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Ein Bericht von Torsten Meyer mit Fotos von Sandy Reichel (+ Pressematerial i.d. Textillustration)





Altlasten
Es gibt Musiker, die können machen was sie wollen und doch bleibt an ihnen auf ewig ein bestimmter Makel kleben, der möglicherweise schon gefühlte drei Jahrhunderte zurückliegt und dennoch nicht in Vergessenheit gerät. In diese Kategorie muss ein gewisser Thomas Godoj einsortiert werden. 2008 Sieger bei DSDS, wird er seither von den Medien gemieden, als wäre er ein Aussätziger.a 20161201 1242924935 Sowas passiert schon mal, wenn man sich nicht dem Bohlen-Imperium und einem bekannten Fernsehsender inklusive der dazugehörigen Maschinerie unterwerfen will, sondern unverschämterweise lieber sein eigenes Ding, seine eigene Musik machen will. Es gehört schon einiges an Mut, Selbstbewusstsein und Willensstärke dazu, diesen kurvenreichen (und vor allem finanziell steinigen) Weg zu gehen, aber für Thomas Godoj hat es sich definitiv gelohnt. Klar, seine Songs finden nach wie vor auf keiner Playlist der Rundfunkanstalten statt. Aber was soll's, sein im September erschienenes sechstes Album namens "Mundwerk" stieg immerhin auf Platz 29 der deutschen Charts ein und legt eindrucksvoll Zeugnis davon ab, dass man auch dann eine gesunde Fanbase haben und ordentliche Verkaufszahlen erreichen kann, wenn man medial totgeschwiegen wird.

Besagtes "Mundwerk" will natürlich auch live präsentiert werden. Und darauf kann sich die Fangemeinde wirklich freuen, denn live ist Thomas Godoj ein Erlebnis. Ich weiß, wovon ich rede, da ich den Recklinghauser bereits dreimal auf der Bühne erleben konnte. Und so freue ich mich auch dieses Mal darauf. Der Frannz Club bildet die passende Kulisse. Schnell finden sich die wahrscheinlich immer mitreisenden Hardcorefans in den ersten beiden Reihen ein. Ehe sich der Rest des kuschlig kleinen Saales füllt, dauert es ein Weilchen, aber letztlich sind ca. 90% der Kapazität ausgeschöpft und man steht eng beieinander, hat aber dennoch genügend Luft zum atmen.

JUNO17 - Von "Promi Big Brother" auf die Bühnen der Welt
Was selten passiert: die Vorband kam früher als erwartet zum Zug. JUNO17 nennen die vier Herren Philipp Hofmann (Gesang), Philipp Stauzebach (Gitarre), Josua Mette (Bass) und Daniel Schild (Schlagzeug) ihre Band. Der Name bezieht sich auf den Geburtstag des Sängers. Das wäre also geklärt. Hmmm ... ich überlege krampfhaft, was ich sonst noch zum Auftritt der Jungs schreiben könnte, denn so sehr ich mich auch bemühe, ich langweile mich doch mächtig während des etwa 45-minütigen Sets. Da hilft es auch nicht, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass von JUNO17 der Titelsong der letzten "Promi Big Brother"-Staffel stammt. Inwieweit das ohnehin ein Qualitätssiegel darstellt, möge jeder für sich beurteilen.b 20161201 1095856314 JUNO17 liefern belanglosen Pop ab, von dem schon zwei Stunden später nichts mehr in meiner Erinnerung vorhanden ist. Auch textlich herrscht meistens Schmalkost vor. Kleine Kostprobe gefällig: "Bleib hier / ich fühl mich nur sicher bei dir / bitte nimm die Hand von der Tür / geh nicht weg von mir". Einzig "In die Nacht" bohrt sich wohlwollend in meine Hörmuscheln und weckt mich ein wenig aus meiner Lethargie. Zugegeben, die Männer geben alles, auf der Bühne herrscht ordentlich Bewegung vor und - was wohl das Wichtigste ist - es kommt beim Publikum gut an. Ich bin wahrscheinlich entweder zu alt für diese Art Musik oder aber zu sehr der Rockmusik verpflichtet, deshalb sollte mein Urteil nicht überbewertet werden. Wie immer ist in der Musik eben alles Geschmacksache.

Jetzt wird gerockt
20:30 Uhr. Es wird dunkel, die Bühne füllt sich. Und schon bricht das erste Gitarrengewitter über uns herein. Unter großem Gekreische der Fans springt Thomas Godoj auf die Bühne und lässt seine so einzigartige, raumfüllende Stimme auf das Publikum los. "Hallo Zeit" ist der erste Song des neuen Albums "Mundwerk" und gibt die Marschrichtung für den Abend vor: satter Rock, immer straight nach vorn gehend. Es erstaunt mich immer wieder, welche Präsenz dieser Kerl ausstrahlt, sobald er vor seinem Publikum steht. Der Funke braucht zum Überspringen wirklich nur Millisekunden. Ich beobachte das Ganze diesmal bewusst aus den hinteren Reihen und bin wirklich angetan, wie sich die Energie des Thomas Godoj auf seine Fans überträgt, die übrigens beileibe nicht alle nur weiblichen Geschlechts sind. Sie fressen ihm aus der Hand, hängen an seinen Lippen, reagieren auf die kleinste seiner Bewegungen und wippen selber ständig hin und her, weil diese Songs, die wir heute Abend hören, auch gar keinen Stillstand zulassen.

Wie schon erwähnt, verzeichnet der Godoj-Katalog bislang sechs eigene Alben plus eine sehr gelungene Live-CD und das letztjährige Akustik-Album, welches eins der wenigen Werke dieser Machart ist, das ich akzeptiere und sogar mag. Also sollte genügend Material für eine abwechslungsreiche Setlist vorhanden sein. Nach dem Anheizer "Hallo Zeit" ist der nächste Song dafür verantwortlich, dass ich mich irgendwann für Thomas Godoj zu interessieren begann: "Dächer einer ganzen Stadt" vom dritten Longplayer, der wirklich exzellente Kost bietet und den Titel "So gewollt" (2011) trägt.c 20161201 2081396562 So kann es gerne weitergehen. Doch wie das so ist, wenn der Künstler eine neue Platte am Start hat, müssen verständlicherweise vermehrt auch die neuen Lieder unters Volk gebracht werden. Und genau damit bekomme ich nach und nach ein kleines Problem. Ja, das "Mundwerk"-Album klingt etwas anders als der Vorgänger "V", welches ein astreines, kraftvolles Rockalbum mit ganz viel Druck, echten Power-Gitarren, tollen Songs ist. "Mundwerk" hingegen bietet zwar auch zwei bis drei Songs, die durchaus gitarrenlastig rüberkommen. Aber grundsätzlich geht es hier eher in die Pop-Richtung, was ja nicht schlimm wäre - wenn es nicht hier und da schon zu sehr nach Radio-Pop klingen würde, also austauschbar und egal ist. "Glück" wäre für mich so ein Beispiel (könnte von der Machart her eine UNHEILIG-Nummer der letzten Tage sein). "Das wilde Herz" wiederum hört sich ziemlich schlagerlastig an und "Sechster Sinn" muss irgendwie neben den Notenblättern von Andreas Bourani genächtigt haben. Allerdings darf ich die Wirkung der genannten Songs sofort relativieren, denn live wird hier viel mehr Pfeffer eingestreut, was mich denn auch wieder gnädiger stimmt. Vielleicht wäre mir diese Diskrepanz zwischen all den wunderbaren älteren Titeln von Godoj und dem neuen Album gar nicht so sehr bewusst geworden, hätte er nicht gleich sechs Nummern der aktuellen Scheibe nacheinander gespielt. Positiv herausheben will ich aus diesem Block aber unbedingt das großartige "Lebendig", das hat auf jeden Fall das Zeug für eine Single-Auskopplung.

So sehr Godoj mit seiner angenehm tiefen Stimme glänzt, mit seiner Natürlichkeit die Leute für sich einnimmt, auf der Bühne schweißgebadet die Rampensau gibt, so sehr muss man im gleichen Atemzug seine Band nennen, ohne die all das nicht funktionieren würde. Wie immer dominiert Sebastian Netz mit seiner Gitarre das Klangbild. Drummer Olli Schmitz prügelt mal brachial, dann wieder wohltuend sparsam auf seine Felle und auch Thomas Spindeldreher an der zweiten Klampfe sowie der Bassmann Sebastian Heuckmann überzeugen voll und ganz. Das darf ja auch ruhig mal erwähnt werden.

d 20161201 1451036901Wie jetzt - ist schon Schluss???
Die Fans sind selig, egal was Thomas gerade spielt. Der super gut abgemischte Sound trägt sicher dazu bei. Ich bekomme so etwas wie einen Wunsch erfüllt, als nach einem herrlichen Intro mein Godoj-Lieblingssong ertönt: "Liebe zur Sonne". Was für eine Nummer! Von mir aus hätte der auf zehn Minuten gestreckt werden können. Erwähnt sei, dass "Liebe zur Sonne" noch aus einer Zeit stammt, als DSDS für Thomas Godoj noch kein Thema war. Seine damalige Band hieß WINK und brachte so starke Songs wie "Winterkinder", "Helden gesucht" und "Still" hervor, die er auch heute noch im Liveprogramm hat.

Natürlich muss irgendwann mit "Mundwerk" auch der Titelsong des neuen Albums gespielt werden, der mich nicht so wirklich abholt, aber dafür umso mehr den Geschmack der Fans trifft. Getroffen hat es mich kurz danach auch, aber eher der Schlag, denn nach diesem Lied verlässt erst Thomas die Bühne, gleich darauf seine Musiker. Ein Blick zur Uhr verrät mir, es sind gerade mal 75 Minuten um! Bin ich hier im falschen Film? Zum Nachdenken bleibt mir aber erst mal wenig Zeit, denn da sind sie auch schon wieder auf der Bühne. Okay, drei Zugaben werden uns geschenkt. Die wiederum haben es in sich. Gleich der erste Song namens "Rätsel", wieder vom neuen Album, glänzt mit Gitarrenriffs, die auch auf einem Heavy Metal-Konzert gut aufgehoben wären. Dazu übt Godoj in klassischer Shouter-Manier immer wieder den Urschrei - ja, das gefällt dem Onkel! Mit "Helden gesucht" von seiner ersten CD "Plan A" (dem DSDS-Gewinner-Album) und dem 2011er "So gewollt", mit dem es noch einmal richtig was auf die Zwölf gibt, beenden die Herren dann ihr Konzert.

Fazit
Ich bin ziemlich hin- und hergerissen. Wie anfangs schon erwähnt, ist ein Godoj-Konzert immer ein Erlebnis. Daran gibt es keinen Zweifel, das war auch heute wieder so. Dieser Mann hat ein Händchen für richtig gute Songs und starke Texte, egal ob es nun waschechte Rocknummern, eher getragene Midtempo-Songs oder gar seichte Balladen sind. Live kommen Godojs Stärken erst richtig zum Tragen, da geht die Post ab, da ziehen die Fans von der ersten bis zur letzten Sekunde mit. Leider ist mir diesmal der Anteil der neuen Lieder zu hoch. Gleich zehn Stück bekommen wir zu hören - etwas zu viel, wie ich finde. Dafür fehlen natürlich etliche Glanzstücke der letzten Jahre, die eigentlich unbedingt in so einen Gig gehören.

Was mich letztlich aber so richtig verstimmt, ist die kurze Spieldauer. Ich habe keine Ahnung, was im Vertrag zwischen Godoj und dem Frannz Club steht, aber die Fans mit einer Gesamtspieldauer von punktuell neunzig Minuten abzuspeisen, das finde ich schon frech. Der Mann hat sechs CDs produziert, an fehlendem Songmaterial kann es also nicht gelegen haben. Bleibt zu hoffen, dass die Kritik ankommt. Thomas Godoj verfügt über etwas ganz Entscheidendes, nämlich eine riesige Fanbase, die ihm beispielsweise mit einem Crowdfunding seine letzten drei Alben ("V", "V'Stärker aus" und "Mundwerk") finanziert haben.e 20161201 1712349429 Da sollte es möglich sein, auch ein angemessen langes Konzert zu spielen. Davon abgesehen denke ich, diesem Mann gehört die Zukunft im deutschsprachigen Pop- und Rocksegment, denn es gibt derzeit qualitativ nicht viel Besseres. Und denjenigen, die immer noch lächelnd auf die Liebhaber der Godojschen Musik herabsehen, kann ich nur die Empfehlung aussprechen, springt über Euern Schatten und besucht mal einen Live-Gig, es lohnt sich!

Termine:
• 01.12.2016 - Bremen - Lagerhaus
• 02.12.2016 - Hannover - Lux
• 03.12.2016 - Lingen - Alter Schlachthof
• 04.12.2016 - Köln - Club Bahnhof Ehrenfeld
• 08.12.2016 - Aachen - Musikbunker
• 09.12.2016 - Recklinghausen - Vest Arena
• 10.12.2016 - Kaiserslautern - Kammgarn
• 11.12.2016 - Leipzig - Moritzbastei

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos auf Thomas' Homepage.


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Thomas Godoj: www.thomas-godoj.de
• Homepage des Frannz Club in Berlin: www.frannz.com




Fotostrecke:

 
 
JUNO17
 
 
 
 


Thomas Godoj & Band




   
   
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