hundn2013 20130504 1772625106 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Früher oder später"
H&N
Teldec
10. Mai. 2013

1. Wir sind wieder da
2. Im Handumdrehn
3. L.A.
4. Winnetou & Shatterhand
5. Nur für Dich
6. ...und Gabi bleibt
7. Drei Mal hab ich sie geküsst
8. Das Beste auf der Welt
9. Lieb mich
10. Sommer '79
11. Baby aus Halle 2013
12. Zwei Handvoll Träume 2013
13. Früher oder später





Früher oder später sind wir wieder da...
Stellt Euch mal vor, Ihr macht Euch als professioneller Musiker heute mit Eurer eigenen Band selbstständig, aber Euer Debüt-Album wird es vor 2046 nicht geben. Sowas könnt Ihr Euch nicht vorstellen? Dann fragt mal nach bei H&N, jenem Duo, welches in den 80ern mit Hits wie "Gegen Einsamkeit", "Zwei Handvoll Träume", "He, Madonna" oder "Baby aus Halle" in der DDR und mit "Flic Flac in die Nacht" auch in der BRD auf sich aufmerksam machte. Weder das staatliche Label AMIGA, noch irgendein West-Label in der BRD bekam es hin, die Songs von Norbert Endlich und Holger Flesch in schwarzes Vinyl zu pressen oder später als CD aufzulegen. Übrigens bis heute nicht! Erst jetzt - 34 Jahre nach ihrer Gründung - veröffentlichen Endlich und Flesch - besser bekannt als H&N - ihr Debütalbum. "Früher oder später" heißt es und erscheint am 10. Mai bei der Teldec.

Hören wir doch mal rein, in das erste Album von H&N. Zum Vorstellen der Scheibe habe ich mir ein paar Stücke aus der CD ausgesucht, die ich mal näher vorstellen möchte. Mit dem trotzigen "Wir sind wieder da" eröffnen die beiden Musiker ihr Album. Die Textzeile "Wir sind wieder da / kommen aus dem Irgendwo zurück" passt wie die sprichwörtliche Faust auf 's Auge. Es ist die Hymne auf H&N, die irgendwann Ende der 80er plötzlich verschwanden (bzw. sich in THE BOYS NEXT DOOR umbenannten) und heute aus dem Nichts wieder auftauchen. Es ist ein Song über Zeiten, die sich ändern und über die Tatsache, dass das, was früher war, immer als schön empfunden wird. Aber eben erst später, wenn der Moment schon lange vorbei ist. Die beiden Musiker stellen außerdem fest, dass gerade eben die schönen Dinge von früher Stück für Stück wieder kommen und deshalb nicht verloren sind. Und wie wir ja gerade erleben, kommen auch H&N zurück. Diese positive Botschaft wird uns hier von dem Duo in Form eines Disco-Fox angeboten.
Etwas folkig und weniger "Disco-Foxig" kommt die Single-Auskopplung "L. A." daher. Das Lied hat einen Inhalt, mit dem sich die Menschen gerade aus den fünf östlichen Bundesländern identifizieren können. Es geht um die eigene Jugend in einem Land, in dem die Träume und Wünsche ihre Grenzen hatten. Um das Fernweh, das man hatte, wenn aus dem Radio die Stones erklangen und die einzige Freiheit darin bestand, mit dem Moped auf dem Garagenhof zu fahren ("ich hätte gern mal nachgeschaut / welche Kaugummis ihr kaut / Habt Ihr Amis auch 'n Sandmann?"). Es wird über den Augenblick erzählt, "als das Fernweh kam / und mir die Ruhe nahm" und darüber, wie man die Welt auf der anderen Seite empfunden hat, als man sie endlich sehen und die Freiheit ausleben konnte. Es erzählt aber auch über das Heimweh, das einen irgendwann an dem fremden Ort genauso überfällt, wie einige Zeit davor das Fernweh. L. A., also Los Angeles in den Staaten, steht hier wohl als Synonym für jeden Ort der Welt, wo man als DDR-Bürger nicht hin konnte und der Song ist eine Aufarbeitung dieser Träume von damals. Für meinen Geschmack ist "L. A." zu recht als Single ausgekoppelt worden und birgt allein vom Inhalt her ein enormes Hit-Potential...
Eine ähnliche Geschichte erzählt das Lied "... und Gabi bleibt". Es ist die Geschichte zweier Freunde, die sich seit der Kindheit kennen. Sie hatten ein gemeinsames Baumhaus, das es heute nicht mehr gibt, weil der Baum und das Land drum herum einem "Traumhaus" gewichen ist. Während der eine noch immer in dem Ort seiner Kindheit lebt, ist der andere längst ausgezogen und hat das Glück in der Welt gesucht. Der eine Freund hat den Traum verwirklicht, den die beiden einst zusammen geträumt haben. Die Rolle des Helden, der hinaus zieht, um sein Glück zu finden, hat der eine dem anderen Freund überlassen, während er mit Gabi zusammen ist, für die er schon als Kind geschwärmt hat. Eine wunderschöne Ballade, die absolut in der Lage dazu ist, dem Hörer durch die Verbindung von Story und Musik den einen oder anderen wohligen Schauer über den Rücken zu jagen. Es ist der vertonte Lebenslauf eines Mannes, dessen Leben so ganz anders verlaufen ist, als er sich das als Kind einst mit seinem Kumpel im Baumhaus erträumt hatte.
Einen weiteren Song mit einem gehörigen Folk-Einschlag - fast schon ein Country-Stück - bekommt der Hörer in "Das beste auf der Welt" zu hören. Dieser nette Slow-Fox lädt die Hörer zum Tanzen ein und überrascht mit einem schönen Gitarrensolo im Mittelteil; er hinterlässt aber auch irgendwie den Verdacht, dass dieses Lied schon einmal an anderer Stelle zum Einsatz kam. Ich komme nur gerade nicht drauf, wo genau...
Mit einem Hauch Bombast eröffnen H&N den Song "Lieb mich". Leider verläuft sich das Stück dann schon ziemlich schnell in einen beliebigen Pop-Song, der im direkten Vergleich mit dem davor gehörten Stück regelrecht untergeht.

Dem eher schwachen Titel schließt sich eine weitere Ballade an, nämlich die vom "Sommer '79". Hier singen uns die beiden aber keinen Song über die Bandgründung, sondern über ein Mädchen, in das man in besagtem Sommer '79 verliebt war.
Am Ende der CD ist dann noch Platz für zwei "alte Bekannte". H&N haben ihre Klassiker "Baby aus Halle" und "Zwei Handvoll Träume" aus den 80ern aufpoliert und in einem zeitgemäßen Soundkleid wiederveröffentlicht. Dabei muss "zeitgemäß" nicht immer was Positives sein, was beide Neueinspielungen leider auch deutlich zeigen. Weder die eine, noch die andere Neuaufnahme kommt an das jeweilige Original heran. Beide Lieder lebten und überzeugten damals mit ihrem typischen 80er Jahre-Sound, der hier einer neuzeitlichen Diskomusik gewichen ist. Die neuen Versionen wirken, als wären sie für den "ZDF Fernsehgarten" oder eine Ü50-Party produziert. Kuschelweiche Harmonien, verpackt in Schlagermucke der Marke "schon mal wo anders besser gehört". Schade drum, vielleicht hätte man lieber das eine oder andere Original aus dem Archiv des DDR Rundfunks auf die CD genommen und damit die Fans erfreut, die schon seit Jahren auf eine Veröffentlichung der damals nie auf Tonträger verewigten Songs warten. Ich selbst stamme aus dieser Generation und bin der Ansicht, dass man eine geile Vorlage nicht mehr besser machen kann, und dass man durch erneutes Handanlegen - ein paar Jahre später - die ganze Aura, die ein Song hat, zerstören kann...
Der letzte Song dieser CD, der wie das Album auch den Titel "Früher oder später" trägt, entschädigt dann wieder für die beiden vorangegangenen Remakes. Hier verabschiedet sich das Duo von seinen Hörern mit einer weiteren wirklich sehr gelungenen Ballade und wieder wird ein Blick zurück in die Jugendtage geworfen, an eine alte Liebe und den dazugehörigen Soundtrack gedacht. Es geht um ein Wiedersehen mit den Freunden von früher und das Wiedersehen mit der damaligen Liebe ("Früher oder später sehen wir uns wieder / das was uns bleibt sind unsere alten Lieder / Früher oder später sehen wir uns wieder / Was wär' das Leben ohne Liebeslieder"). Der Song ist unheimlich schön arrangiert, hat wieder eine Story, die sich ganz bestimmt wieder mit den Erlebnissen vieler Hörer decken wird und überrascht mit einem gut eingebauten Gitarrensolo im Mittelteil.

Es ist schwer, bei dieser Scheibe ein Fazit zu ziehen. Die CD beinhaltet durchaus sehr schöne Songs mit ebenso schönen Arrangements. Gerade die Lieder, in denen man sich selbst wiederfinden kann, sind die Stärken von "Früher oder später". Es beinhaltet aber eben auch diese Lieder, die in der hiesigen Schlagerszene wie Sand am Meer zu finden sind. Das sind die Songs für das Vormittagsprogramm im Schlagerradio. Vielleicht liegt es ein bisschen auch daran, dass Norbert Endlich fleißig in dem Genre auch hinter den Kulissen als Produzent gearbeitet hat. Sowas hinterlässt ja auch Spuren. Es ist aber auch nicht so, dass H&N mit den neuen Songs in das BRUNNER & BRUNNER-Segment gerutscht sind. Das Album bietet musikalische Abwechslung und hat mit seinen Folk- und Country-Elementen durchaus auch Ausflüge in andere Genres zu bieten. Inhaltlich kann man nicht vom schmierig-schleimigen Liebesgegurre mancher Genre-Kollegen sprechen. H&N haben es bei vielen Stücken geschafft, mich inhaltlich zu überzeugen. Auch wenn es einige Lieder mit dem Blick zurück in die Vergangenheit gibt, so kann man aber deutlich heraushören, dass die beiden Musiker doch im Heute leben und den Augenblick zu schätzen wissen. Bei all den positiven Eindrücken, fühlt sich das Gesamtprogramm auf dem Album wie ein Schlingerkurs an. Zwischen toll produzierten Liedern, haben sich nämlich auch Songs eingeschlichen, die mich als Hörer leider nicht abholen. Manches meint man auch schon wo anders gehört zu haben ("Das Beste auf der Welt") oder ist so farblos, dass es schneller aus dem Gedächtnis wieder verschwunden ist, wie es vorher hinein gekommen ist. Insgesamt ist "Früher oder später" aber ein recht gelungenes Debütalbum eines inzwischen 34-jährigen Duos. Der Rockfan sollte sich die CD vor dem Kauf doch besser erst mal anhören. Freunde der gepflegten Pop-Musik werden hier ganz sicher zufrieden gestellt.
(Christian Reder)




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