weckerwarum 20150604 1153269194 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Ohne Warum"
Konstantin Wecker
Sturm & Klang (Alive)
19. Juni 2015

Disk: 1
1. Ich habe einen Traum
2. Ohne Warum (sunder warumbe)
3. An meine Kinder
4. Novalis
5. Der Krieg
6. Die Mordnacht von Kundus
7. Fast ein Held
8. Dass alles so vergänglich ist
9. Die Gedanken sind frei
10. Eins mit Deinem Traum
11. Und dann
12. Auf der Suche nach dem Wunderbaren
13. Heiliger Tanz
14. Revolution
15. Willy 2015 (Zugabe)
16. Gefrorenes Licht (für Hans-Peter Dürr) (Zugabe)

Disk: 2
1. Fangt mi wirklich koaner auf (Live)
2. Einen braucht der Mensch zum Treten (Live)
3. Die weiße Rose (Live)
4. Was immer mir der Wind erzählt (Live)
5. Vom Weinstock und den Reben (Live)
6. Empört euch (Live)
7. Liebeslied im alten Stil (Live)
8. Für meinen Vater (Live)





Auf der Suche nach dem Wunderbaren ...
Ich muss einräumen, dass ich nach dem ersten Anhören der 65-minütigen CD erst mal durchatmen musste. Wie kann man einem so anspruchsvollem Werk eines Ausnahmekünstlers (hier ist das manchmal leichtfertig benutzte Wort wirklich angebracht) auch nur annähernd gerecht werden? Konstantin Wecker weiß eine lange Geschichte mit allen Höhen und Tiefen hinter sich. Als Musiker, Liedermacher, Komponist (von etlichen Filmmusiken und Musicals), Autor und Schauspieler deckt er ein riesengroßes Spektrum ab. „Ohne Warum“ ist eine weitere seiner bisher über 40 akustischen Veröffentlichungen. Mit im Studio waren seine Wegbegleiter Jo Barnikel, Wolfgang Gleisner und die junge Cellistin Fany Kammerlander, die auf einigen Titeln auch im Duett mit Wecker singt. Im Videoclip weiter unten erzählt er mehr über die Entstehung des Albums.

„Ohne Warum“. Dieser Album-Titel (gleichfalls der zweite Song) gibt zunächst Rätsel auf. Die Antwort findet man in einem bereits über 300 Jahre alten Gedicht des Lyrikers, Theologen und Arztes Angelus Silesius. Darin heisst es: „Die Ros ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet“. Vom spätmittelalterlichen Philosophen Meister Eckhart wurde der Begriff „sunder warumbe“ als Ausdruck mystischen Denkens geprägt. Wecker schreibt dazu: „Für mich ist der Begriff ein Zeichen dafür, wie Kunst sein sollte, ohne zu überlegen, was man dafür bekommt und ohne zu überlegen, ob es gefällt. Ohne Berechnung, vielleicht auch ohne Sinn ...“ Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch das Album, das wieder von Wut und Zärtlichkeit, aber auch Mystik und Widerstand geprägt ist.

Einige Titel greife ich gerne heraus: Im ersten „Ich habe einen Traum“ träumt der bekennende Pazifist von einer grenzenlosen Welt, in der er leben möchte. Er prangert die Überflussgesellschaft an und lässt uns an der bekannten Erkenntnis teilhaben, dass die Armen gerne teilen und den Reichen das Geben meist fern ist. Im Song „An meine Kinder“, mit zärtlicher Cello-Begleitung untermalt, gibt er seinen Kindern Wünsche mit auf den weiteren Lebensweg. Er endet mit der Bitte, nie eine Uniform zu tragen ... Der Song „Krieg“ beinhaltet dramatisch-lyrische Gedichtsequenzen von Georg Heym (1887 – 1912). Daraus zitiert er singend einige Verse, wie z.B.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, dass das Feuer brause recht.


Das geht bei aufbrausendem Orchester und orchestralem Geschützdonner mit dem Aufruf „Macht ein Ende mit dem Irrsinn“ mächtig unter die Haut. Im Marschrythmus geht es weiter zur „Mordnacht von Kundus“, wo er an das schreckliche Debakel von 2009 erinnert. In „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ sinniert Wecker über die Vergänglichkeit und findet berührende Worte zum Leben. Wer kennt nicht das deutsche Volkslied „Die Gedanken sind frei“. Bereits im Jahr 1780 wurde der Text zum ersten Mal auf Flugblättern veröffentlicht. Wecker transferiert den Song in die heutige Zeit, von einem Kinderchor untermalt. Nur wenn die Gedanken frei sind, könnten es auch die Menschen sein, so die Quintessenz seiner durchaus mit ironischem Unterton gesungenen Zeilen. „Eins mit deinem Traum“ ist ein wunderschönes Liebeslied, das man einwirken lassen sollte. „Revolution“ ist ein live eingespielter, sehr rockiger Titel, wo Konstantin Wecker sein Temperament und seine Musikalität voll ausleben kann. Dennoch ein nachdenklich verpackter Titel, aus dem man stets das „Seid wachsam“ heraushören kann. Es gibt noch zwei Zugaben, darunter „Willy 2015“. Dazu muss erwähnt werden, dass er den Originaltitel bereits 1977 komponierte ("Gestern homs an Willi daschlogn"). Der echte Willy lebt, wie er in einem Konzert im März in Bamberg verriet. Dort war der 65-Jährige am Merchandising-Stand zu finden. Was aber dann seinem Wutbauch entfleucht, ist eine gnadenlose Generalabrechnung: Er lässt sich über die GroKo (Große Koalition) aus, die Kriegsindustrie, die natürlich entsprechende Aufträge brauche. Dann nimmt er die Pegida-Bewegung in Dresden auseinander, die sich ausgerechnet die Ärmsten der Armen ausgesucht habe, statt gegen die „Idiotisierung“ des Abendlandes und die echten Wegelagerer, die Finanzspekulanten, zu protestieren. Das alles sitzt wie ein langer Hammerschlag.

Konstantin Wecker ist ein Ereignis, eine Klasse für sich. Man muss über seinen hohen Anspruch hinaus noch erwähnen, dass er alles mit einer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit darbietet, eingebettet in wunderschöne perlende Melodienläufe. Ohne Wenn und Aber kann ich dieses Werk nur empfehlen! Mainstream-Musik ist da schnell vergessen ...
(Gerd Müller)



Videoclips:

"Ohne Warum" - Album EPK


"Gefrorenes Licht"





   
   
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