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Ein Bericht mit Fotos von Bodo Kubatzki



b 20211201 1968640884Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich auch im Osten Deutschlands langsam eine Szene von Bands, die unter dem Einfluss der Beat-Musik standen. Über Ätherwellen schwappte der Sound der Beatles und der Rolling Stones von der britischen Insel auch in das kleine eingemauerte Land östlich der Elbe. Zu dieser Zeit trafen im thüringischen Weimar zwei musikbegeisterte Studenten aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander, die begannen, gemeinsam eine Musik zu spielen, die man heute als Weltmusik bezeichnen würde. Christoph Theusner, Architekturstudent und Multiinstrumentalist aus Weimar, und der aus Kambodscha stammende Cellist Sonny Thet, der von Prinz Sihanouk in die DDR geschickt wurde, um ein Studium der klassischen Musik zu absolvieren, gründeten gemeinsam mit anderen Studenten im Jahr 1971 die Gruppe BAYON. Der Name, der sich auf eine kambodschanische Götterfigur bezieht, die mit ihren vier Köpfen gleichzeitig in alle vier Himmelsrichtungen blickt, sollte Programm für die Band werden. Aus fernöstlicher und südamerikanischer Folklore, europäischer Klassik, Blues, Jazz und früher Rock-Musik entwickelte die Band in unterschiedlichen Besetzungen ihren einzigartigen, unverkennbaren Musikstil. Im Laufe der Jahre entstanden diverse Instrumentalsongs und Suiten, aber auch poetische Lieder, wie "Stell dich mitten in den Regen" nach einem Gedicht von Wolfgang Borchert (1921 - 1947), das auch in dem Oscar prämiertem Film "Das Leben der Anderen" zu hören ist.

Fünfzig Jahre nach der Gründung von BAYON habe ich Gelegenheit, die Band um Christoph Theusner bei einem ganz besonderen Konzert erleben zu dürfen. Gemeinsam mit der Staatskapelle Weimar geben sie unter dem Motto BAYON MEETS SYMPHONY im Deutschen Nationaltheater Weimar ein Benefizkonzert, dessen Erlös der Renovierung des Skaterparks in Weimar Nord zugutekommen soll. Bassist Robert Boddin hat Deutsche Mugge die Möglichkeit eingeräumt, über dieses Ereignis zu berichten. So begebe ich mich Freitagmittag auf die lange Fahrt von Rostock nach Weimar. Im Auto läuft Musik von BAYON, die mich auf das Konzert einstimmen soll.

In Weimars Stadtzentrum gibt es einen Weihnachtsmarkt, auf dem viele Buden nicht geöffnet sind. Glühwein darf aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht ausgeschenkt werden. So bekomme ich an der Eisbahn, die direkt vor dem Nationaltheater aufgebaut wurde, nur einen heißen, alkoholfreien Punsch. Der Zutritt zum Theater erfolgt nach der 2 G-Regel, was ich für vernünftig halte. Selbstredend gilt im Theater auch Maskenpflicht. Dass jedoch selbst Pärchen, die in einem gemeinsamen Haushalt leben, im Saal einen Platz zwischen sich freilassen müssen, erschließt sich mir nicht. Höflich, aber mit Nachdruck weisen die Platzanweiserinnen auf diese Bestimmungen hin.

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Nachdem der Theater-Gong zum dritten Mal erklungen ist, haben die Musiker der Staatskapelle die Instrumente gestimmt und ihre Plätze eingenommen. Das Licht im Saal erlischt und zwei Herren kommen auf die Bühne und begrüßen das Publikum zum Benefizkonzert mit der Gruppe BAYON und der Staatskapelle Weimar, welches aufgrund der Corona-Pandemie schon mehrfach verschoben wurde. Einer der beiden Herren ist der Initiator der Veranstaltung, Klaus Deininger von der KTW Unternehmensgruppe, hinter der sich drei Firmen aus Weimar verbergen. Der andere ist der Intendant des Nationaltheaters, Hasko Weber. Mit der Hülle der ersten Amiga-Schallplatte von BAYON in der Hand bemüht sich Deininger, auf einem Skateboard sicher stehen zu bleiben, und fragt Weber, was wohl der Unterschied zwischen dem Brett und der Platte sei. Der Intendant muss nicht lange nach einer Antwort suchen, denn Deininger meint: "Es gibt keinen. Ich steh' drauf." Damit ist das Konzert eröffnet.

Band und Orchester begeistern mich schon mit ihrem ersten gemeinsamen Stück "Echos". Beschwingte Orchesterklänge und lateinamerikanische Rhythmen, bei denen Christoph Theusner sein exzellentes Können auf der Gitarre unter Beweis stellt, verschmelzen zu einem Wohlfühlstück mit eindringlicher Intensität. Das Arrangement für dieses und die weiteren gemeinsam von Orchester und Band gespielten Stücke hat der Erfurter Jazz-Trompeter und Arrangeur, Tim Jäkel, eigens für dieses Konzert erarbeitet.d 20211201 1378163611 Es folgen drei Stücke, die nur von der Band gespielt werden. Bei dem klassisch inspirierten "Toccata" beeindruckt mich das Wechselspiel zwischen Gitarre und Querflöte. Für die Blasinstrumente Flöte und Saxofon zeichnet Hans Raths verantwortlich. Der "Blues in D" besticht durch seine Schlichtheit. Hans Raths spielt mit seinem Saxofon musikalische Phrasen an, die Christoph Theusner mit der Gitarre aufgreift und wieder an das Saxofon zurückgibt. Alles schwebt über einer bluesigen Akkordfolge, die auf dem soliden rhythmischen Fundament dahingleitet, für das Robert Boddin am Bass und Denis Stilke am Schlagzeug sorgen. Anschließend nimmt uns die Band mit auf einen musikalischen "Rundgang".

2008 veröffentlichten BAYON das Album "Tanz der Aspara", auf dem sich die "Angkor-Trilogie" befindet. Diese Trilogie bezieht sich auf ein altes Motiv kambodschanischer Khmer-Folkloristik, das von der mystischen Tempellandschaft der Angkor-Region inspiriert ist. Sonny Thet und Christoph Theusner überarbeiteten dieses Motiv für die Band und schufen daraus drei abwechslungsreiche Musikstücke, die BAYON an diesem Abend zusammen mit der Staatskapelle Weimar aufführen. Da Sonny Thet aus terminlichen Gründen nicht mit auf der Bühne sein kann, haben die Streicher des Orchesters die Aufgabe, ihren Instrumenten besonderes Gewicht zu verleihen. Durch das Arrangement von Tim Jäkel gelingt dieses hervorragend. Dominierende Streicherpassagen, dezente Gitarrenklänge und virtuos gespielte Flötenmotive entfalten eine meditative Wirkung. Die Melodienvielfalt der drei Stücke übt eine besondere Faszination auf mich aus, und lässt mich tief in diese wunderschöne Musik fernöstlichen Ursprungs eintauchen. Der nächste Part gehört allein der Staatskapelle Weimar. Unter der Leitung von Andreas Wolf spielt sie den 1. Satz - Allegretto aus dem Concerto Grosso "Palladio" von Karl Jenkins. Dieser veröffentlichte sein Konzert für Streichorchester im Jahr 1996. Ein Stück moderner Klassik, das sich sehr gut in den Kontext BAYON MEETS SYMPHONY einfügt.

"Lieder" lautet das Motto des nächsten Teils des Benefizkonzertes. Wir erleben Auszüge aus dem vielseitigen, musikalischen Schaffen von Christoph Theusner. "Come, heavy sleep" ist ein altes Lied des englischen Komponisten John Dowland, ursprünglich geschrieben für Laute und Sopran. Heike Porstein, Sopranistin am Staatstheater, interpretiert diese mittelalterliche Weise mit engelsgleicher Stimme zur Gitarrenbegleitung von Christoph Theusner. "Stell dich mitten in den Regen", eines der bekanntesten Lieder von BAYON, wird eindringlich interpretiert von der Leipziger Liedermacherin Peggy Luck. Für mich ist das Lied immer noch eines der schönsten BAYON-Stücke, auch wenn an diesem Abend der lange Improvisationsteil, der das Original ausklingen lässt, weggelassen wurde. Auch der Schauspieler Bernd Lange, den wir heute schon als Moderator erlebt haben, arbeitet mit Christoph Theusner an verschiedenen Projekten. Sie widmen sich beispielsweise der Vertonung von Gedichten von Johann Gottfried Herder und Wolfgang Borchert. Als Auszug aus diesem Schaffen erleben wir zunächst das an eine Moritat erinnernde Stück "Der verschmähte Jüngling" von Herder.c 20211201 1490460883 Peggy Luck überzeugt dabei als das "russische Mädchen", das den jungen Seefahrer verschmäht. Das "Abendlied" nach einem Gedicht von Borchert schließt sich an, zu dem Christoph Theusner eine Melodie geschrieben hat. 

Zum Abschluss des Konzerts kündigt Bernd Lange die beiden Stücke "La Taberna" und "Barcarole" an, mit denen sich Band und Orchester gemeinsam vom Publikum verabschieden werden. Der sich anschließende begeisterte Applaus des Publikums beweist, dass das gemeinsame Musizieren von Band und Orchester ein gelungenes Experiment gewesen ist, das durchaus wiederholt werden sollte. Mit Spannung erwarten nun alle das Ergebnis der Spendenaktion des Benefizkonzertes. Initiator Klaus Deininger will zwei Jugendlichen, die mit Helm und Roller an den Bühnenrand kommen, den fertigen Spendenscheck symbolisch überreichen. Darauf lese ich eine Summe von 7.810 Euro. Doch kann Deininger diese Summe um 4.700 Euro erhöhen, die Sponsoren im vergangenen Jahr für eine Eisbahn gespendet hatten. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte dieses Geld nicht abgerufen werden. So einigten sich die Verantwortlichen darauf, das Geld der diesjährigen Spendenaktion zuzuschreiben. Der Gesamterlös, inklusive des Geldes aus der Spendenbox im Theater, beläuft sich auf die konkrete Summe von 13.171,20 Euro, die für die Ertüchtigung der Skaterbahn im Weimarer Norden verwendet werden können. Ein schöner Erfolg, denke ich.

Nach diesen erfreulichen Informationen geben Band und Orchester noch eine Zugabe. Wir hören nochmal die wunderschöne "Barcarole" aus der BAYON-Suite IV. Musikalisch gut unterhalten und zufrieden begebe ich mich in mein thüringisches Nachtquartier und frage mich besorgt, ob es angesichts der angespannten Corona-Situation für lange Zeit das letzte Konzert gewesen ist, an dem ich mich erfreuen konnte.






   
   
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