feick14 20140329 1607521662 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Woanders und hier"
Frizz Feick
Monopalast Records
28. Februar 2014

1. Liebensgefährlich
2. Nicht mehr für Dich
3. Woanders & Hier
4. Zu laut für Berlin
5. Viel zu schön
6. Sowas von egal
7. Ohne ein Wort
8. Haus hinterm Hügel
9. Nachtpiraten
10. Famose letzzte Worte




Das müsst Ihr gehört haben ...
Es gibt Platten, die machen es einem richtig einfach, über sie zu schreiben. Nämlich dann, wenn es nix zu Meckern gibt. Mehr noch: Wenn man sich vom ersten Ton an schon in die Musik verlieben kann. Die CD "Woanders und hier" von Frizz Feick ist so ein Album, bei dem Feicks Hingabe in Sachen Musik sowohl beim Arrangement seiner Songs als auch in seinen Texten deutlich ablesbar ist. Hier ist einer mit Leidenschaft am Werk. Jemand, der einen an die Hand nimmt und in seine Welt der vertonten Gefühle und Gedanken mitnimmt. Der Hinweis im Pressetext, dass Feick sehr lange an seinen Songs feilt, u.a. auch weil jedes Wort bei ihm einen Sinn und Zweck hat, merkt man beim Hören der neuen CD ziemlich schnell selbst heraus. Frizz Feick liefert uns zehn kleine Filme für das Kopfkino, die in nur wenigen Minuten ablaufen, aber bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Musik ist der Soundtrack, der Text die Handlung.

Der erste Film heißt "Liebensgefährlich" und empfängt uns mit aufwühlender Musik einer Streicher-Gruppe, ehe eine Orgel und eine angejazzte Trompete das Stück in ruhigere Fahrwasser geleitet und die Geschichte beginnen kann. Die ersten Zeilen des Songs erzählen vom Kennenlernen einer Frau, die so umwerfend zu sein scheint, dass sie den Plan des Lied-Ichs innerhalb von "zwei Doppelsekunden" komplett über den Haufen wirft. Man ist hin und weg, reagiert körperlich auf jede Berührung und ihren Duft. Feick erzählt uns in klaren Worten und bildhafter Sprache, wie "liebensgefährlich" diese Frau ist. Musikalisch wechseln sich die ruhigen, vom Smooth Jazz getragenen Teile mit den etwas lauteren im Refrain ab. Musik und Text bilden eine Einheit. Großartig! Schon hier wird klar, dass Frizz Feick der deutschen Sprache mehr als nur ein paar sich reimende Zeilen abringen kann. Vielmehr ist er in der Lage, mit Worten so umzugehen, dass daraus tatsächlich Bilder entstehen. Die deutsche Sprache ist sein Instrument, zumdem noch eine unverwechselbare Stimme kommt, die angenehm ist und die Geschichten ins richtige Licht rücken kann. Text und Stimme fügen sich passgenau in die Musik ein. Musik und Text müssen nicht einfach nur zusammen passen, sie dürfen sich auf keinen Fall abstoßen oder gar überfrachtet sein, und so die Geschichte möglicherweise überdecken. Hier die Balance zu halten - und das tut Feick auf ganz hohem Niveau - ist nicht einfach.
Dies wird auch beim zweiten Titel, "Nicht mehr für Dich", deutlich. Südamerikanische Rhythmen, Orgelteppich und Feicks hauchzart kratzende Stimme singen über das Ende einer Beziehung und die Dankbarkeit, dass diese jetzt auch tatsächlich vorbei ist. Warum sollte man auch um eine Liebe trauern, wenn man über den Partner nur sagen kann: "... alle Sorgen, die ich nie gekannt hab, hast Du mir besorgt"?! Darum fällt es auch leicht zu sagen, "Steck Dir Deine Liebe an den Hut, Dir das zu sagen tut so gut". Das Ganze dann noch in einen luftig-lockeren Latino-Jazz-Chanson zu packen ist nicht nur ungewöhnlich, sondern in erster Linie eine geniale Idee. Hier wird etwas, bei dem viele Menschen sicher eher melancholisch reagieren würden, als lebensbejahende Hymne dargereicht. Man feiert das Beziehungsaus und die wiedergewonnene Freiheit.
Eines meiner Lieblingslieder von Frizz Feicks neuer CD ist der Song "Zu laut für Berlin". Wieder eröffnen Streicher ein Lied auf diesem Album. "Zu laut für Berlin" ist wie der Soundtrack für einen frühmorgendlichen Gang durch die Bundeshauptstadt, nach einer durchgemachten Nacht auf dem Weg nach Hause, arrangiert. Der spezielle Duft der Stadt, vielleicht sogar die Vielfalt und Weltoffenheit Berlins meinend, wird mit den Worten "Diese Stadt riecht, nach offenen Türen" umschrieben. Es scheint Frizz Feicks deutsche Antwort auf Frank Sinatras "New York, New York" zu sein, denn auch Feick besingt die Stadt als eine, die nie schläft, die "lebt" und "brennt". Die anfänglich düster gezeichnete Grundstimmung in dem Lied, das Melancholische und Gedrückte, löst sich mit der zweiten Strophe erstmal auf und ein - ich nenne es mal - optimistischer Part schließt sich an. Dieser bleibt nicht lange erhalten und wird schon kurz darauf für den Refrain wieder bei Seite geschoben, und "bedrohlich" klingende Streicher bilden den Teppich für die Refrainzeile "Guten Morgen, Berlin. Ich bin zu laut für Dich", die am Ende in einem scheinbar aus dem Psycho-Soundtrack entliehenen Streicherarrangement gipfelt. Ein Wimpernschlag Ruhe, dann setzt der Fretless-Bass ein und wir erleben das eben Erfahrene noch einmal. Ich finde, gerade dieser Wechsel und das Spiel mit den Stimmungen spiegelt genau das wieder, wie die Stadt Berlin auf einen wirkt: Launisch und alles andere als Schwarz oder Weiß. Wenn die Hauptstadt eine Hymne braucht, dann ist es dieses Lied hier. Vergesst Peter Fox mit diesem unsäglichen und pseudointellektuellen "Schwarz zu blau"-Mist. Das hier ist ein Volltreffer!
Ein völlig anderes Stück Musik ist der vom Soul und Jazz durchzogene Song "Sowas von egal". Der Text könnte eigentlich aus einem einzigen Satz bestehen, nämlich "Halt den Mund, das interessiert mich alles nicht", aber Frizz Feick schickt dann doch eine komplette Begründung, was und warum es ihn nicht interessiert, als Liedtext hinterher. Besser kann man es kaum sagen, dass einem die Erzählungen seines Gegenüber komplett egal sind. Sehr gelungen!
Und so befinden sich noch weitere kleine Geschichten mit ihrem eigenen Soundtrack auf dem Album, wie z.B. die über die Sprachlosigkeit ("Ohne ein Wort") oder die über den Drang hinaus in die Nacht ("Nachtpiraten"). Nur eine einzige Geschichte ist nicht aus Frizz Feicks Kopf, nämlich die über das Wiederaufleben einer Liebe ("Viel zu schön"), die Manfred Maurenbrecher erschaffen hat, und die mich vom Inhalt her stark an "Aus und vorüber" von Herwig Mitteregger, nur mit einem anderen Ende, erinnert.
Die Geschichten hat Frizz allein geschrieben. Bei der musikalischen Umsetzung stand dem Wahl-Berliner der Musikerkollege George Kochbeck zur Seite. Kochbeck, selbst erfolgreicher Musiker und Produzent (u.a. Herwig Mitteregger, Information, Zabba Lindner & The Rhythm Stix), hat mit an der Musik geschrieben, und das Album arrangiert und produziert. Mit George Kochbeck scheint Frizz Feick einen genialen Partner gefunden zu haben, der sein Anliegen versteht und genau weiß, wie die großartigen Texte Feicks gut in Szene zu setzen sind.

Damit komme ich zurück auf meinen Eingangssatz: Frizz Feick hat es mir einfach gemacht, über sein neues Album zu schreiben. Es ist ein Album voller Tiefe und Geschichten, die mit einer angenehmen Prise Humor und einer gehörigen Portion "Sich-selbst-wiederfindens" gewürzt sind. Geschichten mit der dazu passenden Musik, in der viele Ideen und sicher auch Experimente verbaut wurden, die es nie langweilig werden lassen, die CD immer und immer wieder zu hören. Glaubt mir, das müsst Ihr gehört haben!
(Christian Reder)


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Videoclip:

"Zu laut für Berlin" (off. Video)


 

   
   
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