KARAT live am 04.09.2009 am Stausee Spremberg
(Support: Jerry & Freunde)

 

Bericht: Jens Kurze
Fotos: Jens Kurze

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Am vergangenen Freitag habe ich mich aufgemacht, nach langer Zeit mal wieder ein Live-Konzert von Karat zu besuchen. Und soll ich euch was sagen? Es hat mich in allen Belangen überzeugt! Ihr habt richtig gelesen: es hat mich wirklich begeistert, und das will bei mir bekanntermaßen schon was heißen.
So, ehe nun die vielen Fragezeichen kommen, gestattet mir ein paar ganz persönliche Gedanken vorab. Ich will keine Lawine lostreten, aber Nachdenken ist erlaubt. Ich hab in den letzten Monaten mit einigen menschlichen Enttäuschungen durch scheinbar Gleichgesinnte leben müssen, ich habe Rat gesucht und erhalten (danke Hartmut!), versuche nun, Dinge etwas gelassener zu sehen und arbeite mit der "Bananen-Methode": lass alles überflüssige Drumherum beiseite und konzentriere dich auf das Wesentliche im Inneren! Vor ein paar Jahren haben wir bedauert, dass "unsere Musik" kaum noch stattfindet, deshalb haben wir uns in Foren wie diesen auch zusammengefunden. Und doch schüttel ich jetzt manchmal beim Lesen einiger Themen ungläubig den Kopf: sind wir schon wieder zu satt? Ich frage meine Zahnarzt oder meinen Automechaniker doch auch nicht, mit welcher Partei er sympathisiert, das ist sein ganz persönliches Ding, mich interessiert einzig das Ergebnis seiner Arbeit (Zudem hatten wir doch eine viel zu lange Periode, bei der von der Beantwortung dieser Frage beinahe alles abhing). Weiter: es gibt nur wenige der Urgestein-Bands und Solisten, die den schwierigen Spagat zwischen alten und neuen Titeln wagen und noch wenigere, die es meistern. Ja und? Wenn wir ehrlich sind, ist es doch bei Konzerten der Rolling Stones oder Jethro Tull nicht anders: die neuen Nummern bekommen höflichen Achtungsapplaus, aber bei den alten geht richtig die Post ab! Was oder wem nützt ein neues Album, wenn es kein Airplay im Radio hat, wenn der Vertrieb der CD nicht stimmt und die Verkaufszahlen nicht einmal die Produktionskosten einbringen? Kreativität soll sein, richtig, aber halbwegs ökonomisch muss auch ein Musiker denken und handeln. Wichtig bei Live-Konzerten ist für mich nur: stimmt das Handwerk, und erreicht mich die Darbietung auch emotional? Dies alles hatte ich im Kopf, als ich mich entschloss, zur ziemlich in die Kritik geratenen Band Karat zu gehen, und ich wollte mir mein eigenes Urteil bilden. Natürlich wusste ich, dass ich nicht zu einer Avantgarde-Protestband gehe...
Das Freilicht-Konzert am Stausee Spremberg war eine Privat-Initiative des neuen Besitzers eines angrenzenden Hotels. Da ich mich als Berichterstatter für die "Deutsche-Mugge" zu erkennen gab, konnte ich problemlos mit einigen Organisatoren plaudern. Die Auflagen der Gemeinde waren sehr hoch, man ging dort von einer für mich utopisch hohen Besucherzahl aus, der Veranstalter wäre schon mit einem Drittel davon zufrieden gewesen. Ausreichend Catering-Stände, Dixie-Klohäuschen, jede Menge Feuerwehr- und Sicherheitspersonal, zwei Bühnen - alles bestens vorbereitet. Auf der Kleinen begann pünktlich um 20:00 Uhr die Lausitzer Band "Jerry & Freunde", die kompromisslos seit Jahren den Deutschrock pflegt. Egal, ob Übersetzungen (z.B. von Bob Segers "Good Time Rock'n'Roll"), gut umgesetzte Coversongs von Wolf Maahn oder eigene Titel - es macht Spaß, und erinnert mich irgendwie an Lutz Kerschowski. Wermutstropfen: der Sänger hatte beim Soundcheck mit zu wenig Power gesungen, im Konzert war er kräftiger und brüllte das Shure-Kondensatormikrofon des öfteren ins Zerren. Und wie so viele versuchte er völlig unnötigerweise bei Westernhagen und Hans Harz seiner Stimme das Kratzige abzuverlangen - das wirkt auf mich unfreiwillig komisch, hat er auch nicht nötig. Ja, und dann gab es auch hier den "Gruß von oben": ab 20.40 Uhr hat es erst geregnet, dann wie aus Eimern gegossen - somit zerschlug sich die Hoffnung der Organisatoren auf noch mehr Publikum dann leider vollends. Was würde nun passieren? Mit stoischer Ruhe machte sich die Crew der Technikfirma adapoe aus Weimar bereit für den Einsatz auf der großen Bühne. Ich erwähne diese Firma ausdrücklich, denn sie hat unter widrigen Bedingungen einen absolut Super-Job gemacht! Es dauerte nur Sekunden, dann hatte die Crew alle kleinen Technikprobleme wie z.B. die plötzlich ausgefallene Übertragung der Bassgitarre im Griff und zauberte glasklaren Ton und Licht vom Feinsten, mit stimmungsvollen Farbkombinationen ohne wildes Geflacker.
Um halb zehn begann das Intro von "Marionetten", die Leute von Karat betraten oder beschwammen die Bühne. Nach dem ersten Titel die Begrüßung von Claudius: "Wir müssen euch jetzt was sagen" - (und alles hielt die Luft an) - "wir werden heute gemeinsam mit euch nass!" Stimmt, der Regen goss stellenweise von schräg vorn auf die Bühne, ich hatte mehrfach Angst um die Tretminen von Gitarrist Bernd Römer. Nun folgte ein Feuerwerk von sorgfältig ausgewählten Songs aus dem großen Karat-Fundus. Ich gebe es zu, ich hatte immer so eine Hass-Liebe zu Karat, irgendwann hat mich die Band dann einfach nicht mehr interessiert, abgesehen von dem sympathischen Typ an der Gitarre, den ich seit den Gitarreroes so schätze. Aber ich erlebte am Freitag ein gut eingespieltes Team, bei dem einer dem anderen sowohl zur Seite stand, als auch Platz für Soli zuließ. Und Hut ab vor Claudius! Er versuchte weder seinen Vater zu imitieren, noch spielte er den großen Zampano - im Gegenteil: wenige, immer sehr kurze Ansagen, kein Buhlen um Publikumsgunst (da kenne ich andere, die sich mit großen Gesten immer wieder feiern lassen wollen), es ging spürbar immer um die Gruppe. War er nicht solistisch tätig, setzte er sich im Scheinwerfer-off in den hinteren Teil der Bühne oder stand oben bei Martin an den Keyboards oder vertrat diesen, wenn Martin Mundharmonika spielte.
Bernd Römer, obwohl mittlerweile der erste Opa unter den Karat-Leuten, wird optisch scheinbar niemals älter. Immer im mannschaftsdienlichen Wechsel zwischen Soli oder Begleitung, tobte er über die Bühne, wenn es ihm erlaubt war, und sorgte im Zusammenspiel mit Bassist Christian Liebig für Aktion. Dessen Solo mit dem Fretless-Bass im "Narrenschiff", das im Original von einem Baß-Synthesizer gespielt wird, war einer der vielen Farbtupfer in den Arrangements. Generell fiel mir auf, dass viele Songs frischer, straffer wirken. Schlagzeuger Micha Schwandt sorgte als "Schatten" von Claudius dafür, dass "Mich zwingt keiner in die Knie" nicht schwülstig ausfiel. "Du hättest gut daran getan, die Dinge so zu lassen, wie sie warn" - dieses Lied von Martin Becker als Kommentar zum Kampf um die Namensrechte war die einzige Anspielung auf die Vergangenheit. Und natürlich bekam ich auch (endlich, endlich) mein Lieblingslied, der "Albatros", zu Gehör. Trotz der Nässe, die Bernd Römer immer wieder zum (unhörbaren) Nachstimmen der Gitarren auch während der Songs zwang, kann ich nur sagen: traumhaft umgesetzt! Auffallend, dass jeder aus der Band mit dem Publikum kommunizierte, da gab es Blickkontakte, Lächeln, Anleitung für Luftgitarristen... Karat konnte sich auf (leider nur etwa 600) völlig durchnässte, aber zähe und textsichere Zuhörer verlassen, als sie zum Endspurt nach 90 Minuten ansetzten und mit uns über die "sieben Brücken" gingen. Ja, das tat allen Beteiligten gut!
Mein Fazit: es war gut, dass ich mich nicht vom inneren Schweinehund oder unkorrekten Informationen habe runterziehen lassen. Hätte ich Karat und das ganze momentane Gezeter nicht gekannt - nach diesem erfrischenden Konzert wäre ich sicherlich ein neuer Fan dieser Band geworden. So kann ich nur sagen: ich habe sie für mich neu entdeckt. Ich wünsch euch das gleiche Erlebnis!

 


 

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