SELIG am 22. Oktober 2014 im Huxley's in Berlin

 

Ein Konzertbericht mit Fotos von Torsten Meyer

 

Es war einmal in den Neunzigern
Ich erinnere mich noch gut an die Mittneunziger, als uns tagein, tagaus dieses grausame Eurodance-Gedudel die Hirne zu sprengen drohte. Noch übler: Auch der Techno mit seinem auf "Je mehr Beats pro Minute, umso besser"-getrimmten Bum-Bum-Bum-Sound erlebte gerade seine Blütezeit. Man musste Angst haben, dass die echte, handgemachte Rockmusik zu einem Fossil vergangener Tage verkommt, denn da gab es wahrlich nicht mehr viel Innovatives. Welch ein Glück für Leute wie mich, dass es die fast zeitgleich in Amiland entstandene Grunge-Welle gab, die auch schon bald zu uns nach Europa überschwappte. NIRVANA wurde zum Vorreiter und Kultobjekt der Szene und entfachte regelrechte Hysterien unter den ausgehungerten Liebhabern gepflegter Gitarrenmusik, woraufhin in deren Fahrwasser Bands wie PEARL JAM, SOUNDGARDEN, ALICE IN CHAINS und noch manch andere auch nach dem plötzlichen Tod Kurt Cobains die Flagge des Grunge-Rocks über Jahre am Wehen hielten.

Zwischen Genie und Wahnsinn
Völlig überraschend tauchte dann 1994 plötzlich auch in deutschen Landen eine Band auf, die sich diesem Genre verschrieben hatte. Naja, etwas anders als ihre amerikanischen Vorreiter klangen sie schon, aber ihr Sound und Stil waren dreckig genug, um extrem schnell bekannt zu werden. SELIGs Art zu musizieren, dazu ihre außergewöhnlichen Texte, und mit Jan Plewka ein exzellenter Frontmann - all das stand für diese einzigartige Mischung aus Genialität und Wahnsinn, die man bis dato höchstens von einem RIO REISER kannte. Ja, es war nicht schwer, auch mich seinerzeit mit dem SELIG-Virus zu infizieren. Vor allem ihr Debütalbum (1994) schafft es auch im Jahr 2014 noch immer mühelos, mich in andere Sphären zu transportieren. Ein wahrhaft tolles Stück Musikgeschichte, das einen Geist von Leichtigkeit, Freiheit und Durchgeknalltheit in sich vereint, wie es mir seitdem bei keiner deutschen Produktion mehr begegnet ist. Zwanzig lange Jahre ist das nun her, und doch wirkt die Musik frisch und unverbraucht wie eh und je. Zwanzig Jahre heißt aber nicht, dass die Band ebenso lange aktiv war. Insider wissen um die bittere und schmerzhafte zehnjährige Trennungspause, die nicht mehr viel übrig ließ von dem einstigen Bandgefüge. Zu viel und zu schneller Ruhm und Erfolg kann sich halt auch mal ins Gegenteil verkehren, wenn man mit diesem Ruhm nicht umgehen kann. Seit 2008 jedoch ist die SELIGe Welt wieder in Ordnung, was sich auch in den seither produzierten drei neuen Alben dokumentiert. Und das sogar in der Originalbesetzung! Somit stand der Idee, im Jahr 2014 das zwanzigjährige Bandjubiläum zu begehen, nichts mehr im Wege.

Kratzer im Lack
Eigentlich kann einen SELIG-Fan so schnell nichts erschüttern. Man steht zur Band, woran selbst das heftig diskutierte, weil arg in Popgefilde vordringende 2013er Album "Magma" nichts ändern konnte. Gut so. Zum 20. Geburtstag kredenzte man dieser Tage den treuen Fans einen taufrischen Longplayer, auf welchem man zwölf der einstigen Hits neu produzierte. Welcher Teufel die SELIGen Herren allerdings geritten hat, daraus eine derart uninspiriert klingende, mich regelrecht langweilende Tanztee-Scheibe werden zu lassen, können sie nur selber beantworten.b 20141025 1699499989 Mehr will ich dazu nicht sagen. Die Frage sei allerdings gestattet, inwieweit diese CD Keyboarder Malte Neumann beeinflusst hat, sich just in diesen Tagen aufgrund "persönlicher und künstlerischer Differenzen" aus der SELIG-Familie zu verabschieden!

Selig live - schwer zu toppen
Da stelle ich mir natürlich die bange Frage, wie die Band sich auf der Bühne präsentiert. Wird die Show im Stile des neuen Albums ablaufen, oder gibt es die gewohnte, hochklassige SELIGmachende Performance im satten Rocksound?

Für ihr Berlin-Konzert wählt man diesmal das fast hundert Jahre alte Huxley's, wo bereits solche Ehrfurcht einflößenden Größen wie JIMI HENDRIX, THE RAMONES oder IGGY POP gespielt haben. Eine halbe Stunde vor Beginn frage ich mich, ob man sich mit der 1.600 Besucher fassenden Location möglicherweise etwas übernommen hat, denn die Halle ist höchstens zur Hälfte gefüllt. Doch als es auf den für 20:15 Uhr angesetzten Beginn zugeht, ist kaum noch eine Lücke zu erkennen. Auf die hauptstädtische SELIG-Fangemeinde ist eben Verlass. Und so verkündet Herr Plewka denn auch zur Freude des Auditoriums nach einigen Songs, dass man sich ja in Berlin besonders wohl fühle und die Stadt deshalb auch als finalen Ort der "Die Besten"-Tour 2014 auserkoren hat.

"Die Besten 1994 - 2014" - wie wahr!
Sechs Longplayer (ohne die aktuelle "Best Of") gibt es bislang von den Hamburger Jungs. Mit Ausnahme des "Blender"-Albums (1997) sind es allesamt Garanten für erstklassigen, vielschichtigen "Hippie-Metal", wie SELIG ihre Musik einmal selber umschrieben. Daraus ca. zwanzig Highlights für die Tournee auszuwählen, war sicher nicht einfach. Aber ich nehme es mal vorweg, es ist ihnen vortrefflich gelungen.

Wie bei SELIG üblich, wird auf eine Vorband verzichtet, so dass es gleich in die Vollen gehen kann. Eine in blaues Licht getauchte Bühne wird von einem sphärisch-wabernden Intro erfüllt. Kenner ahnen sofort, was als Opener des Abends folgen wird: "5000 Meilen". Der Groove der Rhythmusfraktion frisst sich durch die Halle, Christian Neanders Klampfe setzt ein, und schon ist jedem klar, wie sehr man diesen so unverwechselbaren, süchtig machenden Sound vermisst hat. Die Magie ist sofort wieder da, spätestens aber beim zweiten Song, dem Klassiker "Sie hat geschrien" vom Debütalbum.

In der Folge fliegen uns die Highlights der SELIG-Karriere nur so um die Ohren. Man schaue auf die dem Bericht beigefügte Setlist und schnalze anerkennend mit der Zunge. Allerdings gibt es, wie vorab schon befürchtet, auch einige Überraschungen in der Interpretation mancher Nummern.c 20141025 1396456681 "Alles auf einmal" wird z.B. mächtig entschleunigt, was der Nummer ihre gesamte Dynamik nimmt. Dasselbe gilt für "Die Besten", ein Song der ersten Stunde. Hier wird deutlich zu viel Weichspüler beigemischt, vor allem die synthetisch klingenden Streicherparts wollen hier überhaupt nicht rein passen. Der verhaltene Applaus bestärkt mich in meiner Empfindung.

Aber glücklicherweise gibt es auch noch genügend Momente, in denen daran erinnert wird, wofür SELIG steht und warum ihre Anhänger diese Band immer noch verehren wie am ersten Tag. Nämlich immer dann, wenn die Stücke ihre eigentliche, ursprüngliche Intensität und Power behalten dürfen, wenn Christian Neander die Akustikgitarre auf dem Ständer parkt, stattdessen eine seiner elektrischen Sägen auspackt, ja, dann kommt Bewegung ins Publikum, dann gibt es kein Halten mehr. Man muss es selbst erleben, wie sich der Gitarrero bei "Lass mich rein" oder dem tierisch groovenden "Wenn ich wollte" in Ekstase spielt, natürlich auch ordentlich dazu headbangt. Oder man nehme das leicht nach Einnahme von bewusstseinsverändernden Substanzen klingende "High", was in ein nicht enden wollendes "finale furioso" mündet. Das ist SELIG, so will man sie erleben!

Erwähnen möchte ich der Fairness halber, dass nun beileibe nicht alle "versofteten" Versionen des Abends für die Tonne waren. "Das Mädchen auf dem Dach" beispielsweise klang äußerst interessant und erinnerte mich von der Machart her so ein bisschen an "New York Groove" von HELLO. Super hier die fließend eingebaute Reminiszenz an T.REX und ihr "Children of the revolution". Es geht also auch mal anders als einfach nur Puderzucker über die Songs zu streuen.

Zugaben en masse
Wenn wie am heutigen Abend das letzte Konzert einer Tour ansteht, hofft der geneigte Zuschauer natürlich, dass sich die Helden auf der Bühne nochmal richtig den Arsch abspielen und vielleicht auch noch ein, zwei Songs extra drauf packen. Nun, ich denke, hier im Huxley's kann sich nun wahrlich keiner beschweren. Zwar endet der offizielle Teil pünktlich nach neunzig Minuten,
Setlist:
• 5000 Meilen
• Sie hat geschrien
• Arsch einer Göttin
• Wenn ich an Dich denke
• Mädchen auf dem Dach
• Die Besten
• Alles auf einmal
• Regenbogenleicht
• High
• Hey Ho
• Popstar
• Kleine Schwester
• Glaub mir
• Ich fall in Deine Arme
• Lass mich rein
• Wenn ich wollte
• Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Zugaben:
• Gott
• Schau, schau
• Ohne Dich
-------------------
• Ist es wichtig
• Wir werden uns wiedersehen
-------------------
• Fadensonnen
doch ohne große Kunstpausen gibt es noch zwei Zugabenblöcke mit insgesamt fünf Songs, von denen vor allem der Kracher "Ist es wichtig" nochmal alle Ansätze von Verkalkung aus den Knochen schüttelt. Und natürlich kommt auch endlich der schönste Song, der jemals aus Sicht eines unglücklich Verliebten geschrieben wurde: Langeweile besäuft sich meilenweit ... Klar, "Ohne Dich" ist gemeint. Diesmal mit Cello-Unterstützung, was durchaus zum Charakter des Liedes passt. Puh, das Ding geht immer noch richtig tief rein, selbst bei mir altem Kerl. Mit dem Versprechen "Wir werden uns wiedersehen" soll danach wohl eigentlich das verdiente Feierabendbierchen rausgeholt werden, doch die immer noch völlig euphorischen Massen geben einfach keine Ruhe, und so traben die vier Herren nochmals nach vorne, um das beeindruckende, stille "Fadensonnen" zu spielen. Verkehrte Welt an den Arbeitsgeräten: Gitarrist Christian verzog sich hinter das E-Piano, Stoppel kam hinter seiner Schießbude vor, um in die Melodika zu blasen, während Leo den gezupften Bass gegen das Cello tauscht. Damit verabschiedet sich SELIG dann aber unwiderruflich von ihren Berliner Fans.

Fazit
Meine Befürchtungen, dass die entschlackten Neuinterpretationen der großartigen SELIG-Hits sich durch den Abend ziehen werden, haben sich zum Glück nicht erfüllt. Klar gibt es die eine oder andere Nummer, die durch das Zuviel an Piano und eingespielten Streicherparts nahe an der Kitschgrenze wandelt. Aber es ist legitim, dass die Band die Songs ihrer neuen CD auch live einbringt. Dass es mir persönlich nicht so zusagt, ist halt mein Pech. Mich überzeugt SELIG an diesem Abend immer dann, wenn sie mit dem vollen Besteck hantieren, wenn vierminütige Nummern plötzlich sieben, acht Minuten dauern, weil auf Teufel komm raus gejammt wird. Schließlich ist SELIG eine Rockband, und das will ich auch hören und sehen. Beeindruckend finde ich die spürbare Leichtigkeit und Entspanntheit, mit der sich die vier Musiker bewegen. Man merkt, sie haben auch am letzten Tourneetag noch enormen Spaß an dem, was sie da fabrizieren, und das überträgt sich natürlich auf ihr Publikum. Sänger Jan Plewka ist gut drauf, sowohl stimmlich als auch in Sachen Interaktion mit den Fans. All das wird in Erinnerung bleiben. Nur schade, dass jetzt wohl wieder zwei, drei Jahre vergehen werden bis neues Material und damit auch neue Konzerte folgen werden. Eins ist aber sicher: "Wir werden uns wiedersehen"!



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Bitte beachtet auch:

• off. Homepage der Gruppe Selig: www.selig.eu
• Homepage des "Huxley's" in Berlin: www.huxleysneuewelt.com





Fotostrecke:
 
 
 
 
 
 


Videoclip:

"Ohne Dich" (live)





   
   
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