Jeanine Vahldiek Band in Berlin

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Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer






Zeuge von etwas ganz Besonderem im "Aufsturz"


Es ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn man nach einem Konzert nicht nur rundum zufrieden mit dem Erlebten war, sondern sogar überzeugt ist, an diesem Abend Zeuge von etwas ganz Besonderem gewesen zu sein. Das passiert dann, wenn man zu dem eigentlich erwarteten Ablauf weitere, gänzlich unerwartete, aber umso schmackhafte Bonbons gereicht bekommt, wenn man sich mit dem Anliegen der Veranstaltung identifizieren kann, wenn das Flair und Ambiente der Location sich wunderbar einfügen in das Gesamtpaket. All das trifft auf den Gig zu, den ich am Samstagabend erlebte.

h 20130429 1567336213Hörte man während der Warterei auf den Einlass den Besuchern zu, konnte man überall riesengroße Vorfreude auf den Auftritt der JEANINE VAHLDIEK BAND heraushören. Das konnte ich absolut nachvollziehen und teilen. Allerdings muss man hier etwas weiter ausholen, denn der eigentliche Anlass für diesen wunderbaren Abend im Klubkeller des "Aufsturz", einem richtig urigen Restaurant in der Oranienburger Straße im Herzen Berlins, war nämlich die offizielle Gründungsparty des Plattenlabels "Tonicum Records". Dahinter verbirgt sich mit JAN RASE ein erfahrener, ziemlich umtriebiger Musiker, der diverse Instrumente beherrscht und in unzähligen Bands und Projekten mitwirkte, und dies auch immer noch tut. In seinem "Tonicum Records"-Studio möchte JAN RASE vor allem solchen Musikern und Bands eine Chance zur Produktion ihrer Songs geben, die vermutlich nie die Möglichkeit bekommen werden, in den einschlägigen Rundfunk- und TV-Medien ihre Werke zu publizieren und somit ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Dabei hätten es viele von ihnen längst verdient, aber wir wissen ja, wie das heutzutage abläuft. Solchen Menschen wie JAN RASE gebührt deshalb ein Riesenkompliment und großer Respekt, denn ohne sie würde so manches musikalisches Kleinod auf ewig unentdeckt bleiben und möglicherweise die Motivation am Musikmachen verlieren. Aus Anlass der Eröffnungsfeier seines Labels präsentierte JAN RASE zwei Bands, deren aktuelle CDs bei "Tonicum Records" produziert und veröffentlicht wurden.

THE YUMA
Ich nehme es mal vorweg: dieser Auftritt von THE YUMA haute mich schlichtweg um. Vielleicht gerade deshalb, weil ich überhaupt nicht damit rechnete, ein solch hervorragendes Klangerlebnis serviert zu bekommen. Kopf des Ganzen ist Tilman Hintze. Wieder so einer, der seit vielen Jahren unermüdlich die Bühnen unseres Landes beackert, großartige Songs schreibt, anderen Bands und Projekten seine Fähigkeiten zur Verfügung stellt, und dessen Namen dennoch kaum jemand wirklich kennt.b 20130429 1590896455 Dass Hintze aber über bestimmte Qualitäten verfügen muss, bewies die Anwesenheit eines Großen unserer Szene im Publikum: WALDI WEIZ. Das hatte auch seinen Grund, denn der gute WALDI WEIZ wirkte bei zwei Songs des hier präsentierten Albums von THE YUMA als Gast-Gitarrist mit und hegt große Sympathien für die Musik des Tilman Hintze. Es war bereits kurz vor 21:00 Uhr, als Gastgeber JAN RASE die Bühne betrat und THE YUMA ankündigte. Was die gut gelaunten Zuschauer im knüppelvollen "Aufsturz"-Klubkeller in den nächsten knapp vierzig Minuten zu hören bekamen, lässt sich nur schwer beschreiben. Der erste Song "Shoot the moon" ließ erahnen, in welche Richtung es gehen könnte: smoothige Jazz-Klänge waren zu hören, in wundervoller Leichtigkeit gespielt und von Hintzes variablen, warmen Gesang unterstützt. Das ging sofort ins Blut, ließ die Zuschauer vom ersten Takt an mitwippen. Und so ging es weiter. Eine Mixtour aus Jazz, Soul, ein wenig Blues und Latin verschmolz hier zu einem speziellen Ganzen, das mich unwahrscheinlich beeindruckte und mitriss. Es fällt schwer, hier eine der gespielten Nummern, die übrigens allesamt Eigenkompositionen von Tilman Hintze sind, hervorzuheben. Vielleicht am ehesten "Sweet summer breeze", was herrlich nach Südamerika-Urlaub klang, chilligen Lounge-Charakter versprühte, einfach Spaß machte. Normalerweise verleiht Eudinho Soares, ein brasilianischer Gitarrist, diesem Song die authentische Note. Leider konnte dieser wegen eines Unfalls nicht dabei sein. Dafür hatte der Rest der Besatzung, also Uli Wagner am Bass, die wunderbare Karin Basann als gesangliche Unterstützung, und Steffen Hass an der Cajon hinreichend Freude daran, diese mal gefühlvollen, dann wieder kraftvolleren, immer aber sehr intensiven und spannungsreichen Songs gemeinsam mit Tilman Hintze zu spielen. Schade, dass WALDI WEIZ nicht einfach mal in Session-Manier dazu stieß und ein paar Klampfen-Töne in den Sound einmischte. Dafür ließ Bandchef Hintze hin und wieder erkennen, dass er Klavier und Jazz (u.a. in New York) studiert hat. Diverse Soloeinlagen auf seinem E-Piano in den ohnehin schon sehr rhythmisch und harmonisch klingenden Liedern verbreiteten einen Hauch von internationaler Klasse und ließen mich ins Schwärmen geraten. Ich könnte mir durchaus vorstellen, diese Band auch mal als abendfüllenden Headliner zu erleben. Das Zeug dazu hat die Truppe um Tilman Hintze auf jeden Fall.

JEANINE VAHLDIEK BAND
Ich weigere mich, THE YUMA als schlichte Vorband zu bezeichnen, denn dafür hatten sie einfach zu viel Klasse. Deshalb sage ich es mal so: nach diesem glänzenden Auftritt des ersten Acts warteten nun alle auf das eigentliche Highlight des Abends, die JEANINE VAHLDIEK BAND. Als ich Jeanine und ihren musikalischen (wie auch Lebens-)Partner Steffen Hass im Januar 2012 erstmals live sah (Bericht siehe HIER), kannte ich sie vorher überhaupt nicht, wusste nicht, worauf ich mich da einlasse. Nach dem Gig war ich wie hypnotisiert von diesen total neuartigen Klangwelten, die ich kennenlernte. Für mich war das (und ist es immer noch) DIE Neuentdeckung des letzten Jahres.

a 20130429 2015625384Waren es damals noch sporadisch stattfindende Konzerte, auf denen die beiden Berliner sich um Publikumszuspruch bemühten, so ging es schon kurz darauf immer mehr bergauf. Sie erspielten sich durch unermüdliche Auftritte überall im Land eine zusehends wachsende Aufmerksamkeit und Anhängerschar, obwohl die Medien natürlich diese Art Musik konsequent ignorierten. Lediglich ein paar Internetradiostationen spielten hin und wieder mal etwas von ihnen. Trotzdem ist ihr Terminkalender mittlerweile sehr gut gefüllt, die Locations werden größer, und ich darf mich so ein kleines bisschen als Hellseher betrachten, denn genau das hatte ich vorausgesehen.

Der Überraschungseffekt von damals war für mich natürlich weg, ich wusste also diesmal, was mich erwartete. Dennoch dauerte es nur Sekunden, bis mich diese Magie wieder erreichte, die Jeanine und Steffen mit ihrem unvergleichlichen Sound verströmen. Dem Publikum schien es ähnlich zu gehen, denn wie vor 15 Monaten im "Landfall" herrschte mit Beginn eines jeden Titels eine fast schon beängstigende Totenstille im Saal, weil man sich auf die feinen Harmonien konzentrierte, die Jeanines flinke Finger auf den unendlich vielen Saiten ihrer Harfe erzeugten. Umso lauter wurde anschließend gejubelt. Steffen Hass entlockte seinen vielen verschiedenen Klapper-, Schüttel- und Rasselinstrumenten (sorry Steffen!) wieder die unglaublichsten Töne, spielte aber die meiste Zeit sehr effektvoll auf diesem kleinen, unscheinbaren Holzkasten namens Cajon und ersetzte damit eine komplette Rhythmusgruppe.

c 20130429 1837761642Der Begriff "Harfen-Pop" ist mittlerweile zum Markenzeichen der JEANINE VAHLDIEK BAND geworden. Die lange Umschreibung dessen lautete anfangs: "Harfe - ja. Aber keine Klassik, sondern Pop!" Wobei man natürlich keinen Dance-Pop erwarten darf, sondern wirklich feine, gefühlvolle Melodien, die weitab vom Mainstream-Gedanken agieren, und dennoch begeistern und die Zuhörer bzw. in unserem Falle die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Übrigens habe ich nach wie vor jede Menge Respekt davor, wie die kleine, zierliche Jeanine diese riesige Harfe bearbeitet. Ihre Arme haben sich im Laufe der Zeit bestimmt schon um eine Zentimeter verlängert...

Bansuri und Gitarre
Im ersten Teil des Gigs gab es hauptsächlich Songs des ersten Albums "Come with me" zu hören. Für mich inzwischen vertraute Lieder, die aber live gespielt immer noch mal einen Zacken mehr Intensität und Dynamik erhalten. Diese Intensität wurde nun vor allem bei den Songs des neuen Albums "a little courage" spürbar, denn auf diesem Album wirkte als Gastmusiker jener JAN RASE mit, dessen neues Plattenlabel als Aufhänger für diesen Konzertabend fungierte. Und genau das passierte auch jetzt wieder. Er stieß ab "a little courage" dazu und verlieh dem Sound der Band eine willkommene Abwechslung. Ich hätte nie gedacht, dass allein die Beimischung einer Akustikgitarre dermaßen viel Tiefe erzeugen kann, was die Songs von Jeanine und Steffen in meinen Ohren nochmals enorm aufwertete. "You made it" beispielsweise klang durch den ungewohnten Gitarrensound wie ein neuer Song, das war genial. Und selbst "I feel alive", ein Lied, welches ich eigentlich nicht so mag, kam frisch und munter daher, zumal RASE da auch noch eine Art Solo auf der Gitarre einstreute. Und als er bei "Was man sagt" sogar den Verzerrer zum Einsatz brachte, wusste ich: das will ich öfter hören.g 20130429 1173336028 Das Highlight war dann dieses seltsam anmutende Instrument namens Bansuri. Das ist eine indische Bambusflöte, welche einen sehr warmen und angenehmen Ton erzeugt. Was wohl nur wenige wissen: bereits 2001 ist JAN RASE mit seiner Bansuri auf dem SEEED-Album "New Dubby Conquerors" (im Song "We Seeed") zu hören. Mehrfach setzte er am Samstag die Bansuri ein, und es gab wohl niemanden im Saal, der nicht anerkennend mit dem Kopf nickte ob der einzigartigen Geräuschkulisse, die dadurch erzeugt wurde. Ohnehin darf sich glücklich schätzen, wer im "Aufsturz" dabei war, denn dieses erweiterte Line Up der Band wird zunächst eine einmalige Sache bleiben. Aber wer das Interview mit Jeanine und Steffen auf den Deutsche Mugge-Seiten vor einigen Wochen gelesen hat (siehe HIER), wird wissen, dass das Ziel der beiden ohnehin mal ist, die jetzige Zwei-Mann-Band zu vergrößern. Und wer weiß, vielleicht wird JAN RASE ja dann dazu gehören. Ich fand diese Dreierbesetzung jedenfalls sehr gelungen. Fakt ist, das lange Warten auf einen neuerlichen Berlin-Auftritt der Jeanine Vahldiek Band hat sich gelohnt. Sie haben es einfach drauf, mit ihrer unverwechselbaren, eigentümlichen Musik, die so ungeheuer viel Charme und Gefühl besitzt, jeden einzelnen Zuhörer für sich zu gewinnen. Ich weiß, wovon ich rede. Nach einer (für mich) ziemlich besch... Arbeitswoche war das genau das Richtige, um runterzukommen, um zu entspannen, um alle störenden Gedanken für ein paar Stunden beiseite zu schieben.

In meiner CD-Rezi zum neuen Album habe ich mich noch etwas schwer getan mit der Akzeptanz der drei deutschsprachigen Titel. Natürlich gab es alle drei Nummern am Samstag zu hören, und ich muss sagen, so langsam fangen sie mich doch ein. Vor allem "Stille" streckt seine Klauen nach mir aus und saugt mich auf. Eine wunderschöne ruhige und unter die Haut gehende Ballade, zu der man am besten die Augen zumacht und einfach genießt.

e 20130429 1900315756Zeit für Geschenke
Viel zu schnell verging die Zeit, und schon war es beinahe Mitternacht, als der musikalische Zauber der JEANINE VAHLDIEK BAND sein Ende fand. Natürlich ließ man sie nicht ohne Zugaben gehen, doch als dann alle zufrieden in den Feierabend gehen wollten, bat JAN RASE Jeanine und Steffen auf der Bühne zu bleiben, und auch Tilman Hintze musste sich noch einmal nach oben bewegen. Die drei Musiker erhielten vom Chef des Labels jeder ein persönliches Geschenk als Dankeschön für die gute Zusammenarbeit. Und dann kam auch JAN RASE selbst nicht um einen Glückwunsch herum, denn anlässlich der Geburtsstunde seines Plattenlabels erhielt er eine große Torte überreicht, die im Anschluss natürlich gleich angeschnitten und verkonsumiert wurde.

Als der neue Tag längst begonnen hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Sprach ich anfangs davon, dass hier am Samstagabend etwas Besonderes stattfand, so kann ich das nur nochmals unterstreichen. Die offizielle Eröffnung des "Tonicum Records"-Labels mit dem Ziel der Unterstützung "kleinerer" Bands und Musiker, dazu die für mich unerwartete Entdeckung von Tilman Hintzes Band THE YUMA mit ihrem fantastischen Jazz-Soul-Funk-Blues-Gemisch, und nicht zuletzt das wieder einmal ergreifende und viel bejubelte Konzert von Jeanine Vahldiek und Steffen Hass - das alles stattfindend in dem sehr angenehmen Ambiente des "Aufsturz"-Klubs lässt mich diesen 27. April definitiv als Highlight in Erinnerung behalten.


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Termine:

03.05.2013 - Bad Karlshafen - Weinhandlung Römer
04.05.2013 - Jülich - Schloßkapelle
05.05.2013 - Wuppertal - Bandfabrik
11.05.2013 - Radeburg - Kulturbahnhof
12.05.2013 - Meßdunk / OT: Reckhahn - Kirche Meßdunk
20.05.2013 - Neppermin - Kunsthaus Usedom
22.05.2013 - Ostseebad Prerow - Kulturkaten Kiek In
26.05.2013 - Panketal - Studio 7
30.05.2013 - Wedel - Teestube Reepschlägerhaus
31.05.2013 - Hitzacker - Alte Sargtischlerei

Alle Angaben ohne Gewähr. Weitere Termine und Infos auf der bandeigenen Homepage



Bitte beachtet auch:

- Off. Homepage der Jeanine Vahldiek Band: www.jeanine-vahldiek.com
- Homepage des "Aufsturz" in Berlin: www.aufsturz.de
- Rezension zum aktuellen Album "a little courage": HIER
- Interview mit JVB: HIER




Live-Impressionen:




The Yuma
 
 
 
 
Jeanine Vahldiek Band
 
 
 

   
   
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