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Bericht:
Hanni Möller

Fotos:
Hanni Möller






"Die Breiten" rocken die Internationale Gartenschau IGS


„Ich bin hart wie Marmelade, ich bin zäh wie Himbeergelee.“ Wer kennt diese 33 Jahre alte Zeile nicht?! Am Sonntagabend wehte sie live durch Hamburgs große Blumenschau in den strahlend blauen Himmel, wo Extrabreit ein kurzes und frühes Gastspiel im Rahmen des Begleitprogramms der IGS (Int. GartenSchau) gaben. Drei größere Open-Air-Bühnen finden sich auf dem großen Gelände in Hamburg-Wilhelmsburg, die i.d.R. mit Stuhlreihen unter den überdachten Bühnenvorplatz versehen sind.a 20130831 1480829483 Für Extrabreit fand man aber schriftliche Hinweise, "Bitte keine Stühle aufzustellen", doch sammelten sich ca. eine Stunde vor dem Konzert viele Besucher Sitzgelegenheiten aus diversen Ecken zusammen, um sich im weiteren Abstand zwischen Altes-Land-Pavillion und Bratwurststand etwas gemütlicher einzurichten. Viele waren nur für das bevorstehende Konzert gekommen, auch aus dem Ruhrgebiet und der Heimat der Band fand man Leute, die aber oft im fortgeschrittenen Alter befindlich doch nichts gegen ein Sitzmöbel einzuwenden hatten.

Bereits um 18.30 Uhr sollte das Konzert beginnen, was auch pünktlich eingehalten wurde. Zwei Stunden eher gab es einen kurzen Soundcheck, der bereits hier und da Jubel auslöste und aus dem Kai Havaii sich locker mit dem Spruch verabschiedete „Bis später dann“. Zwei volle Songs reichten der Band zur Probe; zwei Songs, die es in sich hatten und das eigentliche Konzert fast schon übertrafen: denn da waren sie schon – die Zeilen um Marmelade und Himbeergelee, die hier mal extrem langsam und sehr geschmeidig intoniert wurden und einem so das Gefühl überkam, dass alle fünf Musiker großen Spaß am musikalischen Experiment hatten. Ich war hin und weg von Havaiis Stimme, der einen mehr als coolen Auftritt hinlegte. Beide Gitarristen, der jüngere Bassist und der Schlagzeuger waren dazu eine extrem routinierte Band, alles war locker und spielfreudig und gut versorgt. Ihr eigener Tonmann gab sich dann auch große Mühe mit all seiner Erfahrung, um ihren speziellen Sound zu arrangieren. Heraus kam ein Klang, der den Ohren freudig entgegen rauschte: jedes Instrument hatte Platz und Raum und kein Bass war da, der einem die Luft zum Atmen nahm. Die Lautstärke direkt am Bühnenrand war recht hoch aber schmerzfrei, und so war die Vorfreude groß, als sich der Platz füllte mit Fans und Blumenseelen.

b 20130831 1199309226Ihre 19 Songs an diesem Abend in einer Stunde und 20 Minuten folgten dann wie ein Gewitter aufeinander, der Beat war oft schnell und schneller, und nur bei den vier Stücken "Polizisten", "Junge, wir können so heiß sein", der ersten Minute von "Hart wie Marmelade" und "Der Präsident ist tot" kamen die langsameren Passagen durch die Boxen. Für mich hätten sie noch mehr Tempo rausnehmen können, weil um diese immer noch aktuellen Textzeilen dann eine besondere Qualität entsteht, wodurch die Songs mehr Kraft bekämen. Aber "Polizisten" wurde dennoch stark zelebriert, bekam viel Raum und Zeit sowie ein langes Gitarrensolo geschenkt (in das sich „Painted Black“ von den Stones einschlich). Der Rest des Abends verflog im Nu. Das Publikum war begeistert und sang Passagen ausführlich mit, als Kai Hawaii schwieg. Opener des Abends war "Glück & Geld", das auch schon zur Probe zu hören war. Es folgte viel Material aus den frühen 80ern und nur wenig aus dem reichhaltigen Repertoire der letzten zwei Jahrzehnte bzw. vom letzten Album aus dem Jahre 2011, was schade war. Denn seit ihren berühmten Anfängen haben sie einige gute Platten gemacht, neben den Ausflügen mit Juhnke und der Knef, die es verdient hätten, auch live gebracht zu werden. Ein reines Abfeiern von "Flieger" und "Hurra die Schule brennt" ist mir auf die Dauer zu wenig, aber dies mag anders sein, wenn man ein „echtes“ Extrabreit-Konzert besucht und sich nicht in einem zeitlich gequetschten Rahmen wie aktuell auf der Gartenschau befindet. Das letzte Band-Konzert, das ich besucht hatte, war Mitte der 90er, und ich habe es in guter Erinnerung, weil mir da schon Klang und Sound angenehm aufgefallen waren - mitten im Punk- und NDW-Wiederaufleben. Und eigentlich reiht sich das 2013er Konzert in HH um meine gesamten Erfahrungen der Band ein, wo ich immer positiv erstaunt war über Produktion und Klang, da es weit entfernt ist von dem, was z.B. Nena heutzutage auftischt. Und nicht zu vergessen Extrabreit live & unplugged, die ich im Rahmen der Lesetour zu Kai Havaiis Buch von ihm und dem Gitarristen Stefan Kleinkrieg vor vier Jahren miterlebt hatte. Ein Wahnsinn, der mir da damals an die Ohren kam: so intim und direkt in einem kleinen Saal mit einer Handvoll Leute, dass mir jetzt noch Gänsehaut und mehr entsteht. Nicht zuletzt diese Hingabe in die Songs suchte ich natürlich auch irgendwie jetzt in HH, und irgendwie fand ich neben all der Routine und Coolness nah vor der Bühne stehend auch diesen intensiven Kai Havaii, wie seine Hand und sein Arm auch im Stillstand pulsierten und seine Stimme alles gab. Ein weißes Handtuch wischte ab und zu über sein verschwitztes Gesicht. Gitarrist Bubi Hönig war neben Kleinkriegs Les Paul saitengewaltig, und seine Instrumente (Telecaster und Gibson) waren tonangebend für das, was den Songs neben dem Gesang die Seele gibt. Gewürzt wurde der Abend mit Kai Havaiis kleinen Ansagen, die typischer für ihn nicht hätten sein können.

c 20130831 1526673826Nachdem vier Songs gespielt waren, fiel die Begrüßung mit „Ist das geil“ aus. Zuvor war die Band direkt vom Sprung auf die Bühne in den ersten Song gefallen, bis das sechste Stück, als „Bullenblues“ angekündigt, kam und mit einem „Dankeschön“ verabschiedet wurde. „Polizei-ei-ei-ei-ei“ hallte es dazu im letzten Takt aus dem Publikum im Chor. „Der Präsident ist tot“ wurde bemerkt mit der Aussage, dass nu etwas käme, das gemein sei, aber es sein müsse. Und dann erzählte Havaii vom letzten Besuch der US Army hier, es wäre auch so ein sonniges Wetter wie heute gewesen, und es war 1945, es gab viele Romanzen damals und natürlich „Besatzungskinder“. So heißt auch der Song vom letzten Album, und Havaii bedankte sich anschließend: „Vielen Dank, Ihr seid sehr charmant, die Nummer kennt kaum einer, sie ist vom letzten Album.“ Und zwei Songs später hieß es als Ankündigung: „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, sonst hängen sie ihn auf.“

Ungefähr nach der Hälfte der Zeit machte er eine kleine Pause und kündigte Stefan Kleinkrieg an, der seinen Teufel besang, indem er ihn grüßen ließ und der ihm aus der Hand fräße. Zurück auf der Bühne fand Havaii Worte um ihr erstes Stück: es wäre nicht zu fassen, dass das nun 33 Jahre her wäre. Er hätte heute schulpflichtige Kinder entdeckt und sie sollen sich nicht sorgen, sie würden gleich verarztet. Das bezog er auf „Hart wie Marmelade“, die nun nach dem langsamen Beginn ähnlich der Probe immer schneller am Ohr klebte. Und schon folgte der nächste kernige Spruch: „Vielen Dank Leute, ist ja nett hier: ein Abend wie Seide ... lass uns schnell was zündeln.“ Und jeder wusste, welches Lied nun kam: „Hurra die Schule brennt“. Später sprach er das Publikum mit „Liebe Blumenfreunde“ an und bedankte sich zum Schluss, dass es Spaß gemacht hätte:e 20130831 1497444248 es sei ein schöner Abend gewesen, und dass man sich vielleicht mal wieder sähe – am 30.12. in der Markthalle oder so. Er winkte dabei lange ins Publikum, die Bühne wurde leer, eine Minute forderte das Publikum die Zugabe, und als die Musiker zügig zurück kamen, fiel noch kurz Kleinkriegs Lieblingsgeräusch (Rückkopplung), bevor die Band nicht gehen konnte, ohne die tragischkomische Geschichte von Karl-Keinz-Jürgen („Junge wir können so heiß sein“). Und dann das endgültige Schlusswort „Danke Hamburg, danke Gartenschau, genießt den Abend“, das in die gerade untergehende Sonne fiel, die zuvor die Bühne in ein warmes Licht getaucht hatte, wo keine Lightshow Sinn gemacht hätte. Havaii verließ als erster die Bühne, während ein klasse Solo über die Telecaster die Verabschiedung umrahmte.

Ein leicht nostalgischer, fetziger, kurzweiliger Abend begleitete mich in Gedanken aus dem IGS-Gelände hinaus. Meinen Ohren ging es gut dank des guten Sounds, der allerdings im Open-Air-Rahmen nicht immer gleichmäßig daher kam, da doch der ein oder andere Windzug etwas Verzerrung hinein brachte. Die beiden Polizisten, die ich zuvor mal vorne an der Bühne im Publikum gesehen habe, begegneten mir nicht mehr. Trotzdem: der Text zum Polizisten-Song erscheint mir aktueller denn je und sei hier kurz skizziert, da er auch im Konzert den zeitmäßig und gefühlt größten Schwerpunkt setzte:

„Polizisten fahren stets zu zweit um dunkle Ecken durch die Nacht.
Polizisten müssen wissen, wer bei Nacht was Kriminelles macht.
Polizisten wissen, was zu tun ist, denn sie haben Funkverkehr.
Polizisten schießen, wenn sie wissen, dass sie müssen, aus Maschinengegenwehr.
Polizisten haben viele Pflichten, eine Frau und zwei Kinder.
Sie haben Angst vor Terroristen, denn sie ziehen oft nicht schnell genug.
Wenn sie von der Nachtschicht kommen, haben ihre Augen dunkle Ränder.
Und sie rauchen Milde Sorte, weil das Leben ist doch hart genug.
Tag und Nacht wird sie bei Dir sein: die Polizei.
Polizisten speichern, was sie wissen, elektronisch ein.
Alles kann ja irgendwann und irgendwo mal wichtig sein.
Polizisten wissen, was zu tun ist, denn sie haben Funkverkehr.
Polizisten werden jeden Tag und jeden Monat immer mehr.
Wenn du abends Eiscreme essend von der Tankstelle nach Hause gehst
Wenn Du morgens mit der neuen Bravo an der Haltestelle stehst
Kannst Du sie sehn, du kannst sie sehn, denn:
Tag und Nacht wird sie bei Dir sein: die Polizei.“

d 20130831 1240895266Die Songs des Abends in ihrer gespielten Reihenfolge:
1. Glück & Geld
2. Kleptomanie
3. Jeden Tag jede Nacht
4. Nichts ist wie immer
5. Rote Rosen
6. Polizisten
7. Der Präsident ist tot
8. Besatzungskind
9. Elvira
10. Wer die Wahrheit sagt ...
11. Teufel-Song
12. Hart wie Marmelade
13. Hurra die Schule brennt
14. 3D
15. Lottokönig
16. Annemarie
17. Flieger
18. Lottokönig
Zugaben:
19. Extrabreit
20. Junge, wir können so heiß sein

Wer es etwas schräg mag, nicht ganz taubstumm geworden ist und eine starke Stimme gebrauchen kann, der ist mit Extrabreit immer wieder gut versorgt. Altes und Neues ergänzen sich vibrierend frisch, was man so bei vielen der anderen NDW-Stars oder sonstigen singenden Bühnenbetretern nicht erfährt. Auch wenn die Stimmung manchmal etwas zu sehr ins Abfeiern kippt, steht die Band doch immer für eine gewisse Qualität und Wortgewandtheit, die Charme und Witz mit Politik und Lebenserfahrung paart und mit Kai Havaii einer der charismatischsten Sänger und Personen im deutschen Musikbusiness besitzt.



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Termine:

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11.09.2013 - Berlin - IFA
20.09.2013 - Essen - Turock
09.11.2013 - Hamm - Kulturwerkstatt
05.12.2013 - Moers - Bollwerk
06.12.2013 - Solingen - Cobra
07.12.2013 - Siegburg - Kubana
13.12.2013 - Nürnberg - Rockfabrik
14.12.2013 - Cham - L.A
19.12.2013 - Bensheim - Musiktheater Rex
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04.10.2013 - Potsdam - Lindenpark
09.10.2013 - Bremerhaven - Theater im Fischereihafen
16.10.2013 - Kassel - Joe's Garage

Alle Angaben ohne Gewähr. Weitere Infos und Termine auf der bandeigenen Homepage



Bitte beachtet auch:

- Off Homepage von Extrabreit: www.die-breiten.de
- Homepage der IGS Hamburg: www.igs-hamburg.de




Live-Impressionen:
 
 


Vor dem Konzert (incl. Soundcheck):

 
 
 
Konzert Extrabreit:
 

   
   
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