pollyhitze 20140129 1894066156 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Tante Polly macht Hitzefrei"
Tante Polly
billboardmcSmusic
02/2014

1. Der Reisende
2. Kamerunkai
3. Sieben Jahre
4. Du hast studiert
5. Du bist schön wenn du nackt bist
6. Nirgendwohingehen
7. Der Zweifel
8. Hitzefrei
9. Gib auf!
10. Im Radio liefen CCR
11. Tante Polli
12. St. Pauli bei Nacht
13. Sommersegen





Die Erektion kommt beim Küssen und dann stimmt jeder Ton
... oder so - TANTE POLLY hat immer Hitze, auch im Winter!


Ich denke, es ist nicht so wichtig, im Grunde, beim Schreiben einer CD-Rezension auf eine zu verweisen, welche man einst zum Vorgänger-Album verfaßt hatte. Doch in diesem Falle fühle ich mich dazu gemüßigt, auf die Rezension zu verweisen, die ich zum Album "Herzkotze" schrieb, hier auf diesem Portal. Und zwar aus einem einfachen, aber ungeheuer wichtigen Grund: Das Trio TANTE POLLY hielt mit seiner zweiten Scheibe das, was ich mir von ihrem Debütalbum versprach. Lest und beurteilt es selbst und staunt so voller Freude darüber wie ich es tat (Rezension HIER).

Auch was meinen Vortext zur Rezension, die Beschreibung der Band, der Hinweis auf den Ursprung des Namens, die Charakterisierung ihrer Musik betrifft, ist nichts dem hinzuzufügen, was ich bereits schrieb. So kann man beide Rezensionen auch für die zweite CD nutzen. Copy & Paste liegt mir da nicht und ist ja zum Glück hier auch nicht nötig :-)

"Tante Polly macht hitzefrei!" betrachte ich als nahtlose Fortsetzung an das Debüt-Album "Herzkotze", man muss unweigerlich beide haben, die Jungs machen süchtig, ein heutzutage recht seltener Effekt. Derselbe immer etwas am Dixie angelehnte Sound mit den unendlich viel scheinenden musikalisch experimentell eingestreuten Elementen, dieselbe angenehm singend erzählende Stimme, auf dieselbe Weise erzählte skurille Geschichten von den Gleisen des Lebens und abseits davon. Die "Reisenden" eben zwischen musikalischem Vollrausch und leicht morbider Melancholie. Auf geht's zur guten Fahrt in die Gefilde der warmen Herzen und klar blinkenden Augen. So heißt auch der erste Titel "Der Reisende", für mich ein kleines inhaltliches Konzept des Trios, nicht nur für dieses zweite Album.
Die erste melancholische Station ist der "Kamerunkai". Der sich nicht in Kamerun befinden kann, denn da wäre es wärmer als im Lied beschrieben. Da sitzt jemand mit einer Gitarre und besingt sein Leben betrauernd, was wiederum das Trio etwas trauernd besingt. Obschon die auch keine Ahnung haben, was mit dem Menschen genau los ist, was er war und was ihn bewegt. Und ob es ihn überhaupt gibt, ob er da wirklich singt. Wir müssen das auch nicht wissen. Allein der Umstand der Beschreibung eines vielleicht doch nur fiktiven aber berührenden Vorgangs ist sehr berührend schön in diesem Lied mit all den illustren und in einem Video sehr schön illustrierten Spekulationen. Nur von "nordisch kühl" kann ganz und gar nicht die Rede sein.
Und da wir schon mal bei See und so sind, geht es shantyschenkelschaukelnd und seemannsseentüchtig mit einer wunderbaren Komposition weiter. "Sieben Jahre", verloren zwischen Sturm und Meer auf´m Wasser mit all dem, was man in sieben Jahren verzweifelten Hoffens alles so mit verlieren kann auf der See. Mit einem Brief als einzigem Lebenszeichen von vor sieben Jahren einer wohl längst vergessenen Meerjungfrau vom Lande. Da darf man mutig und ruhigen Gewissens mitmelancholisieren. Vielleicht war der Text für diesen Song ja auch vom fiktiven Gitarrenspieler vom Kamerunkai. In Berlin ist der Kameruner übrigens ein Strand, aber ich will mal nicht protzen, wir holen lieber die Hamburger Jungs mal nach Köpenick mit Gitarre zum Kamerunstrand oder so. Da gibt´s mehr Jungfrauen. Glauben die Köpenicker, weil sie alles glauben, was Frauen sagen. :-D
Und dann geht es gefühlt auf einen Kreuzfahrtdampfer mit einer 50er- oder 60er-Jahre-Schlagerkapelle an Bord. "Du hast studiert" ist sehr an diesen Sound angelegt. Das ist schon mal sehr lustig. Und macht Spaß. Der ironische Text paßt sich auch gleich mal dem Reimschema dieser Zeit an. Und ist auch noch zeitgemäß und treffend. Ja, so was geht. Und wir können fröhlich das Tanzbein schwingen, ob wir nun studiert haben oder nicht. Also ich hab nicht. Naja, eher bißchen, also fast, aber eigentlich eher nicht und es war eh nix mit Wirtschaft oder was man heute so Belangloses studiert, wenn man sonst kein Talent hat. Weil … na, darum geht es in diesem Song. Einfach anhören und gute Laune behalten. Überhaupt sollte man, wenn man nicht gut drauf ist oder auch sonst, jeden Tag einen Titel von "Tante Polly" hören und schon klappt der Tag.
So geht es auch beim nächsten Titel. "Du bist schön wenn du nackt bist" (ab April im "Wahl-Lokal" auf rockradio.de). So, wenn´s auch noch im richtigen Takt ist. Eine Wahrheit, die ja auf einige zutrifft. Wenn auch leider nicht auf alle. Kein Wunder, daß es auch - aber nicht nur - ein Lied übers Fremdgehen ist. Die Themen sind, so wie auch auf dem vorhergehenden Album, alle schon gehabt, aber nicht in diesem Kontext. Laßt Euch überraschen!
So schunkelnschaukeln wir weiter fröhlich, weil wir "Nirgendwohingehen". Manchmal erinnert mich "Tante Polly" an die einstige Magdeburger Band Scheselong, aber die werden sie selber leider nicht kennen und es gibt auch gar nicht so viele Aufnahmen von dieser. Was nicht am Filmriß liegt wie in diesem Song. Ein bißchen erinnert das Trio auch an die mitunter sehr viel größere Formation "Der Internationale Wettbewerb" aus Berlin, nur sehr klargeistiger trotz einiger Trunkenheitsbeschreibungen. Mir fällt beim Notieren dieses Gedankens gerade auf, daß bei allen drei Bands Schauspieler eine Rolle spielen. Wenn also die Liebe, das Leben, der Suff und vieles mehr, was die Tage so mit sich bringen oder was man an sie verliert, durchmacht und durchhat, bleibt immer noch "Der Zweifel", suggeriert uns der nächste Titel beinahe melodramatisch. Es ist nicht der Zweifel von außen, sondern der von innen, der Selbstzweifel. Der löst zwar vieles, aber selten sich selbst.
Ein Hauch von Reggae trägt den Titelsong "Hitzefrei". Bißchen angedeutet und genutzt auch SambaBossaTrallala. Die spinnen, die Polly-Neffen, den gesamten Titel über, auch im Text. Der als Propagandatext für eine Hitrzefrei-Demo taugen würde. Die Musik allerdings nicht. Zuviel Party für einen nachdrücklichen Protest. Tanzen kann man die gesamte CD durch. Auch bei den melancholischen Liedern. Ob man will oder nicht.
Auch bei dem moritätlichen anscheinendem Beziehungsabbruchsweilunddarumtrauern-Lied "Im Radio liefen CCR". Dieses übliche Drama eben: Frau bleibt beim Mann (umgekehrt soll es noch häufiger sein), auch wenn sie sich in einen anderen frisch verliebt hat. Das Danke für die Zeiten kommt da schon etwas sarkastisch-bitter über die Lippen des nicht zum Gattenverlassen reichenden Sängers.
Und noch ein Drama. "Gib auf!" Wieder schön hanseatisches Schunkelgewalze mit Klimperklavier und einem genialen Text. Und einem genialen Gesang. Auch hier läßt der Zweifel grüßen, aber so kitschig verbrämt - ja, fast klassisch - muß man ihn erst einmal zu äußern wagen.
Auf den nächsten Titel war ich eh schon im voraus sehr gespannt. Eigentlich auf die Story dahinter. Aber es kam gar keine. Weil der Titel "Tante Polli" heißt. Slapstick-Musik. Bißchen Swing, bißchen Ragtime, bißchen Klezmer, bißchen Dixie, bißchen Jazz - der Tante-Polly-Sound. Ein Instrumentalstück. Wer sich ein erstes rein musikalisches Bild davon machen will, wie Tante Polly klingt und was sie musikalisch sind, sollte sich dieses Stücklein anhören, breit grinsend und so wie ganz viele schon vor ihm (und nach ihm) nach der Band süchtig werdend. Anders geht es, glaube ich, gar nicht. Eine andere Wirkung kann ich mir beim besten Willen und bei aller Toleranz für Geschmäcker nicht im Geringsten vorstellen. Auch wenn hier Text und Gesang fehlen, die werden dann als Sahne gerne nachgereicht.
Denn dieses "Fehlen" macht - in Gänze - "St. Pauli bei Nacht" wieder wett. So liebe ich es. So liebe ich die Tante-Polly-Jazz-Welt-Klasse-Musik. Der Text ist in typischer Tante-Polly-Manier witzig. Und überraschend. Es haben zwar nicht alle und niemand immer Spaß im Leben, doch mit Tante Polly eben schon. Der Song ist auf jeden Fall ein Hammer, wenn die Band hier auch - und das mit Vergnügen! Chapeau! - musikalisch ein klitzekleines bißchen über die Ufer tritt. Es ist also wirklich kein Wunder, dass der Papst himself auf dieser CD den Schlußchoral zelebriert.
(Andreas Hähle)



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Videos:

Albumtrailer


"Kamerunkai" (off. Video)


 


   
   
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