sahinscholl2016 20160830 1303172080 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Inhalt:
"For You"
Freddy Sahin-Scholl
Relation & Friendship GmbH/Soulfood
17. Juni 2016

1. Butterfly
2. Carry Me Home
3. Turn the Page
4. Dance into the Light
5. I Love You (Father & Son)
6. Jerusalem
7. Father's Farewell
8. This Time
9. Love Is a Game
10. Lucca
11. Why Me?
12. Dream of America
13. For You





Vorbemerkung
Bevor ich mich der CD widme, möchte ich ein Statement voranstellen. Als ich ihn zum ersten Mal in einer live vom Fernsehen übertragenen Open Air-Veranstaltung vor der Semperoper in Dresden im Jahr 2003 erlebte, war ich fassungslos. Wie kann ein Mensch nahtlos zwischen zwei Stimmlagen wechseln? Von (männlichem) Bariton zum (weiblich klingenden) Sopran? Damals nannte er sich noch GALILEO. Ich glaube, dass es den Lesern der „Deutschen Mugge“ nicht viel anders geht, wenn Sie zum ersten Mal in die Clips am Ende der Plattenbesprechung hineinhören. Im Interview erklärt er, wie es bei ihm zu dieser äußerst seltenen Konstellation kam. Ein kleiner Ausflug in die Klassik sei gestattet: Ähnlich kuriose Stimmlagen haben Countertenöre, die mit Kopf- oder Falsettstimme, aber auch mit Alt- oder Sopranstimme singen können – allerdings ohne gleichzeitig die dunkle samtige Baritonstimme wie Sahin-Scholl zu besitzen. In früheren Jahrhunderten sangen praktisch nur Kastraten die erwähnten Alt- oder Sopran-Tonlagen. Natürlich kann man jetzt einwenden: Wie schreibt man eine unbefangene Rezension, wenn man schon im Vorfeld so begeistert von diesem Sänger ist? Klar geht man zunächst unbefangen ans Werk. Erst anhören, dann schreiben. Und natürlich ist jede Musikbesprechung sehr subjektiv geprägt. Was ein Kritiker verreisst, reisst einen anderen vom sprichwörtlichen Hocker. Abgesehen von einer Neuauflage des ersten Albums „Carpe Diem“ (2003, es gab Gold dafür) wurde es danach recht still um den Sänger - bis heute. Halt: 2010 wurde der Künstler in der RTL-Show „Das Supertalent“ der neue Titelträger. Vorher löste er einen regelrechten Auftrittsboom aus. So war er u.a. in der „José Carreras-Gala“ oder bei der starbesetzten „Aida Night of the Proms“ zu Gast.

Die CD ...
... befindet sich in einem aufwändig gestalteten dreiteiligen Klappcover und enthält im Farbbooklet ausführliche Infos mit allen englischsprachigen Texten. Freddy Sahin-Scholl arbeitete fast zwei Jahre am neuen Album. Alle Stücke komponierte er selbst. Diese Sorgfalt und Hingabe spürt man bei jeder seiner Kompositionen. Auch bei den Musikarrangements war er beteiligt. Die Texte steuerten andere Autoren bei. Es wurde eine aufwändige Produktion. Alle Lieder begleiteten die renommieren Prager Philharmoniker. Den mehr rhythmischen Teil der Aufnahmen mit Keyboards, großem Piano, Drums, E-Gitarre und E-Bass steuerten Studiomusiker bei. Ferner wurde u.a. ein Chor, die „Aurelius Sängerknaben“, sinnvoll in einige Songs integriert.

Nach dem ersten kompletten Anhören des Albums musste ich erst ein paar Mal Durchatmen – und wieder Staunen. Und landete prompt wieder bei meiner vor Jahren geprägten – subjektiven – Einschätzung.

Einige prägnante Songbeispiele greife ich heraus. „Butterfly“ ist der klassikangehauchte Einstieg in 55 abwechslungsreiche Minuten. Hier kann man zum ersten Mal den nahtlosen Übergang von seiner Bariton- zur Sopranstimme bewundern. Ein gefühlvolle Ballade mit Band und Choreinsatz ist „Carry me home“, die er nur mit Baritonstimme singt. Dieser Song nistet sich sofort in die Gehörgänge ein – ein echter Ohrwurm. Anmerken möchte ich, dass nicht alle Stücke mit beiden Stimmen eingesungen wurden, sondern in abwechselnder Reihenfolge. Das ist sinnvoll, weil es sonst leicht zu viel des Guten sein könnte.
Ein irisch klingendes Intro leitet im weiteren Verlauf bei „Turn the page“ zu einem hymnischen Abschnitt über. Das ist schon packend! Stampfende Beats und überraschende Tempiwechsel, eingebettet in moderne Arrangements, sind die Charakteristika bei „Dance into the light“. Klar, hier kann man natürlich nicht mit balladesken Elementen aufwarten.
Den fünften Titel „I love you“ (Father & Son) singt Sahin-Scholl mit Aurelius, einem seiner kleinen Söhne. Das mögen manche als etwas kitschig empfinden, doch es kommt einfach glaubwürdig rüber („I love you – we’ll always be two“). Auch wenn Aurelius frisch von der Leber mit noch leicht ungeschliffener Knabenstimme das Duett mit seinem Vater singt, blitzt da schon sein künftiges Sangestalent durch.
„In this lifeetime, generation – set the signs for peace, take it to the streets, Jerusalem“ ist ein imponierender Satz für eine Region, in der einfach kein Friede einkehren will. Mit einem orientalisch anmutenden Klangteppich leiten die Prager Philharmoniker zu seinem besonders eindringlichen beidstimmigen Gesang über, der glockenklar im Raum steht. Ein fulminanter orchestraler Abschluss setzt ein unüberhörbares Ausrufezeichen zur Thematik in der Komposition „Jerusalem“.
Modernes Soundgewand mit Bandeinlage bildet die Basis zu „Lucca“, das mit einem furiosen Schluss und Bläserunterstützung endet. Bereits jetzt merkt man, dass es sich lohnte, lange an den Arrangements zu feilen. So bekommt jeder Song einen unverwechselbaren Anstrich. Langeweile kommt keine auf.
Ein besonderes Lied ist „Dream of America“, weil es autobiografische Züge aufweist. Der Vater von Freddy Sahin-Scholl war ein GI, der wieder in die Staaten zurückkehrte und sich wohl nicht mehr meldete. Im Song stellten sich dem Künstler Fragen, wie: „Wo ist er? Was macht er jetzt? Was habe ich von ihm geerbt? Was geschieht in mir, wenn ich ihn wiedersehe? Was wäre mit mir passiert, wenn ich in Amerika aufgewachsen wäre? Ist Amerika ein Traum? Und kann ich vergeben und vergessen?“ Solche aufwühlenden Fragen stellen sich irgendwann viele Kinder in einer ähnlichen Situation, wenn sie auf der Suche nach ihrer Identität sind. Auch wenn sie bereits erwachsen sind ... Ein Song, der unter die Haut geht.
Das letzte Lied beeindruckt durch fast sakralen Charakter und setzt eigene Akzente. Nach einer sphärischen Einleitung singt der Protagonist nur mit unglaublich schöner Sopranstimme bei sparsamer Musikbegleitung das „For you“. Ein würdiger Abschluss eines Albums mit Alleinstellungsmerkmal und etlichen Gänsehautmomenten.

Das gesamte Album kann man wohl als Liebeserklärung an seine Familie und an seine Fans interpretieren. Man sollte es am besten portionsweise genießen und nachwirken lassen.
(Gerd Müller)



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