Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Wanderlust"
Anne Haigis
Westpark / Indigo
4. Februar 2011

1. Out Of The Rain
2. Life Is Wonderful
3. Something To Talk About
4. Tennessee Tears
5. Picture Of The Buffalo
6. A Long Time Ago
7. Paper Aeroplane
8. Caught In The Eye Of A Storm
9. Kokomo Medley
10. Dimming Of The Day
11. Not Your Fault
12. America
13. Believe
14. Ich geb dir mein Herz
15. Tom Traubert's Blues




Zur Zeit sucht Deutschland wieder einmal einen neuen "Superstar". Bisher hat man es aber in zig Staffeln nicht geschafft, auch nur einen halbwegs brauchbaren Künstler ausfindig zu machen. Der Großteil der Teilnehmer bringt in Bezug auf Singen nur das Talent mit, Sauerstoff in Kohlendioxid zu verwandeln. Mehr aber auch nicht. Der Rest kratzt an den Nerven seiner Zuhörer und beleidigt die Ohren von Millionen. Echte Talente werden sich der menschenverbrauchenden Maschinerie eines Casting-Formats nicht hingeben. Soviel Stolz sollte eigentlich auch jeder haben, sich und sein Können nicht für die Sensationsgeilheit des Publikums wegzuwerfen. Abgesehen davon hat's Superstars zu Hauf in unserem Land, und die sind ganz sicher nicht von einer mit weltfremden Halbgöttern besetzten Jury gefunden worden, sondern einen ganz anderen Weg gegangen. Einfach so wird man nämlich kein Superstar. Da aber speziell die Privatsender nur noch ihr eigenes Süppchen kochen und nur noch Musiker ins Rampenlicht schubsen, die sie selbst unter Vertrag haben, nachdem sie sie mit dem D-Zug innerhalb von nur ein paar Wochen durch alle Instanzen einer Musikkarriere bugsiert haben, haben andere, echte Künstler und Könner keine reelle Chance mehr. Erschwerend hinzu kommt, dass die Öffentlich-Rechtlichen inzwischen fast komplett dazu übergegangen sind, im ersten und zweiten Programm nur noch Volksverdummendes... - sorry - Volkstümliches zu bringen. Umso bewundernswerter ist es, dass sich ernsthafte Musiker trotzdem immer wieder in ein Studio begeben und neue Songs aufnehmen, so wie Anne Haigis...

Die Wahlkölnerin mit der großen Stimme ist schon seit vielen Jahren im Geschäft und muss niemandem mehr etwas beweisen. Ihre Arbeit zeichnet sich durch Leidenschaft, Intensität und Kontinuität aus und Ihre Vita liest sich wie ein Ratgeber mit dem Titel "So musst Du es machen wenn Du erfolgreich sein willst". In den 80ern machte sie noch Musik auf Deutsch, änderte aber ab den 90ern ihren Stil und singt seitdem (fast) nur noch auf Englisch. Nach diversen Alben, auf denen sie vieles schon ausprobiert hat, kommt jetzt ein ganz neues. Es heißt "Wanderlust" und knüpft an die Arbeiten der letzten Jahre an. Mit akustischer Musik irgendwo zwischen Folk, Blues, Rock und Country fängt die Sängerin ihre Hörer ein. Ihre neuen Lieder wirken wie Streicheleinheiten für geschundene Ohren, sind eine willkommene Abwechslung zum Alltagsstress und erzeugen Fernweh, Lebensfreude und Spaß an der Musik. Die Lieder fesseln den Hörer von der ersten Minute an. Akustik-Gitarren in fast jedem Titel, und wenn die nicht zu hören sind, kommt eben ein Piano zum Einsatz. Ab und an gibt's dazu Geigen zu hören (hierfür hat sie keinen Geringeren als Farfarello-Frontmann Mani Neumann im Studio gehabt). Dazu die Stimme der Haigis... Mehr braucht es nicht, um ein großartiges Album zu machen. 15 neue Songs sind entstanden, wobei man hier erwähnen muss, dass nicht eins der Lieder aus ihrer Feder stammt. Es sind Kompositionen u.a. von Tom Waits, Tony Carey, Tony Joe White, Richard Thompson und anderen, denen die Sängerin mit ihrer Art einen eigenen Anstrich verliehen und sie auf ihre neue CD genommen hat.
Man sollte sich beim Hören nicht vom ersten Titel "Out Of The Rain" irreführen lassen. Der Titel kommt vom Sound her etwas poppig angehaucht daher und klingt komplett anders als alles, was danach zu hören ist. Auf einem Klangteppich aus Keyboards und Piano breiten sich Gitarrenklänge und die Stimme der Künstlerin aus. Das Einzige, was dieser Song mit den anderen gemein hat, ist die Gänsehautgarantie. Eigentlich beginnt das Album erst mit dem zweiten Titel. Hier wird akustisch gezaubert und der Hörer mit dezent eingesetzten Instrumenten gleich gefesselt. Das Hauptaugenmerk liegt bei "Life is wonderful" auf Anne Haigis' Gesang, und der Plan geht voll auf. Lied Nr. 3 heißt "Something To Talk About" und macht da weiter, wo das zweite aufgehört hat, mit dem Unterschied, dass es tempomäßig etwas mehr zur Sache geht. Gitarren dominieren auch diesen Titel und Anne Haigis kann sich hier wieder ganz in ihrem Element präsentieren. Beeindruckend, wie sie ihre Stimme zum Instrument werden lässt, und sie dann mit der Musik praktisch verschmilzt. "Tennessee Tears" versprüht - wie der Titel schon erahnen lässt - Südstaaten-Flair. Auch hier fesselt die Haigis wieder mit ihrem Gesang. Wieder dominieren die Gitarren und die wunderschöne Ballade schickt einem ein ums andere Mal einen wohligen Schauer über den Rücken. Den Höhepunkt erfährt dieses Gefühl am Ende des Liedes, wenn Anne Haigis den letzten Ton langezogen förmlich zelebriert. Großartig! Weiter geht es mit einer munteren Mischung aus flotten, bluesig-folkigen Tönen ("Picture Of The Buffalo", "Kokomo Medley", "Not Your Fault") und ruhigen Balladen ("A Long Time Ago", "Paper Aeroplane", "Caught In The Eye Of A Storm", "Believe") . Egal ob mit schnellerem Takt oder ruhigen und beruhigenden Tönen: Die Songs überzeugen und es ist mehr als beeindruckend, wie die Künstlerin die Lieder mit ihrer Stimme zum Leben erweckt. Mit dem einzigen deutsch gesungenen Song "Ich geb Dir mein Herz", einer von Andrea Adams-Frey komponierten Klaviernummer, neigt sich das Programm langsam dem Ende zu. Als krönender Abschluss bringt uns Anne Haigis noch den Tom Waits Klassiker "Tom Traubert's Blues" zu Gehör. Die beiden letzten Songs werden von Klaviertönen getragen und bilden einen wunderbaren Abschluss einer großartigen CD, die den Hörer auf eine gefühlsmäßige Achterbahnfahrt schickt.

Wenn eine Platte mit 15 Songs keinen einzigen Ausfall hat, wenn eine Sängerin in jedem Lied immer wieder auf's Neue zu überraschen weiß und jeden einzelnen Ton mit soviel Überzeugung, Liebe zur Musik und Kraft zum Vortrag bringt, dann darf man ohne Übertreibung von einem absolut gelungenen und erstklassigen Werk sprechen. Während sich viele Sänger eine Kehlkopfzerrung holen würden, brilliert Anne Haigis über die volle Länge ihrer neuen Scheibe. Die Platte hat viele "Aha"-Momente und noch mehr Überraschungen parat. Wer zum Kuckuck braucht die vom selbsternannten Poptitanen handverlesenen 08/15-Stimmchen eigentlich? Solange Künstler wie Anne Haigis solche CDs machen, braucht die wahrlich kein Mensch! Schade nur, dass wahrscheinlich auch diese Platte wieder mal von den gängigen Medien ignoriert werden wird.
(Christian Reder)