at-gentle 20130415 1895680960 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Gentlemental"
Anthony Thet
Mokoh Music
31. Januar 2014

1. Gentlemental
2. Nutbush City Limits
3. Lovely Day
4. Fame
5. Let's Stay Together
6. What Becomes Of The Broken Hearted
7. Who Is Your Man
8. She Went To California
9. My Girl
10. It Takes Two
11. Stupid
12. Think
13. Blame It On The Boogie




Rezension:
Erstmals auffällig wurde ANTHONY THET als Teilnehmer der ersten Staffel von "X Factor", einer Castingshow des Senders VOX. Zumindest für mich. Das ist nun fast drei Jahre her. Er hätte damals gut und gerne den Schwung aus der Castingshow-Teilnahme nutzen und im Fahrtwind dieser schnell ein Album auf den Markt bringen können, um nicht aus dem Gedächtnis der Zuschauer zu verschwinden. Hat er aber nicht. Während zwischen der letzten Sendung, also dem Finale, von "Deutschland sucht den Superstar" (RTL) und der Veröffentlichung des ersten Albums des Staffel-Gewinners gefühlt nur wenige Stunden liegen, läuft das bei ANTHONY THET anders. "Keinen Schnellschuss - nichts überstürzen", so scheint die Devise des jungen Mannes, dessen Vater Sonny Thet schon seit den 70er Jahren selbst im Musikzirkus mitmischt und der Gruppe BAYON nicht nur ein Gesicht gibt, sondern sie auch musikalisch geprägt hat. Sohnemann geht allerdings andere Wege, aber diese sind nicht weniger interessant. Seine Schiene scheint eine Mischung aus Soul, Funk, Rock, Pop und einer Prise Jazz zu sein, und diese fährt er mit Bedacht und sehr viel Sorgfalt. Dabei macht ANTHONY THET etwas, das man heute kaum noch irgendwo findet: Er ist mit einer Schar Musikern ins Studio gegangen und hat ein Album produziert, das den Spagat zwischen Anspruch und Massenkompatibilität spielend hinzubekommen scheint. Der junge Mann hat dabei die Produktionskosten kräftig in die Höhe schießen lassen, denn neben der Studioband wurden mit den ZÖLLNER HORNS (David 'Skip' Reinhard, Frank Fritsch, Gerald Meier) und diversen Sängerinnen für Chor und Duett-Gesang erstklassige Musiker und Sollisten in die Aufnahmestudios geholt. Dazu kam - wenn man dem Booklet Glauben schenken darf - ein häufiger Studio-Wechsel dazu. Die Bläser pusteten ihren Part in Berlin ein, diverse Gesangsaufnahmen wurden in Hamburg gemacht und auch der Damenchor durfte seinen Part in Hamburg in die Mikros hauchen. Sollte die Plattenfirma zugesagt haben, die Produktionskosten für die Scheibe zu übernehmen, dürfte dem zuständigen Sachbearbeiter beim Anblick der Rechnung wohl gleichzeitig heiß und kalt geworden sein. Aber der Aufwand hat sich gelohnt ...

"Gentlemental" heißt das Werk, dass ANTHONY THET bereits Anfang des Jahres startklar hatte. Ursprünglich war die Veröffentlichung des Albums für Mai 2013 angekündigt, und ebenso lange liegt die CD auch hier schon auf dem Schreibtisch. Das Album wurde kurz vor dem VÖ-Termin im Mai ohne Angabe von Gründen auf den 31. Dezember 2013 verschoben und soll jetzt endlich - nach einer weiteren Verschiebung - am 31. Januar 2014 in die Läden kommen. Traut man sich nicht? Hat man Bedenken wegen der Konkurrenz? Meiner Meinung nach muss man beides nicht haben ... Anders als bei den "McPlattenproduktionen" aus den Drive-In-Studios einschlägiger Casting-Fabriken, wurde sich hier Zeit für die Feinheiten gelassen und dafür, den Liedern eine Seele zu geben. Absolut nichts, womit man sich verstecken müsste!
"Als würde B.B. King Soulmusik machen - aber aus dem Jahr 2013", beschrieb der Sänger und Gitarrist seine Musik selbst. Und damit könnte man diese Rezension auch schon beschließen. Man könnte ... wäre das nicht viel zu tief gestapelt und wäre da nicht diese Vielfalt, die in dem Album steckt. Und das nicht nur in der Musik, sondern auch in THETs Stimme. Hört man sich die ersten Takte des Liedes "It Takes Two" an, beschleicht einen sofort der Verdacht, dass hier eine verschollene Aufnahme von Michael Jackson wieder ausgegraben wurde. Im Verlauf des Stücks lässt THET seine Stimme stellenweise dreckig, dann wieder glasklar erklingen, und unterstreicht damit - bei allen Möglichkeiten, seine Stimme noch anderen Künstlern zuzuordnen - sein Alleinstellungsmerkmal. Da ist ein Facettenreichtum in der Stimme, der seinesgleichen sucht. Auch musikalisch! Pusten sich gerade noch die ZÖLLNER HORNS einen flotten Satz aus den Lungen, dübelt THET nur ein paar Takte weiter ein geiles Gitarrensolo in die Mitte des Songs, bei dem sogar ein Gary Moore mit der Zunge schnalzen würde. Allein dieses Lied zeigt eine dermaßen große Bandbreite musikalischer Momente und Ideen, dass THETs eben zitierte Beschreibung seiner eigenen Musik dem Straftatbestand der Vortäuschung falscher Tatsachen zuzuordnen ist.
Schon das das Album eröffnende "Gentlemental", das sich zuerst langsam einschmeichelt um sich dann mit Bläsern und funkig gespielten Gitarren in die Gehörgänge zu rocken, ist ein Fingerzeig auf die kommenden knapp 50 Minuten. Im Stile eines Terence Trent D'Arby singt ANTHONY THET seinen Part und zieht die Hörer sofort in seinen Bann. Aber wir wollten ja nicht mehr vergleichen, und der interessierte Leser wird beim Hören dieses Songs sehr schnell selbst feststellen, dass das auch gar nicht nötig ist. Offenbar dem Zeitgeist geschuldet muss man im Mittelteil zwar kurzzeitig einen Rapper ertragen, das fällt bei der insgesamt erstklassigen Produktion aber kaum ins Gewicht.
Auf ANTHONY THETs erstem Album befindet sich eine bunte Mischung aus eigenen Stücken und nach THETs eigenem Geschmack interpretierten Klassikern der Musikgeschichte. Nein, keine Coverversionen! So kann man die Lieder nicht bezeichnen. Es sind Überarbeitungen und neue Kreationen älterer Vorlagen. Die erste Fremdkomposition ist an zweiter Stelle auf dem Album zu finden. Hier pustet ANTHONY THET dem Tina Turner-Hit "Nutbush City Limit" den Staub vom Notenblatt. Ein flotter Beat, Bläser, ein starkes Orgel/Keyboard-Solo und THETs großartige Stimme sind das Auffälligste in dem Stück. THET formt aus einem alten und für viele Ohren längst überholten Soul-Klassiker ein wummerndes und treibendes Kunstwerk, das ich persönlich dem Original ab sofort vorziehen werde.
Etwas ruhiger geht es bei ANTHONY THETs Version von Bill Withers "Lovely Day" zu. Entspannte Bläsersätze, ruhige Beats und der unaufgeregte Vortrag THETs machen auch aus diesem Stück eine herrlich erfrischende Fassung, die das sowieso schon tolle Original etwas blass aussehen lässt.
Eine prima Vorbereitung auf den nächsten eigenen Titel aus THETs Feder: "Fame". Ob für den Beat des Stücks der R&B-Klassiker "I'm Walking" von Fats Domino Pate gestanden hat, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Fest steht aber, dass gerade dieser ähnlich klingende Beat von "Fame" die Grundlage für eine aufregende Mischung aus Pop-, Folk- und Rocksong ist. Auch das folgende "Let's Stay Together" ist eine Eigenkreation THETs, um die ihn ein Rick Springfield in den 80ern sicher beneidet hätte. Das Feld, das besagter Springfield in den 80ern beackert hat, wird durch ANTHONYs Song "Let's Stay Together" zu einer gemähten Wiese. Um viele Nuancen ergänzt und mit dem richtigen Bumms im Beat würde es mich nicht wundern, wenn es bei einer eventuellen Auskopplung als Single zum Radio- oder gar Sommerhit 2014 werden würde.
Weitere Eigenkompositionen THETs sind der Bluesrock-Schleicher mit Soul-Einschlag "Who is Your Man", die Ballade "She Went To California" und der angejazzte Soul-Stampfer "Stupid", die gleichberechtigt und qualitativ ebenbürtig (musikalisch wie inhaltlich) neben THETs Überarbeitungen der Klassiker "What Becomes Of The Broken Hearted" (im Original von Jimmy Ruffin), "My Girl" (im Original von Smokey Robinson) und "Think" (im Original von Aretha Franklin) stehen.

Es ist schon sehr beeindruckend, was ANTHONY THET hier auf seinem Debüt-Album abgeliefert hat. Noch beeindruckender ist es, wie er seine eigenen Songideen musikalisch umgesetzt hat. Er als Gitarrist hätte sich selbst ganz wunderbar in Szene setzen können, in dem er auf diverse Dinge einfach verzichtet hätte. Dann hätten sich alle Augen und Ohren auf ihn konzentriert. Aber das wäre dann nicht seine Musik gewesen. Seine Musik lebt von der Vielfalt der Instrumente und Genres. Diese soll der Hörer entdecken, erleben und staunen. Und trotz so vieler Details ist THET trotzdem der Blickfang. Alles richtig gemacht!
Wo gibt's das heute noch? Man zeige mir in der heutigen Zeit einen Debütanten, der sich eine Bläsersektion und einen großen Chor ins Studio holt und diese mit seiner Band verschmelzen lässt. Ich glaube, nicht wenige hätten THET den Vogel gezeigt und ihn auf den Einsatz von Computern und anderen Hilfsmitteln verwiesen, hätte er seine Idee bei den großen Plattenfirmen angebracht. Dieser Mut MUSS (!) belohnt werden. Das steht völlig außer Frage! Die Platte "Gentlemental" ist eines der großartigsten Werke der letzten Jahre. Ich möchte hier nicht mit Superlativen um mich werfen, aber die Lieder auf dem Album haben internationale Klasse. Sie sind bis ins kleinste Detail durchdacht und spannend arrangiert. Hinter jeder "Ecke" lauert eine weitere Überraschung. In jedem Lied zeigt THET Mut zum Ausprobieren. Das Album ist rund, inhaltlich stimmig und erstklassig produziert. ANTHONY THET ist als Gitarrist und Sänger sowieso eine Klasse für sich. Wer im September 2011 das "Café Größenwahn" von DIE ZÖLLNER verfolgt hat oder im vergangenen Oktober am 'Tag der deutschen Einheit' in der Dresdner Dreikönigskirche das Konzert von Vater und Sohn THET verfolgt hat, wird mir zustimmen: ANTHONY THET könnte ein ganz Großer werden und er ist schon ganz nah dran, einer zu sein. Ich drücke die Daumen, dass er mit seinen Songs zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein wird. Den Veröffentlichungstermin bitte nicht noch einmal verschieben. Das Ding muss raus an die Luft!
(Christian Reder)

 


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