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Ein  Konzertbericht mit Fotos Dajana Presser-Gehn.
Weitere Fotos von Kaspar Metz (1) und pixabay (2)




a 20220823 1288526301Viele Menschen haben den Sommerurlaub bereits hinter sich. Für die Leute aus Berlin-Pankow vielleicht auch gut so, denn so war man nicht so weit weg vom eigenen Kietz, um die tolle Veranstaltung am vergangenen Sonntag vor der eigenen Haustür miterleben zu können. Diese war nämlich super interessant, denn man erhielt gelebte Musikgeschichte, gespickt mit zahlreichen Anekdoten und Erinnerungen derer, die den Stadtbezirk mit Leben gefüllt haben. Es wäre schade gewesen, diesen Abend und die auftretenden Künstler zu verpassen.

Am 21. August 2022 lockte der Frannz Club seine Besucher mit dem Programm "Kille kille Pankow - Die Revue eines Stadtbezirks" in ihren urigen Biergarten. Neben der Gruppe PRAG waren u.a. auch André Herzberg, Lutz Kerschowski und Felix Meyer als musikalische Gäste angekündigt. Es handelte sich dabei um eine Veranstaltung aus der Reihe "Pankow Music Tour", die an verschiedenen Stellen rund um den Berliner Bezirk interessante Programme anbietet und den Stadtteil Pankow und seine Musikgeschichte abbilden möchte. Bei jeder Veranstaltung treten andere Künstler auf, z.B. Flake von Rammstein, Monika Erhardt-Lakomy, Wolfgang Niedecken, Eugen Balanskat von Die Skeptiker oder Philipp Grütering von Deichkind. Sie alle möchten "auf die besondere Bedeutung der Musik-, Veranstaltungs-, und Konzertgeschichte im Bezirk aufmerksam" machen.

Dieser Sonntag war ein angenehmer Tag. Wir hatten keine Hitze, sondern eine Wohlfühltemperatur sorgte dafür, dass man sich gerne auf den Weg in die Hauptstadt machte. Wir schlenderten durch die Straßen mit ihren viele Cafés und Restaurant, die zahlreiche Menschen magisch anzogen. Überall waren Gespräche und Lachen zu hören. Die Stadt war lebendig und irgendwie erinnerte nichts mehr an die seltsamen Zeiten der letzten zwei Jahre.

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Gegen 18:00 Uhr begann am Frannz Club der Einlass und vor dem Eingang fragten Interessierte, ob jemand noch eine Karte übrig hätte. Aber nein, die Mugge war schon vorher lange restlos ausverkauft und wer eine Karte hatte gab sie nicht wieder her. Schnell füllten sich die Plätze. Viele kannten und begrüßten sich. Egal wohin man schaute, man entdeckte ein bekanntes Gesicht. Man fühlte sich sofort wohl, es war schon fast familiär.

Durch den Abend moderierte Marion Brasch. Sie entstammt einer Familie, die die Kunst- und Kulturszene mitgestaltet hat. Marion Brasch ist Schriftstellerin, aber den meisten wahrscheinlich aus ihrer DT64-Zeit oder vom Radio 1 bekannt. Als erstes begrüßte sie den Bezirksbürgermeister von Pankow, Sören Benn, der seit 1990 in diesem Stadtteil lebt und seit 2016 hier Bürgermeister ist. Er sprach von Zukunftsvisionen für seinen Stadtbezirk, dabei klang vieles interessant und vielleicht kann auch einiges davon umgesetzt werden.

c 20220823 1337598931Die Gruppe PRAG begleitete verschiedene Gäste musikalisch. PRAG sind im Einzelnen Erik Lautenschläger und Tom Krimi und der erste zu begleitende Gast war die Sängerin Josephin Busch (Foto rechts), bekannt aus ihrer Hauptrolle im Musical "Hinterm Horizont". Sie sang drei Songs und gab zu, dass die meisten ihrer Lieder melancholisch sind, aber sie versucht habe eines zu finden, das ein wenig Optimismus ausstrahlt. Da fiel die Wahl auf ein Lied aus dem "Traumzauberbaum". Erik Lautenschläger erzählte, dass sie über ihre Orchesterarrangements beim "Traumzauberbaum" zusammen fanden. Sie nahmen vor etwa sieben Jahren die CD "Das Beste vom Traumzauberbaum" auf, für das verschiedene Künstler wie Angelika Mann, Wolfgang Lippert oder Bürger Lars Dietrich die Lieder von Reinhard Lakomy neu einsangen. Sowohl PRAG ("Der Eierbecher" und "Wo der Mond hinfliegt") als auch Josephin Busch ("Die Erde soll ein Garten sein" und "Regenlied") sind auf dieser CD mit je zwei Songs zu hören.

Als nächster Gast betrat Felix Meyer die Bühne. Erstaunlich, dass er bereits mit seiner Band seit vielen Jahren in den Fußgängerzonen der Welt unterwegs war, bevor er "entdeckt" wurde. Mittlerweile sind einige CDs erschienen. Marion Brasch fragte ihn, warum er Berlin immer wieder verließ und letztendlich doch wieder nach Hause kam. Felix scherzte: "Irgendjemand muss ja auch den Außendienst bedienen." Seit sechs Jahren ist er wieder in Pankow und am 30. September 2022 findet die Veröffentlichung seines neuen Albums im Frannz Club statt. Natürlich sang auch Felix zwei seiner Songs, die gleich unter die Haut gingen. Er sollte etwas später nochmals zu sehen und hören sein …

Mit großem Applaus wurde Lutz Kerschowski begrüßt. Er erzählte aus seiner wilden Zeit, als er eine Wohnung besetzte, aber auch wie er auf Bruce Springsteen Lieder eigene Texte schrieb. Ab den 90er Jahre widmete er sich der Filmmusik. Vorher hatte er mit KERSCHOWSKI in den 80ern eine eigene Band und gründete Ende der 80er die "Blankenfelder Boogie Band". Lutz liebte die Musik der 50er Jahre, weil sie so voller Frechheit und Leichtigkeit war, und gestaltete diese für die Neuzeit um. Besonders bewegend fand Marion Brasch das Lied "Gute Nacht" mit der Textzeile "Wir spielen keinen Ton mehr", den sie zum Abschied von DT64 als letzten Song gespielt hatte. Lutz Kerschowski pflegte außerdem eine enge Freundschaft mit Rio Reiser, war sogar Gitarrist in seiner Band, und seit dessen Tod kümmert er sich um den künstlerischen Nachlass. Gemeinsam mit Felix Meyer sang er "Träume" von Rio Reiser. Anschließend erzählte Lutz ein wenig von seinem Freund Rio, dessen Weg und den Menschen, die ihn manchmal belächelten als er eine andere Richtung einschlug als sie erwarteten oder forderten. Für seinen Freund schrieb Lutz den Song "Komm schnell her", weil Rio für jeden ein offenes Ohr hatte und stets die Hand hin hielt, um zu helfen. Ein sehr bewegender Moment. Was für ein faszinierender Mensch. Überhaupt hätte jeder einzelne Gast am Sonntag einen eigenen Abend mit seinen Liedern, Geschichten und Erfahrungen füllen können. Aber es gab immer nur einen kleinen Abschnitt im Gesamtprogramm Zeit für jeden, und schon war der nächste Gast an der Reihe.


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Eine junge Frau kam jetzt aufs Sofa von Marion Brasch, und zwar eine Pankowerin aus Französisch Buchholz namens Juli Gilde. Über ihren Heimatort veröffentlichte sie Anfang des Jahres die EP "French Bookwood", und sie trug daraus unter anderem das Lied "Stadtrand" vor. Seit einem Jahr studiert sie Popmusikdesign an der Popakademie Mannheim. Stimmlich erinnerte sie mich ein wenig an Annett Louisan.

Nicht nur Musiker hat der Stadtbezirk Pankow zu bieten, auch Komiker wie zum Beispiel Martin "Gotti" Gottschild, der den Radio 1 Comedy Preis erhielt. Vielen Menschen ist er von Formaten wie "Sandmann für Erwachsene" oder "Tiere streicheln Menschen" bekannt, das er gemeinsam mit Sven van Thom aufführt. Natürlich zog er das Publikum mit seinen lustigen Geschichten sofort in seinen Bann und sorgte für etliche Lacher. Nachdem sich unsere Lachmuskeln erholt hatten, sang die Gruppe Prag zwei Lieder vom Traumzauberbaum: "Die Regenwolke" sowie "Sag mir wo der Mond hinfliegt". Selbstverständlich konnte der Großteil des Publikums die Lieder mitsingen.

Zum Ende der Stadtrevue kam endlich André Herzberg auf die Bühne. Er durfte keinesfalls fehlen, schließlich heißt seine Gruppe so wie der Berliner Bezirk, der heute Abend geehrt wurde: PANKOW. André hatte schon immer ein inniges Verhältnis zu Berlin. Auch wenn er immer mal weg wollte, kam er doch wieder zurück. Er erzählte aus seiner Jugend, als er noch in Weißensee lebte und ihm Pankow weit weg erschien. Für ihn war Pankow ein bürgerlicher, intellektueller Bezirk. Das Lied "Komm Karline komm" aus den 20er Jahren wurde von Jürgen Ehle auf Hochglanz poliert, für das Programm der Gruppe PANKOW neu arrangiert und rockiger gemacht. So entstand "Kille kille Pankow", dessen Titel dem ganzen Abend im Frannz Club seinen Namen gab. Auf Marion Braschs Frage, welche Zeit er nicht missen möchte, antwortete André: "Die 80er Jahre". Einfach dieses Gefühl auf die Bühne zu gehen und das zu vermitteln, was die Leute berührt hat, war für ihn das Größte. André Herzberg verriet, dass er es wild auf der Bühne, aber bürgerlich im Leben mag. Wenn man ihm abseits der Bühne begegnet, sei er ruhig und besonnen. Auf der Bühne hingegen lässt er es rocken, da ist er nicht nur Sänger oder Rockstar, sondern auch ein Entertainer. "Was aus uns geworden ist" ist nicht nur der Titel seines Romans, sondern auch der Titelsong des gleichnamigen Albums. Scherzhaft meinte André, dass man sich den Roman eigentlich nicht kaufen müsse, weil die drei Strophen alles gut zusammenfassen und das gefühlvoller, als er es hätte schreiben können. Zum Abschluss des Abends sang er noch den PANKOW-Hit "Langeweile".


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Der Abend war so kurzweilig und die Geschichten so interessant … es hätte noch länger gehen können. Lasst euch die anderen Veranstaltungen von der "Pankow Music Tour" nicht entgehen. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, eine oder mehrere davon zu besuchen, nehmt sie wahr. Die "Ausgabe" im Frannz Club war jedenfalls mal was ganz anderes und richtig spannend!






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