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Blues am Rand e.V.
In manchen Gegenden weitab der großstädtischen Hektik und Betriebsamkeit ist es für den Liebhaber von gepflegter Livemusik, egal welcher Coleur und Stilistik, gar nicht so einfach, seine Bedürfnisse zu befriedigen.a 20130916 1387746807 Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die Jugend zieht es vor, ihr Lebensglück eben nicht in der ländlichen Idylle, sondern eher in den Ballungsgebieten zu suchen, was wiederum zur Folge hat, dass in den Dörfern und Kleinstädten eventuell noch vorhandene Clubs und/oder Tanzschuppen dicht gemacht werden. Damit gibt es also schlicht und einfach auch keine brauchbare Location mehr, um vielleicht doch hin und wieder mal einen kulturellen Höhepunkt im Gemeindeleben setzen zu können. Von den finanziellen Gegebenheiten mal ganz zu schweigen.

Umso bemerkenswerter finde ich es immer wieder, wenn sich mancherorts dann doch mal ein paar Mutige zusammenraufen, um dieser Tristesse ein Ende zu bereiten. So geschehen 1997, als sich im 40 Kilometer südlich von Berlin gelegenen kleinen Dörfchen Wernsdorf ein paar Musikverrückte daran machten, einfach so aus Spaß kleinere Bluesfeten zu organisieren. Die Sache entwickelte sich nach und nach weiter und gipfelte in einem Festival, dem "Blues Open Air Niederlehme", was in diesem Sommer nun bereits die zehnte Auflage erlebte und immerhin fünfhundert Fans aus ganz Deutschland anzog. Solche Besucherzahlen würde sich manch ein Veranstalter aus dem nahen Berlin wünschen. Mittlerweile liegt die Organisation dieser Geschichten nur noch in den Händen von drei Unentwegten, die sich vor etwa drei Jahren zum Verein "Blues am Rand e.V." zusammenschlossen und somit nun auch einen ordentlichen Background haben, um ihre Liebe zum Blues ausleben zu können. Homi, Mowgli und Mond - unter diesen Namen kennt man die drei - wollen sich aber mit dem Erreichten nicht zufrieden geben, und so versucht man, neben dem jährlichen Festival auch andere musikalische Duftmarken in der Region zu setzen und somit die Livemusik am Leben zu erhalten. Als bisherigen Höhepunkt ihrer Bemühungen gelang es dem Verein jetzt, Altmeister JÜRGEN KERTH für einen Gig nach Wernsdorf zu locken, und auch Deutsche Mugge wurde eingeladen, an diesem Fest teilzuhaben. Unsere drei wackeren Veranstalter Homi, Mowgli und Mond mussten allerdings diesmal erfahren, dass man manchmal - trotz aller Bemühungen - auch ins Klo greifen kann, und dass am Ende des Tages nicht immer nur die Sonne scheint. Doch dazu mehr im Laufe des Berichtes.

Acoustic Blues in Perfektion
Das "Gasthaus zur Linde" fungierte erstmals als Location für eine vom "Blues am Rand e.V." organisierte Veranstaltung. Das bisher oft genutzte Vereinsheim des örtlichen Bikerclubs stand aus verschiedenen Gründen nicht zur Verfügung, und es bot mit ca. 80 Plätzen auch nicht die nötige Kapazität, um einen Konzertabend dieser Kategorie aufzunehmen.c 20130916 1728580887 Also versuchte man sich mangels anderer Alternativen im besagten "Gasthaus zur Linde". Als ich dort eine Stunde vor Beginn eintraf, wurde ich freundlich begrüßt, war aber noch ziemlich allein im mir relativ groß erscheinenden Saal. Überhaupt hatte ich einige Zweifel, ob bei der Stellweise der Tische, die weit weg von der Bühne standen, so etwas wie Bluesfeeling aufkommen würde, denn diese Musik lebt von der Nähe und dem Kontakt der Musiker zum Publikum. Aber eine Legende wie JÜRGEN KERTH würde die steife Atmosphäre schon auflockern, da war ich mir sicher.

Nachdem sich das weite Rechteck des Gasthauses dann doch gut gefüllt hatte, betraten zunächst zwei Berliner Musiker die Bühne. Michael "Harry" Blochel und Andreas "catfish" Krambach sind in der hauptstädtischen Bluesszene alte Bekannte. Blochel kennt man u.a. als Frontmann der Bluesrockband TONY JACK, während Andreas Krambach derzeit meistens solo unterwegs ist. Seit 2009 bilden sie zusammen das Duo SLIDE RIDERS. Ihre Vorliebe für die Urväter des Blues, als da z.B. wären ROBERT JOHNSON, MUDDY WATERS oder WILLIE DIXON, ließen sie zu großen Teilen in ihr Programm einfließen. Glücklicherweise wurden die Sachen nicht als 1:1-Kopien runter gespielt, sondern ganz viel Improvisation und eigene Arrangements sorgten für neue, frisch klingende Interpretationen der oftmals Jahrzehnte alten Nummern. Keine Spielart des Blues wurde dabei verschont, so dass keinerlei Langeweile aufkam, obwohl das Programm sich ausschließlich auf die akustische Variante beschränkte. Ich habe in der Vergangenheit durchaus schon Probleme gehabt mit manchen Akustik-Blues-Darbietungen. Was die SLIDE RIDERS ablieferten, gefiel mir aber ausgezeichnet. DIXONs "Ma Babe" wurde dabei zunächst mein Favorit. Doch nur bis zum nächsten Song, der DOORS-Nummer "Love me two times", die richtig reinhaute. Großes Kino! Ständig tauschten die beiden ihre Gitarren, vor allem Krambachs Dobro sorgte für eine tolle Klangfarbe. Auch die ab und zu eingesetzten Mundharmonikas, und vor allem der hin und her wechselnde Leadgesang brachten eine Menge Vielfalt ins ca. 90-minütige Set. Nur zwei Dinge störten mich von Anfang bis Ende: zum einen die Dunkelheit auf der Bühne, die es fast unmöglich machte, Fotos zu schießen.d 20130916 1491867702 Auch ein gutgemeinter Hinweis von Michael Blochel, dem mein Ärger darüber nicht verborgen blieb, in Richtung Technik änderte nichts daran. Und dann diese unglaubliche Unruhe im Publikum! Die beiden Musiker bekamen zwar davon nicht viel mit, wahrscheinlich weil die Bühne viel zu weit weg war, aber mich hat dieses ungenierte und laute Geplapper und Gelächter an zwei großen Tischen enorm genervt. So etwas ist absolut respektlos gegenüber den Musikern, die sich alle Mühe gaben, ihr Publikum zu erreichen und zu unterhalten.

Im zweiten Teil ihres Sets holten mich die SLIDE RIDERS vor allem mit ihrer hervorragenden Version der nicht ganz so bekannten J.J. CALE-Nummer "Rock'n'Roll Records" ab. Und mit dem letzten Song, der "Don't let me down" hieß, zeigten die zwei Gitarrenvirtuosen, dass sie sich auch mit ihren gelungenen Eigenkompositionen nicht verstecken müssen. Hier begeisterte Andreas "catfish" Krambach noch einmal mit einem grandiosen Sololauf auf seiner Dobro. Und schon wurden die SLIDE RIDERS mit herzlichem Applaus verabschiedet. Für mich gehörte dieser Auftritt zum Besten, was ich in letzter Zeit im Bereich Akustik-Blues erlebt habe. Da waren zwei handwerklich perfekte Meister am Werk, die mich sehr gut unterhalten haben, und die weiß Gott mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten, als ihnen Teile des Publikums entgegenbrachten.

Eine Legende in Wernsdorf - mit einigen Ärgernissen
Man kann ihn getrost und ohne Übertreibung als Legende bezeichnen, den Erfurter Blues-Gitarrero JÜRGEN KERTH. Vor ein paar Wochen 65 geworden, fliegen seine Finger nach wie vor in ungebändigter Lust über die Saiten und können es mit jedem in seiner Zunft aufnehmen. Wo er auftritt, zieht es die mit ihm in Ehren ergrauten Bluesfans hin, und man schwelgt gemeinsam zwei Stunden lang in Erinnerungen an jede Menge Klassiker aus der KERTHschen Feder.e 20130916 1081297496 Mit dabei waren diesmal Sohnemann Stefan am Bass sowie am Schlagwerk wieder einmal Mr. Feuerwerk persönlich: Ronny Dehn. SILLY pausiert derzeit, ehe es Ende November mit einer Hallentour weitergeht, so dass Ronny Zeit hat, sich auch mal anderweitig zu betätigen. Als besonderen Gast konnten die Wernsdorfer einen Musiker begrüßen, mit dem JÜRGEN KERTH schon vor vielen Jahren mal in einer Band spielte: Ralf "Bombe" Bomberg. Homi, einer der drei "Blues am Rand"-Veranstalter, hatte die Idee dazu, die beiden nach ...zig Jahren mal wieder gemeinsam auf eine Bühne zu bringen. Und dieser Coup gelang. "Bombe" erwies sich als ein exzellenter Zauberer auf der Bluesharp und streute immer wieder gelungene Soli in die Titel ein.

Für mich war es in diesem Jahr bereits die dritte Gelegenheit, JÜRGEN KERTH live zu erleben. Langweilig würde es aber keinesfalls werden, da war ich mir sicher, denn kein KERTH-Konzert ist wie das andere. Schon allein deshalb, weil es keine Setliste gibt. Ein Ritual haben aber die Gigs des Thüringer Ausnahmegitarristen dann scheinbar doch: sie beginnen alle mit der "Komm..."-Trilogie. Soll heißen, gestartet wurde wie so oft mit dem Bluesschleicher "Komm herein", ehe mit "Komm zurück" die Schlagzahl deutlich erhöht wurde, und mit "Komm Papa" die Abteilung Funk-Blues zu ihrem Recht kam. Ich liebe diesen Song, nicht nur wegen seines mitreißenden Rhythmus, sondern auch, weil KERTH "Komm Papa" immer zur ersten überlangen Nummer des Abends ausufern lässt. Das Ding wollte einfach kein Ende nehmen, und verleitete die ersten der mittlerweile im Halbkreis um die Bühne postierten Zuschauer dazu, in tanzende Bewegungsabläufe zu verfallen.

So sehr der überwiegende Teil des Publikums auch immer mehr in Stimmung kam und sich an Songs wie dem "Blues vom Blues", dem herrlich swingenden "Ich finde keine Ruh", oder dem letzten Song vor der Pause, dem Hendrix-Cover "Red House" erfreute, genauso sehr störte mich der unendlich miese Sound, der fast schon eine Beleidigung für meine Ohren war. Vielleicht bin ich ja durch meine vielen Konzertbesuche verwöhnt, das mag sein. Aber ganz ehrlich: die Akustik im "Gasthof zur Linde" war echt übel. Und ich weiß, mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da. Die Ursachen dafür waren vielfältig, wie ich aus einigen Gesprächen während der Pause heraushören konnte. Ich will das jetzt auch nicht breittreten, denn die Aufarbeitung dieser Dinge ist Sache der Veranstalter. Aber wenn selbst der Tontechniker ratlos war, wie er diesen Soundbrei bereinigen sollte, gibt das schon zu denken. Bei den SLIDE RIDERS fiel mir das nur bedingt auf, aber bei JÜRGEN KERTH und seinen filigranen Soloeinlagen braucht es schon einen wohlklingenden Sound, um die Feinheiten seines Spiels richtig genießen zu können.

Ich vermute mal, der Band sind diese Ärgernisse nicht verborgen geblieben, zumal etliche Leute vorzeitig den Saal verließen, was mit Sicherheit nicht an JÜRGEN KERTH und seinen Songs lag. Dennoch spielten JÜRGEN und Co. natürlich ihr Set professionell zu Ende. Es gab noch einige Highlights, unter anderem das Instrumental "Frühlingsmelancholie", die beiden Dauerbrenner "Helmut" und "Martha", und vor allem natürlich "Hey junge Mutti", was wohl nicht nur mein absoluter KERTH-Favorit ist.f 20130916 1450313390 Wie üblich trat der Meister immer wieder ganz nach vorne an den Bühnenrand, schloss die Augen und ließ die Saiten seiner "Einen" vibrieren, dass es eine Freude war. Eigentlich sollte dann nach der Liebeserklärung an seine Klampfe ("Ich liebe die Eine") Schluss sein, da JÜRGEN noch einen weiten Heimweg vor sich hatte, aber die jubelnden Fans erklatschten sich noch eine weitere Zugabe, bevor gegen 0:30 Uhr dann wirklich der letzte Ton verklang.

Fazit
Ich hatte mich auf den Abend gefreut. Mich erwartete eine Location, die ich noch nicht kannte, dazu war ich neugierig auf die SLIDE RIDERS, und ein JÜRGEN KERTH-Konzert ist sowieso immer ein Leckerbissen. Letztlich lohnte sich die Fahrt nach Wernsdorf in musikalischer Hinsicht auch absolut. Wer wie ich auf ein paar Stunden hochwertige Bluesmusik gehofft hatte, wurde absolut zufriedengestellt. Für die tanzenden Zuschauer mögen die erwähnten Mängel keine große Rolle gespielt haben, doch mein persönlicher Genuss wird schon sehr getrübt, wenn ich von einem Sound und einer Akustik erschlagen werde, die für ein solches Konzert absolut indiskutabel sind. Von der provisorischen Bühnenbeleuchtung rede ich gar nicht erst. Die war auch ursächlich schuld daran, dass ich nach meinen ersten Fotoversuchen die Kamera wieder einpackte und auf Fotos vom Gig verzichtete. Wer Live-Fotos von JÜRGEN KERTH sehen möchte, klicke sich deshalb bitte auf unsere August-Berichte von der East Blues Session oder vom Impro-Revival. Ich wünsche Homi, Mond und Mowgli, den drei sympathischen Veranstaltern vom "Blues am Rand"-Verein, jedenfalls in Zukunft mehr Glück bei der Auswahl ihrer Veranstaltungsorte, denn obwohl mir ein diesbezügliches Urteil nicht zusteht, behaupte ich einfach mal, dass das "Gasthaus zur Linde" unter den derzeitigen Voraussetzungen als Konzertlocation nicht taugt.

Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer (alle Live-Fotos)
Pressematerial (Textillustration)




Über diesen Bericht könnt ihr in unserem Forum diskutieren.




Termine:

Slide Riders:
25.10.2013 - Trebsen - 65. Bluesnacht / Rittergut
09.11.2013 - Berlin - Speiches Blueskneipe
21.11.2013 - Berlin - Freie Universität
23.11.2013 - Sangershausen - Rüssel Pup
29.11.2013 - Trittau - Alter Bahnhof
14.12.2013 - Zingst - Kon Tiki

Jürgen Kerth:
12.10.2013 - Schwerin - Speicher
26.10.2013 - Blankenberg - Kino Blankenberg
01.11.2013 - Berlin - Kulturzentrum Marzahn
09.11.2013 - Greiz - Reißberg 04
15.11.2013 - Leipzig - Tonelli's
16.11.2013 - Hainichen - ohne Ortsangabe
30.11.2013 - Neustadt/Orla - Wotufa
06.12.2013 - Suhl - Kulturzentrum (mit Bernd Kleinow)

Alle Angaben ohne Gewähr. Nähere Infos auf der jeweiligen Künstler-/Bandhomepage



Bitte beachtet auch:

- off. Homepage von Jürgen Kerth: www.kerth-music.de
- off. Homepage der Slide Riders: www.slide-riders.de
- Homepage des Vereins "Blues am Rand e.V.": www.bluesamrand.de
- Portrait über Jürgen Kerth: HIER




Live-Impressionen

 
Slide Riders:
 
 
 
 
Jürgen Kerth:
 
aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse gibt es 
bis auf die Bilder in der Textillustration keine Fotos
von Jürgen Kerth, seiner Band & "Bombe" Bomberg




   
   
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