000 20161128 1660299352
Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki (+ Pressefotos als Textillustration)

 

Die skandinavische Musikszene weist in den verschiedensten Genres interessante und innovative Künstler auf. Im Jazz-Bereich faszinierte mich seit den 90er Jahren das inzwischen legendäre Trio e.s.t. um den schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson. Von der Besetzung her ein typisches Jazztrio mit Piano, Bass und Schlagzeug, entwickelte die Band im Laufe ihres Bestehens einen ganz eigenen Stil. Da wurden traditionelle Spielweisen mit Elementen aus Rock und elektronischen Effekten vermischt und neue, radikale Klangwelten erschaffen.a 20161128 1733019731 Das war im wahrsten Wortsinn progressiv und revolutionierte den europäischen Jazz. 2008 verunglückte Svensson tödlich. Die beiden verbliebenen Musiker, Schlagzeuger Magnus Öström und Bassist Dan Berglund, gingen fortan getrennte Wege. Dan Berglund gründete im Herbst 2008 die Band TONBRUKET (schwedisch: Klangfabrik) und schreitet mit dieser kontinuierlich weiter auf den experimentellen Pfaden, die e.s.t. einst eingeschlagen hatte. Von der Vielfältigkeit dieser Musik, die sich schwerlich kategorisieren lässt, konnte ich mich am 18. November 2016 im kleinen, aber feinen Lokal "Lutterbeker" im Örtchen Lutterbek in der Nähe der Kieler Förde eindrucksvoll überzeugen lassen.

Berglund, mit seinem Kontrabass in der hinteren Bühnenmitte platziert, wirkte auf mich wie ein ruhender Pol im Spannungsfeld seiner energiegeladenen Mitstreiter, die an ihren Instrumenten mit purer Spiellust zu Werke gingen. Johan Lindström schlug kantige Riffs auf der E-Gitarre, glänzte mit rasantem Fingerpicking auf der akustischen und zeigte, dass man eine Pedal Steel Guitar auch außerhalb der Country-Music effektvoll einsetzen kann. Andreas Werliin erinnerte mit seinem variationsreichen und akzentuierten Spiel eher an einen Rock-Drummer, als an einen Jazzer. Mit Berglund bildete er ein wuchtiges Fundament für die Klangfabrik TONBRUKET. Das Spiel von Martin Hederos an Keyboards, Piano und Geige haute mich fast vom Stuhl. Mal entlockte er seinen Keyboards völlig übersteuerte Sounds oder spielte schweißtreibende Soli auf dem Sythesizer, mal legte er breite Flächen unter die Improvisationen seiner Kollegen, um dann wieder an den Flügel zu wechseln und in feinen leisen Tönen zu schwelgen.b 20161128 1156863045 Auch seine Geige kam mehrfach zum Einsatz, was dem Sound der Band wieder ein völlig anderes Gesicht gab. Überhaupt waren es die teils abrupten Wechsel bei den Rhythmen und Stimmungen, die der instrumentalen Musik der Band Dynamik verliehen und sie abwechslungsreich und interessant machten.

Bereits das erste Stück "First Flight Of A Newbird" trug diese Wechsel in sich. Begann es noch mit einem ruhigen Bluesthema, so entwickelte es sich zunehmend zu einer rockigen Mid-Tempo-Nummer mit verzerrten Gitarrenriffs, um schließlich zu seinem dezenten Eingangsthema zurückzufinden. Der zweite Song "Nightmusic" basierte auf einer sich ständig wiederholenden Bassfigur mit treibendem Schlagzeugrhythmus und gab vor allem Johan Lindström Gelegenheit, der Pedal Steel Guitar gleißende Töne zu entlocken. "Sinkadus" mit seinem an ein Akkordeon erinnernden Synthisound verleitete zum Träumen, inklusive einer Improvisation auf dem Kontrabass. TONBRUKET, die in diesem Jahr unter dem Titel "Forevergreens" ihr viertes Album veröffentlichten, griffen vorrangig auf Material dieses Albums und auf Songs des zweiten Albums "Dig It To The End" zurück, streuten zwei Stücke vom dritten Output ein, ließen ihr Erstlingswerk jedoch völlig unberücksichtigt.

Es bereitete mir große Freude, den vier herausragenden Künstlern, die ihre musikalische Individualität stets in den Dienst des Gesamtprodukts TONBRUKET stellten, zuzusehen und zuzuhören. Sie nutzten verschiedene musikalische Stilrichtungen, setzten diese experimentellen Verfremdungen aus und schufen so einen ganz eigenen Klangkosmos, irgendwo zwischen Rock, Folk, Avantgarde und Jazz. Das klang mal orientalisch, wie bei dem Stück "Liga", mal sphärisch entrückt, wie bei "The Sunking", nach Südseeurlaub, wie bei "Le Var" oder nach flotter Pop-Musik, wie bei "Balloons". Doch klang es vor allem nach TONBRUKET.

Das Konzert ging trotz 100 Minuten reiner Spielzeit viel zu schnell zu Ende. Die offensichtlich zufriedene Band ließ sich durch das begeisterte Publikum leider nur zu einer Zugabe bewegen. Doch bewies auch diese die musikalische Vielfalt der Band.c 20161128 1490656310 Das Stück "Polka Oblivion" ist inspiriert durch den Film "Der Mann ohne Vergangenheit" des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki, und war allen einsamen, verlassenen und verstoßenen Menschen gewidmet. Es handelte sich dabei um eine Art Mix aus Tango und Polka, bei dem die Hauptmelodie von Geige und Kontrabass gespielt wurde.

Nach nochmals frenetischem Beifall wünschte die Band ein frohes Weihnachtsfest. Ich hatte gehofft, dass sie das Weihnachtslied "Silent Night", mit welchem sie sich beim Soundcheck eingespielt hatten, abschließend im TONBRUKET-Sound zum Besten geben würden. Leider nein ... Nun heißt es warten, bis sich erneut eine Gelegenheit ergibt, diese schwedische Ausnahmeband live erleben zu können.


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Tonbruket: www.tonbruket.se
• Homepage vom "Lutterbeker" in Lutterbek: www.lutterbeker.de




Fotostrecke:

 
 
 
 



   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2018)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen