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Bericht: Torsten Meyer,
Fotos: Sandy Reichel und Torsten Meyer


"Für mich ist alles Blues, wo ich meinen Finger reinstecken kann!"
(Waldi Weiz)


Festivalzeit

Es ist wie jedes Jahr: kaum lassen die ersten Sonnenstrahlen und -tage vermuten, dass die warme Jahreszeit begonnen hat, beginnt auch die Open Air-Saison. Die Festivals geben sich die Klinke in die Hand, man hat als musikalisch Interessierter wahrhaft die Qual der Wahl. Hier in unseren östlichen Breiten sind vor allem die Bluesfestivals das Maß der Dinge. Es gibt außerhalb der großen Städte kaum einen Flecken, der nicht in irgendeiner Form "bebluest" wird, sei es nun im Fischland das Blue Wave Festival in Binz, oder die Festivitäten in Reitwein/Groß Lindow, in Vollmershain, Altzella, Dresden usw. Es ließe sich endlos fortsetzen. Die Veranstalter knappsen dabei zumeist mit einem äußerst geringen Budget herum und wären ohne ihren unerschütterlichen Idealismus, der aus der puren Liebe zur Musik am Leben gehalten wird, und die vielen unsichtbaren Heinzelmännchen, die in ihrer Freizeit für die Organisation und den reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen sorgen, gar nicht in der Lage, Events dieser Art anzubieten und durchzuführen. Das wird leider oft vergessen zu erwähnen. Deshalb an dieser Stelle einfach mal ein großes Dankeschön an alle, die sich dadurch angesprochen fühlen.

Auch im Berliner Umland findet man einige dieser sommerlichen Vergnügungen, die fernab jedes Kommerzgedankens die Freaks und Liebhaber des Blues in Scharen anziehen. Sandy und mich trieb es am letzten Wochenende zu diesem Zweck in den Berliner Südosten, wo es ein 2.800 Seelen zählendes Dörfchen namens Niederlehme gibt. Ähnlich wie in der Gegend um Reitwein, wo die guten Geister Wolle & Rossi heißen, treibt auch hier ein (positiv) Verrückter sein Unwesen, der sich seit Jahren nicht davon abbringen lässt, die Dorfbewohner wenigstens an einem Sommerwochenende stundenlang mit handgemachter Musik zu beschallen und gute Stimmung zu verbreiten. Die Rede ist von Andreas Hohmann, schlicht Homi oder Blues-Homi genannt. Gemeinsam mit seinen ehrenamtlichen Helfershelfern, allen voran seine Frau Katrin, hat er sich auch 2015 wieder den Allerwertesten aufgerissen, um das nun schon 12. Blues Open Air Niederlehme wie gewohnt zu einem Highlight in der Region werden zu lassen. Soviel kann ich schon mal vorwegnehmen: es ist ihm glänzend gelungen.


Tag 1 - Herzlich Willkommen zur kulturellen Maßnahme!

Das Programm versprach für die beiden Tage ein paar ausgesprochene Leckerbissen. Ich freute mich riesig auf die Zeit und trudelte am Freitag rechtzeitig ein, da es meine Niederlehme-Premiere war und man ja nie weiß, wie die örtlichen Gegebenheiten in Sachen Parkerei usw. aussehen. Aber alles war gut, und so konnte ich mich in Ruhe auf dem idyllisch unter Bäumen und am Dahmeufer gelegenen Gelände umsehen. Da Homi und ich uns von einer früheren Veranstaltung her kannten, mussten wir uns nicht lange suchen. Homi war eine gewisse Nervosität anzumerken, aber gleichzeitig auch eine unbändige Freude und Stolz darüber, dass er es wieder einmal geschafft hatte, ein hochwertiges Line Up für die beiden Abende zu verpflichten.

Auf dem Gelände hatten bereits etliche Camper ihr Lager aufgeschlagen. Vielen von ihnen sah man sofort an, in welche musikalische Ecke sie gehören. Dieser Eindruck sollte sich später noch verstärken, denn auch wenn ich die Zeit der Tramper und Kunden selber nicht miterlebt habe, stellte ich mir beim Aufsaugen der Atmosphäre dieses Open Airs vor, dass es so oder ähnlich in der "Bye bye Lübben City"-Ära gewesen sein muss, wenn die legendären, von der Obrigkeit so gehassten Blueskonzerte auf den Dörfern des kleinen Landes DDR stattfanden.

b 20150804 1393745355Es ging auf 20:00 Uhr zu, die Musikhungrigen gesellten sich allmählich in die Nähe der Bühne, die dann auch pünktlichst von Homi geentert wurde. Mit den Worten: "Herzlich willkommen zur kulturellen Maßnahme" eröffnete er den Abend und kündigte die erste Band an:

AXEL MERSEBURGER TRIO
Hundertmal wurde der Blues für tot erklärt, und doch ist er immer wieder aufgestanden. Natürlich lebt er von seinen Altmeistern, natürlich spielt man auch heute noch die Jahrzehnte alten Standards. Aber glücklicherweise gibt es an nachwachsenden Talenten keinen Mangel. Einer von ihnen ist Axel Merseburger. Dem einen oder anderen wird der Name bekannt vorkommen, denn Axel hat mit seinem Lehrmeister Peter Schmidt für einige Zeit bei EAST BLUES EXPERIENCE mitgewirkt und war am Album "Red Ballon" (2003) beteiligt. Seither steht er auf einigen Füßen, mischt in verschiedenen Projekten mit und hatte nun die etwas undankbare Aufgabe, als Opener mit seiner eigenen Band das Niederlehmer Publikum heiß zu machen. Schnell machten Axel an der Gitarre, Tobias Streubel an den Drums und der für den etatmäßigen, aber an diesem Abend verhinderten Bassisten eingesprungene Jonas klar, dass auch junge Leute die Musik der einstigen Baumwollpflücker inhalieren können und es durchaus verstehen, die Luft brennen zu lassen. Es knallte gleich beim ersten Song ("Crossroads") sehr ordentlich, und spätestens beim nächsten Titel, dem Freddie King-Klassiker "I'm tore down" zuckten die Beine der Fans vor der Bühne.

Am Spiel des Axel Merseburger lässt sich unschwer heraushören, dass ein gewisser Jimi Hendrix ihn schwer beeindruckt haben muss, was sich auch anhand der Setlist ablesen lässt. Gleich mehrere Songs des Meisters waren darauf vertreten. Aber auch der Rest des Programms ließ erahnen, welche Klasse der junge Mann bereits verkörpert. Bluesrock vom Feinsten, gespickt mit kurzweiligen und packenden Soloeinlagen, und das alles mit Vollgas interpretiert, ließ immer mehr Leute von den leider viel zu weit weg stehenden Tischreihen nach vorne in Bühnennähe strömen. Gefallen hat mir auch Drummer Tobias Streubel, der sehr variabel und punktgenau mit einer gesunden Portion Härte seine Felle bearbeitete. Alles in allem war ich angenehm überrascht vom Auftritt des Trios und bin überzeugt, von Axel Merseburger werden wir zukünftig noch viel hören.

ROMEK PUCHOWSKI & MICHA MAASS feat. BERND KLEINOW
Mal ehrlich, wer kennt sich in der aktuellen polnischen Musikszene aus? Ich jedenfalls nicht. Lange vorbei die Zeit, als Namen wie 2+1, Czeslaw Niemen, Budka Suflera oder Maryla Rodowicz Stammgäste in unseren Hitparaden waren. Und doch kann es nicht schaden, auch in diesen Tagen hin und wieder mal einen Blick in unser östliches Nachbarland zu werfen, denn zumindest in der Bluesszene Polens tut sich etwas.d 20150804 1238772669 Jüngstes Beispiel für das Potential der dortigen Musiker ist Beata Kossowska, die mit ihrer Mundharmonika in den zurückliegenden Monaten für jede Menge Furore auf den deutschen Bühnen sorgte. Hier in Niederlehme erhellte nun ein weiterer polnischer Künstler meinen Horizont: Romek Puchowski. Er gilt als Polens bester Bluesgitarrist, sein Markenzeichen ist die Dobro-Gitarre. Seit geraumer Zeit steht er immer wieder zusammen mit Micha Maass auf der Bühne, der einer unser großartigsten Blues- und Boogie-Woogie-Schlagzeuger ist und zu dem man wohl keine unnötigen Worte mehr verlieren muss. Als wäre damit nicht schon genügend Klasse vorhanden, gesellte sich für dieses Konzert mit Bernd Kleinow ein weiteres Juwel hinzu und ließ meine Genussantennen senkrecht nach oben stehen. Mir war klar, dass ich da eine Menge Vorschusslorbeeren verteilte, aber ich wusste, die drei musikalischen Schwergewichte würden diese mehrfach zurückzahlen.
Beim Lesen der Titelfolge könnte man meinen: "Oh je, schon wieder die Nummern, die überall gespielt werden". Stimmt natürlich zu einem gewissen Teil. Aber man muss erlebt haben, WIE Puchowski, Maass und Kleinow diese Songs interpretiert haben. Ein Arrangement war wilder und verrückter als das andere, ohne dass man den eigentlichen Charakter der Songs zerstört hätte. Bo Diddleys "Who do you love" beispielsweise kam dermaßen schwül und heiß rüber, dass ich mich direkt in den Sümpfen Louisianas wähnte. Die Moskitos umschwirren dich, der Alligator täuscht Schläfrigkeit vor und wartet nur darauf, dass du einen Schritt zu dicht an ihn herantrittst ... Was für ein Feuerwerk, was für ein Groove! Oder man nehme den guten, alten "Phonograph Blues" (Robert Johnson). Micha Maass tauschte die Sticks gegen die Jazzbesen, unterstrich damit den Slowblues-Charakter der Nummer um ein Vielfaches, und Romeks Vocals hörten sich so unglaublich schwarz an, als würde man tatsächlich gerade in einem verräucherten Bluesschuppen in New Orleans seinen Whisky schlürfen und der Hauptband des Abends lauschen. Meine Härchen stellen sich immer noch gen Himmel, wenn ich mir diesen Schleicher in Erinnerung rufe. Und so jagten sich die Highlights gegenseitig. Erwähnen möchte ich unbedingt noch die Puchowskische Version von "Voodoo child". So habe ich die Nummer noch nie gehört! Die drei Recken ließen den Hendrix-Klassiker in einer ganz eigenen Fassung auf das Publikum los. Blues, dazu Ansätze von Jazz, jede Menge experimentelle Momente, nicht zu vergessen der Spaziergang von Romek durch's feiernde Publikum, es war -sorry- einfach nur geil.c 20150804 1862802555 Natürlich durfte auch Bernd Kleinow wieder Songs seines Soloalbums präsentieren, diesmal mit "Thinkin' of my woman", "Walking on sunset" und "I'm so tired" gleich drei an der Zahl. Dass er ansonsten wie üblich das Geschehen auf der Bühne nicht nur ergänzte, sondern quasi das Sahnehäubchen war, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Eine nette Geste war das Hinzurufen von Axel Merseburger während der Zugaben, dem es natürlich sichtlich Spaß machte, mit diesen Kerlen zu musizieren. Kurz darauf ging der erste Festivalabend zu Ende. Und das war auch gut so, denn mittlerweile war es relativ kalt geworden, und wohl jeder sehnte sich nach einem warmen Feuer oder seinem Bettchen.

Tag 2 - Eine weitere kulturelle Maßnahme
Der Sommer meldete sich an diesem Sonnabend endlich mit voller Kraft zurück. Ganz so, wie man es von einem 1. August erwartet. Apropos Erwartung: Homi rechnete an diesem Abend im Vergleich zu gestern mit der doppelten Anzahl Besucher, deshalb warfen Sandy und ich schon rechtzeitig die Anker aus, um ja nichts zu verpassen. Auch heute herrschte wieder eine mehr als familiäre Atmosphäre, von einer Security weit und breit keine Spur, der Boden für einen gelungenen zweiten Teil des Open Airs war also bereitet.

WALDI WEIZ
Der Abend begann mit einem Musiker, den ich sehr schätze: Waldi Weiz, der Meister der Blue Notes. Man könnte ihn auch "King of understatement" nennen, was aber natürlich völlig unbegründet ist, denn Waldi zählt für mich schlicht und einfach zur Oberliga unserer Bluesgitarreros. Basta. Anfangs machte ich mir ein paar Sorgen, dass Waldi und seine Mannen eine Art Wohnzimmerkonzert abliefern müssen, da das Bluesvolk sich lieber an den etwas abseits stehenden Biertischen aufzuhalten schien. Aber natürlich stachelt das einen Waldi Weiz eher noch an, und so dauerte es nicht mal bis zum Ende des ersten Songs ("Need your love so bad" von den ALLMAN BROTHERS), bis sich der Platz vor der Bühne in gebührender Form füllte. Ein gewisser Sicherheitsabstand blieb zwar immer noch bestehen, was den Meister irgendwann zu der ironischen Bemerkung, "Kommt nicht so dicht ran. Und fangt bloß nicht auch noch zu tanzen an", verleitete. Gegen letzteres verstießen allerdings ein paar furchtlose Gesellen zum Ende dieses Gigs dann doch in schamloser Weise, in dem sie sich trotz Waldis Warnung trauten, ihre Körper und Tanzbeine im Takt der Musik zu schütteln.

g 20150806 1188048218Sieht man den kleinen Mann so in sich gekehrt und meistens stocksteif am Bühnenrand stehen, fragt man sich, ob er sich vielleicht gerade tierisch langweilt. Sieht man aber genauer hin, erkennt man, wie es in ihm arbeitet, wie er seine Musik fühlt, wie er in ihr aufgeht, wie er sie lebt. Heraus kommt eine unwahrscheinlich filigrane Gitarrenarbeit, wie sie nur die wirklich Großen der Zunft beherrschen. Es ist ein Genuss, ihm dabei zuzusehen und vor allem zuzuhören. Oder anders gesagt: ein Grobmotoriker ist der aus dem thüringischen Catterfeld stammende Waldi Weiz wahrlich nicht, und das möge bitte auch so bleiben.

Wer Konzerte der Waldi Weiz Band kennt, der wird wissen, dass man hier in kürzester Zeit durch ziemlich viele Spielarten des Blues bis hin zum Jazz gelotst wird. Der Mann ist halt kein Blues-Purist, sondern nutzt den Blues lediglich als Teppich, um auf diesem seine vielschichtige Auffassung von Musik auszubreiten. Klar, es gab Blues-Klassiker wie den herrlich verschleppten "Telephone Blues" von Mr. John Mayall. Und auch das gern verwendete "Crossroads" (hier von Matze Stolpe gesungen) fehlte nicht. Dann jedoch zeigten Waldi & Co. auch immer wieder, dass sie dem Funk und Jazz ebenfalls sehr nahe stehen, wie z.B. zu hören bei "The world is a ghetto" (im Original von WAR), oder im Mittelteil von "The thrill is gone". Mein Höhepunkt des 100-minütigen Auftritts war jedoch wie immer bei Waldi Weiz "Ain't no sunshine", was jeder kennen dürfte, das aber erst wirklich in dieser Interpretation zu leben beginnt.

Ich muss zum Schluss kommen, ich weiß. Deshalb lasst mich schnell noch erwähnen, dass ein Waldi Weiz sich wie immer mit erstklassigen Musikern umgeben hat. Simon Anke (keyb, eine Granate!), der geniale Matze Stolpe an seiner Bluesharp (und auch wieder an Gitarre und Gesang), und der wie immer routiniert und souverän agierende Simon Pauli am Tieftöner gehören zum Stamm der Band und sind nicht aus ihr wegzudenken. Nur an den Fellen gab es ein neues Gesicht zu bewundern: Dan Katz aus Israel, der - man höre und staune - auch bei der TERRORGRUPPE das Schlagwerk bedient. Alle zusammen bildeten eine hochgradig effektive Truppe auf 5-Sterne-Niveau, die so viel Substanz besitzt, dass sie normalerweise auf ganz andere Bühnen dieser Welt gehört. Aber das trifft ja bekanntlich für viele Bands des Genres zu.

h 20150806 1087469603POSTEL & PÖTSCH
Die folgende Umbaupause wurde verschleiert, in dem der nächste Act ein paar Meter weiter auf eine kleine Nebenbühne delegiert wurde, was aber keineswegs ein Fehler war, denn genau hier standen die vielen langen und voll besetzten Biertische. Zwei nicht mehr ganz faltenfreie Herren aus Thüringen (natürlich, woher auch sonst?!) hatten ihre kleine Welt mit gar seltsamem Instrumentarium bestückt. So gehörte ein Waschbrett dazu, eine Posaune stand genauso herum wie eine Mandoline und eine Cajón. All das wurde bedient von POSTEL & PÖTZSCH, zwei echten Urgesteinen der Thüringer Bluesszene, die alles mitgemacht haben, was es in der DDR für solche Bands zu erleben gab, bis hin zu Auftrittsverboten in den Achtzigern. Seit 1981, also mittlerweile 34 Jahren sind die zwei als Duo unterwegs und sind nach wie vor Garanten für kurzweilige und qualitativ hochwertige Konzertabende.

Das Besondere an ihrer Show an diesem Samstag war die Tatsache, dass sie eine Vielzahl großer internationaler Nummern nicht nur in ein Akustikgewand steckten, sondern die Songs auch noch völlig neu arrangierten. "Sittin' on the dock of the bay" war ein Paradebeispiel für den Erfindungsreichtum von P&P und ebenso stark gespielt wie später noch die CCR-Evergreens "Suzi Q." und "Midnight special". Den Vogel schossen sie für mich jedoch mit dem durch Marilyn Monroe weltberühmt gewordenen "I wanna be loved by you" ab. Großes Kino, meine Herren! Dass P&P natürlich auch schlichten Blues können, zeigten sie mit "Key to the highway" und "Ma babe". Jau, mein jahrelanges Warten auf einen Auftritt der zwei in Würde ergrauten Blueser aus Weimar in meiner Gegend hat sich definitiv gelohnt und setzte einen echten Farbtupfer zu den "elektrischen" Bands dieser zwei Festivaltage.

i 20150806 1923230558BLACK PATTI
Wenn man im Vorfeld den Unterhaltungen der Festivalbesucher lauschte oder sich einfach irgendwo ins Gespräch einklinkte, fiel immer wieder der Name der nun folgenden Band: BLACK PATTI. Ich muss gestehen, mir fiel dazu nicht wirklich viel ein, was mir nach den nun folgenden 90 Minuten fast wie ein Frevel erschien.

Drei am Bühnenrand aufgestellte Stühle deuteten darauf hin, dass es wohl wieder eher ruhig zugehen würde. Doch das war ein Irrtum. Zwei wie amerikanische Landarbeiter aus den frühen Zeiten des letzten Jahrhunderts gekleidete Kerle setzten sich auf zwei der Stühle und begannen mit Banjo und Dobro "Morning train" zu spielen. Es haute mich regelrecht um - das klang doch wirklich wie Musik aus den Anfängen des Blues. Tiefschwarzer Delta Blues aus dem Amerika der 20er und 30er Jahre, hinter dem man nie und nimmer zwei junge weiße Männer vermuten würde! Ein Robert Johnson, der als Urvater der meisten großen Bluesstandards gilt, würde vermutlich wieder aus dem Grabe aufstehen, wenn er das hören könnte, weil er glaubt, seine Epoche wurde noch einmal ausgerufen. Ein unfassbar authentischer Sound, den Peter Crow C. (eigentlich Peter Krause) und Mr. Jelly Roll (Ferdinand Kraemer) dem sofort elektrisierten Publikum servierten. Erwähnen muss ich auf jeden Fall, dass Jelly Roll gerade mal 25 Jährchen jung ist und bereits eine enorme Meisterschaft an Blues-Mandoline und Dobro entwickelt hat. Selbst das Über-den-Kopf-Spiel bereitet ihm keinerlei Schwierigkeiten, was hier natürlich frenetisch bejubelt wurde.

Die beiden luden sich für den heutigen Abend mit Marcos Coll einen spanischen Bluesharper als Gast ein, der ebenfalls vom ersten Ton an einschlug. Coll ist in seiner Heimat eine Art Idol für die Bluesgemeinde, und das völlig zu Recht. Was dieser Mann aus dem winzigen streichholzschachtelgroßen Instrument namens Mundharmonika heraus holte, war fast schon gespenstisch. Seine wahnwitzigen Soli und Begleitsounds werteten die Songs von BLACK PATTI nochmals auf und ließen immer wieder Spontanapplaus aufbranden. Aber wie zu befürchten, schlug auch für BLACK PATTI irgendwann der Schlussgong, so dass sich Peter Crow C., Mr. Jelly Roll und ihr Gast aus Madrid unter dem Beifall der begeisterten Fans nach einer Zugabe endgültig verabschiedeten. Es folgte eine weitere Stunde erfrischende Akustikmugge mit Postel & Pötsch, und dann ging es auch schon auf 23:00 Uhr zu. Also Zeit für den letzten Act des Abends:

j 20150806 1480662480DIETMAR & KLAUS BLUESBAND
Hmmm ... Wer bitteschön ist das denn jetzt? Wenn man als Band den Schluss-Gig eines Festivals bestreiten darf, dann muss man schon etwas auf Kirsche haben. Gottseidank hat man sich mit der Zeit sein kleines Netzwerk aufgebaut und kann daraus die eine oder andere Information beziehen. Und so erfuhr ich, dass der Stamm der Band aus zwei nicht mehr existenten Thüringer Bands stammt, nämlich von der UNDERTAKER BLUES BAND und von FEEDBACK. Schnell war auch zu merken, dass hier in Niederlehme vermutlich der gesamte Fanclub dieser Bands anwesend sein musste, denn man kannte sich und machte die folgenden 90 Minuten zu einem Heimspiel für die DIETMAR & KLAUS BLUESBAND. Wobei sich mir die Bedeutung dieses Bandnamens immer noch nicht erschließt.

Auf jeden Fall ging jetzt richtig die Post ab. "Every day I have the blues" sangen sie im Opener - und dieses Motto nahm man den vier Verrückten da oben ohne weiteres ab. Waren alle bisherigen Auftritte vom Temperament her doch eher etwas ruhiger gelagert (vielleicht von Romek Puchowski mal abgesehen), so steppte jetzt der Bär. Das musikalische Spektrum war breit gefächert, umfasste natürlich hauptsächlich Bluesnummern in diversen Spielarten, aber es wurde auch gerockt, geswingt und auch gerne mal dem Country gefrönt. Die Musik war dabei das eine, das Auftreten der vier Musiker das andere. Soviel Spaß, soviel Bewegung, soviel Dynamik wie Rudi Feuerbach (git, voc), Harald Du Bellier (bg), Mark Rose (Drums) und Josa (harp) versprühten, sieht man während eines solchen Konzertes nicht oft. Vor allem Mark Rose quoll förmlich über vor Tatendrang. Ich hoffte inständig, dass seine permanent in Bewegung befindliche Gesichtsmuskulatur nicht irgendwann mal verkrampfte oder er sich sonstige Verletzungen zuziehen würde bei seinem Rumgezappel, welches auf mich anfangs ziemlich überzogen wirkte. Aber schnell merkte ich, dass ist keine Show oder Selbstdarstellung, sondern Roses Weg, das Feeling in sich aufzusaugen, welches er und seine Kollegen mit ihrer Art zu spielen, erzeugten.

f 20150804 1525629015Vor der Bühne wurde ausgelassen getanzt, die Stimmung war prächtig. Und ja, auch ich war gefangen von dem, was diese vier Herren aus Jena, Neustadt-Orla und Umgebung boten. Originell war z.B. das Auswählen der Songs. Setliste? Nö. Man zog stattdessen aus einer Kiste blind ein Zettelchen, auf welchem der Name des nächsten Stücks stand. Auf die Art blieb auch unter den Musikern die Spannung erhalten. Das war schon deshalb bewundernswert, weil die Band bislang nur ganz wenige Konzerte gegeben hatte und eigentlich kaum eingespielt sein konnte. Umso höher muss man die Qualität bewerten, mit welcher die Nummern abgeliefert wurden. Nicht etwa nach 08/15-Schema, sondern frisch, frei, fröhlich und mit enorm viel Improvisation versehen. Hier spürte man noch die Freude am Musizieren. Ob es ein Rudi Feuerbach war, der bereits acht lange Jahre bei KEIMZEIT Erfahrungen sammeln konnte und hier mit seinem variablen Gitarrenspiel und seiner besonderen Stimme überzeugte, oder der Pfeife rauchende Bassist Harald Du Bellier - es passte einfach zusammen. Cool und eine besondere Erwähnung wert ist Du Belliers Ukulele-Bass, auf dem die E- und A-Saite aus Gummi sind, wovon Sandy und ich uns nach dem Konzert überzeugen durften. Nicht zu vergessen natürlich Josa an der Mundi, der wohl in heimischen Gefilden so eine Art Publikumsliebling sein muss. Ständig von Ohr zu Ohr grinsend ließ er uns wissen, dass es auch außerhalb von Berlin erstklassige Harpspieler gibt. Irgendwie hätte man den Jungs noch stundenlang zuhören können, aber es half nichts: gegen 1:00 Uhr fiel der letzte Vorhang, und das 12. Blues Open Air Niederlehme war Geschichte.

e 20150804 1814812551Der Ursprung aller Musik lebt
Entgegen aller gebetsmühlenartig verbreiteten Gerüchte, der Blues sei ein Relikt alter Tage und heutzutage nicht mehr überlebensfähig, sprechen die Besucherzahlen der Festivals eine gänzlich andere Sprache und beweisen, diese Musik wird never ever ihre Anziehungskraft verlieren. Schon gar nicht in Zeiten, wo in den öffentlichen Medien fast nur noch gecastete Kunstprodukte zu hören sind, die nach ein, zwei am Reißbrett entworfenen Songs die Charts wieder verlassen und im Nirvana verschwinden. Blues mit all seinen Ausläufern hingegen ist nicht nur der Ursprung aller heutigen Musik, sondern auch eine der wenigen Konstanten in der Unterhaltungsindustrie. Das hat nicht zuletzt auch wieder einmal das wunderbare Blues Open Air in Niederlehme gezeigt. An beiden Abenden zusammen wurden über eintausend Besucher gezählt, was einen Rekord für dieses Event bedeutet. Es waren großartige Bands am Start, die Organisation war gelungen, die Stimmung prächtig (es geht also auch ohne Security!). Nun darf man sich wieder ein ganzes Jahr lang auf die Fortsetzung freuen. Mal sehen, vielleicht verschlägt es mich ja dann auch wieder nach Niederlehme. Nach dieser liebevollen und persönlichen Betreuung durch Homi und Katrin wird mir wohl gar nichts anderes übrig bleiben.


Bitte beachtet auch:
• off. Homepage von Axel Merseburger: www.axel-m.net
• off. Homepage von Romek Puchowski: www.puchowski.com
• off. Homepage von Michael Maass: www.michamaass.de
• off. Homepage von Bernd Kleinow: www.berndkleinow.de
• off. Facebook-Seite von Waldi Weiz: HIER entlang
• off. Homepage von Postel & Pötsch: www.postelundpoetsch.de
• off. Homepage von Black Patti: www.black-patti.de
• off. Facebook-Seite der Dietmar & Klaus Bluesband: HIER entlang
• Homepage des Veranstalters "Blues am Rand": www.bluesamrand.de




Fotostrecke:

 
 
Axel Merseburger Trio:
 
 
 
 


Romek Puchowski & Michael Maass feat. Bernd Kleinow:
 
 
 
 


Waldi Weiz:
 
 
 
 


Postel & Pötsch (1):
 
 
 
 


Black Patti:
 
 
 
 


Postel & Pötsch (2):
 
 
 
 


Dietmar & Klaus Bluesband:
 
 
 
 


Die Konzertbesucher & das Festival:

 
 

   
   
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