000 20160727 1438156795
Ein Bericht mit Fotos von Bodo Kubatzki




Es gibt keine andere Band, die mich so sehr fasziniert, wie MARILLION. Ich kann nicht beschreiben, woran das liegt. Vielleicht bin ich mit einem Marillion-Bazillus infiziert, wer weiß? Wenn das so sein sollte, erfolgte die Infektion im Jahr 1988, als die Band ihr erstes Konzert in Ost-Berlin gab. Damals war der schottische Hüne Derek William Dick, genannt FISH, noch Sänger der Band.a 20160727 1484848570 Dessen exzentrische Bühnenshow und die Musik von MARILLION, damals noch stark von GENESIS beeinflusst, hatten es mir sofort angetan. Das Album "Misplaced Childhood", welches mir ein Westbesuch mitgebracht hatte, lief zu der Zeit auf meinem Ziphona Granat (feinste HiFi-Technik Made in GDR) rauf und runter. Die Platte besitze ich heute noch.

Spreche ich in meinem Bekannten- oder Kollegenkreis von MARILLION, erinnern sich die Meisten nur an den Song "Kayleigh", der ab und zu auch noch mal im Radio zu hören ist. Dass die Band seit 1990 mit ihrem neuen Sänger Steve Hogarth bisher 12 zum Teil sehr erfolgreiche Alben veröffentlicht hat, wissen die Wenigsten. MARILLION gelten in der Musikszene als Mitbegründer des "Crowdfunding", einer Methode, sich die Produktion eines neuen Albums von den Fans vorfinanzieren zu lassen. Die Band probierte dies vor der Veröffentlichung des Albums "Anoraknophobia" 2001 zum ersten Mal sehr erfolgreich aus. Dabei kommunizierte sie mit ihren Fans vorrangig über das Internet. MARILLION besitzen weltweit eine große Fanbase mit diversen Fanclubs in den verschiedensten Ländern. Seit 15 Jahren organisiert die Band in zweijährigen Abständen Conventions in Holland, England und Kanada. 2017 wird es wieder soweit sein, wobei diesmal auch eine Convention in Polen geplant ist.

Seit nunmehr 28 Jahren habe ich die Band jedes Jahr mindestens einmal live erlebt, 1989 ausgenommen. Da stand die Mauer noch, und MARILLION-Konzerte in der DDR gab es im Wendejahr nicht. Um der Tradition treu zu bleiben, musste auch für 2016 ein Termin für ein Konzert gefunden werden. Der Gig in Berlin, zwei Tage nach dem Night Of The Prog Festival auf der Loreley, passte meiner Frau und mir ganz gut ins Konzept. Mit einer Akkreditierung klappte es auch problemlos. Daher ein Dankeschön an Thorsten Sohn von der MFP-Concerts GmbH.

Als Vorprogramm waren LIFESIGNS angekündigt, die wir gerade auf der Loreley mit einem kompletten Konzert erleben durften. Die melodiebetonten Songs der vier Musiker aus England gingen sofort ins Ohr, kein Wunder bei dem ausgefeilten Satzgesang. Den Sologesang teilten sich vor allem Keyboarder John Young, Schlagzeuger Martin "Frosty" Beedle und Bassist John Poole, der die Bühne aktionsreich rockte.b 20160727 1178480226 Gitarrist Niko Tsonev überzeugte mit raffinierten Soli. Obwohl die Band in deutscher Sprache darauf hinwies, dass sie Progressive Rock spiele, der sich nicht zum Tanzen eignen würde, verlockten die teils funkigen Rhythmen doch zum Mitschwingen. Von den fünf Songs, die LIFESIGNS als Support-Act präsentierten, gefiel mir besonders "At The End Of The World". Das Lied sei trotz Brexit und Donald Trump eher positiv gemeint, betonte John Young. Na dann ... Jedenfalls lieferten LIFESIGNS einen sympathischen, unverkrampften Gig ab, der mit viel Beifall honoriert wurde.

Zum Start des MARILLION Konzerts lief der Trailer zum neuen Album "F.E.A.R.", welches am 23. September erscheinen soll. Das Video, gedreht im Stil eines Stummfilm-Klassikers, ist sehr witzig, gibt jedoch noch keinerlei Hinweis auf die Musik des neuen Albums. Anschließend ertönten die ersten Klänge zum Titel "The Invisible Man". Die Band kam auf die Bühne und begann zu spielen. Der Frontmann blieb unsichtbar. Auf der Leinwand entwickelte sich aus einem magentafarbenen Cyberkopf das Profil von Sänger Steve Hogarth, der die ersten Textzeilen via Video-Projektion sang, bevor er leibhaftig auf der Bühne erschien und das Stück theatralisch weiter performte. Obwohl ich den Titel schon unzählige Male live erleben durfte, beeindruckt er mich immer wieder, so auch in Berlin.

Mit "You're Gone" wurde es dann eingängiger, und "Power" vom letzten Album wusste auch zu gefallen. "Sugar Mice" sehe ich als das erste Zugeständnis an die 'alten Fans', die eben auch Songs aus der Fish-Ära hören wollten. Hogarth saß dabei lässig am Bühnenrand und lauschte den unzähligen Stimmen im Saal, die den Text mitsangen. Steve Rotherys eindringliches Gitarrensolo ging gewaltig unter die Haut.

Was folgte, ist eingefleischten MARILLION-Fans seit einigen Tagen schon bekannt. Steve Hogarth kündigte einen Song vom kommenden Album an. "The New Kings" habe die Band bewusst bereits jetzt zum kostenlosen Download ins Netzt gestellt, um zu vermeiden, dass nach den Konzerten irgendwelche miesen Handymitschnitte im Netz auftauchen. Der 16 Minuten lange Song ist typisch für den aktuellen Sound der Band. Mich begeistert besonders, dass MARILLION, wie schon bei "Gaza" vom letzten Album, mehr und mehr Gegenwartsbezug in ihren Texten aufnehmen.c 20160727 1488863457 Beschrieben wurde die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich. Auch das sich verschlechternde Verhältnis zu Russland wird in dem Song kurz thematisiert. Das Ganze wurde mit fantastischem Videomaterial bebildert. Man darf also gespannt auf das restliche Material des neuen Albums sein.

"Goodbye To All That" vom Erfolgsalbum "Brave" schloss sich nahtlos an und zeigte einmal mehr, dass MARILLION im Laufe ihrer musikalischen Karriere beeindruckende Songs geschrieben haben. "Afraid Of Sunlight", "Quartz" und das mystische "Neverland" bildeten den Abschluss des regulären Sets, und sorgten für Begeisterung beim Publikum.

Als erste Zugabe spielte die Band das live eher selten aufgeführte "Ocean Cloud". Dieses Stück ist Donald Edward Allum gewidmet, dem ersten Menschen, der den Atlantik in beiden Richtungen per Ruderboot durchquerte. Auch hierbei sorgten entsprechende Videosequenzen und der druckvolle Sound für physisch fast wahrnehmbare Turbulenzen auf schwerer See. Das waren weitere 18 Minuten purer Magie.

Das MARILLION Logo aus den 80er Jahren auf der Leinwand zeigte bereits an, dass es abschließend weitere Zugeständnisse an die Fans der 'Fish Years' geben würde. "Kayleigh", "Lavender" und "Heart Of Lothian" sorgten für Gänsehautmomente und einen gewaltigen Chor im Saal. Warum auch nicht? Immerhin feierte die Band damit ihre ersten Erfolge.

Abschließend komme ich wieder zu dem Schluss, MARILLION sind eine der beeindruckendsten europäischen Live-Acts der Rock-Szene. Ian Mosley, hinter seinem Schlagzeug meist kaum zu sehen, Pete Trewawas quirlig am Bass, Mark Kelly an den Keyboards, Steve Rothery mit seinem unverwechselbaren Gitarrensound und Steve 'h' Hogarth beweisen seit 28 gemeinsamen Jahren, dass es sich lohnt, einen eigenen musikalischen Weg konsequent weiter zu beschreiten, getreu ihrem eigenen Slogan: "Marillion - Find a better way of life!"


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Marilion: www.marillion.com
• Off. Homepage von Lifesigns: www.lifesigns.me





Fotostrecke:


Vorprogramm: Lifesigns
 
 
 
 


Hauptprogramm: Marillion

 
 
 



   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2019)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.