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Nach dem Konzert habe ich mich gefragt: Wie soll man ein durchdesigntes, atemberaubend gutes Konzert angemessen beschreiben und dem gerecht werden, was Auge und Ohr wahrgenommen haben? An diesem Abend hätte man neue Attribute erfinden müssen.a 20131108 1171818475 Zum Beispiel mit einer Lightshow, bei der man keine Laserkanonen vermisste. Mit einem Edelsound, der keine Wünsche offen ließ und zum Glück nicht ohropaxträchtig war. Daher kann ich einen Konzertbesuch uneingeschränkt empfehlen und man verstünde besser, was ich meine ...

Beim Besuch des Konzertes am 26. März 2013 in München (siehe Bericht HIER) konnte ich nicht ahnen, dass Mastermind Steven Wilson erneut Deutschland bereist, mit zum Glück etwas veränderter Setlist. Diesmal kam er in die Universitäts- und Siemensstadt Erlangen.

Mr. Wilson beschenkte sich selbst, aber vor allem die fast 1.000 Fans, die die Halle in typischem Beton-Kongresszentrum-Stil bevölkerten. Schließlich feierte er an diesem Tag seinen 46. Geburtstag. Vor dem Gig wurde eine üppige Sahnetorte verspeist, was Wilson dazu bewegte, die Zuschauer vorzuwarnen, dass er und Band an diesem Abend etwas träge sein könnten. Steven Wilson ist übrigens schon länger davon abgekommen, nur Stehplätze anzubieten, sicher um die Aufmerksamkeit an seinen oft komplexen und anspruchsvollen Kompositionen zu steigern und den Genuss zu erhöhen.

Genau 20 Minuten vor Konzertbeginn startete eine raffiniert gemischte Hintergrundprojektion mit Straßenszenen, bei denen sporadisch Fußgänger zu sehen waren. Pünktlich um 20:00 Uhr betrat Steven Wilson allein mit Akustik-Gitarre die Bühne und begann - für viele Zuschauer sicherlich überraschend - mit "Trains" aus dem Repertoire seines im Jahr 1987 ins Leben gerufenen und bekanntesten Projekts PORCUPINE TREE. Diese Formation liegt seit seinen großen weltweiten Soloerfolgen auf Eis und wird nach eigenen Aussagen Wilsons in absehbarer Zeit kein Comeback feiern.

b 20131108 1215436144Nach dem außergewöhnlich gemächlichen Konzerteinstieg folgte das brachiale "Luminol", das den Musikern mit seinen vertrackten Passagen und ständigen Tempiwechsel vieles abverlangte. Die jetzige Bandbesetzung ist aber glücklicherweise vom Allerfeinsten. Wilson weiß die Besten der Prog-Rock-Szene um sich zu scharen, um mit ihnen das Optimum seiner musikalischen Intensionen umsetzen zu können. Allein Nick Beggs am Bass war ein Erlebnis für sich. Nicht, weil er diesmal unbezopft war und die langen hellen Haare über die Schultern hinunter wallen ließ. Nein, seine Art, die Saiten mit beiden Händen zu bearbeiten, sie anzutupfen, auf ihnen herumzuhämmern. Es war eine Augen- und Ohrenweide für sich. Manche Bassisten stehen ja meist unbeweglich auf dem gleichen Fleck. Nick durchlebte seinen Part, bog sich manchmal fast bis zum Bühnenboden.
Gitarrist Guthrie Govan (‚The Aristocrats'), einer der weltweit besten Gitarristen, gab virtuos alles, genau wie Theo Travis an Querflöte und Saxophon, der dem Sound bei manchen Stücken durchaus ein ‚Jethro Tull'-Gepräge gab, und Adam Holzman am Keyboard. Chad Wackerman, ehemaliger Drummer von Frank Zappas Band, sprang aushilfsweise für Marco Minnemann ein, der zeitgleich mit Joe Satriani auf Tour war. Und da war natürlich noch Protagonist Steven Wilson, wie immer barfüßig, der mit E-Gitarre, akustischer Gitarre und am kleinen Keyboard das ganze Spektakel abrundete und mit seinem unverkennbaren, hingebungsvollen Gesang glänzte.

Wilson war an diesem, seinem Tag, besonders gesprächig. Den Gitarristen ließ er z.B. verschiedene menschliche Stimmungen ausdrücken, die man durch die Gitarre transportieren kann. Dazu erzählte er kurze Beispielgeschichten. Weiter sprach er davon, dass vor 50 Jahren das Mellotron erfunden wurde, das fast perfekt ein ganzes Orchester imitieren könne. Beatles-Kundige erkannten sofort die ersten Takte aus "Strawberry fields forever", diesmal dargeboten von Keyboarder Holzman. Es klang haargenau so wie auf der Originalplatte. Übrigens gehörten ‚Moody Blues' zu den ersten Beatgruppen, die das Mellotron bevorzugt einsetzten.

Aber zurück zur Setlist: Natürlich durften Stücke wie "Postcard", "The Holy Drinker" oder "Drive Home" (gerade ist die "Drive Home" EP als CD- und Blu-Ray-Version mit Live-Stücken erschienen!) nicht fehlen. Im Anschluss wurde ein brandneuer, sich noch im Feinschliff befindlicher und namenloser Song aufgeführt, der (mal wieder) an der 15-Minuten-Marke kratzte.c 20131108 1309831356 Anfangs mit Elektro-Elementen und ruhigen Gesangspassagen ausgestattet, nimmt der Neuling nach einigen Minuten immer mehr an Fahrt auf und entwickelt sich zum bisher härtesten Solosong Wilsons. Die beiden Porcupine Tree-Alben ‚In Absentia' und ‚Deadwing' lassen grüßen!

Wie schon auf der ersten, das aktuelle Album "The Raven That Refused to Sing" begleitenden Tour fiel zum Einführungsvideo zu "The Watchmaker" gegen Mitte des Konzerts ein großer transparenter Vorhang. Schöne, fast gespenstische Lichteffekte unterstützten in der Folge die musikalische Darbietung und auf den Vorhang wurden traumhaft schöne Videosequenzen projiziert, die unheimlich plastisch gerieten. Natürlich alles im richtigen Taktverhältnis zur Musik. Ab der letzten Sequenz des Instrumentalstückes "Sectarian" hieß es dann wieder "Freie Sicht auf die Bühne!".

Aus seiner ersten Solo-CD "Insurgentes" war wieder der Dauerbrenner "Harmony Korine" vertreten, ein fetziger Titel ohne Verfallsdatum. Auch "Raider II" fehlte seit Beginn der Solo-Touren im Jahr 2011 noch nie auf einer Setlist, allerdings wurde dieser für die aktuellen Auftritte von seinen original 23 Minuten auf 15 Minuten abgespeckt, wohl um den Fans mehr Material im stetig wachsenden Solo-Sortiment anbieten zu können.

d 20131108 1852953842Nach dem wunderbaren Titelsong zum aktuellen Album und zwei Zugaben, darunter mit "Happy Returns" ein weiterer neuer Song - eine etwas unspektakuläre Ballade, die wohl den Weg auf die nächste CD finden wird - verabschiedeten sich die Musiker nach dieser grandiosen audiovisuellen Show.

Fans hatten ein großes Banner mit Geburtstagswünschen vorbereitet und überreichten es Steven auf der Bühne. Lange "Standing Ovations".

Setlist
(Intro Video)
Trains (Porcupine Tree, akustische Version)
Luminol
Postcard
The Holy Drinker
Drive Home
Neuer Song (diesmal vorgestellt als "Regret No. 5")
(The Watchmaker Video)
The Watchmaker
Index
Sectarian
Harmony Korine
Raider II (15-minütige Version)
The Raven That Refused to Song
--------
Remainder the Black Dog
Happy Returns (neuer Song)
(Outro - Ljudet Innan - Storm Corrosion)

 
 
Bericht:
Gerd & Thomas Müller

Fotos:
Gerd Müller





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Termine:

22.11.2013 - Lübeck - Rolling Stone Weekender
23.11.2013 - Aarhus (DK) - Train
29.11.2013 - Posen (PL) - MTP2 Hall Poland
30.11.2013 - Zabrze (PL) - House Of Music And Dance

Alle Angaben ohne Gewähr! Dies sind nur die Termine in Deutschland und im
angrenzenden Ausland. Nähere Infos und weitere Termine auf Stevens Homepage.



Bitte beachtet auch:

- Off. Homepage von Steven Wilson: www.stevenwilsonhq.com
- Homepage der Heinrich-Lades-Halle in Erlangen: www.ekm-erlangen.de




Fotostrecke:
 
 
 


Videoclips:

Tour-Trailer:


"The Watchmaker" (live)


"Drive Home" (live)


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