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"Ecstatic Rock" aus Island
Ein Bericht von Gerd Müller mit Fotos von Gerald Langer und Gerd Müller


Preisfrage: Wie kann man neue Superlative erfinden, wenn man so ein tolles, magisch schönes Konzert erlebt hat und einem die Worte fehlen? Ich versuche es einfach mal. Zumindest in der Überschrift taucht eines auf ...

a 20131127 1630829843Sehr viele Fans standen bei windigem Wetter bereits um 18:00 Uhr Schlange vor dem Einlass zur architektonisch gelungenen Jahrhunderthalle in Frankfurt, die heuer 50 Jahre alt wurde. Sie wussten, was sie erwarten dürfen: Ein isländisches, fast ausverkauftes Naturereignis mit Vulkanausbrüchen, heißer Lava, sprudelnden Geysiren, blauen Lagunen, eingerahmt von Elfen und Trollen um den charismatischen Sänger Jónsi und seine Crew. Und sie wussten auch, dass die Band in Deutschland tags darauf nur noch in Düsseldorf gastiert. Da liegt für nicht wenige Frankfurt einfach zentraler.

Um 20:00 Uhr stand für eine halbe Stunde zunächst der Support I BREAK HORSES auf dem Programm. Sie spielten ausschließlich hinter dem transparenten Vorhang, der erst beim Hauptact des Abends fallen sollte. Was sie boten, war eine so nicht erwartete Überraschung. Die wenigsten dürften diese Formation mit dem eigenartigen Namen gekannt haben ("Ich zerbreche Pferde"). Es war ein idealer Appetitmacher für die kommende Show. Hinter der Formation steckt Maria Lindén, eine schwedische Soundtüftlerin, die mit ihrem musikalischen Partner Fredrik Balck und einem weiteren Musiker Synthie- und elektronische Beats raffiniert zu verschmelzen wusste und mit ihrer eindringlichen Stimme eine fast hypnotische Stimmung erzeugte. Bis auf die Sängerin traten sie im Kapuzenlook auf, was auf dem Vorhang mystische Effekte hervorrief. Ein Videoclip (siehe am Ende dieser Seite unter der Fotostrecke) mit einem der gespielten Songs dürfte einen guten Eindruck Ihrer Musikrichtung vermitteln.

Nach dieser Ouvertüre und der obligatorischen Umbaupause begann pünktlich um 21:00 Uhr das von tausenden Sigur Rós-Fans sehnlich erwartete Opus mit "Yfirborð" - nicht unbedingt der spannendste Opener - aus der aktuellen CD "Kveikur" (deutsch: Kerzendocht), die spürbar aggressiver als die vorangegangenen Platten geriet.b 20131127 1922313402 Wer die Band und besonders Leadsänger Jónsi noch nicht kennt, muss wissen, dass er alle Songs mit seinem markanten Falsettgesang durchlebt, der bis in aberwitzige Höhen schweben kann. Er singt in einer Kunstsprache gepaart mit Isländisch, die wohl nur er und die Bandmitglieder verstehen dürften. Sie haben weltweit ein Alleinstellungsmerkmal, denn es gibt nichts Vergleichbares in der Szene, wie etwa die isländische Ausnahmekünstlerin Björk. Einmalig ist, wie Jónsi seine E-Gitarre mit einem Geigenbogen und sägenden Bewegungen bearbeitet und auf diese Weise oft abgrundtiefe Klangkaskaden erzeugt, die an einen Höllenschlund mit grollenden Gewittern erinnern. Die Drum- und Keyboardeinsätze tun ein Übriges dazu, eine infernalische, aber dennoch geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen, die sprachlos macht. Zu allen Songs wird eine Lightshow mit kunstvollen Hintergrundprojektionen geboten, die zu Beginn zusätzlich auf den schon erwähnten transparenten Vorhang projiziert werden. Ihre Videoclips sind kunstvolle Schöpfungen, die niemanden unberührt lassen. Fast schon dreidimensionale Nebelwände geben den Darbietungen der im Vordergrund agierenden drei Hauptmusiker, sprich Jón Þór Birgisson (Jónsi), Georg Holm und Orri Páll Dýrason einen magischen Touch. Das vierte (Haupt-)Mitglied, Keyboarder Kjartan "Kjarri" Sveinsson verließ vor einem Jahr aus familiären Gründen die weltweit gefeierte Band. Man darf aber auf keinen Fall die Geigerinnen und die Bläsergruppe vergessen, die den Darbietungen ein unverwechselbares Gepräge verleihen. Ihre Stilrichtung kann man mit Ambient, Shoegazing, Postrock vergleichen. Sie selbst interpretieren es als "Slow-Motion-Rock". Meine Definition ist ja in der Überschrift enthalten.

"Yfirborð" und "Vaka" gleich am Anfang des Sets sollten allerdings die einzigen Songs bleiben, die das Prädikat "Slow-Motion" - zumindest in ihrer Gesamtheit - an diesem Abend verdient haben. Die fast schon besinnliche Stille wurde im Anschluss jäh durch das brachiale "Brennisteinn" unterbrochen, zu dessen Beginn auch der Vorhang fiel und die Zuschauer freie Sicht auf die Musiker und ihre Lightshow hatten. In der Folge wechselten sich neue Stücke und alte Publikumslieblinge wie "Sæglópur" und "Hoppípolla" ab. Das zunächst besinnliche "Festival", wo Jónsi am Ende der Gesangseinlage fast eine Minute ununterbrochen den letzten Ton aushalten konnte und damit Begeisterungsstürme beim Publikum auslöste, bildete auf allen vorangegangenen Konzerten der aktuellen Tour den Schlusspunkt vor den Zugaben.c 20131127 1883051491 Diese wurden an diesem Abend gänzlich gestrichen, stattdessen wurde das megalange, furiose, ekstatische "Popplagið" diesmal in die normale Setlist integriert, so dass nur zwei Verbeugungsadressen als "Zugaben" fungierten. Warum das so war, ist mir nicht bekannt. Leider entfielen "Svefn-g-Englar" (weiter unten ist davon ein berührender kunstvoller Videoclip mit tanzenden mongoloiden Menschen, als Engel verkleidet, eingebaut!) und "Ágætis Byrjun", mit denen man bei Blick auf vorangegangene Setlists durchaus rechnen konnte.

Das Publikum murrte jedenfalls nicht, weil es auch mit "nur" 90 Minuten ein erfüllter, außergewöhnlich dichter, euphorischer Abend war. Auf einen absoluten Höhepunkt kann es eben keine weitere Steigerung mehr geben.

Setlist von I BREAK HORSES:
Medicine Brush
unbekannt
Weigh True Words
Winter Beats

Setlist von SIGUR RÓS:
Yfirborð
Vaka
Brennisteinn
Glósóli
Stormur
Hrafntinna
Sæglópur
Varúð
Hoppípolla
Með Blóðnasir
Rafstraumur
Kveikur
Festival
Popplagið



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Bitte beachtet auch:

- Off. Homepage von SIGUR RÓS: www.sigur-ros.co.uk
- Off. Homepage von I BREAK HORSES: www.ibreakhorses.se
- Homepage des Fotografen Gerald Langer: www.music-on-net.com
- Homepage der Jahrhunderthalle Frankfurt : www.jahrhunderthalle.de




Fotostrecke:
 
 
 
 
 

Videoclip:

"Winter Beats" - I BREAK HORSES


"Hoppipolla" - SIGUR RÓS


"Svefn-g-englar" - SIGUR RÓS


"Popplagið" - SIGUR RÓS





   
   
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