tg-mss 20130622 1416279615 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Männer sind so"
Thomas Godoj
SPV
31. Mai 2013

1. Mein letztes Hemd
2. Wo wir sind
3. Ich fang den Regen auf
4. Sterne
5. Rückwärts
6. Was wäre wenn
7. Einfach nur anders
8. Papierflieger
9. Gefesseltes Herz
10. What If I - Der Moment
11. Wolken
12. Männer sind so





Eigentlich haben wir uns mit dem Thema 'Deutschland sucht den Superstar' einmal auseinandergesetzt und dazu auch alles gesagt (bzw. geschrieben), was es darüber zu sagen gibt. Ihr erinnert Euch vielleicht noch an das Interview mit Annemarie Eilfeld, in der es tiefe Einblicke hinter die Kulissen dieses fragwürdigen Formats gab. Schon lange haben wir festgestellt, dass diese Sendung kein Schwein braucht, und dass die darin verheizten Sängerinnen und Sänger so haltbar wie ein angebrochener Becher Sahne sind. Nachdem man sich durch ein Casting mit ganz besonders wichtigen Menschen in der Jury gekämpft und irgendwo in der Südsee eine Art Ferienlager mit (Nach)Singeveranstaltungen überstanden hat, covert man sich ein paar Wochen in diversen Samstagabendshows (bei RTL heißen sie "Mottoshows") durch die Musiklandschaft und tut extrem wichtig. Am Ende wird eine(r) vom Publikum zum Dschungelkönig... ach ne, das kommt ja erst später... zum Sieger gewählt, und darf dann von Dieter Bohlen vorgefertigte Pop-Nummern im Studio aufnehmen, die genaus unappetitlich klibberig und seicht sind, wie man die Werke des Meisters halt schon seit einer gefühlten Ewigkeit kennt. Der Heinz Konsalik der deutschen Musikszene (Kennste einen, kennste alle) schiebt seine Schützlinge nach der Staffel musikalisch immer in diese Ecke, wo sich schön leicht Geld verdienen lässt - solange er es produziert. Ein Einstieg in die Charts, vielleicht auch zwei... sind die Folge und irgendwann kräht nach den "Superstars" kein Hahn mehr. Oder weiß einer von Euch noch, wer 2006 die Staffel gewonnen hat? Das ist auch kein Wunder, denn der eine jodelt heute fröhlich in irgendwelchen Musicals, die andere hat das Mikrophon an den Nagel gehängt und ist heute Lehrerin (hoffentlich nicht für Musik), ein anderer hat sich in den letzten Monaten seiner "Karriere" überall von der Bühne herunter so daneben benommen, dass er heute kein Musiker mehr sein möchte, und was aus den anderen geworden ist, weiß nur der Geier. Vermutlich singen die inzwischen bei Baumarkteröffnungen und Schützenfesten im Sauerland. Hat denn wirklich keiner in der Form überlebt, dass man davon auch noch Notiz nimmt? Doch! Einer... Der Name des jungen Mannes ist Thomas Godoj. Wir gestehen ihm den Fehltritt mit DSDS einfach mal unter dem Motto "jugendlicher Leichtsinn" zu und freuen uns dafür umso mehr, dass sich der nette Typ aus dem Ruhrpott komplett von diesem Format abgenabelt hat und sich mit eigenen Liedern und beeindruckenden Live-Vorträgen (siehe Bericht meines Kollegen Torsten über das Konzert in Berlin HIER) erfolgreich im deutschen Musikgeschäft etabliert hat. Thomas Godoj und seine Musik sind von der Bohlen'schen 08/15-Hitschmiede inzwischen so weit entfernt, dass man dafür schon längst nicht mehr mit dem Fernglas auskommt, sondern dafür eher eine Landkarte benötigt um beide zu finden. Godoj macht inzwischen eigene Rockmusik mit Herz und Verstand und stattet sie mit deutschen Texten aus, die dem Hörer etwas zu sagen haben. Ganz im Gegensatz zu dem "Take me tonight" und "Call My Name"-Gerümpel "Made by Bohlen". Damit ist er DAS Beispiel, wie man DSDS für die eigenen Zwecke nutzen kann, statt sich ausnutzen zu lassen. Er hat den Spieß einfach mal umgedreht (normalerweise schöpft immer RTL den Rahm ab und nicht umgekehrt). Sowas sollte nicht unbeachtet bleiben, und darum beschäftigen wir uns dann doch nochmal mit einem der "Ehemaligen" aus dem RTL-Brutkasten für "Superstars".

Soeben ist sein neustes Album "Männer sind so" erschienen. Ja, wie sind Männer denn eigentlich? Mal sehen, ob wir auf seiner CD eine Antwort bekommen. Diese startet mit dem Song "Mein letztes Hemd". Schon der erste Song bläst uns mit einem Gitarren-Intro, wie es auch ein Jimi Hendrix nicht hätte besser spielen können, den Staub aus dem Gehörgang. Rums, da sind wir schon im Universum des Thomas Godoj. Gleich die erste Nummer macht mehr als deutlich, dass wir hier keinen Pop von der Stange bekommen. Ne... hier wird amtlich gerockt, was das Zeug hält. Inhaltlich ist "Mein letztes Hemd" eine Abrechnung mit der Verflossenen, die ihn "bis auf den Kern geschält" hat. Mit der Aufforderung "Geh, und nimm mein letztes Hemd", jagt er die Gute dann zum Teufel, damit sein "Leben jetzt neu anfängt". Wow, was für ein Song. Die Musik passt zum Thema und Godoj singt es überzeugend. Das geht ja gut los...
Dem Opener steht auch "Wo wir sind" an Position zwei der CD in nichts nach. Es ist die Hymne für seine (und meine) Heimat, das Ruhrgebiet. In dem im Digipak eingeklebten Begleitheftchen findet man dann zum Songtext auch ein passendes Foto: Thomas Godoj lehnt an der Wand eines für die Gegend hier typischen Kiosks und einer typischen Ruhrpott-Hausfront. "Das Revier braucht keine Schminke, für uns ist das perfekt", singt er da und erklärt so seine Liebe zur Heimat, dem Ruhrgebiet, also "Hier wo wir sind". Das ist wahre Volksmusik! Das hat Klasse!
So überzeugend wie der Recklinghäuser rockt, so überzeugend ist er auch im Fach "Ballade". Mit "Rückwärts" bekommen wir die erste auf diesem Album zu hören. Es ist der Wunsch, nochmal von vorne anfangen zu können, der hier in einem Lied vertont wurde. Es geht um die Beziehung, die inzwischen offenbar mehr Routine als Liebe ist ("In unserem Bauch wären wieder Schmetterlinge... Wer hat gesagt, es kann nie wieder so wie zu unserem Anfang sein") und der Versuch, sich wieder neu zu verlieben und die Beziehung so zu retten. Man geht einfach "zurück an den Ort, wo alles begann", um für die Liebe zu kämpfen. Ein Song, der wirklich berührt und eine weitere Hymne auf dieser bis dahin erstklassigen Scheibe!
Ein weiterer Song heißt "Was wäre wenn", der in der akustischen Version am Ende dieser Seite als Video zu finden ist. Es ist eine simpel erzählte Geschichte über einen Typen, bei dem am Anfang seiner Karriere alles wie geschmiert lief, der sein Ziel aber am Ende nicht erreichen konnte, weil der Erfolg ausblieb. Das verleitet zur Frage, "Was wäre wenn" man etwas anders gemacht hätte und wie das Leben dann heute so aussehen würde. Aber es folgt auch die Erkenntnis, dass das Leben sowieso nicht nach Regeln "tanzt", egal was man "plant oder glaubt", und die Frage, ob man wirklich wüsste, was Leben heißt, wenn sich ein solches komplett planen ließe... Liest man den Text vor dem Hören des Songs, ist man sich ziemlich sicher, dass das so nicht in Musik umzusetzen ist. Doch Thomas Godoj überrascht auch hier wieder und überzeugt uns vom Gegenteil und gleichzeitig davon, dass er wohl auch aus den ersten drei Seiten eines Telefonbuchs 'ne leckere Ballade oder einen knallharten Rocksong zaubern könnte. Zur Musik wäre zu sagen, dass bis auf den Refrain die erzählenden Strophen musikalisch recht ruhig gehalten sind, und die lauten Töne immer dann kommen, wenn die Frage gestellt wird, "Was wäre wenn, wäre es das gewesen".
Dass Thomas Godoj auch eine gehörige Portion Humor hat, wird im letzten Stück auf der CD deutlich. Das dem Album den Namen gebende "Männer sind so" gibt die Antwort auf die eingangs schon gestellte Frage, wie wir Männer denn eigentlich wirklich sind. Godoj listet hier gepflegt all die Klischees und Vorurteile auf, die uns Männern immer gern nachgesagt werden, z.B. dass wir vergesslich in Bezug auf wichtige Termine (im Song ist das Omas Geburtstag), schlampig im Haushalt (wir lassen unsere Wäsche überall liegen) und immer zu spät sind. Abschließend stellt er dann auch fest, dass es gut ist, dass man sich so grundlegend von der weiblichen Hälfte der Beziehung unterscheidet, denn wir Männer könnten ohne die Frauen keinen Tag allein überleben ;-) Das Ganze trägt Godoj mit einem unüberhörbaren Augenzwinkern vor, was er mit der Wahl seiner Musik für das Stück auch noch extra dick unterstreicht. Mit Glockenspiel, Ukulele und flottem Pop-Beat kommt er uns am Ende seiner neuen CD. Die Nummer erinnert mich ein klein wenig an "Call Me Maybe" von Carly Rae Jepsen. Was für ein Kontrast zum Rest der vorher gehörten Songs, und trotzdem ein sehr gelungenes Stück für den, der mit dieser Art Humor umgehen kann. Am Ende dieser Seite findet Ihr auch das offizielle Video zu der Nummer...

Dies sind nur einige der Songs auf Thomas Godojs neuem Album. Sie stehen stellvertretend für ein sehr gut produziertes Album, Songs mit Tiefgang und immer wieder auftauchenden Überraschungen. Auch wenn es krachende Gitarren und im Hendrix'schen Stil gespielte Intros zu hören gibt, so liegt der Schwerpunkt von "Männer sind so" bei eher nachdenklichen und balladesken Stücken wie z.B. "Wolken", das sich intensiv mit den Missständen in Politik und Gesellschaft auseinander setzt, das eben schon erwähnte "Was wäre wenn" oder der "Papierflieger". Die Songs auf Godojs viertem Studioalbum gefallen durch ihren Inhalt, die Arrangements und einer ausgesprochen guten Melodieführung. Die Inhalte bringt der Musiker ehrlich und glaubhaft rüber, und da sind wir auch schon beim Punkt: Die Lieder haben alle eine Aussage - von belanglosem Bla Bla Bla keine Spur. Seine Stimme hebt sich zudem deutlich von denen anderer Sänger unserer Musikszene ab, womit auch die Frage nach der Wiedererkennbarkeit beantwortet ist. Ich bin ehrlich gesagt positiv überrascht von dieser CD, die nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Aufmachung her ein interessantes Gesamtwerk ist. Die CD hat für meinen Geschmack nicht einen einzigen Fehltrack oder Füllmaterial. Jedes Stück hat seine eigene Geschichte und Leben. Das macht es zusätzlich interessant. Ich wünsche Thomas Godoj, dass man ihn schon bald nicht mehr an seinen Sieg und seiner Teilnahme bei DSDS festmacht, sondern von seinen Liedern, seinem Stil und über ihn als eigenständigen Künstler spricht.
(Christian Reder)




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