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Es war die fünfte Auflage des Castroper Bluesfestivals, das am vergangenen Samstag über die Bühne ging. Warum uns die letzten vier Festivals durch die Lappen gegangen sind, kann ich gerade nicht beantworten. Und auch dieses Mal wurden wir nur darauf aufmerksam, weil zum einen CRAZY CHRIS KRAMER als Teilnehmer angekündigt wurde und mir mein Kumpel Torsten deshalb bereits im Sommer schon davon erzählte und zum anderen, weil wir vom Veranstalter eine Einladung bekamen. Jedenfalls erfuhren wir erst in diesem Jahr von der Existenz eines solchen Festivals in unserer Heimatstadt und waren erstmals dabei ...

b 20131125 1940040039Als Lokalität wurde das "Haus Oestreich" im Castroper Stadtteil Schwerin ausgewählt. Ich gebe zu, hier schon Ewigkeiten nicht mehr gewesen zu sein. Die Gaststätte war zu meiner Jugendzeit ziemlich "rustikal" und eher weniger etwas für Jugendliche, die den Besuch einer Tanzschule in ihrer Freizeit vorzogen und dem Konsum populärer Musik frönten. Dort im "Haus Oe" waren die Rocker zu Hause, und da kam es auch schon mal vor, dass gelegentlich der eine oder andere Tisch "gerade gerückt" wurde. Für Altersgenossen mit einer "alternativen" Lebenseinstellung war das "Strandcafé" eine Anlaufstelle und für die Popper (na ja, ich war halt einer von ihnen ...) gab es das "Casablanca" oder das "Washboard". Nun also das "Haus Oe". Das Haus wirbt mit dem Slogan "dienstälteste Kneipe in Castrop-Rauxel" und da dürfte der Betreiber wohl Recht haben. In den letzten Jahren haben hier einige Schuppen die Tore geschlossen, darunter einige traditionsreiche Häuser. Und wer bis Anfang 2013 überlebt hat, darf sich nun mit dem "Nichtrauchergesetz" herumplagen und ums Überleben kämpfen. Das "Haus Oe" geht mit der neuen Situation scheinbar ziemlich gelassen um. Die Gaststätte macht nicht den Eindruck, als müsste man um das Erscheinen einer ausreichenden Anzahl Gäste zittern. Der ehemalige Wirt des eben erwähnten "Strandcafés", Alfred "Corny" Hilpert, übernahm vor knapp 16 Jahren das "Haus Oe". Die Kneipe blickt heute auf eine über 110-jährige Geschichte zurück, und "Corny" hat richtig was daraus gemacht. Die Wände im Schankraum sind halb mit Holz vertäfelt und in der oberen Hälfte hell und freundlich angestrichen. Es gibt Tische mit Bänken oder Stühlen zum gemütlichen Sitzen und Plaudern, einen Dartautomaten, einen Billard-Tisch und sogar einen Flipper-Automaten, von denen man in der heutigen Zeit mit iPhones, Tablet PCs und anderem digitalen Firlefanz eher nur noch selten mal einem begegnet. An einer Wand steht auch ein Klavier, und das Herzstück des Ladens dürfte wohl der Saal sein. Hier lässt sich allerlei veranstalten, das eine größere Publikumszahl anlockt, unter anderem auch ein Bluesfestival.

Dieses wurde von "Corny" Hilpert veranstaltet und vom Bassisten der Band DIRTY BLUE, Gerhard Hatscher, organisiert. Überhaupt schien das Ganze ein Familienunternehmen zu sein, das dieses Bluesfestival auf die Beine gestellt hat. Nicht nur, dass Hatscher und Hilpert Kumpels sind, den Einlass übernahm auch gleich die Tochter Hatschers und die Begegnung mit der jungen Dame war der erste positive Moment an einem Abend, der noch weitere bereithalten sollte.a 20131125 1608629635 Als ich den Saal betrat, umwehte mich ein Hauch der 60er Jahre. Hier muss wohl die Zeit stehen geblieben sein, denn dieses angenehme nostalgische Gefühl verließ mich auch den Rest des Abends nicht. Es war schlicht und ergreifend gemütlich und einladend. Das Ambiente des Konzertsaals konnte gar nicht besser für eine Blues-Mugge sein. Die Bühne selbst war gar nicht so groß wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie bot Platz für eine Band, aber mehr als fünf oder sechs Musiker sollten da oben nicht gleichzeitig wirbeln, denn dann würde es zu eng werden. Ein Blick auf den Ablaufplan zeigte mir, dass der Abend mit dem Auftritt von CRAZY CHRIS KRAMER beginnen sollte. Feine Sache, hauptsächlich wegen ihm waren wir schließlich ja auch hier. Die anderen Bands, die angekündigt waren, waren für meinen Kumpel Elmar, der fotografiert hat, und mich absolutes "Neuland". Kurz vor der angekündigten Anfangszeit war der Saal nicht wirklich gut besucht. Die Zahl der Zuschauer war schwer zu schätzen. Ich vermute, dass es etwas weniger als 100 Leute waren, die zu Konzertbeginn im Saal waren. Das Publikum war vom Alter her gemischt. Einige jüngere Leute scheinen den Blues auch für sich entdeckt zu haben, die meisten Konzertbesucher waren aber mittleren Alters und darüber hinaus.
CHRIS KRAMER hatte am Samstag eine doch ziemlich weite Anreise, obwohl er ganz in der Nähe seinen Wohnsitz hat. Er musste vor seinem Auftritt nämlich noch sein Arbeitsgerät vom "Gitarren-Doktor" abholen. Das machte aber gar nicht so viel, denn der Beginn des Konzerts wurde von 20:00 Uhr nach hinten verschoben, weil man sich noch den Bundesliga-Kracher Dortmund gegen Bayern München zu Ende anschauen wollte. Hier "auf" Schwerin gibt es reichlich Borussen-Fans und ich glaube, man hätte es dem Wirt nicht verziehen, wenn dieser vor dem Abpfiff den Fernseher ausgestellt hätte. Wie auch immer, mit einer dezenten Verspätung startet CHRIS KRAMER das 5. Castroper Bluesfestival.

Chris hatte verschiedene Gitarren für seinen Auftritt auf der Bühne geparkt. Er begleitete sich selbst auf den einzelnen Gitarren und spielte bei Bedarf Mundharmonika. Auch davon hatte er unterschiedliche Exemplare im Gepäck. Auf den Einsatz des Einzelstücks aus seiner Gitarrensammlung, der aus einem Zigarrenkasten und mit Syphon Filtern und anderen Teilen selbstgebauten Klampfe, mussten wir am Samstag aber verzichten. Die gehörte nicht zum Instrumentarium. Dafür erfreute uns der Musiker mit anderen "Hinguckern" in Liedform. Mein erster Eindruck von Chris war, dass er ein normaler Typ von nebenan ist. Er passt zu den "Malochern" aus dem Ruhrgebiet, die hart für ihre "Kohle" arbeiten müssen (in doppeltem Sinne).d 20131125 1983194444 Und der Eindruck täuscht nicht, denn er ist einer von uns. Die ersten von Chris gespielten Töne auf Mundharmonika und Gitarre erreichten gleich das Herz des Musikfreundes. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, keinen Künstler mehr mit einem anderen zu vergleichen, um seine Musik zu beschreiben. Das gehört sich irgendwie auch nicht, weil jeder Musiker sich ja auch seine Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit erspielen möchte. Aber bei CHRIS KRAMER kam Elmar vom Gesang her schon nach den ersten Sekunden Klaus Lage in den Sinn. Gerade ausgesprochen fiel der nächste Name, nämlich der von Marius Müller-Westernhagen. Parallelen zu Marius' und Chris' Texten waren wirklich erkennbar, allerdings nur von der Machart her. Inhaltlich und stilistisch hat CHRIS KRAMER bei seinen Texten schon eine deutlich herauszulesende Handschrift, nämlich seine Eigene!
So leid es mir tut, aber man kann aus Chris' Auftritt keine Höhepunkte herauspicken. Es gab nämlich keine. Der komplette Auftritt war ein einziger Höhepunkt und das ist keine Übertreibung! Älteren Songs aus seinem reichhaltigen Fundus wie z. B. "Froschkönig Blues" von seinem 2010 erschienenen Album "Chicago Blues" oder "Drachenblut" von seiner vorletzten Scheibe "Kramer kommt!", mischte er geschickt mit neuen Liedern, die auf seiner im vergangenen Monat erschienenen CD "Unterwegs zur Sonne" veröffentlicht worden sind. Hier seien vielleicht der "Gangsterblues", "Wind in unseren Segeln" und "Könige der Sonne" erwähnt. Zwischendrin plauderte der Mann mit der Schlägermütze auch sehr unterhaltsam. Sein Zwischentext über Igel war nur eine von vielen lustigen Einlagen. Kramer erzählte, dass er in einer Sendung im Fernsehen das Leben der Igel beobachten konnte, und dass er diese Tiere nun beneiden würde. Sie würden aus dem Winterschlaf erwachen und sofort auf die Suche nach dem anderen Geschlecht gehen, um sich zu Paaren. Sie tun dies, ohne vorher Passwörter im Internet einzugeben oder sich auf Single-Börsen anzumelden, sondern gingen "direkt ins Unterholz". So ein Leben würde er sich auch wünschen und hofft, dass er mit dieser Geschichte vom Igel nun auch Einfluss auf das Leben der Konzertbesucher nehmen könnte nämlich in der Form, dass sie auf der Landstraße fortan langsam fahren würden um keine Igel mehr zu überfahren. Der Igel sei nämlich nur deshalb so langsam und würde so oft überfahren, weil er "vorher alles gegeben" hätte. Die Geschichte vom Igel in voller Länge könnt Ihr am Ende dieses Beitrags (unter der Fotostrecke) über das eingebundene Video anschauen. Immer wieder brachte Kramer das Publikum mit seinen Sprüchen zum Schmunzeln oder gar Lachen. Chris ließ uns auch wissen, dass seine deutschen Ansagen schon immer besser als seine Songs waren, die er anfangs noch auf Englisch sang. Als man ihn darauf aufmerksam machte, habe er sich darauf eingestellt und die Texte zur Musik auf Deutsch umgestellt. Und seine Texte sind wirklich eine seiner Stärken. Sie handeln vom alltäglichen Leben und dabei fängt er viele Gefühlslagen ein. Seine Lieder können mal traurig, mal mit einem Augenzwinkern versehen sein. Auch ein Schuss Sex darf vorkommen.

Für mich war es die erste Begegnung mit CHRIS KRAMER. Wenn man ihn nur auf einem Foto sieht, erinnert er vielleicht ein klein wenig an Danny de Vito. Er ist nicht sehr auffällig - halt ein Typ, wie Du und ich. Aber wenn der Mann anfängt zu spielen und zu singen, dürfte jeder Miesepeter wohl seine Vorurteile über Bord werfen: Kramer ist der Hammer!c 20131125 1792578033 Bei seinem Konzert kommt keine Langeweile auf und er hält vom ersten bis zum letzten Ton die Qualität seines Vortrags und seiner Songs auf einem sehr hohen Level. Sein Soloauftritt ging am Samstag leider viel zu schnell vorbei. Davon hätte man gern noch etwas mehr gesehen und gehört.

Als zweiter Programmpunkt des Tages warteten schon die Männer der Gruppe DIRTY BLUE auf ihren Auftritt:

Wolfgang Fruth (Gesang)
Ingo Alphéus (Gitarre)
Christian Gausemeier (Saxophon, Mundharmonika)
Gregor Lelgemann (Piano, Keyboard)
Gerd Hatscher (Bass)
Helmut Schafhausen (Schlagzeug)

Als die Band zu spielen begann, füllte sich nicht nur der Saal merklich, sondern auch der Platz vor der Bühne. Dieser wurde nun von einigen Tanzwütigen in Beschlag genommen. Das war auch kein Wunder, denn die Musik, die DIRTY BLUE da live über die Rampe in den Publikumsraum brachte, war partytauglich und richtig klasse. Es gab Saxophon- und Gitarren-Soli vom Feinsten. Die Musiker von DIRTY BLUE haben alle mehrjährige Erfahrungen in anderen Gruppen gesammelt und spielen in der oben stehenden Besetzung seit 2002 zusammen. Sie alle leben im Ruhrgebiet und daher lautet Ihr Motto (zu finden auf der bandeigenen Homepage) auch "Entscheidend is auffer Bühne." Die Band strahlte eine unglaubliche Spielfreude aus, die sich letztlich auch in dem von mir schon erwähnten partytauglichen Sound widerspiegelte. Davon dürfen sich einige der "großen Nummern" gerne mal eine Scheibe abschneiden. Kartenpreise jenseits der 100 Euro aufrufen und blutleere Auftritte hinlegen. Das hier war das komplette Gegenteil! Ehrlich, handgemacht und richtig gut. Routiniert und wie ein Uhrwerk groovte die Band vor sich hin,e 20131125 1577287759 schien stellenweise sogar zu improvisieren und musikalisch auf die Stimmung im Saal zu reagieren. Es war ein wirklich dynamisches Miteinander da oben auf der Bühne und der "swingin' Blues" mit den "funky Grooves" kam nicht nur bei uns an, sondern steckte auch an! Und als man glaubte, jetzt könne die Band nichts mehr anbieten, hätte ihr Pulver verschossen und ihr Programm würde nun zu Ende gehen, überraschte DIRTY BLUE mit einem Gastmusiker, den sie zum Ende ihres Auftritts in ihre Reihen aufnahmen: CHRIS KRAMER. Hatte er mit seinen Songs und seiner Art Musik zu machen, das Feld für die Jungs von DIRTY BLUE am Samstag bestellt, setzte er noch den I-Punkt auf einen sich perfekt anfühlenden Auftritt. Was für eine Blues-Power, die in der letzten Stunde des Tages noch einmal durch den Saal fegte. Ein echt starker Auftritt und das Finale haute einem schlicht die Füße weg. Das Publikum war aus dem Häuschen und forderte Zugaben. Alles andere hätte mich auch stark gewundert. Den Nachschlag bekamen wir dann auch, und DIRTY BLUE hinterließ ein begeistertes, aber wohl auch ziemlich ausgepowertes Publikum.

Dies wurde im Anschluss an den Auftritt von DIRTY BLUE deutlich, denn noch bevor die letzte Band des Abends die Bühne betreten konnte, machten sich viele Gäste bereits auf den Heimweg. Dabei hatte die BLIND CHICKEN BLUES BAND ihren Auftritt doch noch vor sich. In den neuen Tag wollte die Band um den Gießener Musiker Walter Gödde das Publikum begleiten. Trotz dieses für die "Blinden Hühner" wahrscheinlich nicht schönen Erlebnisses, betraten die vier Musikanten die Bühne:

Walter Gödde (Gitarre)
Jochen Graf (Gitarre, Gesang)
Thomas Welling (Bass, Gesang) und
Norbert Madry (Schlagzeug)

f 20131125 1830641752Die BLIND CHICKEN BLUES BAND hatte es dann auch schwer, die letzten Konzertbesucher zu begeistern. Wenn man es beim Namen nennen will, dann kann man nur sagen: "Die blinden Hühner" fanden am Samstag kein Korn. Leider war die Kapelle musikalisch - für meinen Geschmack - auch auf der falschen Veranstaltung. Es war ein Bluesfestival, aber die Band spielte lupenreinen Rock. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie mit Coversongs wie z. B. von Jonny Winter nicht mehr den Nerv der Leute trafen.

Was ist von dem Abend hängen geblieben? Zuallererst der Auftritt von CHRIS KRAMER. Sowohl mit seinem eigenen Programm, als auch mit dem Auftritt bei der DIRTY BLUE Band. Das Festival hat insgesamt eine Menge Spaß gemacht und wenn man unbedingt etwas kritisieren möchte, dann muss man dafür schon etwas länger nach einem Grund suchen. An der Musik gab es jedenfalls nichts zu meckern. Lediglich für den Ausschank sollte eine andere Lösung gefunden werden. Am Samstag war dieser nämlich vorne rechts vor der Bühne. Das Rumgerenne störte schon etwas und wurde im Verlauf des Abends leider auch nicht besser. Wenn sich das ändern lässt, sollte man es für die sechste Ausgabe des Bluesfestivals auch tun. Ansonsten gab es nichts, worüber man sich hätte ärgern oder gar beschweren müssen. Die Preise im "Haus Oe" sind absolut in Ordnung. Das Team ist unheimlich freundlich und immer für einen da. Und wenn wir über Geld sprechen müssen, dann dürfen die 5,00 Euro, die man am Einlass zu zahlen hatte, wohl als Freundschaftspreis interpretiert werden. Es wäre den Organisatoren zu wünschen, dass in Zukunft mehr Leute von diesem Freundschaftsangebot Gebrauch machen würden, als am Samstagabend. Wir kommen nächstes Jahr aber sehr gerne wieder!

Bericht:
Christian Reder

Fotos:
Elmar Rahn (alle Live-Fotos)
Pressematerial (Textillustration)





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Bitte beachtet auch:

- Off. Homepage von Chris Kramer: www.chris-kramer.de
- Off. Homepage von Dirty Blue: www.dirtyblue.de
- Off. Homepage von Blind Chicken Blues Band: www.blindchicken.de
- Homepage des 'Haus Oe' in Castrop: www.haus-oe.de





Fotostrecke:
 
 
Crazy Chris Kramer:
 
 
 
 
Dirty Blue
 
 
 
 
Blind Chicken Blues Band
 
 
 
 
 
 

Videoclip:

"Meister Igel"





   
   
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