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Ein Bericht mit Fotos von Marvin Brauer



a 20211027 1999716638Ob das Woodstock Forever Festival im Jahre 2021 stattfinden könnte, war lange nicht sicher. Nach ausgiebigen Bemühungen der Veranstalter gab das neue Motto die Richtung an: "Wir finden statt!"

Nach Vorlage eines negativen Tests geht es schon auf die altbekannte Festivalwiese im ruhig gelegenen Waffenrod. Vorbei an Zelten, Wohnmobilen und bemalten VW-Bussen geht es Richtung Bühne. Der Wind trägt Gitarre, Bass und Schlagzeug weit über das Gelände. THE DOUBLE VISION gab es auch schon auf der letzten Ausgabe des Festivals 2019 zu sehen, ihre Wirkung ist jedoch hier anders. Pünktlich zu den Zugaben erblicke ich die Bühne und ein Bild, dass es schon lange nicht mehr so zu sehen gab: Drei verschwitze Musiker, die all ihre Spielfreude hervorbringen, während vor ihnen eine Publikumsmenge mit Musikfans aller Art tobt. Allein dieses einst so normale Bild macht höchst emotional und sprachlos. Der kernige Bluesrock um Gitarrist und Sänger STEPHAN GRAPH ist inspiriert von RORY GALLAGHER und ein toller Einstieg in das zweitägige Line-Up.

Aufgrund der Jam-Session am Vorabend ist auch schon einiges an Publikum angereist. Das Konzept ist dieses Jahr verändert. Das Programm wird auch zwei Hauptbühnen aufgeteilt, die sich alle anderthalb Stunden abwechseln. Die Freestage oben auf der Grasfläche und die altbekannte Hauptbühne unten am Hang mit toller Aussicht auf das Tal.

Eben dort geht es fließend weiter mit CIRCUS ELECTRIC, einer weiteren deutschen Dreier-Kombo. Während die Menge erst sehr langsam den Weg zur Bühne nach unten trabt, wird auch hier wieder Bluesrock geboten, wenngleich die Energie ihrer Vorgänger noch nicht ganz erreicht wird.


CIRCUS ELECTRIC
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Im Anschluss gibt es mit MAGGIE MACKENTHUN eine deutsch-schottische Sängerin, die mit ihrer Truppe KOZMIC BLUE ein Spezialprogramm zu Ehren des Todestages von JANIS JOPLIN abliefert. Auch sie ist begeistert davon endlich wieder live spielen zu dürfen und überzeugt das Publikum mit ihrer Band und energisch, schmutzigen Gesang, der die Menge an der Freestage ein weiteres Mal in Bewegung hält.


MAGGIE MACKENTHUN
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Mit BRÖSELMASCHINE gibt es einen weiteren beliebten Gast der Hippie-Festivals des Landes auf die Ohren. Eine Band die sphärische Jams mit Rockmusik hervorragend verbinden kann. Jeder der Musiker darf innerhalb des Sets sein Können unter Beweis stellen. Das obligatorisch lange Drumsolo von MANNI VON BOHR darf natürlich nicht fehlen. PETER BURSCH führt sichtlich glücklich durch die Stücke, denen Sängerin STELLA TONON nochmal ordentlich Dampf verleiht. Bassist DETLEF WIEDERHÖFT scheint zwar im sitzen spielen zu müssen, verpasst aber trotzdem keinen einzelnen Ton. Mit BRÖSELMASCHINE kann man nichts falsch machen.


BRÖSELMASCHINE
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Oben geht es nahtlos weiter mit der HAMBURG BLUES BAND, eine langjährige Institution. Auch ohne ihre Special Guests, mit denen man sie sonst vom Herzberg kennt, machen sie eine gute Figur. KRISSY MATTHEWS ist der junge Brite an der Gitarre, der stets wie auf Adrenalinspritzen über die Bühne fegt. In seiner Lockdown-Zeit habe er in England als Pizzafahrer gearbeitet und ein Album dazu geschrieben. Einen Song daraus zu Ehren des verstorbenen alten Drummers der Band gibt es an diesem Nachmittag zu hören. Sänger GERT LANGE ist anfangs so in seinem Element, dass ihm entgeht, dass er sich verletzt hat. Mit blutiger Wunde am rechten Arm hebt er das Mikrofonstativ über die Bühne bis er später kurz versorgt wird. Als Überraschung tritt STEPHAN GRAPH nochmal für einen Jam auf die Bühne, begleitet von (vermutlich) seiner jungen Tochter mit einer kleinen Spielzeuggitarre.


HAMBURG BLUES BAND
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Um einen guten Platz zu ergattern bedingt es sich durch das neue Konzept leider manchmal sich etwas vor Ende schon auf die Socken zu machen. Unten gibt es schließlich schon den Soundcheck von KRAAN. Der Jazzrock rund um Bassist HELLMUT HATTLER fühlt sich an wie das Innere einer eloquent möblierten Lavalampe. Das ist ebenso eigensinnig, wie es klingt. Als besonderen Bonus haben die drei gealterten Herren einen Nachwuchskeyboarder dabei, der es ihnen erlaubt Stücke aus ihrer Diskographie auszugraben, die es sonst nicht mehr zu hören gibt.


KRAAN
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Zeit für den Mann ganz weit oben auf den Plakaten. ASAF AVIDAN aus Israel ist einer der ganz seltenen internationalen Gäste dieses Festivals. Besonders jüngere Besucher warten sehnsüchtig auf den Mann mit der hohen und besonderen Stimme. Insofern man sich mit dieser anfreunden kann, bietet er mit seiner Band einen eigenständigen Mix aus Folk, Rock und melancholischem Pop. Plötzlich verabschiedet sich jedoch die Elektrik. Nur drei lila Scheinwerfer erhellen die Bühne von hinten und so gibt es eine spontane Einlage mit Akustikgitarre des Bandchefs, bestrahlt von einer Taschenlampe aus dem Publikum. Nach kurzer Unterbrechung wird die Technik wieder hochgefahren und das Publikum hängt wieder an den Lippen des Israelis.


ASAF AVIDAN
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Wer sich schon wieder auf Entzug von mehr Rock fühlt, wandert hinunter. LAURA COX und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus Frankreich haben da was vorbereitet. Nun erfinden sie weder den Bluesrock neu, noch mögen viele Songs aufgrund ihres Songwritings neue Weiten aufstoßen aber die Überzeugung der Gruppe macht ihren Reiz aus. Mit großer Spielfreude schmeißen sich COX und MATHIEU ALBIAC an den Gitarren die Soli zu. MARINE DANET und ANTONIN GUERIN an Bass und Drums feuern die beiden dabei ordentlich an. Grade nach einer so langen Durststrecke ist so eine motivierte Truppe Balsam für die Musikseele. Zum Abschluss lädt der lokale DJ noch ins benachbarte Chill-Zelt, alternativ endet der Abend unter sternenklarem Himmel und Top-Wetter an dieser Stelle.


LAURA COX
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Tag zwei beginnt mit den RON LEMONS geleitet von ANDREAS KÜMMERT. Zu hören gibt es viele Cover-Stücke von LED ZEPPELIN und anderen Rockhelden, die KÜMMERT besonders gesanglich hervorragend darstellt. Wer gerne etwas entspannter in den Tag startet ist mit dem Geheimtipp JAY OTTAWAY & THE LOST BOYS auf der Mainstage gut beraten. OTTAWAY wuchs Nahe Woodstock auf und so ist es nur passend, ihn hier begrüßen zu dürfen. Viel Country und Folk schwingen hier samt Slide-Gitarre mit. Ein grundlegend angenehmer Gig, bei dem man auf der Wiese sitzend z.B. herzhaft in ein Knoblauchbrot zum späten Frühstück beißen kann.


JAY OTTAWAY & THE LOST BOYS
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Wer jetzt wieder bereit zum tanzen ist wandert zur Freestage und lernt die herzlichste Band des Wochenendes kennen: THE MAGIC MUMBLE JUMBLE. Sieben holländische Musiker und Bandchef PAUL ISTANCE bringen eine Lebensfreude auf die Bühne, wie es sie nur selten gibt. Unmöglich hier nicht gut gelaunt zu sein. Die Hippie-Truppe fährt dazu ein Arsenal an Blas- und Percussion-Instrumenten auf, springt über die Bühne und erzählt vom Leben im Tourbus und der Zeit als Straßenband. Als Organisator und Kopf von Woodstock Forever MICHAEL MEMM die Band abmoderieren will, gibt es stattdessen eine kleine Zugabe mit einem springenden Festivalchef. Im anschließenden Meet and Greet versammeln sich viele Fans um die Gruppe und diese nehmen sich alle Zeit der Welt.


THE MAGIC MUMBLE JUMBLE
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Gitarrenbetonter geht es weiter unten zu. WOLVESPIRIT aus Würzburg rocken solide für alle, die der Mittagssonne trotzen. Einzig die stark im Fokus stehende Sängerin DEBORAH CRAFT verbleibt trotz Stimmgewalt ein wenig eintönig auf einer Dauer von 1,5 Stunden Showtime.
Holländisch geht es auf der Freestage weiter. THE GRAND EAST sind was die NEW KIDS wären, wenn man ihnen Instrumente gegeben hätte. Wilde Alternative mit groovy Rock mit etwas Soul und THE DOORS-Einflüssen. Sänger ARTHUR gibt zu ein wenig zugenommen zu haben und ist sichtlich außer Atem, nachdem er über eine Stunde mikrofonwirbelnd über die Bühne und durchs Publikum gerannt ist. Das Set endet früh, die Menge verlangt nach mehr. Der Tonmann am Bühnenrand zuckt mit den Schultern während schon TOTOS "Africa" eingefadet wird. Er motiviert dennoch zum weiterklatschen, verschwindet… und kommt mitsamt der Band zurück. Eine ungeprobte Zugabe zieht nochmal alle Register der Musiker. Vielleicht muss die Freestage doch noch zur Mainstage umbenannt werden.


THE GRAND EAST
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Weiter unten fährt PETER PANKAS JANE auf. Der Krautrock des sichtlich gut gelaunten KLAUS WALZ und Band ist gemächlicher, passend zum sich rot färbenden Himmel. Geschmackvolle lange Stücke mit viel Tiefe.


PETER PANKAS JANE
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Oben geht es mit NEKTAR recht ähnlich weiter. Etwas unpraktisch für denjenigen, der gerne in beiden Fällen ganz vorne stehen will. Die seit wenigen Jahren umgeformte Band spielt auch mit neuen Songs auf. KLAUS HENATSCH an den Keys führt zusammen mit Gitarrist und Sänger ALEX HOFFMEISTER durch die Tracks, die Backgroundsängerinnen ließ man Zuhause. Wirklich zünden möchten die Songs diesen Abend nicht, der letzte Funke will nicht überspringen.


NEKTAR
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Vielleicht sind ECHOES schuld. Wer volle Hallen will, der gründet eine PINK FLOYD Coverband. So stehen vor Beginn dort schon mehr Leute als beim Finale von NEKTAR. Die deutsche Truppe bildet das Finale des Samstags. Sie spielten ihr Programm schon mit großen Special Guests wie SAGA oder LAZULI, oder mal rein akustisch. An diesem Abend gibt es die klassische PINK FLOYD-Portion, dennoch fehlt es an manchen Stellen an Elementen. Ein Perkussionist hier und eine zweite Gitarre da hätten noch einiges rausgeholt und den Sound breiter gemacht. Trotzdem gibt es grade an Saxophon und Gitarre überzeugende Momente. Die Menge freut sich über die Klassiker, die Fläche ist gefüllt von Menschen, nur zum Merchandise-Stand verschlägt es tatsächlich nahezu niemanden. Man feiert noch tief in den Morgen beim DJ-Zelt.


ECHOES
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So enden zwei vollgepackte Tage Bühnenprogramm. Auch wenn das Line-Up nicht wie üblich international war, gab es viele Highlights in Waffenrod. Auch die hervorragenden Essens-Stände sind hervorzuheben und all die freundlichen Menschen, die all das auf die Beine gestellt haben. Es bleibt zu hoffen, dass der anfängliche Corona-Test ausreichend war und dass das neue Konzept eine Zukunft hat. Live-Musik in dieser Form wieder erleben zu dürfen ist ein Privileg.




   
   
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