Ost-Rock Klassik - Erfurt - 13.07.07

Bericht: Nadja Notzke
Fotos: Benjamin Weinkauf (www.bilder-sind-nachrichten.de)

 


Freitag, der 13. war es, aber es sollte ein Tag ohne Pannen für die Beteiligten des Spektakels werden. Große Namen des Ostrock gehen zusammen mit dem Babelsberger Filmorchester auf Tour, und heute in Hohenfelden bei Erfurt sollte es die Generalprobe und der Auftakt zugleich sein!Die Bühne steht direkt am See, so dass der Sonnenuntergang passend die Stimmung untermalte. Das Gelände war komplett bestuhlt, und die Plätze waren auch fast komplett belegt, wobei die Kapazität relativ gering war, die nächsten Konzerte werden da mehr Zuschauern Platz bieten.
Der Sound war spitze, das Umfeld sehr harmonisch und stressfrei, es gab ausreichend kostenfreie Parkplätze; und obwohl es mir kurz vor Erfurt noch auf die Scheibe genieselt hat, ist es trocken geblieben. Kurz, es war perfekt!
Aber mal von vorne: Den Auftakt machten Karat, die ich aber leider aufgrund des Freitagnachmittag-Verkehrs verpasst habe. Die Ansagen des nächsten Künstlers haben die Musiker selbst übernommen, und Claudius Dreilich hat als nächstes Veronika Fischer angesagt.
Sie ist vom Publikum, wie alle nachfolgenden Beteiligten, mit viel Jubel empfangen worden. Ihre beiden Hits "Sommernachtsball" und "Dass ich eine Schneeflocke wär" sind begeistert mitgesungen worden. Überhaupt war die Stimmung sehr emotional, einige Zuschauer haben es vorgezogen, an der Seite zu stehen, und haben es sich auch nicht nehmen lassen, lauthals mitzusingen und zu tanzen.
Veronika Fischer hat das Mikrofon dann an Werther Lohse übergeben, der mit "Am Abend mancher Tage" und "Nach Süden" zwei der wohl größten Hits der Gruppe Lift gebracht hat. Die Stimme kraftvoll wie eh und je perfekt untermalt vom Filmorchester Babelsberg, und trotz der schon langen Dienstzeit in Sachen Ostrock macht er einen absolut frischen und jugendlichen Eindruck auf der Bühne, da können sich andere was abgucken!
Silly, für mich die herausragendste Band des Abends, haben nun die Bühne übernommen, das Publikum bekommt keine Pause. Der Sound perfekt, durch den Orchestereinsatz haben die Songs noch mehr Kraft bekommen, als sie eh schon haben, eine Band mit perfektem Zusammenspiel auf der Bühne, als ob sie noch nie was anderes gemacht haben. Anna Loos ist ein würdiger Ersatz für Tamara Danz, die den Liedern sehr viel Kraft gibt, aber auch nie vergessen lässt, in wessen Fußstapfen sie da gerade tritt. "Diese alte Musik ist genauso wie eine alte Jeans, die perfekt sitzt, man möchte sie nicht mehr hergeben." Recht hat sie, und das Publikum stimmt lautstark zu. Nach den großen Hits wie "Bataillon D'Amour" und "Mont Klamott" bittet sie das Publikum aufzustehen, um bei dem nächsten Lied Tamara Danz zu grüßen; es folgt das Lied, was Tamara auf den Leib geschrieben war: "Asyl im Paradies". Ein sehr emotionaler Augenblick, bei dem sich das Publikum komplett erhoben hat und lautstark mitsingt.
Genauso emotional sollte es weitergehen, denn Anna Loos übergibt an Dirk Michaelis. Bei dem folgenden "Als ich fortging" kommt das Orchester besonders zum tragen, in dieser Version geht das Lied richtig unter die Haut, die Zuschauer sind begeistert! "Wie ein Fischlein unterm Eis" bringt er dagegen rein a cappella, was er eigentlich nicht wollte, alle anderen haben ihn aber überredet. Während er singt, ist kein Laut weiter zu vernehmen, am Ende wird er aber mit tosendem Beifall bedacht, der Großteil des Publikums steht dazu sogar auf, was bei noch keinem anderen vorher so war. Na der hat sich vielleicht gefreut! Zum Abschluss stimmte er noch einmal rein a cappella den Refrain von "Als ich fortging" an und lies die Leute mitsingen, was diese auch lautstark machten, ein unheimlich magischer Moment.
Ute Freudenberg kommt auf die Bühne und erinnert sich mit dem Publikum gemeinsam an die Jugendliebe, die Leute stehen immer noch. Sie wird mit unheimlich viel Applaus bedacht, und auch ihr nun folgender erster Hit überhaupt, "Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt", wird frenetisch bejubelt. Ja und was der Dirk Michaelis kann, kann Ute Freudenberg schon lange, noch einmal stimmt sie die "Jugendliebe" an, ohne orchestrale Unterstützung, dafür aber mit vielstimmigem Chor vor der Bühne.
Als sie jetzt die Puhdys ansagt, hört der Applaus gar nicht mehr auf, nach der Lautstärke zu urteilen sind eindeutig mehrheitlich Puhdys-Fans anwesend. Die Puhdys kommen aber nicht sofort auf die Bühne, eine kleine Lücke entsteht, bis dann das Orchester einsetzt und ein Puhdy nach dem anderen die Bühne betritt, um "Lebenszeit", "Alt wie ein Baum" und "Hey, wir woll'n die Eisbärn Seh'n" gemeinsam mit Orchester und Publikumschor zu präsentieren.
Beim letzten Titel "Das Buch", aktuell wie eh und je, kommen alle Beteiligten noch einmal auf die Bühne, um den Abschluss-Refrain gemeinsam zu singen und so dem Ganzen einen gelungenen Schlusspunkt zu setzen.
Schlusspunkt? Nicht ganz! Nach einer winzigen Pause kommen noch einmal alle Beteiligten auf die Bühne, um mit "Wer die Rose ehrt" eines der schönsten Ostrock-Lieder gemeinsam anzustimmen; die Gesangsparts sind dabei auf alle anwesenden Sänger verteilt. Ein absolutes Highlight und das große Finale dieser Veranstaltung. Um es mal mit den Worten von City zu sagen, einer weiteren Größe des Ostrock, die hier leider nicht dabei sind: "Mir wird kalt dabei", jetzt gerade wieder, als ich diese Zeilen schreibe und den Abend Revue passieren lasse.
Diese Veranstaltung ist ein absolutes Highlight, jeder, der die Gelegenheit hat, sich dieses Spektakel anzusehen, sollte sie nicht ungenutzt lassen!


 


 
Fortsetzung auch in Westdeutschland? Man soll nie "nie" sagen!
 
ph 20121110 2047075354Der erste Teil der Ost-Rock Klassik-Tour mit drei Konzerten ist vorbei. In unserem Forum wird schon fleißig diskutiert, und den Besuchern hat es überwiegend gefallen, was sie dort geboten bekamen (mal abgesehen von dem Schreiberling der SZ, der offensichtlich auf einem anderen Konzert gewesen sein muss). Eine Konzertreihe in dieser Form hat es bisher nicht gegeben. Die dazugehörige CD ist derzeit die Nr. 48 der deutschen Album-Charts (ermittelt von Media Control). Wenn das kein erfreuliches Zwischenergebniss ist...
Wie hat man sich darauf vorbereitet? Wie war der erste Auftritt in Erfurt, und wird Ost-Rock Klassik jetzt ein regelmäßiges Sommer-Event? Das und einiges mehr wollte Nadja am Rande des Konzerts in Erfurt von den Puhdys wissen...

 

Wie lange habt ihr geprobt und arrangiert, um die Stücke so mit Orchester hinzubekommen?
Quaster: Heut' Nachmittag haben wir angefangen (lacht).
Bimbo: Die Vorarbeiten dazu fingen Anfang diesen Jahres an...
Quaster: Ja, die Vorarbeiten Anfang diesen Jahres. Da wurden die Arrangements geschrieben und die Platte produziert. Die Umsetzung auf der Bühne ist wirklich jetzt erst passiert, also heute.
Bimbo:Das ist wahr, ja.

Habt ihr vorher keinen kompletten Probelauf des Programms gemacht?
Quaster: Neee...

Oder war die East Rock Symphony der Probelauf?
Quaster: Eigentlich war die East Rock Symphony die Idee für diese jetzige Geschichte, also für diese Live-Tour.
Bimbo: Aber wir betonen, die East Rock Symphony 2006!!!
Quaster: Genau, also nicht 2007. Unser Manager kam nach dem Konzert 2006 auf die Idee: "Wir machen da ne Tour draus. Mit allen Beteiligten". Das ist jetzt diese hier. Dann in Verbindung ne Platte produziert und die Arrangements geschrieben, und so weiter und so weiter. Und jetzt haben wir das heute geprobt. Bimbo: Vorgestern haben wir versucht, mit dem Orchester Absprachen zu treffen, aber da war die Zeit so knapp, dass wir gerade mal für zwei Lieder Absprachen treffen konnten. Der Zeitdruck setzte sich natürlich über den heutigen Tag fort, weil vier Staus unterwegs waren, und das Orchester sowie diverse andere Leute zu spät angereist sind...
Quaster: ...sind zwei Stunden später gekommen, als geplant war. Also richtig durchgespielt haben wir gar nichts, außer einzelne Titel angespielt, und Anfänge und Endungen abgesprochen, usw. Aber das sind ja alles Profis, genau wie wir auch. Und deshalb geht das.
Bimbo: Dafür lief's auch unheimlich gut heute.

Wer hat die Stücke so arrangiert? Hat das jede Band für sich selbst gemacht, oder war das Orchester alleine dafür verantwortlich?
Bimbo: Da hatten wir einen gewissen Rainer Oleak, der hier auch mit am Keyboard gesessen hat. Er ist sonst Filmmusik-Produzent (außerdem ehemaliges Mitglied von Neumis Rock Circus und Datzu, Anm. d. Red.) und hat sich nebenbei in seinem Studio aus purer Freude, aber auch für Geld, mit dem Material beschäftigt und sehr gut durchgestylt. Er hatte da noch zur Hilfe den...
Quaster: ja, den italienischen... Alfonso
Bimbo: Genau, den Alfonso, der ja beim Babelsberger Filmorchester auch die Feinheiten im Orchester klar rückt.
Quaster: Die müssen ja auch im passenden Moment Zeit haben umzublättern! Sonst kann das passieren, dass sie gerade einen Lauf spielen und dann können sie nicht umblättern. Er hat also eine Strategie ins Arrangement gebracht, und das so aufgeteilt, dass es auch spielbar für die Profis aus dem Orchester ist.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Lieder ausgesucht, die ihr gespielt habt?
Bimbo: Bekanntheitsgrad...
Quaster: Das haben alle sicherlich genauso gemacht... nach dem Bekanntheitsgrad. Alle haben ihre Hits gespielt. Ob das Werther Lohse war oder alle anderen. Deshalb ist das ja auch eine ganz tolle Nummer geworden! Also ich fand, das war super. Obwohl wir kaum proben konnten, aber dass, was wir von der Seite so mitbekommen haben im Vorfeld, das war schon interessant. Ich glaube, das war für die Leute toll. Der Erfolg zeigt das ja auch.
Bimbo: Uns selber konnten wir ja nicht anhören, aber Karat und so haben uns sehr gut gefallen.

Wer hatte die Idee, "Wer die Rose ehrt" ins Programm zu nehmen?
Quaster: Na das ist ja auf der Platte drauf, als Opener.

Na die Platte ist aber erst daraufhin erschienen...
Quaster: Ne ne, die Platte ist nicht daraufhin erschienen... achso, daraufhin, dass auch die Idee da war, ja. Das weiß ich nicht, kann ich jetzt gar nicht sagen!
Bimbo: Das müssten wir mal recherchieren.
Quaster: Das wissen wir jetzt selber nicht.
Bimbo: Also wir beide waren es nicht. Aber wir haben nichts dagegen.

Als Finale habt ihr "Das Buch" gespielt. War das geplant, dass ihr da alle auf die Bühne holt, oder war das ganz spontan?
Quaster: Das war geplant. Das war eigentlich unsere Verabschiedung, die dann in die Hosen gegangen ist, weil wir noch was machen mussten. Wir wussten nicht so richtig, "was machen wir jetzt?". Aber wir wollten es nicht weglassen.

Wie viele Konzerte spielt ihr jetzt auf der Tour?
Quaster: Insgesamt sechs...

Gibt es eine Chance auf eine Fortsetzung nächstes Jahr oder später?
Quaster: Wir werden sehen! Erstmal sehen, was dabei unterm Strich rauskommt, und wie alle Beteiligten darüber denken. Vielleicht lässt sich so was wiederholen. Aber man müsste dann eine zweite Auflage machen. Vielleicht nicht gerade im nächsten Jahr, sondern übernächstes Jahr. Denn dann muss ja auch wieder ne Platte gemacht werden, damit das dann zusammen passt. Oder aber wir sind mit diesem gleichen Programm nächstes Jahr noch mal auf Tour, und zwar in Gegenden, wo wir dieses Jahr noch nicht waren.

...in Westdeutschland?
Quaster: Könnte sein... wenn sich der Westen dafür interessiert! Wir sind ja in Hannover, und wir werden sehen. Vielleicht sind ja dann andere Konzerte dabei, mal sehen, wie die Tour hier jetzt Anklang findet, und auch was die Medien, also Zeitungen, Fernsehen und so weiter betrifft, die man ja braucht... wodurch dann das Interesse schließlich geweckt wird. Wer weiß, vielleicht... man soll nie "nie" sagen! Das ist bis jetzt aber noch nicht geplant, also das würde sich dann entwickeln.

Gibt es jetzt nach dem ersten Durchlauf Sachen, wo ihr spontan sagt, das müssen wir anders machen?
Bimbo: Nö!
Quaster: Ich glaube, das war ganz gut durchgestylt. Es war im Grunde ein guter Ablauf. Das hat alles gut funktioniert.
Bimbo: Das war alles stimmig...
Quaster: Da sehe ich keinen großen Bedarf, etwas zu ändern. Es sei denn, die nächsten Konzerte belehren uns eines Besseren. Aber ich glaube nicht, ich hatte ein gutes Gefühl dabei. Du auch, oder?
Bimbo: Auf jeden Fall! Da ist bei so einer großen Aktion immer die Angst davor, nicht mit dem Orchester klarzukommen, also jetzt nicht rein vom Geschmack her, sondern von den technischen Gegebenheiten, da auch gemeinsam auf der Bühne auftreten zu können. Man bietet ja auch unterschiedliche Lautstärken an. Die Bands sind meistens relativ laut, und damit muss das Orchester klar kommen. Dieses Orchester kommt damit sehr gut klar, wie ich feststellen konnte. Das war eine sehr positive Überraschung. Alle anderen Eindrücke waren ja auch sehr gut. Warum sollte man es eigentlich nicht weiter machen. Letztendlich müssen das die Veranstalter entscheiden, einen Summa Summarum Strich ziehen und sagen, ob sich das weiter verkaufen lässt, oder nicht. Heute sah es ganz gut aus.


Kommentar von Peter Meyer (abseits des Interviews mit Quaster und Bimbo):
"Ich fand das ganz gut. Ich meine, es ist ja immer so... so ne Riesennummer hier, mit so vielen Leuten, Technik und so, da hat man doch schon immer ein bisschen Bammel, dass das gegen den Baum geht. Und die Proben sind dann immer sehr aufregend. Und so war das heute auch. Manchmal schreit auch einer! Aber es hat alles gut geklappt, denk ich. Ich war zwar nicht unten, weiß nicht, wie es da war, aber die Leute waren gut drauf und ich fand's toll."

Interview: Nadja Notzke
Bearbeitung: Christian Reder
Foto: Rüdiger Lübeck