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Ein Bericht von Grit Bugasch mit Fotos von Reinhard Baer

 

Dann ist sie vielleicht nicht hip - dafür fantasievoll, authentisch, ungewöhnlich, gefühlvoll, professionell ... Die Rede ist von Anna-Marlene Bicking. Sie ist wahnsinnig aufgeregt, wie sie mir kurz vor dem Konzert verrät. Verständlicherweise, schließlich präsentiert sie heute Abend ihr erstes eigenes Album, ihren ganz persönlichen "Tagtraum".a 20170116 1073091249 Es ist das absolute Kontrastprogramm zu meinem letzten Besuch hier im Haus. Beim traditionellen Neujahrsblues vor knapp einer Woche war die WABE rappelvoll. Etablierte Musiker spielten mehr oder weniger bekannte Titel vor überwiegend älteren Musikfreunden. Diesmal ist eine relativ junge Band mit neuer, unkonventioneller Musik am Start. Das Publikum ist leider nicht so zahlreich erschienen, heute haben sich wohl überwiegend Freunde, Familie und Bekannte eingefunden. Das gibt den Anwesenden das gute Gefühl, Teil einer kleinen exklusiven Runde zu sein und verleiht dem Abend eine warme, angenehme Atmosphäre. Eins haben allerdings beide Abende gemeinsam. Es geht um Menschen, die mit Herzblut das tun und präsentieren, was sie lieben - ihre Musik. Und das ist es, was zählt.

Zur Verstärkung und moralischen Unterstützung hat sich Anna-Marlene musikalische Freunde und Begleiter eingeladen. Praktischerweise spielen einige der Musiker nicht nur in ihrer eigenen Band, sondern auch bei Snooze-on, die am heutigen Abend das Vorprogramm bestreiten. Und nicht ganz zufällig handelt es sich dabei um ihre Lieblingsband, wie sie später lachend verkündet. Spätestens als Snooze-on loslegen, wird die Verbindung auch deutlich hörbar. Gestartet sind sie ursprünglich als instrumentales Jazz-Quartett, doch inzwischen haben sie die Besetzung nicht nur um diverse Instrumente, sondern auch um einige Gesangsparts erweitert. Mit Elementen aus Jazz, Pop und elektronischen Aspekten kreieren Christian Tschuggnall (Schlagzeug), Charis Karantzas (Gitarre, Gesang), Markus Ehrlich (Saxophon, Klarinette, Querflöte), Héloise Lebfevre (Violine) und Bernhard Meyer (Bass) Sounds ganz unterschiedlicher Art und Tiefe und liefern so die passende Einstimmung für diesen Abend. Schade nur, dass sie kaum etwas über ihre Musik erzählen - so gelingt es ihnen nicht, mich bei allen Songs mit in die Welten zu nehmen, in die sie selbst so tief eintauchen.

Umso besser schafft es Anna-Marlene, in ihrem Programm Brücken zum Publikum zu bauen. Sie erzählt von ihrer einjährigen Arbeit am Album, von dem, was sie sich dabei gedacht und erhofft hat, von der Arbeit mit der Band und dem Filmorchester Babelsberg, von Träumen und Realität, von Ideen und Entwicklungen.b 20170116 1865339576 Eigentlich wollte sie gar nicht so viel reden, das hatte sie sich fest vorgenommen, meint sie lächelnd. Aber so ganz will es ihr nicht gelingen, dazu liegen ihr ihre Musik und ihr Album viel zu sehr am Herzen. Ein bisschen redet sie wohl auch gegen die eigene Aufregung an und so reduziert sich die nervöse Spannung, die anfangs deutlich spürbar ist, im Laufe des Abends. Stück für Stück taucht sie in ihr Programm und ihre Musik ein und kommt bei sich an.

Anna-Marlene schwelgt in ihrer Musik und nimmt ihr Publikum mit auf die musikalische Traumreise. Beste Unterstützung bekommt sie dabei von den wunderbaren Musikern ihrer Band. Nicht umsonst heißt es in der Ankündigung "Anna-Marlene & Symphony". Gemeinsam inszenieren Anna-Marlene (Gesang, Effektgeräte), Charis Karantzas (Gitarren), Johannes Ballestrem (Keyboard, Flügel), Stuart Kemp (Bass), Héloise Lebfevre (Violine) und Raphael Meinhart (Schlagzeug) ihren herrlich großen, sinfonischen Sound. Und das auch ohne das Filmorchester, das sie verständlicherweise nicht in die WABE mitbringen konnten. Genau wie im Traum, in dem alles erlaubt ist, kombiniert Anna-Marlene auf individuelle Weise Elemente aus ganz verschiedenen Genres. Unbefangen überschreitet sie vermeintliche Grenzen, mixt ursprüngliche Sounds und elektronische Effekte, arbeitet mit Stimme und Text.

Sie setzt auf die Imagination und die Emotionalität der Musik. Dabei widmet sie sich in ihren Liedern den Themen, die viele von uns heutzutage beschäftigen. Sei es der Wunsch nach mehr Zeit für das, was uns wichtig ist; die Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Träumen; das Phänomen von Neid und Arroganz; die Kraft der Dinge, die nicht immer sichtbar oder fassbar sind; der Mut, sich nicht einfach in die große Masse einzureihen; die Vergänglichkeit des Seins; die Suche nach dem ewigen Glück oder das Vertrauen in uns selbst. Da die Runde so angenehm und überschaubar ist, beschließen Anna-Marlene und ihr Gitarrist Charis, nach der Pause spontan eine kurze Session inmitten des Publikums einzulegen. Unverstärkt, nur mit seiner Akustikgitarre und ihrer Stimme. Gesagt, getan. Was ich - gerade beim Release-Konzert - irgendwie mutig und sehr sympathisch finde und was zudem beweist, dass die Musik zuallererst aus ihnen selbst und nicht aus den Verstärkern kommt.

Ganz nebenbei erfahren wir, dass wir Menschen bis zu fünfzig Prozent unserer Wachzeit in einem Zustand des Tagträumens verbringen, in dem unsere Gedanken umherschweifen. Und weil es gut ist, genau das mitunter ganz bewusst zu tun, lädt uns Anna-Marlene zu einem kleinen Experiment ein. "Traut euch, kurz eure Augen zu schließen und einen Tagtraum zu leben. Lasst es ruhig zu, wir machen das gemeinsam. Wir wollen einen kurzen Moment unsere Gedanken freilassen..." Passend dazu fliegen grüne Lichtpunkte durch den Raum, denen unsere Fantasien folgen können.c 20170116 1046401684 Imaginäre Grenzen zu überwinden, vermeintliche Schubladen zu verlassen, neue Ideen zu erschließen - das ist die Intention von Anna-Marlenes "Tagtraum". Mit ihrem Album wollte sie einen Soundtrack zum eigenen Leben, zur eigenen Gedankenwelt schreiben. Das Ergebnis sind fantasiereiche Klangwelten, eine berührende Tagtraum-Reise, die mich intuitiv mitnimmt und emotional fesselt.

Am heutigen Abend erklingen lediglich zwei Songs, die nicht auf ihrem neuen Album zu finden sind - "In France they kiss on main street" von Joni Mitchell und "Venus as a boy" von Björk. Zwei Titel, die sie sehr mag und zwei Musikerinnen, die sie mit ihrer ganz speziellen Musik sehr inspiriert haben. All das hat sie geprägt und ist mit eingeflossen in ihr neues Album. Uns selbst in Frage zu stellen, zu überlegen, was wir im Leben wirklich erreichen wollen - ein scheinbarer Luxus, den sich im Endeffekt nur Wenige leisten. Anna-Marlene tut es auf ihre Art mit ihrem Album "Tagtraum", das vermutlich nicht die große Masse erreichen wird. Eher die Menschen, die ohnehin schon sensibilisiert und offen für Neues oder Ungewohntes sind. Dafür mag die Wirkung umso intensiver sein. Zum Dank für diesen besonderen Abend bekommt sie vom Papa einen Blumenstrauß zugeworfen und vom Publikum einen besonders warmherzigen Applaus. Entspannte Gespräche und der Blick in den fast noch vollen Mond lassen diesen Abend auf passende Weise ausklingen. "Lässt so viele Gelegenheiten gehen, deine Grenzen und Tiefen zu verstehen. Öffne deinen Verstand. Vielleicht in diesem Leben machst du's wieder ganz..."

Termine:
• 20.01.2017 - Leipzig - Horns Erben
• 21.01.2017 - Dresden - Blue Note



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Anna-Marlene: www.anna-marlene.de
• Interview mit Anna-Marlene zum neuen Album: HIER klicken
• Rezension zum Album "Tagtraum": HIER klicken





Fotostrecke:


Vorprogramm: Snooze-on
 

 
 
 
 





   
   
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