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Ein Bericht mit Fotos von Petra Meißner
+ Pressefoto des Künstlers (oben)



Er nennt sich Colbinger und ist laut seiner Homepage aus Bayern. Wer mich kennt: für die Muggenpilgerin aus dem Striegistal ist es das perfekte Kriterium, einen großen Bogen um den Künstler zu machen. Ich schäme mich da auch gar nicht, man kann nicht alles und jeden verfolgen, es muss zum selbstgewählten Thema passen, welches man sich als Vielkonzertbesucher stellt. Bei mir ist das deutschsprachig und regional. Also die Künstler aus dem Osten mit einer Sprache, die ich auch komplett verstehe.

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Im vorigen Jahr rief mich mal Christian von der Deutschen Mugge an und fragte, ob ich Colbinger kenne. "Nee, keine Ahnung", antwortete ich. "Na dann schicke ich dir mal eine CD, der Colbinger ist doch von euch aus Mittweida." Diese Bildungslücke wurmte mich schon und ich guckte nach, was er so macht. Der Funken ist da aber nicht übergesprungen und ich habe das Thema wieder verdrängt.

Die letzten drei Monate war ich bedingt durch Corona zu keinem Konzert. Deshalb war es bei mir wie Eulen nach Athen tragen, als mir meine Mittweidaer Freundin einen Flyer vom Müllerhof in Mittweida mit der Konzertankündigung von Colbinger unter die Nase hielt und kommentierte, "Da gehen wir hin!" - "Na gucke ma ener an, das steht schon lange auf meiner Ist-zu-machen-Liste."

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Der Müllerhof in Mittweida ist ein generationsübergreifendes, soziokulturelles Zentrum. Von Krabbelgruppe bis kreatives Handwerk gibt es dort alles. Es ist ein wunderschön restaurierter alter Bauernhof. Menschen mit Visionen haben diese Begegnungsstätte sein 1999 ausgebaut und gepflegt. Im ehemaligen Kuhstall ist ein gemütlicher Veranstaltungsraum. Für Colbinger war das hier ein Heimspiel. Er ist in Mittweida aufgewachsen. Wie er selbst sagt, "im Gitarristen-Dreieck". Seine Nachbarn waren Jo Sachse und Falk Zenker, beide begnadete Gitarren-Virtuosen. Dies kann man von Colbinger auch sagen.

Zu dem Konzert waren viele Freunde und Bekannte erschienen und er hatte von der ersten Minute an keine Mühe, das hochdisziplinierte Publikum zu fesseln. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Wie kommt der Künstler, der uns im Profil ganz stark an den von uns hochverehrten Hannes Wader erinnert, zu dem Namen Colbinger? Ausgerechnet Mandy, die Osteopathin meines Vertrauens aus Mittweida, löste bei der Anmoderation das Rätsel auf. Sie ist mit ihm in die Klasse gegangen. Sie erinnerte sich, dass vor ganz vielen Jahren Uwe und Mandy mit 14 an der Kreuzung zur Fichte Schule gestanden haben und über Gott und die Welt philosophierten. Dort hatte Uwe "Huey" Kolbe der Mandy verkündet: "Ich werde mal Künstler und dann nenne ich mich Colbinger." Diese Prophezeiung hat sich sehr rasch erfüllt. Seit 1991 macht er Musik und seit 1996 ist der als Profi unterwegs.

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Huey ist ein Multitalent. Er bezeichnet sich selbst so: Stimme. Songwriter. Lyriker & Gitarrist. In den letzten zwei Jahren war es bestimmt nicht einfach, mit diesem Job den Lebensunterhalt zu bestreiten. Job trifft es bei Colbinger auch nicht, man merkt die Berufung. Aber wenn man mal einen Blick in seinen aktuellen Tourplan wirft, ist er der lebende Beweis, dass Kunst noch oder wieder funktioniert. Es war auch in Mittweida so zu erleben - die Besucher waren ausgehungert nach Musik, Ideen und Visionen. Dies bediente Colbinger mit seinem tollen Programm.

"Ist alles o.K.?" ,fragte er mit seinem ersten Song um dann "Tu es endlich", bei dem sich Huey von Stoppok inspirieren ließ, hinterher zu schieben. Seine eigenen Lieder sind etwas ganz Besonderes. Er zeigt Haltung, ohne agitatorisch zu wirken. Die Texte behandeln das Zwischenmenschliche im Alltag und spannen damit unaufgeregt den Bogen zu den großen philosophischen Themen. "Nur was ich selbst erlebt habe, darüber kann ich schreiben", sagt der Künstler. Er hat scheinbar viel erlebt. Die neuen Songs erscheinen in der Trilogie "Sünder", "Pilger" und "Rebell". Vom "Sünder"-Album präsentierte er u.a. zwei Titel, die es mir angetan hatten. "Dein Berg" und "Lauf den Hügel hinunter" fand ich ganz stark.

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Was für mich dieses Erleben in Mittweida ausmachte, sind nicht nur die Songs, sondern die Art wie sie Huey mit fesselnden Zwischentexten präsentierte. Den älteren Damen muss man eben Geschichten erzählen, dann kapieren sie es besser. Dazu kommt eine krasse Gesangsstimme und die Perfektion an der Akustikgitarre. Er ist auch Lyriker und baute Gedichte aus seinem Bändchen "In Freude vergeht der Zorn" in das Programm ein. Aber all das hätte bei mir nicht gereicht, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Uwe Kolbe gelingt es durch die gekonnte Interaktion mit dem Publikum das Gefühl zu vermitteln, "Genau du bist gemeint, genau für dich mach ich das hier…" So haben es meine Mitgeherinnen und Mitgeher auch empfunden.

Auf dem Weg nach Hause überlegte ich krampfhaft, wieso Colbinger mich mit der CD nicht so erreicht hatte. Ich hatte das Werk nebenher im Auto gehört. Aber genau das geht bei Huey nicht. Seine gesungenen Worte haben absolutes Tempo, was er in einer Minute sagen kann, schaffen andere nicht in drei. Das erfordert Konzentration und die physische Präsenz des Künstlers. Oder einfach gesagt, man muss ihn gesehen haben.



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