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Bericht: Hartmut Helms
Fotos: Hartmut Helms, Kunsthofgohlis (Kopfgrafik)





Vielleicht bin ich ein wenig von gestern, weil mir "alte" Werte und ein wenig mehr Nachdenken wichtig sind. Vielleicht aber auch, weil ich die Musik von gestern so sehr mag, die Umstände, wie sie entstanden ist und auch das WARUM des Liederschreibens. Auch das, was sie uns heute noch sagen könnten, diese Lieder. Vielleicht bin ich von gestern, weil ich nicht einfach alles, nur weil es einst in der DDR entstanden ist, an die Wand zu klatschen bereit bin, denn vieles davon haben Menschen geschaffen, solche Menschen, wie meine Eltern, solche wie ich es war und bin.a 20130513 1452692561 Deren Leben und meines gleich mit, die gehören nicht auf den Müll der Geschichte, sondern nur diejenigen, die uns damals die Umstände beschert haben. Deshalb sollte man das mit den Umständeverursachern von heute, der Vollständigkeit halber, auch gleich machen.

In dem Gestern, was ich meine, war Singen angesagt. Viele in jener Zeit wollten einfach nur singen, miteinander und füreinander. Diese Haltung und die Lieder, die damals entstanden, sind mir in Fleisch und Blut übergegangen, auch wenn so mancher Inhalt nicht mehr ganz oder - welch Ironie - schon wieder stimmt. Aber auch Irrtümer gehören zum Leben und aus Irrtümern kann man dann wieder neue Lieder machen. Das wusste auch Bob Dylan und der weiß weniger über die DDR, als ich von den USA. Wir brauchen diese Lieder für Bauch, Hirn und die Sinne, wider des Verblöden, "wie meine Mutter schon sagte". Mein Vater übrigens auch.
Einer von damals sang bei der Gruppe SCHICHT. Schicht wie Tag- oder Nachtschicht. BERND RUMP war so ein Schicht-Arbeiter und nach der Schicht sang er ab 1967 bei PASAREMOS, ehe er Begründer der Songgruppe der TU Dresden im Jahre 1970 wurde. Da kannte ich schon einige dieser Lieder und die Platte der 1975 gegründeten Gruppe SCHICHT wanderte in meine Sammlung zu den anderen. Da ist sie heute noch, bei den anderen.

Ganz viele Jahre später, an einem Sonntag wie diesem, packe ich mir wieder eine alte Single und die Langspielplatte von SCHICHT und setze mich in meinen Blechfreund, um einen Gegenbesuch bei einem zu machen, dem ich im Uniklinikum die Hand drücken durfte. Ist schon komisch, was einem manchmal widerfährt, der ohne Musik nicht kann und auch nicht will.c 20130513 1646355181 Mich treibt die Neugier zu erfahren, wie BERND RUMP heute klingt und wie sein Blick auf die Welt, die längst nicht mehr die gleiche ist, sein wird und auch, "was seine Mutter schon sagte". Vielleicht sind es ja die gleichen Sprüche, denn wir sind die gleiche Generation.

Seit langer Zeit mal wieder Kunsthofgohlis, das wohl geordnete bunte Durcheinander und endlich auch wieder Gesichter, die ich nicht erst ergründen muss. Wer hierher kommt, sucht solche Leute und hat sich die Neugier auf sie bewahrt. Schon beim Eintreten spürt man diese besondere Atmosphäre und so wird es den ganzen Abend über auch bleiben.

Als BERND RUMP das kleine Podest betritt, sind wie aus dem Nichts all die Assoziationen aus jenen Jahren plötzlich wieder da. Da vorn steht einer, Hose, Hemd und Jacke wie von damals, das schlichte Ebenbild von einem zwischen Rebell, Rocker und Intellektuellen, der gleich beweisen wird, dass ihm nur seine Worte wichtig sind, und so startet er mit seinem "Lebenslied", einem Lied aus dem Leben, zwischen Kommen und Gehen, gegriffen und mit "Staub im Mund". Vom Gehen eines Musikanten hatte ich gerade erst erfahren müssen und das Leben wollte, dass am gleichen Tag mein zweites Enkelkind das Licht dieser Welt erblickte. Da ist mir hier gleich bei den ersten Tönen kalt und heiß geworden. Beim nächsten, dem "Siebenlied", das nach seinen Worten knappe drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat, gleich noch mal und noch mal auch, als er dort vorn stehend von "Da war ein Land (das meinen Alltag durchbohrt)" sang und dieses Durchbohren wird er den ganzen Abend mit uns machen. Es geschieht, während er vor uns stehend, manchmal die Hände in die Hosentaschen steckt oder sie, wie für eine Umarmung, weit ausbreitet.e 20130513 1182021422 So erzählt er von "Nachkriegskindern" oder von einem "Herbsttag" mit den Worten von Rilke und deren Doppeldeutung für Mensch und Natur und neben ihm, beinahe unscheinbar, steht ISOLDE LOMMATZSCH, die WunderbunTde, und begleitet ihn, den Sänger manchmal unauffälig führend, auf ihren Tasten.

Zwischen den Liedern liest BERND RUMP ab und an eigene Texte oder verknüpft seine Lieder mit scheinbar lose dahin gesprochenen Gedanken und dann hört man plötzlich Sätze wie: "Es ist nicht mehr üblich, von denen zu sprechen, die unten sind. Außer in der Kunst." Da muss ich erst mal inne halten und Luft holen, obwohl dazu gar keine Gelegenheit bleibt. "Bäumchen" ist ein typisches Lied wie aus Singe-Zeiten und beim "Mann in dem Boot" fallen mit Sprachbilder wie "Es gleitet ein Mann mit dem Boot durch das Jahr" auf und als er von der kleinen "Jule" singt, so etwas wie: "Willkommen kleine Bürgerin im großen Tal der Lügen". Zum wiederholten Male regen sich Opagefühle in mir und die Gedanken sind bei meinen beiden kleinen Enkelkindern und auch dem, was für sie Zukunft sein wird.

Plötzlich steht dort vorn ein ganz anderer, ein lauter, fast verzweifelter Mann. "Blaulicht" geht mir dermaßen in die Knochen, dass es schon fast weh tut, während mir Schlagworte wie Sterbehilfe oder gar Organspende durch die Gedanken jagen: "Auch wenn er es gar nicht mehr will, findet es statt." Da kann man ganz schön ins Grübeln kommen, wenn man denn weiß, dass diese Zeilen aus dem Jahre 1978 stammen, dort natürlich einen völlig anderen Hintergrund hatten und im Heute eine ganz andere bittere Wahrheit aussprechen. Kunst ist es, wenn es zeitlos ist... ich brauche eine kleine Pause und alle anderen auch. Erst jetzt bemerke ich, dass auch BERND RUMP nicht ohne Wirkungen zu zeigen, nach unten steigt. Mann oh Mann, endlich mal wieder einer, der lebt, was er uns sagt und singt, und der auch hier zu Hause ist.

b 20130513 1492402000Die einen rauchen, die anderen suchen frische Luft, ich gehe ein paar Schritte. Mir geht so viel durch den Kopf und ich weiß, gleich wird er mir noch mehr hinein stopfen. Deshalb bin ich ja auch hier und drinnen dann singt er weiter. Diesmal von "Hoffnung" und davon, dass man uns die Hoffnung nicht nehmen kann, "denn für Hoffnung zahlt heute keiner mehr". Und um dem Ganzen noch einen drauf zu setzen, lässt er die Ballade von "Amerika" folgen. Das geht textlich alles wie in einem Zug, wie im Rausch vorbei und ich frage mich manchmal unwillkürlich, meint der jetzt richtig ernst oder ist es Sarkasmus? Sein verschmitztes Lächeln im Gesicht sagt, man möge sich etwas aussuchen. Doch das Klatschen der Hände neben und hinter mir lässt mich nicht zur Ruhe, gleich gar nicht zur Besinnung, kommen.

Erst jetzt - draußen wird es langsam dunkel - greift BERND RUMP zu seiner Gitarre. Er setzt sich auf einen Stuhl und von diesem Moment an sind die alten Bilder vom Liedermacher wieder da. So saßen sie einst in unserem Klub "DIE STUBE" direkt vor uns und sangen ihre Lieder. Von JÜRGEN EGER, über REINHOLD ANDERT bis GERHARD GUNDERMANN und ich weiß nicht einmal mehr, ob er auch dort war. Jetzt singt er uns seine Geschichte von der "Loreley" und wieder fällt mir der Hinter- und Doppelsinn auf, der die Texte von RUMP so einzigartig macht. Er besingt "Die Alte aus dem 3. Stock" und, obwohl noch lange nicht an der Reihe, muss ich mich über so viel Lebenswitz zwischen den Zeilen vor Lachen ausschütten. Gleiches passiert mir und anderen beim Philosophieren darüber, wie die Zeit vergeht "As Time Goes By" und er führt uns alle gedanklich nach "Casablanca", wo das einst geschah: "Spiel's nochmal, Sam, spiel's noch mal. Ich weiß nur noch dieses Lied, irgendwie war's verfrüht. Ehe es da war, war's verblüht." Dann wirbelt es wieder in meinem Kopf.

Der Abend neigt sich mit all seinen Gedanken, die BERND RUMP auf uns los gelassen hat, seinem Ende entgegen. Er singt uns das "Mondlied" und von "seiner Zeit", die auch die meine war, in der man vergessen konnte, dass andere den Mond anders ansehen und davon, dass seine Zeit, wie alle Zeiten waren und "alle Zeiten müssen untergehn". Und dann endlich knallt er uns mit einem spitzbübischen Lächeln die Worte seiner Mutter vor die Füße. "Wie meine Mutter schon sagte" - und von da an werde ich das Grinsen in meinem Gesicht für den Rest des Abends nicht mehr los, denn ich sehe das Gesicht meiner Mutter und auch das meines Vaters und höre den RUMP von seiner Mutter singen:d 20130513 1052930007 "Wie meine Mutter schon sagte, in hundert Jahren ist alles vorbei. Da kracht der Mond auf die Erde und die ganz hohen Viecher sind Brei. - Wie mein Vater schon sagte, die Weiber sind am schönsten im Mai. Auch ich war mal schön, hätt'ste mich sollen sehn - in hundert Jahren ist alles vorbei."

Dass es dann noch, von Soldi und Bernd gemeinsam gesungen, "Kling Klang" (nein, nicht Keimzeit) als Nachschlag gibt, hab' ich mit meinem Grinsen im Gesicht nur noch halb mitbekommen. Dieses "Wie meine Mutter schon sagte" war bei mir wohl eher der Vater, aber das ändert an all den weisen Worten nichts. Das Volk verstand sie immer, versteht sie immer noch und dieser BERND RUMP ist noch immer ein Teil Volk, so wie er aussieht und singt. Der Unterschied zum Heute scheint mir zu sein, dass wir damals beim Singen oder Rock'n'Roll das Gefühl hatten, auf irgend eine kleine Weise gestaltend oder verändernd dabei zu sein. Heute kann ich singen, sagen, schreiben, was ich will, nur die Veränderungen bestimmen andere Kräfte und wir werden nur noch geschoben, fremd bestimmt, von Wirtschaft, von Politik und von der Gier nach mehr. Freiheit heißt vielleicht nur, dass ich sagen und schreiben kann was ich will. Freiheit heißt nicht, ICH darf auch verändern, jedenfalls nicht so gravierend, dass der Mond auf die Erde kracht und die ganz hohen Viecher Brei werden. Da nützt auch der vergleichende Blick in die Vergangenheit nicht, sondern vielleicht eher der hoffende, weit voraus in die Zukunft und dort sagt mein dann erwachsenes Enkelkind trocken: "Wie mein Opa schon sagte."



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Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Bernd Rump: www.bernd-rump.de
- off. Homepage von WunderbunTd: www.wunderbundt.de
- Homepage von Kunsthofgohlis: www.kunsthofgohlis.de




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