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Überlebe wenigstens bis morgen -
erinnern, gedenken und gemeinsam Kraft schöpfen

Ein Bericht von Thorsten Murr mit Fotos von Herbert Schulze und Thorsten Murr




Unter dem Motto "Überlebe wenigstens bis morgen" hatte der Gundermanns Seilschaft e. V. zum 38. Mal seit 1999 zu seiner Gundermann-Party eingeladen. Die Partys, deren Motto stets einem Gundermann-Song entlehnt wird, widmen sich eher der Pflege und Interpretation der Geisteshaltung des 1998 verstorbenen Gerhard Gundermann, als dass sie sich im Covern seiner Songs und Texte erschöpfen. Somit kommen in den Programmen verschiedenste, gestandene und junge, Künstlerinnen und Künstler zum Auftritt, deren Schaffen und deren Botschaften sich gut mit dem an Gedanken und Inspiration reichhaltigen Vermächtnis des Geehrten vereinen lassen.

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Engel über dem Revier: Gerhard Gundermann (Foto: Herbert Schulze)


Der Abend beginnt mit ein paar Worten von Marc Lippuner, seit 2017 Chef der Wabe, und darüber hinaus auch bekannt durch seine vielseitigen künstlerischen Aktivitäten, etwa als Autor, als Theater-Regisseur und als Macher von "Kulturfritzen - der Kulturpodcast aus Berlin". Heute nun beschränkt sich seine Rolle auf die des Hausherrn, der die rund 120 an Clubtischen platzierten Gäste herzlich begrüßt und freundlich auf die an diesem Abend geltenden Hygieneregeln hinweist.

Dann übernimmt Verena "Flora" Pilz vom Gundermanns Seilschaft e. V. die Moderation, und der niederländische Liedermacher Johan Meijer trägt den Song vor, der dieser Party das Motto gibt: "Überlebe wenigstens bis morgen". Johan Meijer ist bekannt als Interpret und Übersetzer vieler Songs von Gundermann und anderer Künstler.

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Paula Linke (Foto: Thorsten Murr)


Leine los - Paula Linke
Der erste Act des Hauptprogramms ist Paula Linke, die ich schon im Frühjahr dieses Jahres erleben durfte, als sie per Videostream aus dem Berliner Haus der Sinne ihr bald erscheinendes drittes Album vorstellte. Angesichts des überwiegend aus 60 plus bestehenden Publikums wirkt Paula heute besonders jung. Anfangs auch ein kleines bisschen verloren, so allein im Spotlicht, nur mit ihrer Gitarre. Spätestens aber, nachdem sie mit klarer Stimme die ersten zwei, drei Lieder vorgetragen hat, weiß man, dass man es hier mit einer ernstzunehmenden Liedermacherin zu tun hat. Selbstbewusst und charmant moderiert sie ihre eingängigen Stücke. Die ausgereiften Texte zeigen eine gedankliche Tiefe, die der eines Gerhard Gundermann mehr als würdig ist. Die Songs des dritten Albums machen mehr als die Hälfte des Sets aus, dazwischen Stücke aus früheren Schaffensperioden. Einen expliziten Bezug zu Gundermann stellt Paula Linke mit einer gänzlich neuen, interessanten Komposition zum Text von "Leine los" her, ein Stück, das 1997 auf Gundis letztem Studioalbum, "Engel über dem Revier", erschienen war. Sie hatte den Text lange Zeit für ein Gedicht gehalten und ihn deshalb vertont, sagt sie. Erst später sei ihr bekannt geworden, dass es ein Songtext ist, zu dem es bereits ein Lied gibt. Der Beifall ist herzlich, und als Zugabe gibt's "Ein Turm", zweifellos eines der stärksten Stücke des neuen Albums.

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Heide von Halász und Frank Viehweg (Foto: Thorsten Murr)


Ein halbes Leben - Heide von Halász und Frank Viehweg
Die Pause ist kurz, der nächste Programmpunkt ist eine Lesung mit musikalischer Begleitung - und deutlicherem Bezug zu Gerhard Gundermann. Unter dem Titel "Ein halbes Leben - Erinnerungen an Nils Floreck" werden Zwischentexte aus Gundermann-Konzerten gelesen, die von dem Journalisten und Buchautor Nils Floreck in den 1990er-Jahren mitgeschnittenen und transkribiert worden waren. Nils Floreck selbst sollte 2007 aus seiner so entstandenen Sammlung lesen, verstarb aber zuvor nach schwerer Krankheit im Alter von nur 40 Jahren. Heute nun kommt das Material erstmals öffentlich in einem Programm-Format zur Aufführung. So wird eine Reihe der für Gundermann-Konzerte typischen längeren Abhandlungen wiederbelebt und gleichzeitig an Nils Floreck erinnert. Gelesen werden die Texte von Heide von Halász, die in seinen letzten Lebensmonaten Freundin und engste Vertraute von Floreck war. Diese Geschichte, die sie erzählt, ist auch ihre Geschichte, und so ist ihr Vortrag berührend und sehr persönlich. Zwischen den Lesebeiträgen spielt Frank Viehweg. Der Berliner Dichter, Autor und Liedermacher hat dazu eine Auswahl aus eigenen Songs, aus übersetzten und nachgedichteten Stücken anderer Liedermacher sowie von Gundermann zusammengestellt, die jeweils einen losen Bezug zu den verlesenen Texten haben. "Ich freue mich, dass Gundermanns Lieder und sein künstlerisches Schaffen in solchen und ähnlichen Programmen weiterleben. Ich freue mich noch mehr, dass ich selbst dazu beitragen kann", hatte mir Frank Viehweg zuvor gesagt. Man merkt, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist. Seine einfühlsam interpretierten Stücke fügen sich angenehm zwischen die verlesenen Texte. So entsteht ein schlüssiges, harmonisches Programm der Erinnerung und Würdigung.

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FloBêr (Foto: Thorsten Murr)


Flottes Finale - FloBêr
Auf den berührenden Programmteil des Abends folgt jetzt ein ausgesprochen unterhaltsamer. Der letzte Abschnitt dieser Party wird gestaltet von der Berliner Folk-Gruppe FloBêr. Vier leidenschaftliche Musiker, die ihren Stil selbst als "Vorwärtsfolk" bezeichnen. Mit großer Spiellust und sichtlich guter Laune bringen Andreas Albrecht, Percussion, Bernard P. Bielmann, Akkordeon, Florian Krämer an der Gitarre und Christian Lutz am Bass eine kurzweilige Folge flotter Songs im stilistischen Spektrum von Polka, Gipsyswing und Balkanfolk zum Vortrag, die mit ihren pointierten deutschen Texten manches Alltagsproblem aufs Korn nehmen und vergnüglich philosophierend die Welt betrachten. Zu dem Stück mit dem eingängigen Refrain "Es müsste immer Sommer sein" bitten die vier Herren Paula Linke auf die Bühne. Gemeinsam verbreiten sie unbeschwerte Mitsingstimmung im Saal. So endet dieser denkwürdige Herbstabend, dem ungemütlichen Wetter und der Pandemie zum Trotz, mit sprühender Lebensfreude und schließt den Kreis zum Motto der Veranstaltung: "Überlebe wenigstens bis morgen".

Mir als wildem Rock-and-Roll-Fan, der es gern krachen hört, hat dieser Abend gezeigt, dass eine Party nicht immer laut und lustig sein muss, sondern auch still, berührend und erbaulich sein kann. Der Gundermanns Seilschaft e. V. hat eine Veranstaltungsreihe etabliert, in der das Erbe Gerhard Gundermanns auf vielfältige Weise nicht nur interpretiert wird, sondern in verschiedenen Kunstformen fortlebt und sich verselbständigt. Künstlerinnen und Künstlern, deren Lieder und Texte mit Gundis Schaffen und seiner Gedankenwelt in Vielem korrespondieren, werden einem geneigten und überaus aufmerksamem Publikum nahegebracht. Das ist spannend und erkenntnisreich und macht Lust auf mehr.



Bitte beachtet auch:
• Homepage des Gundermanns Seilschaft e. V.: www.gundi.de
• Homepage von Paula Linke: www.paula-linke.de
• Homepage von Frank Viehweg: www.frankviehweg.de
• Homepage von FloBêr: www.flober.eu
• Homepage der WABE: www.wabe-berlin.info











   
   
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