jhbbunterwegs 20151124 2011845991 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Unterwegs"
Joris Hering Blues Band
Eigenvertrieb
November 2015

1. Unterwegs
2. Feuer
3. Sie verließ mich heute Morgen
4. Regen
5. Wunderschön
6. Puppe
7. Isolde
8. Fishtone Blues
9. Lied für einen Fluss
10. Katze
11. Feierabend
12. Heimstadt Blues
13. Süße
14. Mann von nebenan
15. Katze (unplugged)





Seit nunmehr über zehn Jahren gabelt er den Blues auf. Er entdeckt ihn nebenan, mitten im Leben, in den Facetten des Alltags und dort, wo ein Musiker eine Menge Zeit verbringt - "Unterwegs". Auf und neben den Straßen entdeckt er Menschen mit ihren kleinen Episoden und er macht daraus Lieder, die er uns erzählt. Das, so scheint es mir, ist seine Mission, denn inzwischen habe ich die zweite CD seiner JORIS HERING BLUES BAND hier und die läuft und läuft.

Die startet ruppig mit Mundi und Gitarre, der Boogie-Karren begibt sich "on the road again", ist wieder "Unterwegs". Schon mit den ersten Takten stampft der Rhythmus über die fiktiven Strassen und eine lockende Blues-Harp singt entspannt dazu. Es ist dieses Gefühl von auf und davon, hinaus in die Welt, das einen ad hoc erfasst und zu dem eine "altmodische" Orgel genüsslich aufspielt, die Saiten einer Gitarre rotzig trocken singen. Ich liebe diesen unverwechselbaren Sound, der modern daher kommt, sich aber einer uralten Stilistik bedient - Blues so und mal so.

In unterschiedlichen Facetten werden hier Alltagsgeschichten erzählt, schöpft der Gitarrist und Sänger JORIS HERING mit seinen Blues-Geschichten aus dem prallen Leben. So wie bei der vom "Feuer", das dich packen und "wie Papier" entzünden kann, oder wenn er mit "Wunderschön" einmal ganz andere Worte für jene berühmten drei findet: "Sie ist längst weg, als ich die Worte wiederfand." Die einen steckt er in einen schleppenden Slow-Blues und beschreibt Gefühle, für die anderen lässt er fröhlich einen Boogie-Woogie tanzen und seine Gitarre überschwänglich swingen. Ganz gleich, welches Thema er mit seiner Blues Band aufgreift, er erzählt davon so, wie er einem Kumpel erzählen würde, dem er simpel sagt "Sie verließ mich heute morgen" und, um die Verwirrung auch wirklich gut nachfühlbar auszudrücken, einen wippenden Beat darunter legt.

Jene Songs, die man schon von der Live-Einspielung kennt, werden, wie die "Puppe", "Katze" oder der atmosphärische "Regen", in ihrer Studiovariante noch ein ganzes Stückchen intensiver, weil fast schon hautnah im Gefühl. Plötzlich gewinnen Nuancen mehr an Bedeutung, erhalten die Figuren noch mehr Charakter im vollen Klangbild, das jedem Instrument genug Spielraum einräumt. Straßengeräusche, fahrende Autos und so ein Sauwetter, da meint man glattweg, einen Schritt beiseite treten zu müssen, um aus einer Pfütze heraus nicht vollgespritzt zu werden, so differenziert kommt der kompakte Sound druckvoll aus den Boxen. Es gibt eine Menge zu entdecken und zu genießen, wenn man diese Songs in sich aufsaugt.

Meine besonderen Entdeckungen sind jene Stücke, bei denen ich das Gefühl habe, der Sänger nimmt mich mit in seine kleine Welt. Das "Lied für einen Fluss", mit dem beeindruckenden Synchronspiel von Gitarre und Gesang, das mich unterschwellig an ganz frühe BAYON-Musik erinnert, ist ein solches Kleinod, aber auch die intime Story vom "Heimstadt Blues", der traurig, nachdenklich, aber auch leise optimistisch stimmt, geht mir nahe. Da verschwendet dieser Berliner Blueser schon fast eine Schippe Genialität: "Kann dich nicht ertragen und muss dich doch wiedersehn." Intimer geht's nicht mehr und ehrlicher auch nicht. Und ich mag den "Fishtone Blues", dieses Stück, das sich JORIS HERING als die kleine Spielwiese für seine Gitarrenkünste ausgedacht hat, um sich hier mal abwechlungs- und sehr ideenreich mit seinem Instrument auszutoben. Da sehe ich ihn gedanklich neben Größen wie Kerth und Papst, die schon seit Dekaden, still und unbeirrt, ihre eigene Auffassung vom Blues spielen. Deren Nachfolger hat die Startlöcher längst verlassen.

Auf dieser CD mit der JORIS HERING BLUES BAND "Unterwegs" zu sein, ist wie das Eintauchen in die stilistische Vielfalt des Genres. Vom trockenen Power-Blues eines fetzig rockenden Trios, bis hin zur spartanischen Akustikvariante der unplugged-ten "Katze", kann man alles auskosten. Selbst mit einem Hauch von Swing sind einige Parts gewürzt, so dass jeder der insgesamt 15 Songs auch jedes Mal neu zum Hinhören einlädt. Bis auf zwei Songs, nämlich "Isolde" und "Feuer", hat JORIS HERING alle Lieder selbst erdacht und sie durchgängig mit deutschen Texten versehen. Letzteres sorgt dann wesentlich dafür, dass beim Hörer ein durchgängig eigenständiger Gesamteindruck haften bleibt. So reizvoll es auch sein mag, einige der internationalen Standards selbst zu interpretieren, dass man darauf verzichtet hat, zeugt ebenfalls von dem gewachsenen Selbstvertrauen und der Reife der Band. Zudem gelingt es nur mit deutscher Lyrik auch all jene zu begeistern, die das Gespür für besondere Geschichten, wie die vom "Mann nebenan", nur in ihrer Muttersprache entdecken können. Denen sei dieser Silberling wärmstens ans Herz gelegt.

Es sind noch keine zwei Jahre vergangen, seitdem sich ein Live-Mitschnitt der JORIS HERING BLUES BAND zu mir verirrt hatte, mich neugierig werden und staunen ließ. Da spielte einer ganz beseelt seine Gitarre und packte all seine Erfahrungen und seine Einblicke in die Ecken des Lebens hinein. Das hatte mich überzeugt und neugierig werden lassen, so dass ich mir wenig später die Band aus Berlin auch live und in natura gönnen musste. Das Live-Erlebnis hat meinen Eindruck auf glänzende Weise bestätigt. Nun also endlich auch ein rundum kompaktes, stilistisch in sich geschlossenes Blues-Paket mit eigenen Liedern. Der rote Faden ist unser Alltag, der uns hier in kleinen Episoden begegnet, die Einsamen und die Unscheinbaren, die jeden Tag meistern und natürlich der Blues, der den Liedern ihren Charakter und den Inhalten intime Identität verleiht. Das Einbeziehen musikalischer Gäste an Saxophon, Orgel und Blues-Harp bringt die nötige kleine Briese Verspieltheit mit. Nichts scheint erzwungen, alles, was man hört, geschieht mit verspielter Leichtigkeit und dennoch ist der Sound ungemein druckvoll sowie energiegeladen. Dies ist ein Blues-Album, das junge Musiker viele Jahre später vielleicht einmal als Maßstab heranziehen werden, um sich zu orientieren. Für JORIS HERING und seine BLUES BAND ist diese Scheibe ein weiterer Schritt in die eingeschlagene Richtung, immer weiter "Unterwegs" zu sich selbst zu sein.
Hartmut Helms




   
   
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