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Ein Bericht von Rüdiger Lübeck mit Fotos von Sandy Reichel





Um eine Band, die wir hier schon mal auf dem Zettel hatten, scheint es ruhiger geworden zu sein: die Spreefalter. Eine Auszeit von immerhin vier Jahren liegt hinter Frontfrau Suzanna und ihren musikalischen Mitstreitern. Ohne Übertreibung lässt sich konstatieren, dass dies der musikalischen Vielfalt in der Bundeshauptstadt nicht unbedingt dienlich war.a 20150123 1049741265 Schließlich hatte die markante Mixtur aus unbeschwertem Jazz, Tango, Chanson und Folkloreelementen ihren ganz eigenen Charme, der sich zum einen aus der dunklen, warmen Stimme Suzannas, zum anderen aus gleichsam höchstprofessionell agierenden Begleitmusikern speiste. Aber "hatte" und "speiste" war gestern, denn sie sind erneut gestartet, um ihre Flügel über den Berliner Bühnen auszubreiten und auf leichten Schwingen in Richtung Schönheit und Tiefe zu flattern (um die Presseankündigung an dieser Stelle mal ein Stück weit zu klauen) ...

Das kleine multikulturelle PANDA-Theater im Hof der Kulturbrauerei scheint wie gemacht für solch ein "Relaunch", denn das dortige Ambiente versprüht eine ungemein heimelige Atmosphäre. Und wer da meint, der Laden sei fest der Hand russischsprachiger Migranten, möge dem Anliegen des dort beheimateten Vereins näher treten. Dort kreuzen sich künstlerische Vorhaben und Ideen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und des sogenannten "Ostblocks" mit der Kunst der Künstlerkollegen aus Berlin im Besonderen und des Westens im Allgemeinen. Nicht umsonst lautet der vollständige Name deshalb auch "P.A.N.D.A. Nicht nur Russisches Theater", wobei der PANDA-Begriff dabei auch als Akronym für "Poetry, Art, Network, Dreams, Action" verstanden werden will.

Zurück zu den Spreefaltern: Sängerin Suzanna wird an diesem Abend begleitet von Bandleader Götz Lindenberg am Klavier, Michael Jach am Bass und Mirko Schurig am Schlagwerk. Aus familiären Gründen leider nicht dabei sein konnte Ausnahme-Klarinettist Jan Hermerschmidt, der aber natürlich weiterhin zum Ensemble zählt. Einschlägig Interessierten wird sicher aufgefallen sein, dass vorerwähnte Namen durchweg aus dem Dunstkreis von Karsten Troyke stammen, der dem Konzert übrigens als Gast beiwohnte und sich auch für das Arrangement des ein oder anderen vorgetragenen Liedes verantwortlich zeichnete. Verstärkung holte man sich zudem bei den Violonisten Andrej Sur aus Jekaterinenburg und dem Australier Daniel Weltlinger. Sur ist Konzertmeister des Berliner Symphonie Orchesters, Mitglied der Berliner Symphoniker, Kammermusiker, Jazzer und Improvisateur. Daniel Weltlinger ist ein junger, begnadeter Jazz- und Swing-Violonist, der sich auf seiner ganz eigenen Welttournee befindet.

Den Einstieg bringt uns "Berlin" aus der Feder von Götz Lindenberg - ein Bossa-Nova-artiges Stück, das bereits die 2007 erschiene Live-CD der Spreefalter eröffnet. Der Übergang zum nachfolgenden, in wunderbarer Melancholie stehenden Liebeslied gestaltet Suzanna mit der Geschichte einer Frau,b 20150123 1270599089 die "viel Milch im Kaffee braucht, damit er kalt ist, wenn sie erwacht". Die Metapher geht selbstredend in den Song über; beide Violinen streiten virtuos um die Hoheit am Platze und umschwärmen den wohlig warmen Gesang, ebenso wie beim anschließenden "Karneval in Weiß".

Überhaupt machen die immer wieder rezitierten kleinen Texte zwischen den Melodien das Programm kurzweilig und bisweilen gar amüsant. Aber immer wieder werden auch reine Instrumentalstücke eingestreut, etwa ein peruanischer Tango, der "wie aus Rumänien klingt" (O-Ton Suzanna), oder einfach nur hübsch anzuhörende osteuropäische Fiedel-Lieder. Das Internationale ist es, was sich auf die Fahnen respektive die Notenblätter geschrieben wurde, und letzterer bedurfte es angesichts der Zaubereien, die dem Publikum dargeboten wurden, natürlich. Das ist nicht nur schlicht das, was gemeinhin als "Weltmusik" bezeichnet wird. Jener hängt zumeist vorschnell das Attribut des (vermeintlich) einfach gestrickten Volksliedes an. Bei näherer Betrachtung muss man sich dann aber recht schnell eingestehen, dass es sich dabei eher um hochkomplexes und ausgesprochen anspruchsvolles Liedgut handelt. Die hohe Schule des Musikantendaseins sozusagen, neben dem Jazz.

Beim Komponieren von "Morgenrot in den Straßen" muss Pianist Götz Lindenberg indes wahnsinnig verliebt gewesen sein, wie Suzanna zutreffend anmerkt, denn niemand im Publikum hat hier den geringsten Zweifel. Einmal mehr bedurfte es dann des beherzten Eingriffs des Bandchefs, als ein deutscher Tango ("Das Pokerspiel") tatsächlich als Marschmusik angekündigt ward und letztlich gar verdächtig nach Blues (!) roch. "Hilfsgendarmentango" und "Narrentanz" gibt's obendrauf, dann ist's Paus(e).

Nach Versorgung von Leber und Lunge erfahren wir, weshalb Götz Lindenberg das Klavier einer Gesangskarriere vorgezogen hat, wenngleich er sich bei seinem Abenteuer mit dem Mikrofon wacker schlägt. Violinist Andrej Sur verabschiedet sich derweil zu einem weiteren abendlichen Gastauftritt bei den "Transsylvanians". Nach dem "Sicherheitsrisiko" - ein Song über Pädophilie - freut sich Suzanna im Kontrast hierzu, dass sie ihren bereits mit 17 Jahren geschriebenen und auf wahren Begebenheiten basierenden "Pennersong" heute endlich auch mit einer eigenen, richtigen Pennerband spielen darf! Dann immer wieder Liebeslieder, Lieder über Trauer, Ängste, berührend und betörend zugleich. Und erst die Zugaben ... ein russisches Lied, dessen Text von Karsten Troyke ins Deutsche übertragen wurde, nebst einem rührseligen französischen Chanson.

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In den vier Jahren, die die Spreefalter pausierten, ist keiner der Musiker untätig gewesen. Natürlich tanzen sie alle durchweg auf mehreren Hochzeiten. Dass sie sich jetzt wieder zusammenfanden, ist eigentlich nur folgerichtig. Und insbesondere gut für alle Leute mit neugierigen und vor allem aufgeschlossenen Ohren. Ein Abend mit den Spreefaltern (wie dieser) kann dann im Ergebnis durchaus dazu führen, dass die vielen kleine Entdeckungen, die dieses facettenreiche Genre bereithält, nicht nur den Konzertabend überdauern, sondern man diese mit nach Hause nimmt und auch am nächsten Tag wieder auspackt. Und das ist es doch letztlich, was Musik, ja Kunst bewirken will und soll.



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Spreefalter live ...

• 21.03.2015 - Berlin - BAIZ Kultur- und Schankwirtschaft
• 11.04.2015 - Berlin - Haus der Sinne
• 02.05.2015 - Berlin - PANDA Theater
• 12.09.2015 - Berlin - Alte Feuerwache

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos auf der Spreefalter-Homepage.


Bitte beachtet auch:

• Off. Homepage der Spreefalter: www.spreefalter.de
• Off. Homepage von Suzanna: www.suzanna-band.de
• Homepage vom PANDA-Theater in Berlin: www.panda-theater.de




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