knormohr1 20140116 1613107908 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"We Want Mohr"
KNORKATOR
Tubareckorz (rough trade)
17. Januar 2014

1. Hymne
2. Zoo
3. L
4. Antwort
5. Konrad
6. Fortschritt
7. Ich geb es auf
8. Robert
9. Victorious
10. Breaking The Law
11. Friederich
12. Time To Rise
13. Adé





Wer KNORKATOR nach 20 Jahren immer noch für eine "Klamaukkapelle mit schlechtem Geschmack" hält, die Radau statt Musik macht, der hat offenbar nichts verstanden. Schon gar nicht die Genialität der Texte und den Umgang der Band mit eben diesen. Gut, kann passieren. Die Erkenntnis kann aber auch nachgeholt werden. Voraussetzung ist, dass man sich auf die Band, ihre Texte und ihren Sinn für Humor einlässt. Sie versucht zu verstehen. Dies ist der Abteilung "Empörung" in diesem kleinen Ländle, die sich gerne mal über die Verwendung von rassistischen Begriffen wie Negerkussbrötchen, Zigeunerschnitzel und Ochsenschwanzsuppe aufregen, offenbar nicht gelungen. Wahrscheinlich wollten sie das auch gar nicht. Aus welchen Gründen auch immer sie nichts verstanden haben, über den Albumtitel und das Cover der neuen KNORKATOR-CD haben sie sich jedenfalls kräftig aufgeregt. "We Want Mohr" heißt die CD, und da kann ja nur der pure Rassismus rauszulesen sein! Und schon war sie wieder da ... die Gelegenheit, sich kräftig zu empören, einen Shitstorm loszutreten und einen auf ganz wichtig zu machen. Natürlich - wie das immer so ist - ohne sich vorher zuerst einmal mit dem Thema zu befassen. Tja, und was war das Ergebnis? KNORKATOR hatte eine super Werbung für ein Album, das es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht zu kaufen gab, und die Beschwerdeführer sind inzwischen offenbar (ohne was zu bewirken) zu einer anderen Baustelle weitergezogen - möglicherweise hat gerade die Bäckerinnung mit den Jungs und Mädels zu tun, weil sie das tiefdunkel Gebackene immer noch "Schwarzbrot" nennen. Die Schlingel ... Die Platte der KNORKATORen erscheint jedenfalls - wie geplant und in voller Pracht - am Freitag den 17. Januar.

Das übergeordnete Thema des neuen KNORKATOR-Albums ist das Kinderbuch "Struwwelpeter" des Autoren und Mediziners Heinrich Hoffmann. Das Cover der CD wurde diesem Thema bis ins Detail angepasst. Die drei KNORKATORen Alf Ator, Stumpen und Buzz Dee schlüpfen in die von Jan Bintakies für Booklet und Digipak gezeichneten Rollen, und mit "Konrad", "Robert" und "Friederich" gibt es gleich drei der Erzählungen Hoffmanns in Liedform. Die 10 anderen Titel haben aber nichts mit dem Thema zu tun. Schauen wir uns ein paar Songs aus der neuen Scheibe mal etwas genauer an ...
Mit einer "Hymne" starten die KNORKATORen in ein neues Abenteuer. Nur mit Klavier und von einem Chor begleitet, wird die "Hymne" in lieblichen Tönen gesungen.

knormohr2 20140116 1683181597 Die Standard-Ausführung

"Für KNORKATOR mein Herz, für KNORKATOR mein Geld. Ihr seid das Kerzenlicht, das meinen Weg erhellt", heißt es im Refrain, und man verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass nach dem Konzert die hübschesten Mädels noch mit ins Hotel gehen. Zum Ende hin kommt auch noch etwas "Bombast" in die Nummer und fertig ist der Opener, der eigentlich ein Rausschmeißer ist. Da hat die Band den idealen Abschlusssong eines Konzerts gleich an den Anfang ihrer CD gestellt. Verkehrte Welt? Nö - KNORKATOR eben.
Im Song "Zoo" nimmt uns die Band in etwas mehr als 3:30 Minuten mit auf eine rasante Tour durch einen solchen. Augen zu und lauschen ... Eine Aneinanderreihung der Tiere, die man in einem Zoo antreffen kann (plus Bonusmaterial, denn Heuschrecken, Hornissen oder Turteltaupen hab ich da noch nie gesehen), wird nur durch den Refrain "Zoo! Zoo! Zoo! Zoo!" unterbrochen. Das vertonte "Brehms Tierleben" mit seinem anspruchsvollen Songtext rockt in bekannter KNORKATOR-Manier dahin und bietet auf Konzerten sicher eine weitere Gelegenheit, das Haupthaar kräftig zu schütteln. Sehr geil ist das Gitarrensolo Buzz Dees im Mittelteil des Songs und der bedrohlich gesungene Refrain, der bei kleinen Kindern möglicherweise Angst vor einem Tierpark auslösen könnte ;-)
Einen Ableger dieses Songs finden wir etwas später in dem Lied "Fortschritt", an deren Ende ebenfalls eine Aufzählung diverser Erfindungen vorgenommen wird. Der an den Anfang gestellten Lobpreisung des Fortschritts und aller Erfindungen, die uns das Leben in der Neuzeit so herrlich erleichtern, wird im zweiten Teil des Stücks eben erwähnte Aufzählung vieler Erfindungen angehängt. All das natürlich nicht, ohne es in ein Rockgewand zu kleiden. Leider besteht das Stück über die Hälfte aus dieser Aufzählerei und kommt auch nicht an den Spaßfaktor von "Zoo" heran. Dafür ist der Titel handwerklich - ohne Frage - klasse!
Ein weiteres Highlight auf der neuen CD ist der Song "L". Wir bekommen eine Antwort darauf, warum KNORKATOR keine Liebeslieder im Repertoire hat: "Leider bin ich inner Hardcore Band, und da ist das verboten (Also über die Liebe zu singen) | Wir singen nur von Panzern, Rittern, Aliens und Toten".

knormohr3 20140116 1656313056 Die Luxus-Edition

Darum ist L..., das dem Vokalakrobaten des Stücks nicht ein einziges Mal über die Lippen kommt, eben verboten. Aber Gott sei Dank ist es Buzz Dee nicht verboten, seiner Stromgitarre auch hier wieder Zucker zu geben. "L" ist definitiv einer meiner Favoriten auf dieser CD!
Die "Struwwelpeter"-Trilogie auf diesem Album wird durch das an Position fünf befindliche Stück "Konrad" eröffnet. Hier haben KNORKATOR die "Geschichte vom Daumenlutscher" musikalisch umgesetzt. Ein Junge namens Konrad lutscht stets an seinem Daumen, obwohl es ihm seine Mutter immer wieder verboten hat. Auch warnt sie ihn vor dem Schneider, der ihm - wenn er damit nicht aufhören würde - seine Daumen abschneiden werde. Der Junge hört natürlich nicht und so kommt es, wie es kommen muss: Der Schneider schneidet ihm beide Daumen ab. Für die damalige Zeit muss dieses Gedicht sowas wie für die Kids heute ein Horrorfilm gewesen sein. Drum hat die Band diese Geschichte auch in eine brachiale Rocknummer verpackt, die bei der richtigen Lautstärke die Gläser aus dem Schrank pusten kann. Wow! Was für ein Brett.
"Die Geschichte vom fliegenden Robert" kann man in dem Song "Robert" hören. Das Wetter ist schlecht. Es regnet und stürmt. Kein Kind geht bei so einem Sauwetter raus, nur Robert ist von all dem da draußen fasziniert. Er geht letztlich vor die Tür und wird samt Regenschirm vom Sturm weggetragen. Auch diese Erzählung hat die Band in ein knackiges, wenn auch nicht ganz so brachiales Arrangement gesteckt wie bei "Konrad" - die Umsetzung ist aber trotzdem der Geschichte angemessen.
Die dritte Geschichte aus dem Struwwelpeter findet sich in "Friederich" wieder. Es ist die Geschichte eines Tierquälers und sadistisch veranlagten Burschen, der - wie in Hoffmanns Texten immer - ebenfalls seine Quittung bekommt und seine Missetaten teuer bezahlen muss. KNORKATOR haben diese Geschichte in eine für ihre Verhältnisse ziemlich ruhige Midtempo-Nummer verpackt. Alle drei "Struwwelpeter-Songs" halte ich für absolut gelungen. Auch wenn KNORKATOR für üble Streiche in Sachen Musik zuständig und dafür auch bekannt sind, haben sie die musikalische Bearbeitung der Hoffmann-Texte mit viel Fingerspitzengefühl aber trotzdem mit einer gehörigen Portion KNORKATOR bearbeitet. Ganz große Klasse!
Zu erwähnen sei vielleicht noch die KNORKATOR-Version des Judas Priest-Songs "Breaking The Law". Ein Metal-Klassiker, an dem sich schon so einige Bands versucht haben. Diese nur knapp über zwei Minuten dauernde Klavier-Ballade sticht aus den anderen Songs regelrecht heraus. Wer das Original kennt wird sich wundern, was für eine tolle, nur vom Klavier und Gesang getragene Nummer man aus der Vorlage machen kann.

knormohr4 20140116 1578010561 Die Schallplatten-Ausgabe

Zugegeben, eine echt großartige Bearbeitung, aber nichts, was man von KNORKATOR erwartet hätte. Darum steht dieser Song auch ziemlich allein zwischen den anderen Titeln.
Das Stück "Adé" (bestehend übrigens nur aus den Tönen A und D) ist nur drei Sekunden lang und schließt das Album ab. Nach wenigen Sekunden der Stille gibt's abschießend einen kurzen Instrumental-Teil des Songs "Hymne" - quasi als "Hidden Track".

Mein Fazit ist eindeutig: Die neue KNORKATOR-CD "We Want Mohr" ist ein weiteres tolles Werk der drei Berliner. Ich habe es eingangs erwähnt: Das Cover allein ist schon ein Hingucker und dürfte zwischen den oftmals ziemlich einfallslosen "Verpackungen" der Alben anderer Bands und Solisten heraus stechen. Hier wurde mit viel Liebe zum Detail gearbeitet, so dass das Cover ein kleines Kunstwerk geworden ist. "We Want Mohr" gibt es in drei verschiedenen Ausführungen: einmal als Standard-Version mit dem Album und seinen 13 Songs, dazu als Luxus-Ausgabe mit einer Bonus DVD und einem leicht abweichenden Cover-Artwork, sowie die Schallplattenausgabe (mit CD!), die gleich mit einem anderen Cover daher kommt. Auf der der Luxus-Ausgabe beigelegten DVD befinden sich zwei Konzertmitschnitte aus den Jahren 2011 und 2012. Schon für ein paar Euro mehr - aber immer noch weit unter 20 Euro - gibt's diese Luxus-Edition im Fachhandel zu einem echten Freundschaftspreis. Insgesamt setzt die Band mit ihrem neuen Album ein Ausrufezeichen. Sie beweist einmal mehr ihre Genialität und ihre Monopolstellung in dem Genre, in dem sie musikalisch operieren und das sie sich über all die Jahre selbst erschaffen haben. Die Band überrascht noch immer mit tollen Ideen und einer Umsetzung, die wohl nur aus dem Hause KNORKATOR kommen kann. Insgesamt ist das Album etwas ruhiger - zumindest ist das mein bisheriger Eindruck nach zweimaligem Hören. Aber das ist nicht unbedingt was Schlimmes. Wer Sinn für richtig guten Humor, stellenweise auch mal in Richtung schwarzem, britischen Humor gehend hat, der wird hier seine helle Freude haben. Wer KNORKATOR schon kennt, der wird sowieso zugreifen und seinen Spaß haben.
(Christian Reder)


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Videoclip:

"Konrad"




   
   
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