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Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki



Mein Bedarf an Musik aus dem Hause Neal Morse ist in den letzten Jahren arg übersättigt worden. Egal ob es sich um seine Solo-Outputs mit christlich angehauchtem Prog handelt, oder um Werke, die er für TRANSATLANTIC oder die FLYING COLORS geschrieben hat. Sie scheinen alle das gleiche Strickmuster zu haben. Ich kann das Material kaum noch auseinanderhalten.b 20150317 1094279381 Nicht, dass diese Songs schlecht wären - ganz im Gegenteil. Manch eine vermeintliche Rock-Größe wird an dieses Niveau nie heranreichen. Doch irgendwann reichte es mir. Auch auf seine Coverversionen verzichte ich gern. Da höre ich lieber die Originale. Und seine "Songs From November" stehen ebenfalls nicht in meinem CD-Regal. Folglich hatte ich nicht geplant, sein aktuelles Album "The Grand Experiment", das unter THE NEAL MORSE BAND erschienen ist, zu erwerben. Allerdings fährt meine bessere Hälfte voll auf die Stimme des Herrn Morse ab. Nun läuft das aktuelle Album doch immer mal wieder auf meinem Player. Und es hat seinen Reiz.

Die Musik der schwedischen "Bartfische" hat es mir eher angetan. Das neue Album "+4626 - Comfortzone" war für mich ein Pflichtkauf, der sich wirklich gelohnt hat, vor allem in der Doppel-CD-Ausgabe. In ihrem Retroprog steckt noch immer jugendliche Frische und Experimentierfreudigkeit. BEARDFISH langweilen mich nicht. Da beide Bands zu einem Konzert in den Norden kommen sollten, gönnten wir uns am zweiten Freitag den 13. dieses Jahres die Fahrt nach Hamburg.

Erwartungsgemäß spielten BEARDFISH ihre Rolle als Anheizer richtig gut. Für die Tour mit der NEAL MORSE BAND hatten sie einen zweiten Keyboarder mit auf die Bühne geholt. Nicht nur räumlich betrachtet bildete Rikard Sjöblom den Mittelpunkt der Band. Als Sänger, Keyboarder und Gitarrist hatte er die Fäden in der Hand. Seine warme Stimme überzeugte mich ebenso, wie sein Wirken an den Instrumenten. Rechts neben ihm zupfte Robert Hansen seinen Bass, wie immer ohne Schuhe in weißen Söckchen. Hin und wieder explodierte er zu spontanen Tanzeinlagen in Richtung Bühnenrand. Wieso musste ich dabei immer wieder an Rumpelstilzchen denken, das um ein Feuer tanzt? Rechts außen sorgte Magnus Östgren für einen kraftvollen Drive. Bass und Schlagzeug bildeten eine gut eingespielte Rhythmusfraktion. Links außen saß der neue Mann an den Keyboards, Martin Borgh.c 20150317 1751567709 Zunächst erschloss sich die Erfordernis eines zweiten Keyboarders für mich nicht, denn getragen wurde der Sound doch vor allem durch die fetten Gitarrensounds von David Zackrisson. Bei dem Instrumentalstück "Coup de Grâce" bewies Martin Borgh dann seine Daseinsberechtigung, ebenso dann, wenn sich Sjöblom die Gitarre umhängte.

Das Set bestand lediglich aus fünf Songs, von denen keiner unter acht Minuten Spielzeit hatte. "Hold On" und "Comfort Zone" vom aktuellen Album enthielten alle Markenzeichen der Band. Der erste Song kam kraftvoll rockig daher, die zweite Nummer eher besinnlich. Als mein Highlight entpuppte sich die wunderschöne Instrumentalnummer "Coup de Grâce" mit einem Hauch von französischer Akkordeonmusik gemischt mit zappaesken Elementen. "If We Must Be Apart (A Love Story Continued)" leitete locker flockig ins ebenso beschwingte Finale mit "Ludvig & Sverker" aus dem Jahre 2012 über. Mich haben die fünf Schweden mit ihrer ungekünstelten Spielweise vollends überzeugt.

Ich nehme es vorweg, die NEAL MORSE BAND mit ausnahmslos herausragenden Musikern spielte in Hamburg ein fantastisches Konzert mit vielen Highlights aus der gesamten Schaffensperiode des Masters himself. Dem Publikum sah man die Begeisterung an, und meine liebe Frau wollte am gesamten Wochenende nichts anderes hören als NEAL MORSE. Auch ich war angetan von der tollen Band und der perfekt dargebotenen Show. Doch blieb da ein kleiner Nachgeschmack. Mir wirkte die Performance des Herrn Morse einfach zu aufgesetzt. Insbesondere als er zum Ende des Konzertes versuchte, wie ein Messias seine Botschaften an den Mann und an die Frau zu bringen, das Bad in der Menge und das Berühren einzelner Jünger eingeschlossen. Das war mir einfach zu dick aufgetragen. Sorry, aber ich empfinde das so.

Das Konzert startete mit "The Call" - genialer Satzgesang gepaart mit eingängigen Melodien und tollen Riffs - der optimale Opener, nicht nur für das aktuelle Album. Mit "Leviathan" vom Album "Lifeline" schloss sich gleich der nächste Prog-Knaller an, etwas düsterer als die Wohlfühlnummer zum Beginn. Das Stück hatte Feuer und die Herren Musiker brauchten sicher die volle Konzentration bei diesem komplexen Werk. Was die Band da ablieferte, wirkte jedoch spielerisch leicht. Spätestens an dieser Stelle hatte es der junge Gitarrist Eric Gillette geschafft, mich mit seinem Spiel in den Bann zu ziehen. Rasante Gitarrenläufe präzise und unisono zum Keyboard von Neal Morse gespielt, das hatte Magie.a 20150317 1636920553 "Harm's Way" erinnerte an die Band, mit der Neal Morse bekannt geworden ist, SPOCK'S BEARD. Das bedeutete für mich, knappe fünfzehn Minuten in Erinnerungen schwelgen und sich von einer tollen Band begeistern zu lassen. Mike Portnoy - dieses Mal nicht in der Rolle des Moderators - überzeugte wie immer mit seinem fantastischen Schlagzeugspiel. Bei "Harm's Way" trommelte er irre Breaks. Sein Zusammenspiel mit Bassist Randy George groovte auch ordentlich.

Ich werde jetzt nicht jeden einzelnen Song beschreiben - sonst liest hier niemand mehr weiter - nur noch einige Einzelheiten erwähnen. Keyboarder Bill Hubenbauer agierte eher im Bühnenhintergrund. Er bekam Raum für ein Keyboardsolo, spielte Klarinette, Saxophon und beeindruckte vor allem mit seiner angenehmen Stimme. Neal Morse hat es sich auf der Tour zur Angewohnheit gemacht, das Publikum und seine Mitstreiter mit spontan zur Akustikgitarre gesungenen Songs zu überraschen. In Hamburg brachte er die TRANSATLANTIC Songs "Rose Colored Glasses" und "The Whirlwind" zu Gehör. Der Akustik-Teil wurde um die Ballade "Waterfall" vom neuen Album ausgeweitet. Ein gefühlvolles Stück Neal Morse Musik mit einem Satzgesang vom Feinsten. Die Herren Hubenbauer, Morse, Portnoy und Gillette präsentierten sich dabei auf Hockern am vorderen Bühnenrand, wie man es von unplugged-Konzerten so kennt. Im Anschluss hatte Eric Gillette Gelegenheit, sein meisterliches Können auf der Gitarre unter Beweis zu stellen. Zu selbst eingespielten Loops legte er eine fantastische Improvisation hin. Beim abschließenden Longtrack "Alive Again" gab es im Mittelteil eine Job-Rotation zu bestaunen. In dieser Band spielt wohl jeder Musiker jedes Instrument, und das auf meisterlichem Niveau. Zum bombastischen Finale hatten dann alle zu ihrem Instrument zurückgefunden. Das führte zu Begeisterungsbekundungen vor und auf der Bühne. Bis dahin war es auch für mich eine beeindruckende Show.

Der Zugabenteil geriet dann zum Mix aus christlichen Glaubensbekenntnissen und Coverversionen. Und ja - Jesus - ich bin heil zuhause angekommen. Das muss man mögen, oder eben nicht. Für mich war das einfach zu viel des Guten. Doch, das schrieb ich ja bereits. Wer von dieser Band nicht genug bekommen kann, sollte im Juli zum 10. Night Of The Prog Festival auf die Loreley kommen. Die Teilnahme der NEAL MORSE BAND am Festival-Freitag wurde soeben vom Veranstalter bestätigt. Dazu las ich einen passenden Facebook-Kommentar: "Meine Frau wird sich freuen!". Kann nur sagen - meine freut sich auch.


Bitte beachtet auch:

• Off. Homepage von NEAL MORSE: www.nealmorse.com
• Off. Homepage von BEARDFISH: www.beardfishband.com




Fotostrecke:

 
 
Vorprogramm: Beardfish
 
 
 
 


Hauptprogramm: The Neal Morse Band

 
 



   
   
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