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      Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki



Die Plattenburg im Landkreis Prignitz im Nordwesten Brandenburgs gilt als älteste erhaltene Wasserburg Norddeutschlands. Seit 2012 findet in ihren Mauern, neben verschiedenen anderen Spektakeln, jährlich das AquaMaria Festival statt, das sich im Laufe der Jahre zu einem echten Geheimtipp in der Stoner-Psychedelic-Rock Szene entwickelt hat. Veranstalter Uwe Steuer hat das Festival gemeinsam mit seiner Frau Maria und seinem Sohn Eike vor nunmehr neun Jahren ins Leben gerufen.b 20210928 1046534100 Ein Name für das Festival wurde damals schnell gefunden. Eike schlug vor, es nach dem gleichnamigen Song der Stoner-Rock-Band COLOUR HAZE zu benennen. Die von Wasser umgebene Burg und Frau Steuers Vorname trugen schnell zur Entscheidungsfindung bei.

Wie fast alle Großveranstaltungen fiel das AquaMaria Festival im vergangenen Jahr der Corona-Pandemie zum Opfer. Ob es 2021 wieder durchgeführt werden konnte, war lange Zeit unklar. Doch sinkende Infektionszahlen und ein abgestimmtes Sicherheitskonzept mit Testpflicht für ungeimpfte Gäste und Datenerfassung zur Kontaktnachverfolgung machten es möglich, dass dieses kleine, aber feine Festival in diesem Jahr zur Freude aller Fans stattfinden durfte. Auch ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, wieder auf einem Rock-Festival zu sein, nach dem monatelangen Verzicht auf Live-Musik. Leider konnte ich das Festival aus terminlichen Gründen nur am Samstag besuchen. Doch die Vorfreude auf Festival-Atmosphäre und das Line-Up des zweiten Tages machten mich genügsam.

Acts wie VUG, CIRCUS ELECTRIC und THE HIRSCH EFFEKT begeisterten am Freitag die zirka 800 Fans bis in die Nacht hinein mit kraftvollem Rock, wie ich mir von Freunden berichten ließ, die am Freitag auf der Plattenburg verweilten. Kurze Regenschauer konnten der guten Stimmung dabei nichts anhaben. Am Samstag verzogen sich die Regenwolken über der Plattenburg vollständig, so dass die sechs Bands bei schönstem Sommerwetter ihre Fans erfreuen konnten.

Kurz nach 15:00 Uhr lockte die Hamburger Band MY LITTLE WHITE RABBIT die ersten Fans vor die Bühne. Bereits auf zwei Longplayer kann die Truppe um Sängerin und Gitarristin Rike Pfeiffer verweisen. Die Band beschreibt ihre Musik mit Begrifflichkeiten wie "feministische Psychpop-Hymnen" und "Garagenpunk-Songs mit Pop-Einschlag", mit denen sie z. B. Tierrechts-Plädoyers setzen und Kapitalismuskritik üben will. Mit ihrem Konzert auf der Plattenburg wusste die Band mit ihren rockigen Klängen und einer starken Bühnenpräsenz zu gefallen. Weit aus rockiger wurde es bei dem Trio PYRAMID aus Nürnberg. Die drei Musiker orientieren sich stilistisch an der guten alten Zeit, als LED ZEPPELIN oder BLACK SABBATH noch auf den Ätherwellen rauf und runter liefen. Aber auch modernere Einflüsse wie (wiederum) COLOUR HAZE macht die Band als Einfluss geltend. So verwunderte es nicht, dass neben den kraftvollen eigenen Stücken ihres aktuellen Outputs "Mind Maze" auch mal eine Coverversion von COLOUR HAZE zum Besten gegeben wurde. Das Trio bestand aus Lukas Schoman an den Drums und Michael Kümpflein am Bass, die für einen kraftvollen Drive sorgten, auf dem Gitarrist Shane Saban seinem Instrument mal harte Riffs, mal gefühlvolle Sounds entlockte, oder die Saiten gar mit einer Bohrmaschine malträtierte. Die Fläche vor der Bühne füllte sich bei diesen elektrisierenden Klängen zunehmend und die Band wurde regelrecht abgefeiert.
 
Für so viel Begeisterung zu sorgen vermochte die aus Crivitz (M/V) stammende Band TOCCOA nicht. Trotz starker Stimme des Leadsängers Marc Brendemühl und trotz charmantem Neu-Zugang mit Liv Andersson als Background-Sängerin, passte die Musik der Band für meine Begriffe nicht so richtig auf dieses Stoner-Psychedelic-Festival. Die überwiegend eigenen Songs mit Texten von Sänger Brendemühl, veröffentlicht auf dem Album "Explosition", kamen zu gefällig daher. Obwohl Songs wie "Would you call my name" oder das Antikriegs-Lied "Nomansland" so etwas wie Ohrwurmcharakter besaßen, schien es nur wenige Gäste zu interessieren. Ich hätte der Band mehr Aufmerksamkeit gegönnt.
 
c 20210928 1292969104Das Berliner Trio THE WAKE WOODS sorgte schnell wieder für dichtes Gedränge vor der Bühne. Puren Rock'n'Roll im Stil von LED ZEPPELIN und Co. lassen die Songwriter-Brüder Helge und Ingo Siara sowie Schlagzeuger Sebastian Kuhlmey in ihre eigenen Songs einfließen, und wussten diesen Stil dann auch kraftvoll auf der Live-Bühne zu präsentieren. Mit elektrisierenden Riffs und einer geballten Ladung Gesangspower versprühten die drei pure Energie, was für mitschwingende Bewegungen vor der Bühne und viel Beifall sorgte. THE WAKE WOODS überzeugten aber auch mit ruhigeren Bluesklängen und vor allem mit ihrem während der Corona-Pandemie entstandenem Song "Take The Money And Run". Band und Fans zeigten sich glücklich, endlich wieder live vor Publikum spielen zu dürfen, und die Fans honorierten dies. THE WAKE WOODS haben auch mich sehr begeistert. In einem kurzen Gespräch mit dem Gitarristen Helge Siara erzählte dieser, dass die Band wieder ein Quartett werden könnte. Genaueres wollte er nicht verraten. Man darf also gespannt bleiben auf die Entwicklung von THE WAKE WOODS.
 
Der eigentliche Grund, weshalb ich dieses Festival am Samstag erleben wollte, ist das Konzert von POLIS. Die Jungs aus Plauen und ihre Musik, die ihre Wurzeln (ungewollt) im Ostrock der 70er Jahre hat, habe ich ins Herz geschlossen. Die Band hat mich von ihrem ersten Konzert, das ich erleben durfte, in ihren Bann gezogen. Daher hier vielleicht einige Zeilen mehr als zu den anderen Bands. 
Auch wenn der Veranstalter versuchte, auf die Einhaltung des Zeitplans zu achten, dauerte die Umbaupause vor POLIS etwas länger. Die Bühnenbreite reichte kaum aus, um das Equipment der Band unterzubringen. Allein das Arsenal an Keyboards von Marius Leicht mit Fender-Piano, Hammond-Orgel mit dazugehörigen Lesley-Boxen, Synthesizern und Mellotron beanspruchte die halbe Bühne. Nach dem Konzert hörte ich ein junges Mädel fragen, was denn das für ein Instrument sei, das mit den vielen Kabeln. Ja, wer spielt heute im digitalen Zeitalter noch eine Hammond-Orgel? Der Marius von POLIS auf jeden Fall. Die Jungs brauchten also etwas länger, bis die Keyboards einsatzbereit, die Mikrofone am Schlagzeug und die Monitoranlage eingestellt waren. So konnte ich gar nicht ausmachen, ob wir uns noch beim Soundcheck befanden oder ob das Konzert schon begonnen hatte. Doch an einem mir bisher unbekanntem Song und am veränderten Bühnenlicht erkannte ich, dass der erste Song bereits gespielt wurde. Das neue Stück "Der Kreis" vom kommenden Album der Band reihte sich gut ein in den Sound, der die Musik von POLIS ausmacht. In den knapp 90 Minuten des Konzerts präsentierten die Band vor allem Stücke ihres letzten Studioalbums "Weltklang". Lediglich "Sag mir" vom Album "Eins" und "Blumenkraft" vom zweiten Album "Sein" wurden als ältere Stücke präsentiert. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele der anwesenden Fans POLIS an diesem Abend zum ersten Mal gehört haben. Der ausdruckstarke Gesang von Christian Roscher mit dem er seine lyrischen deutschen Texte zu Gehör bringt, das expressive Gitarrenspiel des Christoph Kästner, die virtuose Arbeit von Marius Leicht an seinen diversen Keyboards und nicht zuletzt die präzise agierende Rhythmusgruppe, Andreas Sittig am Bass und Sascha Bormann hinter dem Schlagzeug, zogen nicht nur mich in ihren Bann. Begeisterte Fans vor der Bühne bewegten sich im Rhythmus der Musik und geizten nicht mit Beifall.a 20210928 2027596872 Bei "Blumenkraft" gab’s Blümchen für Christian, die er sich charmant hinters Ohr steckte. "Mantra" mit dem a cappella Gesang aller fünf Musiker beginnend und mit seinem furiosen Finale stellte dann leider schon das Finale des Konzerts von POLIS dar. Den vehementen Zugabe Rufen des Publikums durfte die Band aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit leider nicht mehr nachkommen.

Zum Abschluss des Festivals betrat die Speerspitze des deutschen Stoner Rock COLOUR HAZE die Bühne. Zugegeben, Stoner Rock ist nicht meine favorisierte Musikrichtung. Das Konzert der Band vermochte auch nicht, meine Einstellung zu dieser Musik zu ändern. Doch sah der Großteil der anwesenden Fans das völlig anders, wie das plötzliche Gedränge vor der Bühne bewies. (War da nicht was mit Abstandsregeln usw.?) Die 1994 in München gegründete Band präsentierte sich auf der Plattenburg als Trio und erstmals mit Mario Oberpucher am Bass. Ihre überwiegend auf Improvisationen basierende Musik hatte auf viele Fans eine hypnotisierende Sogwirkung. Stefan Koglek gab oftmals die Themen auf seiner Gitarre vor, die dann von Schlagzeug und Bass übernommen und gemeinsam weiterentwickelt wurden und zu grooven begannen, so dass schließlich ein komplexer Klangkosmos entstand. Ab und zu sang Stefan auch einige Zeilen Text oder setzte seine Stimme als zusätzliches Melodieinstrument ein. "Skydancer" oder "Aquamaria" seien hier nur exemplarisch für diese Art von Musik genannt. Das Ganze wurde mit viel Dynamik präsentiert, wobei es mir an den heftigeren Stellen, trotz Ohrstöpsel oft zu laut war. Kurz vor 01:00 Uhr wurden dann auch COLOUR HAZE dezent darauf hingewiesen, dass ihre Spielzeit sich dem Ende neigt. Doch ein Song war noch drin und die Fans zeigten sich zufrieden.

Seit fast einem Jahr mal wieder ein Festival besuchen zu dürfen, hatte schon einen besonderen Reiz für mich. Und das ging wohl allen so, Gästen wie Musikern. Ob das Konzept der drei G, geimpft, genesen oder getestet, letztlich aufgeht, muss sich noch zeigen. Auf dem Gelände der Plattenburg konnte man sich jedenfalls frei bewegen, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Die Anzahl der Besucher war mit ca. 800 nicht kleiner als bei den bisherigen AquaMaria Festivals. Das macht Hoffnung auf etwas mehr Normalität im kommenden Festivalsommer.

Mein besonderer Dank geht an Maria Steuer, die mir problemlos eine Akkreditierung zukommen ließ.
 

 
Fotostrecke:
 
 
My Little White Rabbit
 
 
 
 
 
Pyramid
 
 
 
 
 
Toccoa:
 
 
 
 
 
The Wake Woods
 
 
 
 
 
POLIS
 
 
 
 
 
Colour Haze
 
 
 
 
 

   
   
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