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Titel:
Interpret:
VÖ:
Label:

Songs:

Albatross (Eine Band erzählt ihre Geschichte)
KARAT
25.03.2011
SONY / AMIGA
Leute, welch ein Tag
Ich lauf durch die Stadt
Such ein Zimmer
Wenn das Schweigen bricht
König der Welt
Jede Stunde (Disco)
Jede Stunde (ZDF Hitparade)
Jede Stunde (Wetten dass...?)
Über sieben Brücken...
Gewitterregen
Marionetten
Der blaue Planet
Falscher Glanz
Der blaue Planet
Fünfte Jahreszeit
Die Glocke 2000
Über sieben Brücken (mit Maffay)
Der Ozean
Schwanenkönig
Abendstimmung
Melancholie
Über sieben Brücken (mit Maffay)
Albatros
Schwanenkönig (ORK Version)

alle Clips eingebettet in eine 137-minütige Dokumentation...

 

Eine Meinung der Redaktion:
Welches wertvolle Geschenk oder wichtigen Bestandteil des Lebens man verloren hat, realisiert man manchmal erst mit etwas Abstand. Manchmal weiß man aber auch schon, dass einem etwas sehr Wertvolles abhanden kommt, wenn es sich gerade ankündigt. So ging es mir mit KARAT, als ich von Adele Walther die Nachricht von Herberts Krebserkrankung im Sommer 2003 bekam. Anfangs hatte man noch die Hoffnung, dass es vielleicht nur eine dunkle Wolke war, die sich nach überstandener Operation und anschließender Therapie verziehen würde, und Herbert Dreilich, der immer ein Kämpfer war, schnell wieder auf die Bühne zurückkehren würde - wie schon einmal, sechs Jahre zuvor. Also erstmal Klappe halten, das eben Gehörte für sich behalten und gar nicht groß drüber reden. Die geplante "Ostival Tour", für die Karat schon bei RTL im Fernsehen die obligatorischen "Brücken" präsentiert hatte, wurde abgesagt. Krankheit wurde als Grund angeführt. Zuerst nur ganz allgemein, später musste man damit dann aber doch konkret werden, denn die Medienlandschaft in Deutschland ist heute eine andere, und als Person des öffentlichen Lebens kann man fast nicht mehr auf's Klo gehen, ohne dass es eins der Boulevard-Blätter oder -Magazine mitbekommt. Und dass man eine Tour über einen längeren Zeitraum nicht wegen einer Grippe oder einer Magenverstimmung absagt, weiß heute jeder noch so ungeschulte Laie. Wie dem auch sei... Ich selbst wusste aus eigener, bitterer Erfahrung, wie der Verlauf einer solchen Krankheit, insbesondere dann, wenn sie zu spät entdeckt wurde, sein konnte. Grund zum Optimismus war damals ehrlich gesagt keiner... Alle, die Karat und Herbert mochten, liebten, schätzten und nicht missen wollten, haben in dieser Zeit gelitten wie Hunde. Die Musiker, die ohne ihren Frontmann nicht spielen konnten und zusehen mussten, wie ihr langjähriger Kollege immer "weniger" wurde. Die Fans, die Sehnsucht nach ihrem Sänger und ihrer Musik hatten und nicht wussten, was da jetzt eigentlich mit Herbert passiert. Meine Kollegen und ich, die wir damals die Webseite der Band gestalteten und pflegten, und die alles hautnah miterlebten. Herberts Tod im Dezember 2004 war trotz "Ankündigung" ein Schock. Ein schwerer Verlust sowieso... Es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Gruppe KARAT. Nicht der Namensstreit, nicht der Schlaganfall, nicht der Weggang von Ed und Henning...

Fünf Jahre nach Herberts Tod feierten seine Bandkollegen, verstärkt durch Herberts Sohn Claudius am Mikrofon, das 35. Jahr nach Bandgründung. So richtig knallten die Korken aber nicht. Es war gefühlt viel zu ruhig, auch wenn es eine neue CD, eine Live-DVD, ein Buch und eine Tournee gab. Irgendetwas fehlte... Jetzt im März 2011 komplettiert das Label AMIGA die KARAT-Sammlung mit einer weiteren DVD. AMIGA hat das Deutsche Rundfunk Archiv durchstöbert und die Produktionsfirma "Saxonia Entertainment" (die u.a. auch "Musik für Sie" produziert) beauftragt, eine Doku über die Kultband zu machen. Das Ergebnis ist nun auf der DVD "Albatros - Eine Band erzählt ihre Gesichte" zu sehen und hören. (Wie jetzt: OHNE Brücken im Titel? Das wir das noch erleben dürfen... Anm. kf) Ein Produkt, das so manche Publikation der jüngeren Vergangenheit komplett überflüssig macht und das man sich schon zum 35. gewünscht hätte. Aber besser spät als nie!
Es ist ein Gefühl wie Weihnachten und Geburtstag auf einem Tag, wenn man als KARAT-Fan die DVD in Händen hält und in seinen Player stecken kann. Neugierig und aufgeregt war ich in den letzten Tagen vor der Veröffentlichung. Nun war sie endlich da. Bunt aber doch dezent und edel aufgemacht in einem Digipak mit extra Booklet, in dem sich viele Fotos aus 35 Jahren Bandgeschichte finden. Und siehe da: Sogar das große schöne Farbfoto von meinem Freund Benjamin Weinkauf, aufgenommen bei einer TV-Aufzeichnung im Jahre 2005, das lange Zeit die Grundlage der Karat-Homepage war, ist im Mittelteil des Booklets abgedruckt, so wie einst das Monats-Poster in der "Melodie & Rhythmus". Ein paar Angaben zur DVD und der Produktion bereiten einen auf das vor, was man beim Anschauen erleben wird. Und dann geht sie los, die 137-minütige Zeitreise in die Geschichte einer Band, die mir persönlich über 30 Jahre so viel gegeben hat. Munter plaudern die Musiker drauf los, was ihnen zu Bandgründung, ersten Erfolgen, personellen Wechseln oder auch den Schattenseiten einfällt. Musiker aber auch Wegbegleiter der anderen Art berichten über die Band, ihre Erfolge, den Aufstieg und die Krisen. Allen voran der "West-Entdecker" Peter Schimmelpfennig erzählt, wie er die Band kennenlernte und für den Westen "einkaufte". Die Managerin, die inzwischen selbst schon 25 Jahre im Amt ist, liefert ebenfalls ihren Beitrag und erzählt darüber, wie sie die Band übernommen hat. Sogar der erste Keyboarder und Gründungsmitglied Christian Steyer kommt zu Wort und weiß zu berichten, dass er selbst KARAT zwar mitgegründet hat, aber es dann nur ca. 4 Wochen bei der Rockband aushielt. Trotzdem wird die Gründungszeit etwas wässrig wiedergegeben. Eigentlich kein Wunder, denn von der ersten KARAT-Besetzung ist heute nicht ein einziger Musiker mehr dabei. Hier hätte man sich z.B. einen O-Ton von Ulrich Pexa und/oder Henning Protzmann gewünscht, die die Idee zu KARAT hatten und die die Band eigentlich auch gründeten. Sie hätten auch die Frage, wie es zum Bandnamen gekommen ist, eindeutig und klar beantworten können, und nicht wie Bernd Römer, der den Nebensatz, eigentlich wisse keiner mehr so genau, wie der Name entstanden ist, vor seine Antwort einbaute. Hier böte sich aber auch ein Blick in unser Rauchzeichen-Interview mit Pexa oder Burkert an, die exakt über diese Frage eindeutige Antworten fanden. Zurück zur DVD: Selbst der eingefleischteste Fan entdeckt auf dem runden Datenträger noch für ihn unbekannte und neue Aufzeichnungen und Fakten. AMIGA hat beim Durchsuchen des Deutschen Rundfunk Archivs echte Perlen gehoben. Viele Clips aus der DDR-Fernsehsendung "rund" gibt es zu bestaunen. Einen Clip, in dem der allererste Auftritt Michael Schwandts im "Trikot" (im wahrsten Sinne des Wortes) von KARAT zu sehen ist. Clips aus Zeiten, in denen Herbert Dreilich noch dem "Club der Schnäuzerfreunde" angehörte, und in denen die T-Shirts von "Neumi" Neumann wie auftätowiert wirken. Modesünden en masse gibt es zu entdecken und zu beschmunzeln, aber auch wunderschöne musikalische Erinnerungsstücke. Die Clips zu "Leute welche ein Tag" oder "Ich lauf durch die Stadt" aus eben erwähnter Sendung "rund" waren mir persönlich noch völlig unbekannt. Etwas verwundert ist man dann über die Aussage Michael Schwandts, der in Bezug auf Henning Protzmann meint, man könne ihn - so glaubt er - ruhig als Gründervater der Band sehen. Das kann man nicht nur, das muss man sogar, und irgendwie fehlt sein O-Ton zum Thema an vielen Stellen dieser Dokumentation. Aufgefangen werden diese Lücken durch die Kommentare und Erzählungen von Ed Swillms, der viele Fragen beantwortet und einige Anekdoten zu erzählen weiß. Zwischendurch gibt's immer wieder Clips und Ausschnitte aus TV-Sendungen. Historische Momente, wie den Auftritt KARATs bei "Wetten dass...?", damals noch mit Frank Elstner, der die Jungs nach ihrem Auftritt auch vorstellte, oder die Verleihung der "Goldenen Europa" 1986 durch Peter Maffay beim Saarländischen Rundfunk. Auch das Duett mit Tamara Danz beim Song "Die Glocke 2000", wo KARAT und SILLY gemeinsam dieses Lied interpretierten, gibt's hier zu sehen. Wunderbare Augenblicke, in denen man sich selbst immer wieder beim Schlagen des Takts mit dem Fuß oder der Hand erwischt, und nicht selten staunend vor dem TV-Gerät sitzt. Offen und ehrlich werden auch die unschönen Zeiten der Bandgeschichte angesprochen. Erstmals höre ich aus dem Mund eines Karat-Musikers das Wort "Mobbing", das Mitte der 80er in der Band vorgekommen sein soll. Bernd Römer outet sich in Bezug auf Henning Protzmanns AUS selbst als Königsmörder, in dem er berichtet, dass er derjenige gewesen sei, der das Thema "Rauswurf von Henning" auf den Tisch gebracht hat. Genauso ehrlich gibt Michael Schwandt zu, dass mit dem Erfolg auch der Verlust der Bodenhaftung bei einigen Musikern einher ging und dass der Alkohol eine nicht unerhebliche Rolle bei abgelieferten schlechten Leistungen bei Live- und TV-Auftritten spielte. Ed Swillms erzählt sogar - meines Wissens erstmals - über seinen Nervenzusammenbruch Anfang der 80er und die wahren Gründe für seinen Rückzug. Keine Schönfärberei, sondern Fakten und ehrliche Einsichten der einzelnen Mitglieder der Band. Hennings Nachfolgerin im Amt des Managers, Adele Walther, nennt Henning einen ausgezeichneten Manager und erinnert an ihn als wichtigen Teil in der Geschichte. Ein wirklich feiner Zug! Das allein zeigt schon, dass die DVD und das darauf enthaltene Programm keine Mogelpackung ist. Die 70er und 80er werden ausführlich besprochen und mit Ton- und Bilddokumenten untermauert. Leider kommt die Wiederauferstehung KARATs nach der Durststrecke der Wende- und Nachwendezeit bis Mitte der 90er eindeutig zu kurz. Gerade wird noch über die Wende berichtet, schon ist man im 1997 und beim Bühnencomeback von Herbert Dreilich nach seinem Schlaganfall. Wo sind TV-Clips aus dieser Zeit (die es sehr wohl gibt) und wo ist das "Wiederauferstehen wie Phönix aus der Asche" mit dem Album "Die geschenkte Stunde"? Wo sind die Bilder von der übervollen Trabrennbahn von Berlin-Karlshorst, wo Karat seinen 20. Geburtstag vor ausverkaufter Hütte feierte? Eine echte Lücke, die in dieser ansonsten so vollständigen Biographie klafft. Dafür wird ausführlich auf den Moment des Schocks eingegangen. Den Moment, in dem Herbert von seiner Krebserkrankung erfuhr, den Moment, in dem die Band davon erfuhr und wusste, dass der Auftritt am Abend wohl der letzte mit ihrem Kollegen Herbert sein würde. Eine Stelle, in der einem die Tränen in den Augen stehen... Sehr bewegend erzählen die Musiker, dass sie am Abend der Diagnose im Hotel mit Herbert erstmal noch einen über den Durst getrunken haben und in lockerer Stimmung in Erinnerungen schwelgten. Zum letzten Mal... Nicht ohne einen Seitenhieb in Richtung Dreilich-Witwe abzugeben, den ich persönlich als eher störend empfand. Der Bogen spannt sich anschließend weiter zur "Einführung" des neuen Sängers Claudius Dreilich bis ins heute, Aufnahmen von Ostrock in Klassik und Claudius' erstem TV-Auftritt ("Melancholie") werden gezeigt.

Die hier vorliegende DVD ist ein herrliches Erinnerungsstück zum immer wieder Anschau'n. Wer in den letzten Jahren meinte, es fehle etwas bei KARAT, der bekommt hier mehr als eindrucksvoll gezeigt, was genau es ist. Mit Herbert Dreilich hat die Band ihr Gesicht und ihre Stimme verloren. Welch ungreifbaren Zauber die Band mit ihm ausstrahlte, spürt man in jedem der einzelnen Musik-Clips mehr als deutlich. Es war nicht zuletzt auch die Leistung Herbert Dreilichs, die KARAT in ungeahnte Höhen aufsteigen ließ. Eine Leistung, die eine besondere Qualität darstellte, von der die Band auch dann noch zehrte, als die Erfolge ausblieben. Das muss man einfach mal so sagen, auch wenn Herbert selbst in den letzten Jahren musikalisch manchmal daneben griff. Das alles wird aufgezeigt, ohne die anderen Wegbegleiter zu vergessen oder unerwähnt zu lassen. Das Herz wird einem "melancholisch schön" schwer und es laufen einem mehr als nur einmal Gänsehaut und wohlige Schauer über den Rücken. Die Dokumentation läßt fast keine Wünsche offen, sieht man mal von den fehlenden Stationen in der Bandgeschichte ab, und dass speziell die 90er eher hoppla-hopp abgehandelt wurden. Schön, dass ehemalige Musiker wie Steyer und Kurzhals zu Wort kommen, doch hier hätte es den einen oder anderen Kopf mehr geben dürfen. Alles in allem bietet die DVD einen guten Überblick über Gründung, Aufstieg, Fall und Wiederauferstehung einer Band, die - wie einige andere auch - schwere Schicksalsschläge hinnehmen musste, und die es durch den Verlust ihres Kopfes und ihrer Stimme heute sicher nicht einfach hat, die aber mit Claudius Dreilich als neuem Sänger die Chance bekommen hat, an alte Erfolge anzukünpfen. Mögen sie diese auch nutzen!
Diese DVD ist auch für Nicht-Fans ein MUSS, denn hier wird ein Stück deutsche Musikgeschichte erzählt. Welche Band, außer KARAT, kann ein so bedeutsames Volkslied wie "Über sieben Brücken" vorweisen, das einen so großen Einfluss auf viele und vieles hatte? Genau...
(Christian Reder)


   
   
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