Manchmal träume ich so etwas: Ein kleiner greller Scheinwerferkegel malt einen Halbkreis auf einen dunkelblauen Boden und aus dem zweiten darüber schält sich eine Figur, ein Zentaur, ein Gitarre spielender, das Logo von CÄSAR.
An diesem kalten Januarabend hätte CÄSAR nach überwundener Erkrankung mit einem Paukenschlag wieder auf der Bühne stehen wollen, als Neubeginn vielleicht, wie wir alle hofften, oder er hätte sich von dieser Bühne und von allen anderen für immer verabschiedet, um sich fortan ein wenig zu schonen und auf andere Weise künstlerisch und als Mensch wirksam zu sein, sich selbst "immer treu" bleibend. Es ist anders gekommen, wie wir alle wissen, und diese Erfahrung einerseits und die Party, die er sich wünschte und ins Auge fasste, andererseits, sind in einem Konzertmitschnitt für alle, die dort waren, dort gern gewesen wären und für alle, die den Menschen mochten und mögen, konserviert; "CÄSAR - Semper Fidelis".
Noch einmal sehe ich mich und viele bekannte Gesichter, inmitten der Menge stehend, ein Geburtstagsfest feiern, das wir so nicht wollten. Noch einmal erlebe ich beim Sehen, wie Musikanten miteinander Lieder spielen, die sie viel lieber mit ihm gemeinsam live vorgetragen hätten. Der Eindruck, dass es dennoch genau so gewesen sei, holt mich mit der Konserve Lied für Lied und Wort für Wort wieder ein. CÄSAR inmitten seiner Musik, mit seinen Kollegen und Freunden und dazwischen immer wieder auch locker plaudernd, über die Zeiten auf den Bühnen des Landes, im Studio oder mit Kaffeesatz und Blumentöpfen. Den druckvollen Sound der SpielerBigBand vermittelt die DVD allgegenwärtig und wie bei einer Party nicht anders zu erwarten, ist die Spielfreude überwältigend, das Miteinander berauschend und die Freude am gemeinsamen Musizieren dominiert das Geschehen. Vielfältig sind auch die musikalischen Tupfer der Gäste, mitreißend und schmerzhaft emotional die Kraft der Lieder von "Wie's nie kommt, kommt's" bis "Besinnung" und bis zum großen Chor der Gäste, der den "Apfeltraum" im Leipziger ANKER zum Klingen bringt. Spätestens hier wünscht man sich ein Gegenüber zu haben, um sich zu umarmen, sich zu halten, einen, der dir das Tuch reicht und wortlos alles versteht. Auch vor der Mattscheibe braucht es dieses Gefühl der Gemeinsamkeit.
Den Akteuren auf der Bühne gelingt im kalten Januar 2009 eine bewegende Zeitreise durch das Leben eines Künstlers, wie sie nie wieder zu machen sein wird und die (Geburtstags)Gäste des Abends - Familie, Freunde, Fans und Weggefährten - erleben einen emotionalen Rückblick, der bei den meisten bis tief in die eigene Vergangenheit reicht. Auf diese Weise wird der Mitschnitt zum Zeitdokument im doppelten Sinne, eine sehr persönliche Erinnerung an CÄSAR und ein Moment der "Besinnung" auf das eigene Leben und auf selbst Erlebtes mit ihm und dieser einmaligen "idealistischen und individuellen" Musik (Boddi). Ein solches Ereignis so zu verdichten, dass die große Trauer spürbar wird, ohne dass einem beim Zusehen und Zuhören oberflächlich sentimental zumute ist, es so zu machen, dass man die Party mitfeiert, ohne den traurigen Anlass hinweg zu wischen, das ist wohl das größte Kunststück, das den Machern auf der Bühne und denen in den Monaten danach beim Sichten und Bearbeiten gelungen ist. Dies vor allem auch deshalb, weil sie durch CÄSAR "Respekt und Demut im Umgang miteinander" (Jogy Franke) erfahren und erleben durften. Das könnte auch die Botschaft sein, die CÄSAR gelebt und uns hinterlassen hat. Als Musiker und als Mensch sowieso - "Semper Fidelis", sich selbst treu sein, im Zweifel wie im Hochgefühl und allen sich ändernden Zeiten zu Trotz. (Hartmut Helms) |