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Leipzig (Teil 1)

 

Bericht: Hartmut Helms
Fotos: Hartmut Helms

 


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Wenn 48 Saiten rocken - Gitarrenhunger im "ANKER"
Manchmal sind Namen eine Krücke, um etwas zu sagen, das man anders sonst nicht ausdrücken könnte. Die GITARRENHELDEN "Gitarreros" waren schon vergeben und ein zweiter Aufguss sollte es aber auch nicht werden. Die Entscheidung für GITARRENHUNGER kommt mir noch immer ziemlich staksig daher, aber eine bessere Idee hätte ich auch nicht gehabt. In den letzten Tagen vor dem Ereignis ist mir dann aufgefallen, dass ich doch ziemlich hungrig auf den Abend in Leipziger "ANKER" war. Also doch GITARRENHUNGER, Lust auf Gitarre pur!
Nach dem Eintreten in das rockhistorische Haus an der Renftstraße dann die erste Überraschung: Stuhlreihen. Zum Glück war ich pünktlich und der Platz in der ersten Reihe, neben und vor Freunden, sicher, eigentlich aber unnötig, wie sich bald herausstellen sollte.
Nachdem der Countdown abgezählt und das "Türschild" GITARRENHUNGER symbolisch an die Bühnenrückwand genagelt war, gab "Klampfoholic" - noch so eine gestelzte Worthülse - und Moderator Axel Philipp die Bühne frei.
Der Tradition des Hauses angemessen betrat Christian "Kuno" Kunert seine Bühne als erster. Der ließ keinen Zweifel daran, dass er Hausrecht hatte und plauderte das Auditorium aus dem Stand zu Lachkrämpfen mit seinem trockenen Humor. Was hätte daraus werden können, wenn dem die Zwischenrufe und Brüller von unten noch zu Ohren kommen könnten! Zumindest hat er uns lachen und klatschen sehen können. So gesehen war er, wie er selbst meinte, immer noch besser dran als seine ehemaligen Kollegen und Freunde Pannach, Pjotr, Jenni und Cäsar von der RENFT-BÄND - Gruß nach oben. Doch seine Stimme klingt noch immer! Die Gitarre hilft ihm dabei und gemeinsam sind beide noch immer ein Traum! Wir hörten noch einmal "Irgendwann werd' ich mal" und von Lennon "Strawberry Fields", zwei Jugendträume in deutsch und englisch.
Der Mann nach ihm ist eine Generation jünger. Reinhard "Herr" Petereit habe ich das erste Mal live zur "Werkstattwoche der Jugendtanzmusik" in Suhl mit ROCKHAUS als Vorband der Puhdys erlebt. Damals wie heute ein Mann mit flinken Fingern, der dies im "Anker" auch ganz unspektakulär mit eigenen Sachen unter Beweis stellte. Als er dann seinem Vorbild Jeff Beck die Ehre erwies und zupfender Weise die Saiten wimmern und kreischen ließ, lief er zu Hochform auf.
Der gelernte Nachrichtentechniker und studierte Tonmeister Jörg "Wilki" Wilkendorf gab uns zunächst gemeinsam mit Axel Philipp Gunderman's "Rattenfänger". Vielleicht eine kurze Andeutung seiner Zeit mit Kerschowski und Rio Reiser. Dann aber zeigte er dem erstaunten Publikum, welche zauberhaften und streckenweise schrägen Klänge einer Gitarre außerdem zu entlocken sind, wenn man denn weiß wie und womit. Er überlagerte Klang- und Rhythmusfragmente, um dann darüber seine Improvisationen und Klangtupfer zu spielen. Neben einer Schlüsselfeile kam dabei auch so ein außergewöhnliches Hilfsmittel wie ein Vibrator (sprich: Dildo) zum Einsatz. Ob das die hinten Sitzenden auch mitbekommen haben, darf bezweifelt werden.
Altmeister und Ostblues-Urgestein JÜRGEN KERTH hat's noch immer mit der Einen und mit der zelebrierte er Jimi's "Red House", einfach mal so und weil's Spaß macht. Was der noch immer aus diesem alten Holz (mit Hobelbankteil!) erklingen lässt, ist einem Blueskönig würdig. Aus der eigenen Kiste hörten wir "Hey Papa (zeig' mir wo 'ne Band spielt)", was Kerth als Aufforderung verstanden wissen wollte, unsere Liebe zur Musik unseren Kinder und Enkeln weiter zu geben.

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Nach der Pause stellte sich Bodo Kommnik den Fragen und ging der, nach einer komplett neuen LIFT-CD, geschickt und diplomatisch aus dem Wege. Gut so, denn was er aus der eigenen Kiste mit der E- und Akustik-Gitarre zauberte, wie er für Minuten den Saal seinen Klängen lauschen ließ, war vom Feinsten und geht weit über das hinaus, was man sonst von ihm hört. Mehr davon bitte! Auch die alte Grek Lake-Nummer "Still, You Turn Me On" hätten ihm die meisten wohl nicht zugetraut. Kompliment!
Als Stefan Schirrmacher auf die Bühne kommt, sprudeln meine Erinnerungen, vor allem die an NEUMI's ROCKZIRKUS und DATZU. Da steht einer ewig und bescheiden im Hintergrund und prägt so nebenbei das Soundbild von Bands und Künstlern. Diesen filigranen Fingerzauber auf und mit den Saiten konnte man gestern ahnen, wenn man direkt davor stand. Der spielte mir locker und flockig aus der Seele, in sich versunken oder mal kurz dem "Affen Zucker gebend". Ein Höhepunkt war sicher, als er als Gast Maik Zuischko auf die Bühne bat, um mit ihm gemeinsam Queen's "Love Of My Life" erklingen zu lassen, eigenständig und doch so nah an der Erinnerung. Das hatte was!
Es gibt noch Originale! Sebastian "Buzz Dee" Baur, ex-KNORKATOR und auch mal ganz früher KEKSer, ist so eines. Person gewordener Rock'n'Roll. Nachdem er seine beringten Finger auf der Akustischen warm gespielt hatte, Fingerpicking vom Feinsten, griff er noch richtig in die Saiten. Für fünf Minuten fehlten mir auf einem Schlag Jahrzehnte, fühlte ich mich frei und frech, als BUZZ DEE den Dave Edmunds' & LOVE SCULPTURE machte und Chatschaturjan's "Sabre Dance" in den "ANKER" krachen ließ. Jawoll Leute, so war das damals und deshalb pfeif' ich auf Eure Silbermöndchen und Tokio Hotellerchen. Die (Gitarren)Götter lassen grüßen!
Der letzte Magier auf den Saiten, stand einst bei der STERN-COMBO MEISSEN und jetzt wieder bei SILLY auf der Bühne. Uwe Hassbecker ließ sich im Gespräch erste Statements zur kommenden SILLY-CD entlocken, um danach Eigenes in Sachen Filmmusik mit "Hass-Becker" (?) aus den Instrumenten zu zaubern. Der Mann beherrscht einfach alles, technisch perfekt und hochemotional ist sein Spiel, und er kann's auch richtig krachen lassen, was er dann auch tat.
Im Leipziger "ANKER" standen acht sehr verschiedene und exzellente Gitarristen auf der Bühne, sieben bestritten gemeinsam das Finale. Kuno schonte seine Ohren anderen Ortes. Es hat schon etwas sehr einmaliges, diese "Sieben auf einem Streich" gemeinsam und live zu erleben und mit Ravel's "Bolero" war sicher auch das passende Stück Musik gefunden, den Abend stilvoll und majestätisch ausklingen zu lassen, dem Anlass und der Einzigartigkeit der Stunde angemessen.
Ganz persönlich würde ich mir zukünftig einen Moderator wünschen, der das Moderieren gar nicht erst versucht, statt dessen aber der Freude halber den Abend mit eigenen Bezügen zu den Akteuren auflockert. Einen Typen also, der selbst ein Musikante ist und ähnlich wie KUNO, dies auch verbal und spontan ausfüllen kann. Einer würde mir sofort einfallen: Hans "Knippe" Knippenberg.
Neue Ideen und deren Umsetzung provozieren stets Zustimmung und Kritik gleichermaßen. Ein Konzert wie gewohnt war nicht angekündigt, sondern ein Treffen von Gitarristen. Wer anderes erwartete, hatte nur die Headlines gelesen, nicht aber die Ankündigung. Lesen bildet nicht nur, sondern bewahrt manchmal auch vor Enttäuschungen. Wer außerdem nur und ausschließlich modernen technischen Errungenschaften und den Klängen aus dem Internet vertraut, versperrt sich den Blick in die Realität und die Schönheit der Welt. Eine einzelne Meinungen in einem Chat ersetzt nicht die von 500 Besuchern. Die Übertragung aus dem "Kosmos" in Berlin bei Rockradio.de und das, was ich im Leipziger "ANKER" erleben durfte, waren zwei völlig verschiedene Schuhe. Wer nur den einen anzog und anschließend den anderen verweigerte, musste zwangsläufig humpeln! Noch immer gilt, die Realität findet vor der Bühne und nicht am PC statt. Ich habe nur glückliche Gesichter gesehen, auf der Bühne und im Saal. DANKE den Machern in Leipzig, dem Team vom "ANKER" und Simone Dake.

 


 

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