karatseelen 20150317 1875528911 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Seelenschiffe"
KARAT
Electrola/Universal
27. März 2015

1. Was wär geschehen
2. Nach dem Sommer
3. Drei Worte später
4. Sie weiss nicht was Liebe ist
5. Freunde
6. Die Erinnerung
7. Soll ich Dich befreien (mit Gregor Meyle)
8. Seelenschiffe
9. Du kannst die Welt verändern
10. Sag seit wann
11. Geschichten müssen enden
12. Immer dann





Eine Meinung der Redaktion:
Nun ist sie da, die neue Scheibe von KARAT … Nachdem vor fünf Jahren "Weitergeh'n" erschien, veröffentlicht die Band pünktlich zum 40-jährigen Bühnenjubiläum ihr neues Album. Auf dem Titelcover stehen in einer alten und dem Verfall preisgegebenen Fabrikhalle Bernd Römer, Claudius Dreilich, Christian Liebig, Michael Schwandt und Martin Becker und sehen mich an. Über ihnen in der Dachkonstruktion der vernietete Namenszug KARAT, unter ihnen der viel versprechende Titel "Seelenschiffe". Schon mal ein tolles und passendes Ambiente für eine Band und ihre neue Platte, wie ich finde …

Mein zweiter Blick gilt der Tracklist und dort wird schnell klar, dass die Band mit diesem Album einen neuen Weg beschreitet. Lediglich bei einem Song - bei vier weiteren ist Claudius Dreilich als Co-Komponist aufgeführt - zeichnet einer der KARAT-Musikanten, nämlich Martin Becker, für die Komposition verantwortlich. Hauptkomponist der neuen KARAT-Songs ist Ingo Politz, welcher auch als Produzent, Arrangeur und Mixer dieses Albums fungierte. Neben ihm sind noch Constantin Krieg, Christian Neander, Tobias Röger, David Jürgens, Gregor Meyle sowie Marcus Gorstein vertreten. Eine illustre Autoren-Mannschaft sozusagen, die sich in den Dienst des neuen KARAT-Albums stellte. Trotz unterschiedlicher kompositorischer Handschriften fügen sich die zwölf Songs harmonisch zusammen und ergeben ein überraschend rundes Bild. Soundtechnisch wurden die Songs zeitgemäß und sehr modern produziert. Zudem bleibt festzustellen, dass auch Sänger Claudius Dreilich hörbar vermochte, sich weiter zu entwickeln und es ihm in seinem mittlerweile zehnten Jahr bei KARAT gelingt, der Musik seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken.

Inhaltlich widmet sich die Platte der Liebe, Freundschaften, Neuanfängen, Umkehr, aber auch gesellschaftliche Themen werden nicht ausgeschlossen. Der Großteil der Texte stammt von Michael Sellin, dem es gelang, sehr persönlich wirkende, aber auch aufrüttelnde Zeilen in passende Worte zu verpacken.

Mit einem für KARAT recht typischen Gitarrenintro und dem Song "Was wär geschehen" startet die Scheibe. Textlich bricht er eine Lanze dafür, das Glück zuzulassen und sich nicht stets nur die Frage zu stellen, die dem Titel den Namen gab.

Die Traurigkeit über eine verblasste Liebe, die der Herbst dem Sommer nahm, ist Mittelpunkt in "Nach dem Sommer". In den Strophen musikalisch recht verspielt, rhythmisch perfekt und verfeinert mit diversen Gitarrenstimmen driftet der Refrain recht abrupt in eine sehr liedhafte, beliebig austauschbare Form ab, die wohl Geschmackssache sein dürfte. Meiner ist es nicht.

Dass das Leben manchmal "Drei Worte später" beginnt, es einen aus der Bahn werfen und treffen kann, gerade wenn man nicht damit rechnet, damit beschäftigt sich der gleichnamige dritte Song. Musik und Text stammen aus den Federn von Christian Neander, Tobias Röger und David Jürgens. Christian Neander dürfte vielen von der Gruppe SELIG bekannt sein, gemeinsam mit Tobias Röger und David Jürgens arbeitete er unter anderem auch für Christina Stürmer. Gitarrenfreunde können sich auf diesen Song freuen, denn bei der Aufnahme ist auch Uwe Hassbecker (SILLY) vertreten und das ist satt und fett zu hören!

Die einzige „KARAT“-Komposition von Martin Becker heißt "Sie weiß nicht was Liebe ist". Cello- und Streicherklänge erinnern wohltuend an ältere Tage der Bandgeschichte. Ein schöner Farbtupfer inmitten der zwölf neuen Songs. Ähnlich sparsam instrumentiert und arrangiert präsentiert sich auch "Die Erinnerung". Den sehr emotionalen Text schrieb Claudius Dreilich und es ist unüberhörbar, dass dieses Lied von ihm selbst und seinem Vater Herbert Dreilich erzählt. Im Endteil kommt es fast hymnisch daher und ist mit einem typischen Römer-Gitarren-Solo versehen.

Im Pressetext der Plattenfirma steht zu lesen: „Ein großes Highlight auf der neuen CD wird der Song 'Soll ich dich befreien' sein, bei dem ein genialer Text auf eine Gänsehaut-Melodie trifft. Irgendwo ist es eine Melange aus Rock und souligem Pop - Fans können hier eine klangvolle Rock-Ballade erwarten. Für diese Neuerscheinung hat Karat auch einen besonderen Künstler mit ins Boot geholt: Gregor Meyle ist für das Duett mit in die Studioproduktion gekommen.“ Offensichtlich wird dieser Song intern als DER Hit gehandelt und soll es vielleicht auch werden. Nicht mal zu Unrecht, das Lied hat was. Für mich will allerdings die Kombination von KARAT und dem unbestritten guten Soul-Pop von Gregor Meyle überhaupt nicht zusammengehen. Sorry, liebe Plattenfirma, in diesem Fall zeigt mein Daumen eindeutig nach unten.

Die erste Single-Auskopplung wird der Titelsong "Seelenschiffe" sein und ich gebe zu, dass ich auch von ihm etwas mehr erhofft hatte. Ein fernöstlich angehauchtes Intro macht zunächst Lust auf mehr, verfliegt bei mir aber recht schnell aufgrund einer einfach gestrickten Melodie, die allzu deutlich auf Masse, statt auf Klasse abzuzielen scheint. Statt von KARAT, könnte der Song ebenso gut von SANTIANO oder Dirk Michaelis stammen und ich behaupte mal ganz kühn: Kaum jemand würde es bemerken ...

Zwei Songs später fühle ich mich jedoch auf dem absoluten Höhepunkt des Albums angekommen. Mit "Sag seit wann" kehren KARAT zu ihren Wurzeln zurück, genauer gesagt ins Jahr 1982. Schon zu Beginn des Songs erinnern sitar-ähnliche Klänge ganz eindeutig an einen ihrer größten Hits, nämlich "Der blaue Planet“. Ein überraschendes und höchst erfreuliches Zitat, losgehende und nach vorn gespielte Gitarrenriffs, im späteren Verlauf des Songs sogar noch mit ins Blut gehenden Elementen der Weltmusik angereichert. Woher kommt der Mensch, wohin geht er, warum kann er seine Wahrheit verlieren, warum werden Herzen belauscht, wohin führt uns das Geld? Lasst uns tanzen!!! Ein wahrer Ohrenschmaus mit Sinn, ohne altbacken oder gar unmodern zu klingen. Das ist KARAT 2015 auf der Höhe der Zeit! Für mich der absolute Favorit dieser Platte, von dem ich im Moment gar nicht genug bekommen kann.

Mit einer Ballade von Marcus Gorstein (Sohn von Eva und Arnold Fritzsch - ex KREIS) findet das Album sein Ende. "Immer dann" - ein krönender Abschluss.

Nicht jeder einzelne Song soll Gegenstand meiner persönlichen Eindrücke sein, im Mittelpunkt steht das Gesamtwerk und das kann durchaus überzeugen. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten: Für meinen persönlichen Geschmack wirken insbesondere einige Backgroundchöre á la „Haaa haaa haaa, naaa naaa naaa“ recht deplatziert und erinnern irgendwie an vergangene Schlagertage. Hier wäre etwas weniger mehr gewesen und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man diese Passagen durch andere stilistische Mittel bedeutend wirkungsvoller und emotionaler in Szene setzen hätte können. Aber der künstlerischen Gestaltung sind eben kaum Grenzen gesetzt und das ist auch gut so.

Ein reines Rockalbum ist "Seelenschiffe" ganz sicher nicht, aber durchaus gut gemachte Pop-Musik auf qualitativ hohem Niveau. Auch wenn - wie Claudius Dreilich schon auf der Pressekonferenz anlässlich der Veröffentlichung erwähnte - die Songs auf diesem Album deutlich in Richtung Mainstream gehen und keine Experimente gewagt wurden, sind sie meiner Meinung nach allesamt hörens- und beachtenswert. Ebenso wurde augenscheinlich auch einer Radiotauglichkeit hohe Bedeutung beigemessen, denn gerade mal zwei der insgesamt 12 Songs schaffen es, die magische „4-Minuten-Marke“ zu knacken. Dennoch birgt meiner Meinung nach nicht jeder Titel Hitpotential, aber der eine oder andere könnte es durchaus schaffen, sich durchzusetzen und auch im Live-Programm einen festen Platz zu finden.

Ich wünsche der Band Glück mit dem Album, den Fans Freude beim Hören und gratuliere KARAT herzlich zum 40-jährigen Bandjubiläum!
(Mike Brettschneider)


 

Die Meinung unseres Freundes Jens:
Zugegeben - ich tu mich ein wenig schwer, das neue Album von KARAT zu rezensieren. Als vor fünf Jahren, nach langer Wartezeit, die CD „Weitergehn“ auf den Markt kam, prasselte jede Menge Schelte auf die Band ein. Das habe ich genau so wenig verstanden, wie etwas später die Lobhudeleien über die neue CD einer anderen Band, deren Name ebenfalls mit K beginnt ...

Machen wir uns nichts vor: alles hat sich verändert - die Zeiten, in denen wir leben, die persönlichen Befindlichkeiten, aber auch die Instrumente, die Produktionsmöglichkeiten und die Hörgewohnheiten (wenngleich letztere durch das tägliche Medienangebot stark eingeengt werden). Und wenn wir in die Konzerte der „Bands unserer Jugend“ gehen, dann erhalten die neuen Angebote einen Achtungsapplaus, während wir auf die vertrauten Hits voll abfahren. Ob aber diese damaligen Hits in der heutigen Medienlandschaft die gleiche Wirkung erzielen würden wie damals, darf sicherlich bezweifelt werden.

Nicht jede Band kann ihrem alten Stil treu bleiben, zum Beispiel wenn wichtige Musiker und Komponisten fehlen. Ed Swillms komponiert nicht mehr, Thomas Natschinski hat seine eigenen Projekte, Thomas Kurzhals schaut von oben zu, für die neuen eigenen Kompositionen gabs Prügel - also kann man sich entweder endlos als Oldie-Band selbst reproduzieren oder eben „Weitergehn“.

Vielleicht waren das die Gedanken, die sich Karat jetzt in ihrem 40. Jahr gemacht hat, als die Musiker an die Vorbereitung des neuen Albums gingen und ein neues Team von Songschreibern und Produzenten bemühte - ich weiß es nicht. Live ist die Gruppe für mich immer einen Besuch wert - das sind Musiker mit hohem Können, absoluter Spielfreude, ohne Allüren auf der Bühne, die eine Mischung aus lyrischen Titeln mit Rockigem gut beherrschen. - Aber warum tun sie das auf dem neuen Album nicht!?

Seit Freitag läuft der Silberling wieder und wieder. Bis auf einen einzigen Titel haben andere die Songs geschrieben. Vor- oder Nachteil? Perfekt gemacht, absolut im aktuellen Zeitgeist abgemischt - aber die Band kommt einfach nicht aus den Puschen, wie man so schön sagt. Alles tut sich behäbig, es klingt austauschbar. Man kann problemlos Titel 1 und 3 mischen, das merkt keiner ... Fans von Adel Tawil (besonders Titel 5 „Freunde“) oder Radio Doria kommen hier sicher voll auf ihre Kosten. Die Kompositionen und Arrangements laufen nach dem gleichen Schema ab: ein instrumentales Vorspiel, meist Klavier, der Gesang beginnt, dann kommt irgendwann die Band dazu, und das ganze in umgekehrter Reihenfolge am Schluss. Auch textlich gibt es nichts, was als Besonderes hängen bleibt.

Zudem halte ich die Reihenfolge auf dem Silberling für ziemlich unglücklich, denn das Interesse nimmt sehr schnell ab, ab Titel 3 zuckt der Finger in Richtung Skiptaste. Und es ist doch sträflich, wenn ein leichtes Rocken erst ab Titel 9 aufflackert! Warum dieser Valium-Effekt? Ja, na klar ist Karat nicht Rockhaus, aber wer hat die Gitarren von „Opa Bernd“ so weit in den Hintergrund geschoben? Warum gibt es so wenige verschiedene Keyboardsounds?

Ich hab mir die Playlist der Songs mal so gemischt, dass es zu Tempoänderungen im Charakter der CD kommt, und siehe da: das macht mir viel mehr Spaß. Jetzt habe ich auch Lust auf Details wie einen Keyboard-Sound, der an die alten ELKA-Rhapsody-Strings erinnert, ich höre feine Reverb-Anteile bei den Akustikgitarren, kann mich an den leichten Dopplungen und Oktavierungen auf den Gesangsspuren von Claudius erfreuen, der seine Sache richtig gut macht, oder an den Basslinien von Christian, der fast schon eigene Melodien einfließen lässt, und ich mag Michas punktiertes Drumspiel. Mir gefallen die etwas zügigeren Nummern am Ende der CD und ich wünsch mir, dass „Geschichten müssen enden“ mit ins aktuelle live-Programm kommt (schon deshalb, weil es auch ein City-Song sein könnte). DEN würde ich auskoppeln fürs Radio, oder „Du kannst die Welt verändern“! Ein wirkliches Highlight ist „Sie weiß nicht was Liebe ist“ - übrigens die einzige Komposition eines Karat-Musikers (Martin Becker), arrangiert im Stil von „Eleanor Rigby“ von den Beatles oder „Scherbenglas“ von Lift.

Das im Vorfeld so gelobte Duett mit Gregor Meyle hingegen lässt mich völlig kalt. Das passt für mich nicht, weder von den Stimmen noch vom Inhalt. Und wenn zwei Männer die Zeile singen „Ich glaub an die Liebe, das reicht für uns zwei“ hat das schon etwas Sonderbares ... - Hier wurde eine Chance vertan! Ich kann mir nämlich durchaus vorstellen, dass ein textlich und interpretatorisch gut verteilter Song mit beiden Interpreten wirklich funktioniert!!

Mit welchem Gefühl gehe ich nun hier raus nach dem wiederholten Hören: Freude, Überraschung, Kopfschütteln, Ratlosigkeit? Ist das noch ein echtes Karat-Album? Kann ich das weiterempfehlen? Die Antwort fällt nicht eindeutig aus, das muss wohl jeder selbst für sich entscheiden. Wie schon bei Silly nehme ich mit großer Freude zur Kenntnis, dass es die Band weiterhin gibt. Das momentane Album trifft nicht mehr ganz meinen Musikgeschmack, aber das ist völlig sekundär und schmälert zudem nicht das Dankeschön für die Bemühungen an alle Beteiligten. Es ist ein weiteres Puzzle in meinem Karat-Bild. Zudem gehe ich fest davon aus, dass einige der neuen Songs klug in die Dramaturgie der Konzerte eingebaut werden und live doch wesentlich mehr Drive bekommen. Ich lasse mich gern davon überzeugen - spätestens im Herbst bei uns in der Stadthalle Cottbus!
(Jens Kurze)


   
   
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