Meichsner“ nicht für dessen politische Zwecke vereinnahmen zu lassen und jetzt und in Zukunft keinerlei „Gebietsansprüche jenseits seiner eigenen Haustür“ stellen zu wollen.
 
Es folgte mal wieder einer von Heinz’ unvergleichlichen verbalanarchistischen Zwischentexten, in denen er von Anbeginn seiner Karriere an stets den jeweils herrschenden Zeitgeist auf bitterböseste Art und Weise karikierte und manches bereits von vornherein Absurde in absurder Manier nochmals ad absurdum führte. Unter dem Motto „Ein ziemlich schlaffer Sack“ sinnierte der einstige „Niedermacher“ in phantastischer Ausprägung über „fünf Jahre Zwangsarbeit in Wackersdorf“, als Strafe „für einen Lachanfall vor einem Wahlplakat“, auf dem damals oft die deutsche Fahne abgebildet war (vgl. SPD zur BTW 1987), „wegen ‚Verunglimpfung nationaler Symbole’“, über den imaginären Sponti-Spruch „Fritz Rau statt Johannes Rau“, oder die militante Aussteigerin Inge, die sich im Untergrund den „Lila Maulwürfen im Zeitalter des Megawatt“ angeschlossen hatte und an ihrem Ex nur noch guthieße, dass er nun „ihren Körper nicht mehr imperialistisch begaffe“. Knapp drei Minuten Gift und Galle gegen alle irrsinnigen Alltäglichkeiten und jeglichen alltäglichen Irrsinn der mittleren 80er in brillantester Wortwahl und Ausformulierung!
Daraufhin ging’s versöhnlich weiter mit Heinz’ bis heute hoch angesehenem Radio-Dauerbrenner „Mit Leib und Seele“, im September 1986 langersehnte Vorab-Auskoppelung aus „Wunderkinder“, und seitdem aus den Liveprogrammen des großen Deutschrockers „mit (damals) festem Wohnsitz Osnabrück“ nicht mehr wegzudenken. Die vom US-amerikanischen Krimiautor Raymond Chandler und dessen Figur „Philip Marlowe“ inspirierte, ohrwurmgemäß aufbereitete, treibend-rockende Detektivgeschichte „Finden Sie Mabel“, ebenfalls bis in die Jetztzeit hinein ein unvergesslicher Evergreen und Fanfavorit, setzte das Konzertrepertoire 1987 fort, dicht gefolgt von dem aussichtslos erscheinenden, wolkenverhangen-regentrüben Erotikdrama „Fallensteller“, das ‚live’ im schwermütigen, konsequent E-Gitarrenlastigen Wave-Rock-Gewand daherkam und zu den speziellen Geheimtipps aus Heinz’ lustvoller Rock’n’Roll-Offenbarung „Dein ist mein ganzes Herz“ zählt. Ob andere dies auch so sehen, vermag ich nicht zu sagen; für mich war „Fallensteller“ im dunklen Herbst 1985 mein absolutes Lieblingslied und ist zugleich, neben dem mir inhaltlich sehr nahe kommenden „Vertriebenen“, bis heute mein persönlicher Favorit aus dem in ebenjenem Jahr erschienenen, vielzitierten LP-Meisterwerk. Es wurde nun noch düsterer in HRKs garstiger Stellungnahme zu Tierversuchen in den Giftgaslabors der Bundeswehr „Herr & Hund“, woran das dunkel-bedrohlich, langsam aber unsicher, knapp sechs Minuten lang in Richtung Abgrund stützende Synthidrama „Kadaverstern“ (aus „Wunderkinder“) anschloss.
 
Die Kunstfigur „Kilian“, eine Art „Alter Ego“ des Heinz Rudolf Kunze, die nicht auszurechnen war, und in dessen frühen Karrierejahren oft die Hauptperson in vielen, längst legendären Sprechtexten darstellte, mit denen der Star des Abends ein ums andere Mal seine Auftritte versüßte, stellte sich im Epos „Ein reichlich religiöser Mensch“, als „Kronzeuge gegen Deutschland“ zur Verfügung, der gerne in der Bibel die Bekennerbriefe des Apostels Paulus, „des meistgesuchten Terroristen der Spätantike“, las. Er beklagte zudem, dass jeden Tag „zur besten Sendezeit ein Überfall auf die Sprache“ stattfände und erklärte wortgewandt und trefflich zynisch, warum er „jedes Kanzlerinterview“ für eine „schwarze Messe“ hielte – Worte, wie Bomben, die immer wieder mitten ins Schwarze treffen!
 
Als häufiger Diskussionsgegenstand galt seinerzeit Kunzes (für einige: zu) verständnisvolle musikalische Aufarbeitung des zähen Nicaragua-Konflikts jener Tage: In der gedämpften Synthiballade „In der Sprache, die sie verstehen“, einem der „ewigen Lieblingslieder“ des Erschaffers selbst, sprach sich dieser relativ unverhüllt für eine mögliche Waffennutzung der nicaraguanischen Bevölkerung gegen die von den USA finanziell unterstützte Rebellentruppe „Contras“ aus. Eine unter Federführung von Heiner Lürig zu einer krossen, hoch spannenden, wiegenden Rhythm’n’Blues-Nummer im Stile von Canned Heat’s elektrisierendem Hippie-Rocker „On the Road again“ umgestaltete Neuversion der bitterstbösen 1981er-Zeitgeist-Abrechnung „Für nichts und wieder nichts“ (aus der Debüt-LP „Reine Nervensache“) und die augenzwinkernde, vertrackt-poppig-rockig-zackige, besonders lyrisch graziös-brillante Verhohnepiepelung der immer wieder mal auftretenden, wahnwitzigen UFO-Hysterie, diesmal in „Bielefeld bei Nacht“ (Textzitat), „Das All ist Deutsch“, leiteten über zu ein paar aus der Zeit heraus fraglos verständlichen, heutzutage jedoch einwenig arg plump und schwarz/weiß-malerisch wirkenden Gedanken zu „Bullen“ und dem herrlich zynischen Korruptions-Ska-Reggae „In der Lobby ist noch Licht“, der zutiefst ironisch zugespitzt über die Lobby als den „Führerbunker im Kontokrieg“ berichtete; beide Titel stammen aus „Wunderkinder“. Bis heute die textliche Aussage nicht so recht verstanden habe ich dagegen von dem irgendwie unnötig aufgesetzt wirkenden, viel zu nervösen, unruhigen und allzu übermäßig brodelnden Funk-Pop-Rock-Gemisch „Der Schlaf der Vernunft“, das ebenfalls der 1986er-LP entnommen war. Der nur scheinbar liebliche, lyrisch vielmehr radikal verzweifelte Schleicher „Madagaskar“ hatte ein Jahr zuvor auf „Dein ist mein ganzes Herz“ das Licht der Welt erblickt. Es geht darin um einen fassungslosen Menschen, dem es nicht in den Sinn kommen mag, wie ein Wiener Postkartenmaler es vermochte, Millionen Andersdenkende innerhalb nur weniger Jahre in den Tod zu treiben. Dies könne doch gar nicht möglich gewesen sein, zermartert sich der Zweifelnde sein Gehirn, dies übersteige doch die Vorstellungskraft eines jeden. So versucht das Lied-Ich, sich in all seiner Fassungslosigkeit über den Holocaust, in einen im Dritten Reich oft verbreiteten, aber niemals umgesetzten Propagandaplan zu flüchten, Hitler habe die Juden ja gar nicht vergasen, sondern vielmehr weit, weit ab ‚vom Reich’, auf der damaligen französischen Kolonie „Madagaskar“ im indischen Ozean unterbringen wollen. Eine so ehrliche, wie unpathetische Stellungnahme des „Vertriebenen“ HRK im Zuge von „geistig-moralischer Wende“ und Reagan-Besuch in Bitburg im Mai 1985, der in jeder gesungenen Zeile seiner unzähligen Lieder, trotz aller gesungener (vordergründiger?) Distanzierung, weitaus mehr intime, zerbrechlich-zerbrechende Nähe zu Deutschland, seiner Geschichte, seiner historisch begründeten Sonderstellung, aufweist, als er es sich vermutlich selbst einzugestehen vermag. 
 
Weiter ging es mit dem erneut trefflich gewitzten Intermezzo „Kein Beispiel mehr“, in dem es sich um die Folgen der „Flick-Spendenaffäre“ dreht, um des korpulenten Oggersheimers legendenbehaftetes „Blackout“ im dazugehörigen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages, die Seuche „AIDS“ als „Absolute Immunität der Schurken“ und die augenzwinkernd zusammenphantasierte Hochzeit der beiden schnieken „Modern Talking“-Herrschaften Dieter und Thomas, die plötzlich Sandra („Maria Magdalena“) und Stephanie („Irresistible“) ehelichen und danach sogleich damit beginnen, all den ganzen Dreck wegzufegen, der uns alle so sehr ärgert – „womit sie zumindest so viel zu tun hätten, dass sie nicht mehr zum singen kämen“!
Aus der von der breiten Öffentlichkeit schmählich missachteten, lyrisch tiefschwarzen, porentief weltschmerzenden 1984er-LP-Höchstleistung „Ausnahmezustand“, fand das so abgeklärte, wie auf dem schmalen Grad zwischen freudiger Hoffnung und ebensolcher, deprimierender –„losigkeit“ balancierende Pianochanson „Der Anruf“ seinen (übrigens überaus verdienten) Weg ins ansonsten ja eher Pop/Rock-konzentrierte Konzertprogramm 1987, wobei hier Bassist Joschi Kappl am sacht untermalenden Akkorden glänzte, bevor der sympathische Loser „Kilian“ mal wieder als gesprochenes Intermezzo an der Reihe war. Er erzählte diesmal, unter dem Motto „Kopf verloren“, über eine surreale Zugfahrt von Frankfurt nach Bonn, inkl. einer Lautsprecherstimme im Zug, die wahrhaftig „die Anschmiegsamkeit Walter Wallmanns“ ausstrahlte, des damals von den neu aufgekommenen GRÜNEN gerne als „Waldi Wallmann, der Heimdackel“ parodierten, allerersten Bundesministers für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit der Kohl-Regierung, der seinerzeit, kurz nach Tschernobyl, schnellst hervorgezaubert worden war, um die aufgewühlten Gemüter (auch und gerade) der bürgerlichen Atomkraft-Hinterfrager zu besänftigen. 
 
„Ich glaub, es geht los“, Kunzes rockiges Eröffnungsopus von „Dein ist mein ganzes Herz“, führte nun fröhlich, powervoll und energetisch in die Zielgraden des Lübecker Konzertes der „Wunderkinder“-Tour, die da hieß, Abteilung: Abrocken und Greatest Hits! Die höllisch heiße, blues- und bläsergetränkte, rasend schnelle, geradezu gehetzte, rennende Dampfhammer-Orgie „Ganz nah dran“, die die kurz vor dem Bersten stehenden Empfindungen zweier Menschen, „ganz nah“ am (sexuellen?) Höhepunkt perfekt, text- und zielsicher auswalzte, lud die über tausend Fans am Holstentor zum wilden Mittanzen und Mitfeiern ein; zur Abkühlung gab’s daraufhin stehenden Fußes die grazile, einerseits aufmunternde, mutmachende und doch so unabänderlich endgültige Liebes-/Trennungs-/Abschiedsballade „Du wirst kleiner, wenn Du weinst“ (1985) zu hören. In „Glaubt keinem Sänger“ (1984) führte Heinz ehrlich und nachdenklich, zugleich rockig, einwenig südamerikanisch angehaucht, aufbrausend und offensiv, sein eigenes Metier ad absurdum. Danach gab’s wirklich kein Halten mehr, als Heinz & „Verstärkung“ ihren hoch melodiösen Ewigkeitsohrwurm „Dein ist mein ganzes Herz“ anstimmten, mit lautstarker Unterstützung der gesamten Besetzung der Lübecker Hansehalle –um danach die Bühne derselben zum ersten Mal zu verlassen. 
 
Zur Darbietung der bestenfalls schwülstigen, realistischer gesagt: übermäßig mainstream-orientierten, schnulzigen, gar mährigen NDR-II-am-Vormittag-Mittelmaß-Ballade „Ich brauch’ Dich jetzt“ (1986), kehrte die davon abgesehen hervorragend aufeinander eingespielte Livecombo erneut auf die ‚Bretter, die die Welt bedeuten’ zurück, woraufhin bald wiederum phonstark abgefeiert wurde: Es erklang Heinz’ phänomenale deutsche Bearbeitung des „Kinks“-Klassikers „Lola“, die – 1987 ‚live’ im zünftigen Reggae-Rhythmus gehalten, erst zum Schluss so richtig drall-punkig losbrechend - m.E. noch weitaus trefflicher und punktgenauer, als das ohnehin schon hervorragende englische Original von Ray Davies, die hinreißende Geschichte der unheimlichen Begegnung eines schüchtern-verklemmten Spätzünders mit jener nicht einzuschätzenden, obskuren Schönheit aus einem schmuddligen Imbiss in Dortmund-Nord, die zwar vordergründig ausschaut wie eine Frau, aber in Wirklichkeit gar keine solche ist, genüsslich und ironisch, wie gefühlvoll gleichermaßen, wortgewandt aufbereitet.
In einem gewitzten (und vokalistisch überaus gekonnt austarierten) A-cappella-Arrangement ertönte nun, ohne jegliche Instrumente aufgeboten, die diabolisch-geniale Geheimagenten-Parodie „Ich wünsch’ mir, ich wär beim Sicherheitsdienst“ – und dann folgte, seinerzeit von mir als absoluter, nicht zu überbietender Konzerthöhepunkt betrachtet, ein weiteres „Lied meines Lebens“: Der mich bis heute pausenlos begleitende, vor unbändigem, intensiven, ja exzessivem Tempo nur so strotzende Riff-Rocker über die dunklen Seiten der Nacht, über alle nur erdenklichen skurrilen Daten, Fakten, Gedanken, Erlebnisse und Ereignisse um 2.30 Uhr, genau gesagt „Nachts um halb Drei“ (Liedtitel), der in meiner damaligen (erst neunten, dann zehnten) Klasse im Lateinunterricht bald zu allem Überfluss sogar als „Ad multam noctam“ bearbeitet auf Latein (!) zum Einsatz kam. „Nachts um halb Drei“ befand sich in der – noch recht spröden – Urfassung auf der (im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich mit dem „Deutschen Schallplattenpreis“ der Phonoakademie) ausgezeichneten 1982er-LP „Eine Form von Gewalt“ und wurde nur drei Jahre später von Heiner Lürig kompromisslos entschlackt, aufgefrischt und zu einem knallig-grellen Rock’n’Roll-Feuerwerk in US-amerikanisch anmutendem Stadionrock-Kontext umgestaltet, so dass mich die Nummer nach 1985 (wo ich sie zum ersten Mal in diesem neuen Kontext ‚live’ vernahm; „FABRIK“/23.07.1985) nun noch mehr in ihren Bann zog, als es zuvor schon ohnehin der Fall gewesen war. Es blieb daraufhin „nächtlich“, als Heinz & Co. den konsequenten Partyreißer „Hey Tonight“ von den US-Swamprock-Heroen Creedence Clearwater Revival laut und heftig zelebrierten – danach war aber wirklich Schluss. Heinz stellte noch einmal kurz seine „Verstärkung“ namentlich vor – und ein fulminantes, lauthals umjubeltes Konzert (hier das aus der Lübecker Hansehalle) einer der besten, ausgewogensten und vor allem auch kommerziell einträglichsten Tourneen von Heinz Rudolf Kunze und seiner Band war nach rund zweieinhalb Stunden unwiderruflich beendet.
 
Als Bonustitel für die Neuauflage von „Deutsche singen bei der Arbeit“, suchte Heiner Lürig, wie eingangs erwähnt, diejenigen Konzertbeiträge heraus, die ausschließlich auf der 1986er-Tour zu „Dein ist mein ganzes Herz“ zum Zuge gekommen waren, aber ein Jahr darauf nicht mehr auf die Setlist gesetzt wurden. Dabei handelt es sich z.B. um das schlitzohrige Cover des banal-genialen Schlagers „Er ist wieder da“ (im jungmädchenhaften Original, 1965 ein Hit für Marion Maerz), mit dem die Auftritte der „Herz“-Tour, nur von der Band, mit dem ansonsten in der damaligen Lake-Formation aktiven Bassisten Joschi Kappel als Leadvokalist, jeweils selbstironisch eröffnet wurden, die pechschwarze, aussichtslose, ja geradezu bedrohlich-morbide  Synthi-Klangkaskade „Maikäfer flieg“ (aus „Ausnahmezustand“) und um eine 1985/86 als versöhnlicher Ausklang eingesetzte Saxophonauslegung von „Einfach nur vorhanden sein“ (dito), damals gespielt von Keyboarder Thomas Bauer. Besonders „Auf der Durchreise“, Heinz’ bizarrer Singlegeheimtipp aus der 1983er-LP „Der Schwere Mut“, von Heiner Lürig nun vom unterkühlten NDW/Synthipop-Drama zu einem kessen, aufmüpfigen Country-Rock’n’Roll transferiert, sowie der ebenfalls von Heiner zu einem feurigen, knisternden Rhythm’n’Blues-Kracher bester Machart umgearbeitete und aufgehübschte „Sicherheitsdienst“, bewiesen schon sehr früh den zunächst wahrhaftig äußerst notwendigen und bald alles verändernden Einfluss des (damals) neuen Gitarristen Heiner Lürig!
 
„Deutsche singen bei der Arbeit“ in der brandneuen „Bootleg Edition“ zeigt den kurz zuvor runderneuerten, aller Schüchternheit und Verklemmtheit entronnenen Heinz Rudolf Kunze, einen jungen Intellektuellen ohne Dünkel, voller Spielfreude, Lust am Musizieren, durchaus durchzogen von politischem Mitteilungsdrang, jedoch vollständig ohne erhobenen Zeigefinger; einen so grandiosen, wie gnadenlosen Rock-Entertainer, der Abend für Abend – ich war damals ja oft Augen- und Ohrenzeuge – seinen Fans sein Bestmöglichstes offerierte. Vorliegende Doppel-CD ist nicht nur eine phantastische Werkschau über die ersten drei Jahre der kreativen Arbeitsgemeinschaft Kunze/Lürig, nicht nur eine frühe Best-of-Kollektion im krachenden Live-Kontext, sondern gleichermaßen ein eindringlich und jederzeit nachempfindbar erklingendes musikgewordenes Zeitzeugnis, eine monumentale Reise in die Tiefen und Untiefen der mittleren 80er Jahre, bestehend aus fast ausschließlich qualitativ höchstwertigen Liedbeiträgen mit dauerhafter Bedeutungsschwere und hör- und spürbarer Ewigkeitsgarantie, garniert mit den wohl besten, prägnantesten und zutreffendsten Zwischentexten, die es jemals auf einer Tournee von Heinz Rudolf Kunze zu hören gab – was gewiss darin begründet liegt, dass HRK damals nicht nur den herrschenden Zeitgeist begierig und detailgetreu aufspießte, parodierte und karikierte, sondern er selbst – eben Dank seiner radiofreundlichen Ohrwürmer von „Dein ist mein ganzes Herz“ bis „Mit Leib und Seele“ - wenn auch nur ganz am Rande, ein nicht unbedeutender Teil dieses viel diskutierten wie kritisierten 80er-Jahre-Zeitgeistes war! 
(Holger Stürenburg)
 
 
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