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Ein Konzertbericht von Anita Giersberg und Elmar Rahn mit Fotos von Elmar Rahn



Als ich die Ankündigung zum Konzert des ehemaligen GENESIS-Frontmanns RAY WILSON - der diesen Posten leider nur für das Album "Calling all Stations" bekleidete - las, stellte sich mir die Frage, warum sich meine Heimatstadt Castrop-Rauxel nicht mal so ein musikalisches Highlight an Land zieht. Möglicherweise liegt es daran, dass hier für solch einen Künstler kein Publikum vorhanden ist. Das kann man auch an der Tatsache ablesen, dass hier allem Anschein nach nur Interesse für "Mallesänger", Partyschlager und mittelmäßige Coverbands besteht, denn was anderes wird einem kaum geboten. So What, Datteln liegt nebenan, auch wenn es wegen chronisch verstopfter Straßen fast eine kleine Weltreise dort hin ist, also tragen wir Castroper unser Geld in die Nachbarstadt und erfreuen uns an deren kulturellem Programm.

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Vorab hatte ich mich noch schnell über Google schlau gemacht, welches der Programme RAY WILSON für den Donnerstagabend in Datteln vorbereitet hatte. Würde er "Genesis vs Stiltskin" spielen, oder "Genesis Classics", bei dem das Keyboard durch Geigen ersetzt und die Songs als Akustik-Versionen gespielt werden? Via YouTube brachte ich mich dann noch in die richtige Stimmung, in dem ich mir Clips mit Songs von STILTSKIN, RAY WILSON und GENESIS anschaute ...

Zur Musik von GENESIS bin ich 1978 durch unseren Klassenlehrer gekommen, und stand damals mit meiner Sympathie für die Band ziemlich exklusiv in der Runde meiner Mitschüler, die BAY CITY ROLLERS-, TEENS-, SLADE- oder SWEET-Fans waren. Songs wie "Watcher Of The Skies" oder gar "Supper's Ready", das eine ganze Albumseite füllte, faszinierten mich schon früh. PETER GABRIEL war ein Idol für mich. Mit PHIL COLLINS als Frontmann konnte ich mich auch anfreunden, obwohl ab dem Album "... And Then There Were Three" alles irgendwie kommerzieller wurde. Als RAY WILSON dann Mitte der 90er den Part als Frontmann bei GENESIS übernahm, war ich eher skeptisch, da ich zuvor noch nicht auf ihn oder seine Band STILTSKIN aufmerksam geworden war. Ich muss zugeben, er hat mich damals überzeugt und "Congo" ist noch immer einer meiner Lieblingssongs bzw. "Musikvideos". Darum wäre ich auch zu jedem anderen Konzert von RAY WILSON mit großer Vorfreude gegangen, egal ob mit neuen eigenen Songs oder Stücken von STILTSKIN, COLLINS oder GENESIS. Was auch immer es werden sollte, ich war mir sicher, bei dem Konzert gleich mehrfach überrascht zu werden: Songs von GENESIS, die Interpretation dieser Lieder durch RAY WILSON und eben die besondere musikalische Verpackung des Ganzen. Schön sind die Eindrücke und die bleibenden Erinnerungen vom vergangenen Donnerstag, die ich an dieser Stelle in Worten und Bildern mit Euch teilen möchte. Der zusätzliche Input meiner Begleitung kommt natürlich auch noch dazu, so dass der Bericht auf keinen Fall eindimensional werden wird - wie ich hoffe. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die einem selber nicht so auffallen, die aber wichtige Zutaten zum Ganzen sind. Die Teamarbeit macht noch zusätzlich zum Konzert Freude und am Ende kann hoffentlich ein guter Eindruck über die Veranstaltung vermittelt werden.

Die Anfahrt gestaltete sich dann doch nicht so dramatisch, wie ich befürchtet hatte, so dass mir vor dem Konzert noch genügend Zeit blieb, mich etwas in der Umgebung umzuschauen und zu versuchen, vorab einige Dinge zu klären. Nicht alles stellte sich für uns als positiv heraus und wir mussten leider einige Einschränkungen hinnehmen. Der erste Eindruck der Location war positiv: eine Vorhalle mit gemütlichem Charme, Stehtischen und Barhockern.
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Rechts des Eingangs befand sich der gut ausgestattete Merchandise-Stand, an dem es eine große Auswahl an Artikeln gab, das übliche Spektrum an Tonträgern, aber auch Plektren, um sich vielleicht mal beim Gitarrenspiel selber zu versuchen. Dem gegenüber ganz unspektakulär die Abendkasse, ein Tisch ein Stuhl mit einer Liste und einer Geldkassette. Später wurde dieser Platz mit einem Drehtisch besetzt, an dem Ray nach dem Konzert Autogramme gab. Mit dem Einlass lief es problemlos, weil hier auch in Sachen Info gute Arbeit geleistet worden war und nicht wie anderweitig schon geschehen, die rechte Hand nicht wusste was die Linke tat. Bis dahin gab es nur Pluspunkte und ich war mir sicher: wenn das so weiter ginge, könnte der Abend alles Vorherige noch toppen. Okay, einen Haken hatte es zunächst schon. Da vorne nur zwei Plätze für die Presse vorhanden waren, wurde das Team getrennt und an zwei entgegenliegenden Orten platziert: Einer (Elmar) in der sozusagen ersten, und eine in der letzten Reihe (Anita). Da die Möglichkeit des Fotografierens vor der Bühne nur auf die ersten drei Songs beschränkt waren, machte ich mit dem Verantwortlichen den Deal, nach den ersten drei Liedern meinen Platz in die letzte Reihe zu verlegen, und von dort aus noch das eine oder andere Foto zu machen. Dies stellte sich später als goldrichtige Entscheidung heraus, denn die echten Emotionen in einem Konzert sind meist erst später zu sehen und wären von meinem Platz, seitlich der Bühne, nicht einzufangen gewesen.

So langsam füllte sich der Vorraum. Dort wurde bei Getränken und kleinen Snacks noch Smalltalk gehalten. Das Publikum hatte einen geschätzten Altersschnitt von Mitte 40, wobei die Jüngsten wohl grade die 20 erreicht hatten und die Ältesten an die Tür zur 60 klopften. Kleidungsmäßig war man eher normal unterwegs - keine Paradiesvögel und auch keine Gala-Verkleidung. Als dann endlich die Türen zum Konzertsaal aufgingen, war ich ein wenig enttäuscht. Nicht etwa von dem in blauen Farben gehaltenen Bühnenbild, das trotz der Farbe sehr warm wirkte, oder wegen der Bühne, die noch ausreichend Platz für eine größere Besetzungen bot, sondern vom Zuschauerraum. Nüchtern, ja fast etwas kühl, und im Stil einer Aula, wurden die Stuhlreihen exakt auf einer Höhe ausgerichtet. Keine Stufen oder Podeste ... Es erinnerte ein wenig an eine Bahnhofshalle. Wie sollte hier denn Stimmung aufkommen? Einen Vorteil hat der Saal aber doch: Es gibt keine Stützfeiler, die die Sicht behinderten.
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Der Saal bietet etwa 500 Besuchern Platz, er war am Donnerstag sehr gut gefüllt und es blieben vielleicht nur eine Handvoll Plätze leer ... Vor dem Beginn gab es noch ein kleines Problem mit einer Konzertbesucherin, deren Platz nicht vorhanden war und die sich gerne den Stuhl des zu seinem Pech nicht erschienenen Pressevertreters genommen hätte. Dies wurde aber anderweitig und völlig unbürokratisch gelöst - ein weiterer Pluspunkt für den Veranstalter.

Endlich ging das Licht aus und die Spots (Scheinwerfer) an! Der Meister und seine Musiker betraten die Bühne, auf der sie nun eine gelungene Show darbieten sollten. Die Besetzung auf der Bühne bestand aus ...

Ray Wilson (Gesang, Gitarre)
Steve Wilson (Godin Akustikgitarre, 12 Saitige Gitarre, Chor)
Marcin Kajper (Saxophon, Flöte, Bass)
Darek Tarczewski (Piano, Chor)
Alicja Chrzaszcz (Violine)
Basia Szelagiewicz (Violine)

Ray war ganz leger in Jeans und T-Shirt, und seine männlichen Bandmitglieder ebenfalls locker gekleidet. Dagegen boten die zwei Ladys an ihren Streichinstrumenten mit ihren blauen Paillettenoberteilen, kurzen Röcken und silbernen Heels einen festlichen und sehr schönen Anblick. Der musikalische Einstieg in den Konzertabend war schon ein Ohrenstreichler.
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"Follow You Follow Me" war der erste Song des Abends, bei dem man schon mit der Zunge schnalzen konnte. Rays Stimme passt zu diesem GENESIS-Song meiner Meinung nach besser, als die von Phil Collins. Perfekt arrangiert, schnörkellos und vom Sound her vom Feinsten eingepegelt - der Mann an der Technik verstand sein Handwerk. Aber auch das Licht war während des gesamten Konzerts erstklassig abgestimmt, was leider nicht selbstverständlich ist. So gebannt wie das Publikum den Einstieg verfolgte, ging es schon beim zweiten Song, dem Phil Collins-Klassiker "Another Day In Paradise" mit, so dass hier spätestens der Letzte abgeholt wurde und mittendrin war. Meine Befürchtung, die Anordnung der Sitze im Saal würden keine Stimmung aufkommen lassen, waren hier schon längst nicht mehr existent.
Interessantes Detail am Rande: RAY WILSON arbeitet ohne Setlist. Nichts ist vorab geplant und das Konzert entsteht tatsächlich erst aus dem Bauch heraus auf der Bühne. Davon war ich im Vorfeld schon informiert, und als ich den sympathischen Schotten nach dem Konzert selbst danach fragte, bestätigte er mir das mit einem trockenen "There's no setlist". Das war für mich aber kein Problem, da ich mich zum Glück ganz gut auskenne und zumindest bei den Titeln von GENESIS, COLLINS & GABRIEL Dank gut bestückter Plattensammlung sofort wusste, was da gerade gespielt wurde. Nur bei Rays eigenen Songs waren ich noch ein Neuling und - im Gegensatz zu den Songs, die mich teilweise schon seit meinen Kindertagen begleiten - nicht sehr gut bewandert.

Durch die bunte Mischung im Live-Programm, und die Aktionen auf der Bühne, verging die Zeit wie im Fluge. Neben den GENESIS-Songs und vielen eigenen Stücken, setzte Ray wie bei einem Mosaik immer wieder kleine Steinchen zusammen, so waren auch Songs von Phil Collins, Peter Gabriel oder MIKE & THE MECHANICS im Set, was letztlich für ein echt buntes und sehr abwechslungsreiches Programm sorgte.
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Zwischendurch beschrieb er kurzweilig immer wieder einige Begebenheiten zu den einzelnen zum Vortrag gebrachten Songs. Auffällig war dabei, dass er das Wort "Jägermeister" fast akzentfrei aussprechen konnte. Immer wieder wurde auch das Publikum in das Geschehen mit einbezogen. Und dieses quittierte die Leistung Wilsons und das durch ihn gespannte Band zwischen sich und dem Publikum sehr oft mit reichlich Applaus, wie z.B. bei "Jesus He Knows Me" - das war schon eher ein gewaltiger Klatsch-Marsch. Immer wieder streichelten ruhige Stücke die Gehörgänge, wie z.B. "Another Cup Of Coffee", und wechselten sich mit schneller arrangierten Songs ab. Zwischendurch bekamen die einzelnen Musiker auch genügend Raum für Soli. Hier fiel besonders Marcin Kajper, der mit seinem Saxophon-Solo weniger in Richtung "Der Saxophon-Mann bläst müde sein Lied" (Textauszug Steffan Waggershausen), sondern eher in Richtung "Komm Eddy, blas uns einen!" unterwegs war. Seinem Spiel auf dem Saxophon, aber auch auf der Flöte, zu lauschen, war einfach ein Genuss.

Die Mädels an ihren Violinen durften sich im Verlauf des Konzerts bei Vivaldis "Vier Jahreszeiten", bzw. den "Frühling" daraus, auch mal ganz klassisch austoben. Nebenbei hatten sie auch nach der Pause, im zweiten Teil des Konzerts, immer wieder mal Platz für Solo-Einlagen, bei denen Ray und auch der Rest der Gruppe die Bühne verließen, so dass man sich ganz auf die Solistinnen konzentrieren konnte. Mit "Against All Odds" zeigte dann auch der Mann am Piano was er stimmlich drauf hat. Mit seinem Vortrag dürfte er das Herz so mancher Dame im Publikum gestreichelt haben.

Mitten im Konzert intonierte Ray für eine junge Dame, die ihren 21. Geburtstag feierte, ein kräftiges "Happy Birthday", verbunden mit der Frage, wie man das Geburtstagslied denn auf Deutsch sänge. Ray verstand es immer wieder, Höhepunkte zu setzen, auch mit der Platzierung der Titel. Immer wenn das Publikum dabei war, sich bei ruhigeren Stücken wie "Sarah" oder dem genialen "Carpet Crawlers" wegzuträumen, setzte er mit Songs wie "In The Air Tonight" oder dem von ihm phänomenal und durchdringend kraftvoll vorgetragenen "Biko" immer wieder Reizpunkte.
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Dabei konnte einem echt das Herz aufgehen. Der für mich absolute Höhepunkt war sein letzter regulärer Song "Solsbury Hill", im Original von Peter Gabriel. Dabei stand der ganze Saal auf, wie bei einem Champions League-Sieg im Finale. Das war echte Gänsehautstimmung. Bei den Zugaben, die recht üppig ausfielen, spielte Ray dann noch seinen GENESIS-Favoriten, sozusagen den "Last favorit song", nämlich "Mama". Auch dieser Titel ging unter die Haut, obwohl die Stelle mit dem Lachen etwas gewöhnungsbedürftig war, aber trotzdem einen eigenen persönlichen Touch hatte. Auch die mir bis dahin nicht bekannten Stücke "She's A Queen" oder "The Airport Song", der eine richtige Uptempo Nummer mit Honkey Tonk Klavier war, gefielen mir ausgesprochen gut.

Bei der anschließenden Autogrammstunde gab sich Ray sehr locker und offen, obwohl er gerade erst nach über 2,5 Stunden Programm von der Bühne kam. Kurzes Fazit am Ende: Ein professioneller Künstler ohne Berührungsängste, eine souverän spielende Band, die völlig unaufgeregt aber locker auf der Bühne beste Unterhaltung bot. Das Verhältnis zwischen Show-Elementen und musikalischer Darbietung war stimmig und trotz aller Professionalität äußerst locker. Trotzdem mir mit den Songs "Calling All Stations" und "Congo" zwei Titel aus meiner Abteilung "Lieblingslieder" abgingen, und die ich sehr gerne noch gehört hätte, war es ein rundum gelungener Abend. Ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit wieder in den Genuss kommen werde, über eines seiner Konzerte zu berichten.



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Termine von Ray Wilson in Deutschland:

• 11.04.2014 - Affalter - Gasthof zur Linde
• 12.04.2014 - Aschaffenburg - Colos-Saal
• 13.04.2014 - Augsburg - Spectrum
• 24.04.2014 - Hamburg - Lola Kulturzentrum
• 25.04.2014 - Rostock - Nikolaikirche
• 26.04.2014 - Lübeck - Kolosseum
• 03.05.2014 - Kaiserslautern - SWR Studio
• 09.05.2014 - Borgsdorf - Landgasthaus 'Weißer Hirsch'
• 10.05.2014 - Paderborn - Kulturwerkstatt
• 16.05.2014 - Dinslaken - Ledigenheim
• 17.05.2014 - Ottmaring - Kulturwirtschaft
• 23.05.2014 - Satrup - Landgasthof
• 25.05.2014 - Hildesheim - Stadttheater
• 06.05.2014 - Schafstedt - Kerzenhof
• 07.06.2014 - Isernhagen - Blues Garage
• 05.07.2014 - Lichterfeld - Besucherbergwerk F60
• 12.07.2014 - Bonfeld - Blacksheep Festival

Alle Angaben ohne Gewähr. Nähere Infos und weitere Termine auf Rays Homepage



Bitte beachtet auch:
• off. Homepage von Ray Wilson: www.raywilson.net





Live-Impressionen

 
 

   
   
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